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Schauspielerin Dagmar Manzel:

Schauspielerin Dagmar Manzel: "Alt und ungeliftet wird im Kino nicht erzählt"

Im Kinofilm "Der verlorene Mann" verliebt sich die Figur von Dagmar Manzel trotz glücklicher Ehe in ihren demenzkranken Exmann. Mit fast 70 nochmal eine Liebesgeschichte zu drehen – daran hatte die deutsche Schauspielerin nicht mehr geglaubt. Ein Gespräch über Abschiede und offene Beziehungen im Alter.

Die Sonne scheint in Zürich, Dagmar Manzel hat gute Laune. Die deutsche Schauspielerin und Sängerin ist wegen ihres neuen Films «Der verlorene Mann» in der Schweiz und wird nach dem Interview in den Zug springen, um ihre Tochter samt Familie zu besuchen, die nur unweit der Stadt wohnt.

In «Der verlorene Mann», dem Langfilmdebüt von Regisseur Welf Reinhart, ist es meist ganz still. Die drei Protagonst:innen tragen Schal, der Raureif liegt auf den Dächern.

Die 67-Jährige spielt in dieser eindringlichen Erzählung einer zarten Ménage à trois die Künstlerin Hanne, die mit dem pensionierten Pfarrer Bernd (August Zirner) eine glückliche, aber etwas festgefahrene Ehe führt. Eines Tages öffnet Hanne die Haustür und ihr früherer Ehemann Kurt (Harald Krassnitzer) steht vor der Tür. Durch seine Demenzerkrankung weiss der weder, dass er hier seit Jahrzehnten nicht mehr wohnt, noch dass er schon ewig von Hanne geschieden ist. Das Paar nimmt ihn auf, sie leben eine Weile zu dritt.

Es wird Frühling. Alles wird leichter – bis es wieder schwer wird. Wenn ein Mensch aus Krankheitsgründen eine alte Trennung vergisst, stellt das die zerstörte Verbindung neu her? Es geht ums Erinnern und Vergeben, um Liebe, Begehren, Alter und Abschiede. Leere und Fülle im Kopf und im Leben.

annabelle: Sie waren zweimal verheiratet. Was, wenn plötzlich ein Ex vor der Tür stünde?
Dagmar Manzel: Das wäre verhältnismässig schockfrei. Wir haben Kontakt und leben als Patchwork-Familie. Das ist sehr schön so. 

Was hat Sie an «Der verlorene Mann» gereizt?
Ich war eigentlich längst ausgebucht und habe Regisseur Welf Reinhart zuerst abgesagt. Auf einer Zugfahrt habe ich dann das Drehbuch gelesen und seinen Kurzfilm «Eigenheim» geschaut – und dachte: Das kann nicht sein. So eine Tiefe, so viel Poesie. Ich habe ihm sofort geschrieben, dass ich das unbedingt machen möchte. Und dann hat er den Dreh glücklicherweise verschoben.

Was hat Sie so berührt?
August Zirner, Harald Krassnitzer und ich – wir alle drei sind tatsächlich in dem Alter unserer Figuren. Und in diesem Lebensabschnitt geht es plötzlich um andere Fragen: Wie geht man mit Verlusten um? Mit Abschieden? Was will man noch vom Leben? Will man sich noch mal verändern oder nur festhalten, was man hat? Wie gross sind die Ängste, wie gross die Neugierde?

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"Mit wie viel Respekt und Zärtlichkeit diese drei Menschen versuchen, miteinander zu leben, das hat mich masslos gereizt"

Und gleichzeitig ist es eine Liebesgeschichte.
Eine Frau steckt in einer Krise und trifft diesen Mann aus ihrer Vergangenheit wieder. Durch seine beginnende Demenz verändert er sich – und plötzlich entsteht zwischen ihnen etwas ganz Neues. Mit wie viel Respekt und Zärtlichkeit diese drei Menschen versuchen, miteinander zu leben, das hat mich masslos gereizt. Für uns drei Schauspieler:innen war bei der ersten Leseprobe klar: Das wird etwas Besonderes. Es gab einfach nur den Wunsch, diese Geschichte so anmutig und rätselhaft wie möglich zu spielen. Sich komplett zu verschenken. 

Hat der Film Ihren Blick auf Demenz verändert?
Vielleicht hat er mir ein Stück Angst genommen. Es ist schmerzhaft, wenn jemand langsam verschwindet. Für Angehörige oft mehr als für die Betroffenen selbst. Aber der Film zeigt eben nicht nur Verlust, sondern auch Nähe, Humor und Liebe. 

Man würde ja denken, dass man sich mit so jemandem wie dem demenzkranken Kurt selbst verliert. Aber Ihre Figur hat sich gefunden.
Darin liegt der Zauber. Durch seine Veränderung entdeckt auch sie wieder etwas in sich selbst. Sie verliebt sich trotz der schmerzhaften Trennung vor Jahrzehnten nochmal neu in ihn. Der Film macht letztendlich Mut: dass Bindung trotz Krankheit, Alter und Verlust möglich bleibt. Dass man sich auch im Alter noch verlieben kann.

