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Helena Christensen:

Helena Christensen: "Wir waren die Letzten in der Geschichte des Planeten"

Helena Christensen über bizarre Laufstegmomente, das spektakuläre Leben der 90ies-Supermodels und die Freiheit vor Social Media.

10:00 Uhr morgens, Hotel Chelsea, New York. Das Personal hat uns ein Hinterzimmer hergerichtet, für etwas Ruhe und Privatsphäre. Aber Helena Christensen (57) möchte das Interview lieber im Café Chelsea führen, mitten im Frühstückssaal. Wir setzen uns zwischen Croque-Monsieurs und Eggs Benedict, bestellen Kamillentee mit Honig.

Man könnte nun vermuten, Christensen liebe die Aufmerksamkeit. Ein Neunzigerjahre-Supermodel in der Touristenhochburg. Und klar schauen die Leute. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie Christensen tatsächlich erkennen. Manche bestimmt. Anderen kommt vielleicht ihr Gesicht bekannt vor. Aber selbst die, die Christensen noch nie gesehen haben –, und das dürften die wenigsten sein – können ihren Blick nicht lösen: Diese grosse Frau mit den hellen Augen und dem strahlenden Lachen – beides kontrastiert vorteilhaft mit ihrem Teint –, hat eine Ausstrahlung, wie ich sie selten gesehen habe.

Und Christensen für ihren Part gibt wohl einfach ziemlich wenig darauf, berühmt zu sein. Keine Starallüren, keine Agentin, die sie vor unliebsamen Fragen schützt. Zum Abschied tippt sie mir ungefragt ihre Nummer in mein Handy. Ich soll ihr bei WhatsApp schreiben, falls ich noch Fragen habe. (Hatte ich. Hat sie umgehend beantwortet.)

annabelle: Helena Christensen, Sie sind eines der berühmten Supermodels der Neunziger, sind für Jobs um die Welt gejettet. Heute Nachmittag modeln Sie für die hier wohl eher unbekannte Schweizer Künstlerin und Designerin Ginny Litscher. Wie kommt’s?
Helena Christensen: Ich arbeite gern mit grossen, etablierten Brands, aber auch mit kleinen, neuen, unbekannten. Je nischiger, desto besser! Hauptsache, die Designs sind interessant und haben einen Wiedererkennungswert. Dem Shooting heute habe ich vor allem zugesagt, weil wir einen Analogfilm drehen: In einem Vintage-Cabriolet, auf den Strassen New Yorks. Wie in den Neunzigern.

Und Litschers Designs?
Ich mag die Farben! Man könnte sie glatt an die Wand hängen.

Kunst ist Ihre grosse Passion, richtig?
Für mich ist fast alles Kunst. Wenn etwas Hässliches auf der Strasse liegt, zum Beispiel. Oder der Brutalismus, meine Lieblingsströmung in der Architektur. Kann man scheusslich finden. Ich bin besessen davon. Alles eine Frage der Perspektive.

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"Ich wollte nie Model werden"

Auch Ihr Sohn ist im weitesten Sinne Künstler.
Musiker, ja. Er hat auch schon gemodelt.

Hätten Sie sich gewünscht, dass er in Ihre Fussstapfen tritt?
Nein. Ich renne nicht herum und ermutige junge Leute, Model zu werden. Ich wollte ja selbst nie Model werden. Ich war Fotografin und habe dem Modeln nur eine Chance gegeben, weil ich mir erhofft hatte, dabei etwas über die Fotografie zu lernen. Du musst aus einem besonderen Holz geschnitzt sein, um in dieser Industrie bestehen zu können.

Aus welchem?
Du musst stark sein, selbstbewusst. Mit Anfang zwanzig strandete ich mal morgens um drei an einem Flughafen, mutterseelenallein, ohne Handy, so etwas besass ich damals noch nicht. Niemand holte mich ab. Es erfordert eine Menge Selbstbeherrschung und Stärke, sich in so einem Moment nicht heulend auf den Boden zu schmeissen. Und du brauchst einen ausgeprägten Sinn für Humor.

Der scheint mir generell wichtig im Leben.
Wir Däninnen haben einen wirklich schwarzen Humor. Der hat mich oft gerettet. Die Modeindustrie ist in vielerlei Hinsicht grossartig. Aber du begegnest auch vielen eigenartigen Menschen, erlebst viele wirklich bizarre Situationen.

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"Ich habe meine Agentin angerufen und ihr gesagt, dass ich hinschmeisse"

Zum Beispiel?
Als ich sehr jung war, lief ich bei einer Kunstveranstaltung von Matthew Barney. Ich wusste nicht wirklich, worauf ich mich einliess. Sie gaben mir Schuhe, die aussahen wie Hufe, und eine Schnur, der ich – ich wartete hinter einem Vorhang – auf die Bühne folgen sollte. Dort stand ein pink gefärbtes Schaf. Und als ich das andere Ende der Schnur erreichte, sah ich, dass es mit einer Schleife um … (schaut an sich hinunter) … nun ja, um die Genitalien des Künstlers gebunden war. Er war als Satyr verkleidet, halb Mensch, halb Tier. Ich habe meine Agentin angerufen und ihr gesagt, dass ich hinschmeisse.

Ach herrje.
Ich muss zugeben: Jetzt, im Nachhinein, finde ich das alles ziemlich cool. Das ist halt seine Kunst. Und ich habe an diesem Abend einige meiner besten Fotos geschossen. Es war alles da: das Seltsame, das Dunkle, der Wahnsinn.

