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Kolumne

Kolumne "Sandwich": "Ich kann jetzt nur noch abends in die Massage"

Jeden Freitag schreiben Michèle Roten (47) und Claudia Senn (61) abwechselnd über das Leben in der Mitte – eingeklemmt zwischen Jugend und Alter. Diesmal: Michèle Roten über die Risiken und Nebenwirkungen von Tiefenentspannung.

Ich kann jetzt nur noch abends in die Massage. Denn der Abdruck, den man durch das lange Liegen in der runden Aussparung des Kopfteils bekommt, bleibt seit Neuestem fünf, sechs Stunden oder so. Die Elastizität meines Gewebes ist jetzt auf der Skala bei Play-Doh-Knete angekommen.

Jedes Mal, wenn ich – ziemlich glücklich, aber mit tief ins Gesicht gezogener Mütze – aus der Massagepraxis spaziere, frage ich mich, warum es mir eigentlich peinlich ist, dass die Leute sehen, dass ich soeben eine Massage hatte. Ist es, weil in unserer Gesellschaft Zeit, die man mit Nicht-Nützlichem, Nicht-Nötigem, Nur-Genussvollem verbringt, geringgeschätzt wird?

Sollte doch eigentlich nicht mehr so sein seit #metime, #selfcare, #treatyourself. Denn das ist es. Reiner Genuss. Natürlich werden teils auch schmerzhafte Verspannungen gelöst, aber eigentlich bereitet es mir einfach sehr viel Freude und Ruhe im Kopf, massiert zu werden. Ist es das? Dass man mir ansieht, dass ich mir, wenn auch nicht sexuelle, aber doch eine Befriedigung gekauft habe?

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"Vielleicht ist mir auch einfach unangenehm, dass mir der Luxus ins Gesicht geschrieben steht"

Vielleicht ist mir auch einfach unangenehm, dass mir der Luxus ins Gesicht geschrieben steht. Dass ich mir das leiste. Was auch wieder seltsam ist – ich habe etwa durchaus kein Problem damit, mit Kleidung oder Accessoires herumzulaufen, denen man ansieht, dass sie nicht günstig waren.

Im Gegenteil: Gewisse meiner Besitztümer sind ganz klar Statussymbole. Ich habe sie mir gekauft im vollen Wissen, dass sie als das gelesen werden und es war mir recht, denn ich bin nicht unstolz darauf, dass ich es aus eigener Kraft (ohne Erbe oder finanzielle Unterstützung, aber natürlich mit dem Privileg, in der Schweiz geboren worden zu sein) geschafft habe, einen Status zu erreichen, der es mir erlaubt, so etwas zu kaufen, wenn es mir gefällt.

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Eigentlich sollte ich folgerichtig mit hoch erhobenem, ringförmig eingedrücktem Haupt durch die Stadt laufen, denn: Ja, schaut nur her! Ich kann mir eine Massage leisten und finde erst noch die Zeit dafür!

Der Abdruck als Statussymbol, werden wir das schaffen, Gesellschaft? In einem nächsten Schritt könnten wir dann auch die alternde Haut als ein solches etablieren, denn: Gemäss ChatGPT sind rund 1'440'000 Franken in das Projekt geflossen, mich von 18 bis 46 am Leben zu erhalten. Dieses Play-Doh-Gewebe hat mich eineinhalb Millionen gekostet! Eigentlich sollte ich morgens in die Massage.

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