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"Danke, Bro!": Wie ich mit 59 erstmals an einem Hip-Hop-Festival landete

Unsere Autorin Helene Aecherli hats getan – oder besser gesagt, sie liess sich von ihrer 15-jährigen Nichte dazu herausfordern: Sie gingen gemeinsam zum ersten Mal ans Openair Frauenfeld.

Open-Air-Musikfestivals haben mich nie interessiert. Mir wäre es auch nie in den Sinn gekommen, nur schon mit dem Gedanken zu spielen, eines zu besuchen - bis mir meine Nichte letzten Juni eröffnete, dass sie ans Openair Frauenfeld wollte - nein, musste, weil US-Rapper Don Toliver dort auftreten würde, und sie sich diese Chance, ihn endlich mal live zu erleben, unmöglich entgehen lassen könnte.

Aber mit 15 Jahren war sie noch zu jung, um ohne schriftliche Einwilligung ihrer Eltern hinzugehen, und die wollten nur unterschreiben, wenn sie von einer erwachsenen Person ans Open Air begleitet würde.  «Du bist doch die ‹taffe› Tante», sagte meine Nichte zu mir, als nur noch wenige Tage zwischen ihr und dem Festival lagen. «Du warst doch schon am Tahrir-Platz in Kairo während des ‹Arabischen Frühlings›. Kommst du mit ans Frauenfeld?»

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"Kairo kenne ich gut, ich weiss inzwischen, wie ich mich in Kairo bewegen soll. Aber das grösste Hip-Hop-Festival Europas? Buah!"

Mir brach der Schweiss aus.  Kairo kenne ich gut, ich weiss inzwischen, wie ich mich dort bewegen soll. Aber das grösste Hip-Hop-Festival Europas mit über hunderttausend Besucher:innen? Buah! Ein leerer Fleck auf meiner Landkarte. Da müsste ich erst mal alleine hinfahren und alle Gefahren ausloten.

Doch meine Nichte gab nicht auf. Sie wolle Erfahrungen machen, damit sie einzuschätzen lerne, was ihr gefalle und was nicht, meinte sie. Zudem nehme sie eine Freundin mit, sie würden aufeinander aufpassen.

Zwei Festivaltage und die Autorität, den Rückzug zu befehlen

Wir einigten uns auf zwei Festivaltage, minus Campen vor Ort. Und darauf, dass ich die Autorität hätte, den sofortigen Rückzug zu befehlen, sollte ich etwas als lebensbedrohlich erachten. Und so stand ich am Tag X in Cargo-Hosen, T-Shirt und Bandana bereit, meinen Rucksack gefüllt mit Jacken für alle, Sonnencreme, Pflaster, Wasser, Reiskekse, Darvida, Fruchtzuckerbonbons und Ohropax.

«Hast du kein anderes Outfit?», fragte meine Nichte entsetzt, als sie mich in meiner Montur erblickte. «Du siehst ja aus, als gingest du auf eine Safari!»

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Ich murmelte etwas von einer gefühlten Reise ins «Empty Quarter», der riesigen Sandwüste im Süden der Arabischen Halbinsel,  doch als wir gegen Abend ans Festival kamen, erinnerte mich das Gelände eher an den Platz der Gaukler in Marrakesch: Sand und Staub flirrten in der untergehenden Sonne, erste Leuchtreklamen schimmerten, Garküchen rauchten, es roch nach Grill und Vanille-Churros, gleichzeitig strömten Hunderte von jungen Menschen Richtung Mainstage, auf der sich der deutsche Rapper SSIO gerade warmlief.

Euphorisch reihten sich «meine» Mädchen in die Scharen ein, ergatterten sich einen Platz inmitten der Körper, ihre Handys schossen hoch. Ich positionierte mich breitschultrig hinter ihnen und realisierte, dass mir in meinen Cargo-Pants sehr heiss, ich aber wirklich nicht hot war.

Doch vergass ich das sofort wieder, denn SSIO rammelte über die Bühne, riss sich das verschwitze T-Shirt vom Leib und schmiss es ins Publikum, während im Bühnenhintergrund sein Abbild als gigantische Puppe aufpoppte, aus deren Mundwinkel ein Deko-Joint rauchte.

Die Feministin in mir verdrehte die Augen, doch irgendwann  erwischte ich mich dabei, dass ich meinen Arm rhythmisch  auf- und abschwang und «Yo, Yo, SSIO» schrie, so, wie alle anderen um mich herum.

"Mittendrin tanzten meine Nichte und ihre Freundin, die mir regelmässig entglitten"

Mit zunehmender Dunkelheit und jedem weiteren Act verdichteten sich die Massen vor der Mainstage. Sie bewegten sich wie eine unruhige See ruckartig hin- und her, zogen sie sich auf ein für mich unergründliches Geheiss auseinander, um dann wuchtig aufeinander zu prallen («Moshpits», im Jargon der Eingeweihten).

Und mittendrin tanzten meine Nichte und ihre Freundin, die mir regelmässig entglitten, von den Fluten verschlungen und fernab wieder ausgespuckt wurden.

Kontrollverlust vs. Zeit ihres Lebens

Es waren Minuten des Kontrollverlusts, in denen ich panikartig nach ihnen suchte, meine Ellbogen in Rücken, Bäuche und Lenden stiess, die mir den Weg versperrten; bis ich mir eingestehen musste, dass es keinen Sinn machte, gegen den Strom anzukämpfen und nur noch die Hände vors Gesicht schlagen konnte.

Später würden mir meine Nichte und ihre Freundin gestehen, dass sie mich die ganze Zeit über im Auge behalten und sich grosse Sorgen um mich gemacht hatten – während sie selbst in jenen Momenten die Zeit ihres Lebens hatten.

Don Toliver trat erst kurz vor Mitternacht auf. Nur allzu gerne hätte ich ihn aus sicherer Ferne oder auf einer Tribüne verfolgt, doch die Mädchen wollten im Epizentrum bleiben, also verharrte ich mit ihnen in der Menge wie ein menschgewordenes Bollwerk.

Mitschwingen statt entgegenstemmen

Immerhin wusste ich mittlerweile, dass es einfacher war, mit den Körpern mitzuschwingen, als sich ihnen entgegenzustemmen. Also liess auch ich mein Handy in die Höhe schnellen, als der US-Rapper in gleissend weisser Hose und Kapuzenjacke durch rote Rauchpetarden auf die Bühne schritt.

«Voll cool, dass Sie in Ihrem Alter noch Spass daran haben, hier mitzuviben», schrie mir ein junger Mann zu, der sich neben mir für Don Toliver in Position gebracht hatte.

«Danke, Bro!», schrie ich zurück – und versuchte zu verdrängen, dass ich eben gesiezt worden war.

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