Aufgehört haben Sie jedenfalls nicht.
Irgendwie habe ich auch eine Schwäche für solche Situationen. Ich mag es, wenn die Dinge etwas seltsam werden. Und ich habe bald realisiert, wie interessant es ist, als Model zu arbeiten, wie glücklich ich mich schätzen konnte, jeden zweiten Tag zu reisen – über Jahre. Es war anstrengend, kräftezehrend, es gab keine Verschnaufpausen. Aber ich hatte die ganze Welt gesehen, bevor ich 25 war. Damals fanden die Produktionen noch an den unterschiedlichsten Orten statt, nicht hauptsächlich im Studio.

Die Industrie florierte.
Ich flog nach Thailand, um eine Cover-Story zu fotografieren, nach Marokko und Südafrika für Editorials, nach Hawaii und Australien für Werbekampagnen. Sie flogen mich jeweils für eine Woche ein, damit ich mich vor dem Shooting drei Tage bräunen konnte. Und das Beste: Ich durfte von den legendärsten Fotografen der Welt lernen. Mein Plan ging auf. Und so viele Sprachen sprechen!

Sie beherrschen tatsächlich einige. Auch Deutsch.
(auf Deutsch) Ich spreche Deutsch. Ich habe in Schule gelernt.

Welcher Job war Ihr liebster in all den Jahren?
Ein Shooting mit Mario Testino in den peruanischen Anden; Mario kommt aus Peru, genau wie meine Mutter. Sie hat mich begleitet und wir haben während des Trips auch meine Grossmutter besucht. Und für irgendein Shooting sass ich mal auf einem Elefanten. Wissen Sie, da waren so viele Eindrücke, mein Gehirn kam irgendwann gar nicht mehr hinterher. Manche Erinnerungen kommen erst jetzt wieder. (macht eine Pause) Ich glaube nicht, dass jemals jemand in einem Film nachstellen könnte, wie spektakulär unser Leben damals war. Nicht einmal wir Supermodels.

Warum waren die Neunziger prädestiniert für dieses Leben?
Die Neunziger waren eine Dekade, die es so nie wieder geben wird. Auch weil sie das letzte Jahrzehnt waren, bevor die Technologie und schliesslich Social Media übernommen haben. Ich bin überzeugt, dass es in der Geschichte der Menschheit keine bessere Dekade gab, jung zu sein. Ich weiss, es muss nervig sein, das zu hören.

"Unser Leben war spektakulär"

Die jungen Leute von heute würden bestimmt einwerfen, auch sie hätten Spass.
Ja, aber sie werden niemals Spass haben, ohne dass Handykameras und Social Media allgegenwärtig sind. Sie werden niemals zu einem Konzert gehen, ohne den perfekten Moment filmen zu wollen. Es wird nie wieder so sein wie damals. Es gibt kein Zurück, wir waren die Letzten. Die Letzten in der Geschichte des Planeten. Es ist verrückt, darüber nachzudenken, aber ich war exakt zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Social Media scheinen Sie derweil nicht sonderlich zu mögen.
Diesen kleinen Teufel … Es laugt mich aus, hundertmal pro Tag aufs Handy zu starren, all diesen Impressionen und Nachrichten ausgeliefert zu sein. Tieftraurig, dann wieder beglückt, dann wieder traurig, je nachdem, welches Video ich gerade schaue. Das tut uns nicht gut. Wir wissen, dass es uns nicht guttut. Und tun es trotzdem. Abends, wenn wir ins Bett gehen. Morgens, wenn wir aufwachen. Den Kriegs-Content musste ich pausieren, damit ich meinen Tag nicht weinend beginne.

Inwiefern haben die sozialen Medien das Modeln verändert?
Klient:innen legen viel zu viel Wert auf Zahlen. Auf Follower-Zahlen. Wobei: Gerade kommen sie wieder davon weg. Es ist ja auch dämlich. Ob bei Social Media oder in Real Life: Die Leute, die palavern und rumschreien, interessieren mich nicht. Ich will wissen, was die Person denkt, die hinten in der Ecke sitzt und alles beobachtet. Die Stillen, Unbekannten sind meist die Interessantesten.

"Ich lache laut, wenn mich am Set jemand in eine Sample Size stecken will"

Sie sind selbst Fotografin und haben auch schon Mode entworfen, unter anderem Swimwear und Lingerie. Worauf achten Sie, wenn Sie Models buchen?
Es geht mir weniger um ihren Körper oder ihre Schönheit. Mich spricht etwas anderes an. Ich kann es nicht genau benennen, aber ich kann es fühlen. Dann halte ich auch schon mal Menschen auf der Strasse an und frage sie, ob sie Lust auf ein spontanes Shooting haben.

Wird die Industrie es je hinkriegen, Menschen unterschiedlicher Ethnien, Körperformen und Altersgruppen wahrhaftig zu repräsentieren?
Alle wissen, was richtig wäre. Alle kennen ihre Verantwortung. Ein talentierter Designer müsste fähig sein, für alle etwas Schönes zu entwerfen und sich nicht von Standards limitieren zu lassen. Ach, ich bin es leid. Und lache mittlerweile laut, wenn mich am Set jemand in eine Sample Size stecken will.

Der Humor.
Ja. Und dann lasse ich die Nähte öffnen. Sonst kriege ich das Kleid nicht über meinen Hintern.

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