Warum sehen wir so wenig Liebesgeschichten über ältere Menschen?
Das frage ich mich auch. Das Hauptpublikum im Kino sind ja Frauen ab 40 oder 50. Und trotzdem sehen wir fast nur junge, schöne Menschen mit schlanken Körpern und glatter Haut. Mein Gott, das Leben ist doch viel mehr! Für mich ist wichtig, was ich verhandle, was ich erzähle. Und da kann ich schön oder hässlich sein, jung oder alt. Natürlich war ich mal hübscher und schlanker. Aber das ist jetzt mein Leben. Und das interessiert mich im Hier und Jetzt.

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Spüren Sie den Druck, nicht altern zu dürfen?
Natürlich. Ich hatte mich damit abgefunden: Im Kino wird alt und ungeliftet einfach nicht erzählt – ausser frau spielt eine Oma oder die böse Alte, die Leute mit der Handtasche schlägt. Und dann bekam ich dieses Angebot – da habe ich mich natürlich sehr gefreut. Aber ich kenne viele fantastische Kolleginnen und Kollegen, die nichts zu tun haben. Ich frage mich dann: Seid ihr alle blind? Welch ein Reichtum! Es tut sich nichts.

Gar nichts?
Wenn man sich Filmplakate anschaut, sieht man fast immer dieselben jungen, glatten Gesichter. Dagegen spricht nichts, aber mir fehlt die Ausgewogenheit. Mich ärgert diese Ignoranz gegenüber dem Publikum, das eben auch das Kino füllt – dass man ihnen keine Geschichten erzählt, die sie interessieren könnten, sondern sie immer mit demselben Narrativ bombardiert: «Du bist zu alt, zu fett, dich will man nicht mehr sehen.» Die Branche wirft mit Claims wie Toleranz oder Inklusion um sich, aber letztendlich wird immer der eine Stereotyp reproduziert: glatt, durchtrainiert, Mutter, Beruf, aber alles im Griff. Das ist kein Frauenbild, das ist ein typisches Männerbild.

Wenn eine Frau natürlich altert, bekommt sie höchstens Komplimente dafür, dass man sich «was traut».
Ja, das habe ich auch schon gehört: «Du bist mutig.» Dabei möchte ich einfach nur in Würde alt werden. Mit mehr Humor, mehr Leichtigkeit, mehr Interesse an anderen Menschen. Und das Schöne ist: Je älter ich werde, desto entspannter werde ich. 

Wie verändert sich die Liebe im Alter?
Alles verändert sich im Alter, einiges ist neu, einiges geht verloren. Aber ich habe einen Beruf, in dem ich vieles verwandeln kann – Trauer, Einsamkeit, Wut. Das ist ein grosses Geschenk. 

"Ich finde die Idee von Lebensgemeinschaften im Alter schön. Ob romantisch oder freundschaftlich – das ist zweitrangig"

Im Film geht es auch um offene Formen des Zusammenlebens.
Ich finde die Idee von Lebensgemeinschaften im Alter schön. Nicht allein zu sein, ist das Entscheidende. Ob romantisch oder freundschaftlich – das ist zweitrangig. 

Poly-Beziehungen verbindet man oft mit jungen Menschen. Dabei weiss man doch eigentlich erst im Alter wirklich, was man braucht – und dass man das vielleicht nicht alles in einer Person findet. Wie sehen Sie das?
Im Alter verändern sich generell die Prioritäten. Gesundheit wird wichtiger, Zeit kostbarer. Auch Sinnlichkeit verändert sich. Ein gutes Buch, Musik, Gespräche – all das bekommt plötzlich eine andere Tiefe. Und natürlich bleibt die Sehnsucht nach Liebe. Eine Freundin von mir hat sich mit 72 noch mal verliebt. Das macht mir Hoffnung.

Das Ehepaar Hanne und Bernd verhandelt die Grenzen ihrer Dreiecksbeziehung mit Kurt sehr offen. Kann Kommunikation Eifersucht wirklich auflösen und Verständnis hervorbringen?
Bernd sagt etwas sehr Schönes im Film: Wenn er selbst einmal in so eine Situation wie Kurt kommen würde, wäre er dankbar für jemanden, der so für ihn da ist wie Hanne. Das ist vielleicht die grösste Form von Liebe: wenn man sogar versteht, warum dieser Mensch für jemand anderen da sein möchte.

Wird man mit dem Alter freier oder vorsichtiger?
Vielleicht vorsichtiger. Weil man schon viele Abschiede erlebt hat. Aber wenn man echte Seelenverwandtschaft spürt, öffnet man sich trotzdem.

Sind Sie nostalgisch?
Die Figuren im Film riskieren noch mal etwas. Und das finde ich unglaublich mutig. Ich selbst lebe im Hier und Jetzt. Natürlich erinnere ich mich gern, aber ich trauere vergangenen Zeiten nicht hinterher. Ich glaube, Abschied nehmen zu können, ist etwas sehr Gesundes.

«Der verlorene Mann»: Ab 14. Mai 2026 im Kino

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