"Alle dachten: Die Swissair stürzt nicht ab" – wie Max Stenz nach dem Tod seiner Frau weiterlebte
Mit "111 – Echoes From Halifax" kommt ein Film über den Absturz des Swissair-Flugs 111 im Jahr 1998 ins Kino. Max Stenz verlor bei dem Unglück seine Frau. Ein Gespräch darüber, wie es ist, wenn der Tod der grossen Liebe auf die Leinwand kommt.
- Von: Linda Leitner
- ZVG
«Gutes Weinen», wünscht mir Max Stenz beim Abschied. «Ihnen auch», antworte ich, als ich aus seinem grauen BMW steige. Wir lachen. Er hat mich zum Bahnhof in Adliswil gefahren, nachdem ich bei dem 74-Jährigen im Wohnzimmer sass, um über die Zeit nach dem 2. September 1998 zu reden – den Tag, an dem er seine Frau Jeannine beim Absturz des Swissair-Flugs 111 im kanadischen Halifax verlor. Sie war Flight Attendant, die Mutter seiner beiden Söhne, damals elf und dreizehn Jahre alt. 28 Jahre ist es nun her, dass Max Stenz diesen einen verhängnisvollen Anruf bekam.
Im Keller hat der Country-Musiker ein Musikstudio, seine Wohnung ist aufgeräumt, auf einem Sideboard liegen zu einem dicken Buch gebunden die technischen Berichte zum Absturz. Stenz bietet mir Kaffee mit Rahm an, ist charmant, witzig, hat schwarzen Humor, aber kämpft im Gespräch immer wieder mit den Tränen. Das Trauma bleibe, sagt er immer wieder. Man kann nicht anders, als mitzuheulen.
Mit dem Film «111 – Echoes From Halifax», der am Zürich Film Festival Premiere feierte, rollt der Schweizer Regisseur Mauro Mueller das Unglück des Swissair-Flugs 111 neu auf. 1998 kamen vor der kanadischen Küste alle 229 Menschen an Bord ums Leben. Der Film erzählt von den Schicksalen der Charaktere, die teilweise von realen Personen inspiriert und durch die Katastrophe miteinander verbunden sind, und davon, was Trauer, Zeit und offene Fragen mit den Hinterbliebenen machen. Heilt Zeit alle Wunden? Ein Gespräch mit dem Zeitzeugen Max Stenz über Tod, Glück und Flugangst.
annabelle: Als Sie erfahren haben, dass aus dem Absturz ein Spielfilm werden soll – was war Ihr erster Gedanke?
Max Stenz: Schon wieder …? Vor vier Jahren hat das SRF schon eine Dokumentation darüber gedreht – auch hier bei mir in Adliswil.
Haben Sie Regisseur Mauro Mueller als Zeitzeuge bei der Recherche unterstützt?
Mauro Mueller ist in Adliswil aufgewachsen und ging damals in die Parallelklasse meines Sohnes, als es passiert ist. Als er mir erzählte, dass er einen Film darüber machen möchte, bat er mich darum, ihm die Untersuchungen und Berichte zum Absturz zur Verfügung zu stellen. Das war kein Problem, die habe ich alle hier. Er bot mir an, bei einer Szene, die hier am Zürichsee gedreht wurde, dabei zu sein. Einfach um zuzuschauen. Ich habe es versucht, aber ich habe es nicht ausgehalten. Es hat mich zu traurig gemacht.
Hat der Film wieder etwas in Ihnen aufgerissen?
Ich fühle mich jetzt wieder so, als wäre es nicht schon fast dreissig Jahre her. Aber ich hätte es auch nicht geschafft, den Film nicht anzusehen. Das Absurde ist: Man muss sich alles zu dem Thema anschauen, man kann sich nicht erwehren. Früher hat mich das irgendwann wirklich gestört: Der Absturz wurde in der Tagesschau zum Jahrestag immer wieder gezeigt. Das ist jetzt langsam vorbei, Gott sei Dank. Aber das Unglück gehört zur Geschichte. Mein Sohn hat ganz treffend gesagt: Dieser Unfall gehört nicht nur uns, der gehört eigentlich der ganzen Schweiz. Es sind alle betroffen, auch wenn sie selbst niemanden verloren haben. Es hat die Nation schockiert, weil man insgeheim dachte: «Die Swissair stürzt nicht ab.»
Warum haben Sie zugestimmt, die Premieren zu begleiten und sich den Fragen des Publikums zu stellen?
