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Muttermilch auf dem Laufsteg: Was ist daran so provokant? 

Muttermilch auf dem Laufsteg: Was ist daran so provokant? 

Während der Londoner Fashion Week zeigt Di Petsa eine Hommage ans Muttersein – inklusive spritzender Muttermilch als Finale. Die Reaktionen: durchaus gespalten. Warum polarisiert dieser Anblick so dermassen? 

Muttermilch. Der Begriff allein birgt Kraft – aber auch krass auseinanderdriftende Assoziationen: von herzigen, hungrigen Babys über gruslige, rechtlich in der Grauzone anzusiedelnde Gym Bros auf der Suche nach dem ultimativen Muskel-Boost bis zu Still-Stress bei Neumüttern und, ja, Laktationsfetisch. Muttermilch löst so einiges aus.   

Das zeigt auch die «Holy Milk»-Modeschau des britischen Fashionbrands Di Petsa während der London Fashion Week – und besonders die Reaktionen darauf. Aber von Anfang an: Nicht nur liefen Schwangere oder Mütter mit Babys über den Laufsteg oder Models küssten ihre Kleinen in der Front Row – zum Abschluss spritzte aus dem Oberteil der hochschwangeren Künstlerin Leigh-Anne Pinnock muttermilchähnliche Flüssigkeit.  

Man kann das natürlich einfach als viralen Moment verstehen. Vielleicht steckt Kalkül dahinter, Beachtungsbedürfnis, Business. Oder man kann darin das sehen, was Designerin Dimitria Petsa im Sinne hatte: das Zelebrieren von Motherhood. Roh, nah, manchmal recht unbequem, unklar, unaufgeräumt. Aber auch: eine Neuerfindung, die Geburt einer neuen Version, ein neues Kennenlernen seiner selbst.   

Genauso beschreibt Petsa ihre Gedanken hinter ihrer Frühling-Sommer-Kollektion 2027, die entstand, während um sie herum viele Freundinnen und Musen Kinder kriegten. «Ich bin selbst keine Mutter, aber ich fühle mich dem emotionalen Zustand der Mutterschaft nahe. Dem Instinkt, den wir vielleicht alle haben: andere zu umsorgen. Unsere Kinder, unsere Liebsten, unsere Projekte.»  

Das sei es, was sie am Muttersein interessiere: «Ich betrachte es nicht nur als den biologischen Akt der Geburt eines Kindes. Es ist eine umfassendere menschliche Erfahrung von Schöpfung, Fürsorge, Verwandlung und Verantwortung. Wir umsorgen unsere Beziehungen, Identitäten, Familien, Lebenswerke – und in diesem langen Prozess bringen wir auch verschiedene Versionen von uns selbst zur Welt.» Und so liess sie sich von mütterlichen Gesten inspirieren und spann diese Gedanken weiter.   

Kein Gefallenwollen, kein Sichbeugen

Wie in vorhergehenden Kollektionen zeigt Petsa auch diesmal Mode, Körper, Performance aus einer weiblichen Perspektive, dem Female Gaze. Und zwar radikal und empowernd. Da ist kein Gefallenwollen, kein Sichbeugen, keine Show für den Male Gaze. Wohl auch deshalb provozieren die Looks und besonders das Finale mit dem Symbol der spritzenden Muttermilch.   

Doch in den Kommentaren unter den Videos finden sich überraschend viele Frauen, denen das «a step too far» ist, die «darauf hätten verzichten können», die «sich wünschten, das ungesehen machen zu können». Gleichzeitig feiern viele «das Sichtbarmachen von Stillen», das «Zelebrieren von Motherhood», diesen «ikonischen Moment für alle Mütter». Wieso löst Muttermilch so heftige Reaktionen aus? Was macht das Thema Stillen mit uns?  Noch immer? 

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"Je nach Perspektive ist Stillen die natürlichste Sache der Welt oder aber auch, mit Verlaub, eine der merkwürdigsten"

Je nach Perspektive ist Stillen die natürlichste Sache der Welt oder aber auch, mit Verlaub, eine der merkwürdigsten. Und manchmal alles zugleich. Wer selbst schon geboren hat und mitten in der sowieso schon verwirrenden und vulnerablen postnatalen Phase plötzlich mit Körbchengrösse Doppel-F aufwachte (hallo, Milcheinschuss), versteht, was ich meine.   

Wer sich als Teenager noch für die eigenen Brüste geniert hat und plötzlich neben dem eigenen Vater auf einer Bank sitzt, ebendiese Brüste zum Stillen auspackt und mit ihm ganz selbstverständlich darüber spricht, ebenso. Wem Babys ungefragt nach der Geburt an die Brust gelegt wurden, wer sich unter Druck gesetzt fühlte, zu stillen, wer ganz klar nicht stillen wollte, wer sich bei diesem sensiblen Thema mit ungefragten Urteilen konfrontiert sah, sowieso.

Sexualisiert und dann nicht mehr und dann doch wieder

Wie verwirrend auch, dass Brüste all diese Konnotationen vereinen, zuerst erotisiert und dann Nahrungsmittelquelle und dann wieder Lustquelle werden; noch verwirrender, wenn sie zeitgleich beide Rollen erfüllen sollen. Ich erinnere mich noch lebhaft an Gespräche mit Freundinnen, die über auslaufende Brüste beim Sex klagten, irgendwann nach der Geburt, irgendwo zwischen Milchmaschine und Zurückeroberung des eigenen Körpers.  

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"Jede Plattform also, die auf Stillen, auf Muttermilch aufmerksam macht, so laut, so kunstvoll, so leise, so alltäglich: Die braucht es"

Die Sexualisierung der weiblichen Brust sorgt dafür, dass Stillen in der Öffentlichkeit weiterhin vielerorts verpönt ist. Sie sorgt dafür, dass Mütter sich nicht trauen, ihre Babys zu füttern, weil Stillen ausser Haus immer noch als Statement angesehen wird. Als Provokation. Als Zumutung für Vorbeispazierende, Danebensitzende, Zeug:innen jeglicher Art. Eine österreichische Studie zeigte erst letztes Jahr: 43 Prozent der befragten Personen lehnen Stillen in der Öffentlichkeit ab, jede:r Fünfte findet es zumindest unappetitlich.  

Eine Befragung von knapp 2000 stillenden Müttern aus Österreich, Deutschland und der Schweiz legte 2023 offen, dass zwei Drittel negative Reaktionen erhalten, wenn sie ihr Kind öffentlich stillen. Vier von zehn Befragten sei es sogar unangenehm, ihr Baby ausser Haus trinken zu lassen. Viele sehen sich zudem teils übergriffigen Bemerkungen und Ratschlägen ausgesetzt.    

Jede Plattform also, die auf Stillen, auf Muttermilch aufmerksam macht, so laut, so kunstvoll, so leise, so alltäglich: Die braucht es.  

Vielleicht tragen die Kontroverse und die Diskussionen unter Freund:innen, in Familien und auch in den sozialen Medien dazu bei, dass endlich die Scham schwindet: vor veränderten Körpern, ungewohnten Körperflüssigkeiten, entblössten Brüsten. Vielleicht stillen wir so irgendwann nicht mehr nur still und leise, sondern trauen uns, Raum einzunehmen und zu feiern, was unser Körper leistet – statt vor allem möglichst wenig Umstände zu machen.

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