Die Frage habe ich mir auch schon gestellt: Wieso machst du das überhaupt? Ich mache es aus Wertschätzung meiner Frau gegenüber. Man sagt, jemand ist erst gestorben, wenn niemand mehr von ihm oder ihr spricht und an ihn oder sie denkt.
Wie fanden Sie den Film?
Sehr gefühlvoll. Unter anderem sind Szenen, die mir im Vorfeld Angst gemacht haben, super schön gelöst. Der Absturz wird an sich nicht gezeigt, man sieht nur einen fallenden Stern, der zu einem Wassertropfen wird. Nur bei einer Szene dachte ich: Sind wir jetzt in Hollywood? (lacht)
War es in Ihrer Familie jemals ein Thema, dass ein Flugzeug abstürzen könnte?
Nein. Ich vertraue der Technik. Und rein statistisch ist es unwahrscheinlich.
Haben Sie Flugangst entwickelt?
Nein. Und wenn es mich trifft: Tja, ich hatte ein gutes Leben.
Sie würden sagen, Sie hatten Glück?
Was passiert ist, kann man natürlich nicht als Glück werten. Das grösste Glück ist für mich, dass meine zwei Jungs damals mit elf und dreizehn Jahren nicht abgerutscht sind. Sie haben Flügel, sie fliegen.
Was hat Sie durch diese schwere Zeit des Verlustes getragen?
Meine Kinder. Die Aufgabe, sie durchzubringen. Zu kochen, zu schauen, dass sie in die Schule gehen und nicht nur kiffen. (lacht) Mit dem Beruf und meiner Leidenschaft, der Musik, war ich beschäftigt. Das hilft am meisten.
"Als ich in Halifax vor dem rekonstruierten Flugzeuggerüst stand, fragte ich mich: Wo hat sie gesessen?"
Haben Sie nie Groll gegenüber der Swissair oder den Verantwortlichen empfunden?
Nein. Es wurde im Nachgang ein irrsinniger Aufwand betrieben, um in akribischer Kleinstarbeit anhand der Trümmer den Unfallhergang zu analysieren. Als Architekt fand ich das sogar interessant. Ein Jahr nach dem Unglück wurde das rekonstruierte Flugzeuggerüst in Halifax aufgebaut. Das Careteam führte mich über das Rollfeld zum Hangar. Dort standen Piloten in Uniform und salutierten vor mir. Meine Begleitung liess mich vorgehen und das Beileid allein entgegennehmen. Sehr respektvoll. Als ich vor diesem Gerüst stand, fragte ich mich: Wo hat sie gesessen? Da kommen romantische Fragen auf. Aber die kann niemand beantworten. Es ist reiner Zufall. Wurde man als Flight Attendant auf diesen Flug eingeteilt? Tod oder Leben?
Genau das war im Film die Aufgabe der Figur Carine: Sie hat die Besetzung zusammengestellt, lebt nach dem Absturz mit Gewissensbissen und ist für die Angehörigen da. Hat Sie die Swissair auch unterstützt?
Sehr. Vor allem der Personalchef Matthias Mölleney. Ich arbeitete als Architekt und war komplett arbeitsunfähig. Trauma bedeutet: Alles andere ist weg. Dein Gehirn fokussiert sich nur auf die Trauer. Ich wusste nicht mehr, wie mein Nachbar heisst. Mölleney sagte: «Machen Sie sich keine Sorgen, für Sie haben wir immer Arbeit.» Für mich als Selbstständigen, plötzlich allein mit zwei Jungs, war das sehr wertvoll. Er half mir auch, Lehrstellen für meine Söhne zu finden.
Ein amerikanischer Familienvater, dessen Sohn mit dem Snowboard in die Schweiz aufbrach, hadert unter anderem damit, dass der Abschied am Flughafen so unterkühlt ausfiel. Hadern Sie auch?
Was würden Sie sagen, wenn Sie wüssten, ihr:e Liebste:r geht aus der Tür und kommt nicht mehr wieder? Natürlich: versuchen, die ganze Liebe auszudrücken. Es ist schwer, dass die letzten Worte nicht gesprochen werden konnten.
Können Sie sich an Ihre letzten Worte an Jeannine erinnern?
Nein, weil sie ja in dem Moment nicht wichtig waren. Wir hatten mit unseren Jobs, den Kindern, ich mit der Musik eine organisierte «Excel-Beziehung». Immer musste irgendeine:r von uns beiden irgendwo hin. Einmal haben wir uns zufällig am Flughafen getroffen. Wir haben uns hinter einem Tresen versteckt und kurz geküsst.
Haben Sie daraus etwas gelernt?
Wenn dir jemand sagt: «Ich sterbe» – hör zu! Mein Vater sagte mir damals, dass er glaube, bald zu sterben. Ich nahm das nicht ernst. Bei meiner Mutter war es später anders: Sie sagte mir ebenfalls, dass sie sterben werde, und diesmal setzte ich mich mit ihr hin und sprach darüber. Mit ihrem Tod konnte ich deshalb besser umgehen. Aber ich verzeihe mir bis heute nicht, dass ich meinem Vater nicht geglaubt habe, als er sich mir anvertraute. Noch einmal etwas anderes ist es, wenn ein junger Mensch wie meine Frau stirbt. Das ist nicht normal – wenn ein Tod so plötzlich kommt.
Verändert sich Trauer oder lernt man einfach, damit zu leben?
Sie verändert sich, sie wird erträglicher. Ich darf trauern, wenn ich möchte. Aber ich möchte es eigentlich nicht, weil es im Leben ja nur hinderlich ist. Und hier und da muss ich mir sagen: Der Pfarrer hat gesagt, «bis der Tod euch scheidet», oder? Ein weiser Satz.
Bleiben gewisse Momente dennoch ganz klar?
Die sind immer da. Täglich. Ich könnte Ihnen die exakte Stelle zeigen, an der ich stand, als mich ein Freund anrief, um mich zu fragen, wo Jeannine sei. Und ich sagte: «Ich glaube, in New York.» Da erzählte er mir vom Absturz. Ich bin natürlich sofort nach Hause gefahren, und vor der Tür warteten schon die Swissair-Leute, die mich da empfangen haben, weil sie mich telefonisch nicht erreichen konnten. Das Trauma bleibt.
"Meine Freundin nerven dieselben Dinge, die auch meine Frau gestört haben. Zum Beispiel, wie ich mit Brot brösele"
Haben Sie eine Therapie gemacht?
Die Therapeutin sass rauchend auf dem Fensterbrett. Ich bin nach dem zweiten Besuch nie wieder hingegangen. Aber bei einem Anlass für die Hinterbliebenen war ein Trauma-Experte aus Deutschland zu Gast, ein sehr guter Typ. Der hat uns erklärt, was Trauma genau ist. Darum weiss ich heute auch: Ich darf Tränen vergiessen, ich darf weinen. Ich habe bei ihm ausserdem gelernt, dass ich Triggern nicht ausweichen kann. Das wird mein Leben lang so sein. Es ist noch heute so: Wenn die Frage «Wie hast du es deinen Kindern gesagt?» unverhofft kommt, brechen sofort alle Dämme. Aber die Tiefs werden mit der Zeit immer kürzer. Das kann eine Minute, eine Stunde oder ein Tag sein.
Der Film erzählt, wie Menschen wieder Hoffnung finden. Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht: Okay, es kann irgendwann vielleicht auch wieder schön sein?
Sagen wir mal so: Zehn Jahre lang hat hier an diesem Tisch keine Frau je das Frühstück erlebt. Abendessen, ja – aber mehr Nähe habe ich lange nicht zugelassen. Verliebtsein ist ja eigentlich eine Krankheit: Man fühlt sich beschissen, wenn man den anderen nicht wenigstens mit dem kleinen Finger berühren kann. Aber die erste grosse Liebe hält meistens nicht bis ans Ende. Und bei der nächsten ist dann vielleicht schon ein bisschen mehr Vernunft mit im Spiel.
Haben Sie heute wieder eine Partnerin?
Ja. Uns verbinden ähnliche Erfahrungen. Sie hat ihren Mann gepflegt, bis er sehr jung gestorben ist. Mein Verlust lag schon länger zurück. Wir haben uns lange über unsere Trauer unterhalten, bis es eine sehr schöne, respektvolle Beziehung wurde. Wir beziehen unsere Ex-Partner:innen manchmal mit ein, das finde ich sehr schön. Wenn wir zum Beispiel kochen und ich einen Fehler mache, dann scherzt meine Freundin: «Jeannine, was macht er denn da wieder?» Meine Freundin nerven an mir dieselben Dinge, die auch meine Frau gestört haben. Zum Beispiel, wie ich mit Brot brösele. Jeannine würde wollen, dass ich glücklich bin.
«111 – Echoes From Halifax» läuft ab 1.10.2026 im Kino