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Ferdinand von Schirach: Mörder wie du und ich

Kultur

Ferdinand von Schirach: Mörder wie du und ich

  • Text: Anne Ameri-Siemens

Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach verarbeitet seine Fälle zu Kurzgeschichten. Nun erscheint sein zweiter Band, «Schuld».

Dem Strafverteidiger Ferdinand von Schirach ist kein menschlicher Abgrund fremd. Die Fälle aus seiner Anwaltspraxis verarbeitet er zu ebenso düsteren wie intensiven Kurzgeschichten.

Verbrechen». Diesen beinah schon sachlichen Namen gab Ferdinand von Schirach (46) seinem ersten Kurzgeschichtenband. Vom unaufgeregten Titel durfte man sich nicht täuschen lassen. Die Geschichten, in denen der Berliner Strafverteidiger von Fällen aus seiner Anwaltspraxis erzählte, liessen einem beim Lesen manchmal den Atem stocken – weil es erschreckend ist, wozu Menschen fähig sind. Und weil man davon beeindruckt war, mit welch kühler Knappheit und zugleich berührender Intensität Ferdinand von Schirach über Mord oder Raub schrieb. Man verstand die Täter, ohne dass der Autor nach Verständnis für sie gesucht hätte. Nun erscheint Ferdinand von Schirachs zweiter Kurzgeschichtenband. Wieder haben ihn Fälle aus seiner Laufbahn als Strafverteidiger dazu inspiriert. Erneut sind es ebenso eindrucksvolle wie dunkle Geschichten. Wieder hat er einen schlichten Titel gewählt: «Schuld».

Ferdinand von Schirach macht auch im Gespräch rasch deutlich, dass er es nicht mag, dick aufzutragen. Umweglos ist er in seinen Antworten. Lebensklug. Sein Blick: beinah schon hypnotisierend aufmerksam. Ob er ein Ritual habe, wenn ein Strafprozess abgeschlossen ist? «Ich gehe manchmal in die Berliner Nationalgalerie und setze mich im zweiten Stock auf eine Bank vor Caspar David Friedrichs Gemälde ‹Der Mönch und das Meer›», sagt er. Nur dieses eine Bild sieht er sich an. «Dort, angesichts der Grösse der Kunst und der Weite des Meeres, wird mir immer klar, dass es nicht bedeutend ist, was wir tun. Wir sind nur ein kleiner Punkt im Universum.» Es gibt nicht mehr viele menschliche Dinge, die ihn erschrecken. «Je mehr man über den Menschen weiss, umso ruhiger geht man mit allem um.»

In «Schuld» gibt es jedoch eine Geschichte, die darauf hinweist, wie hart er sich diese Ruhe erarbeiten musste. Sie erzählt von der Vergewaltigung einer 17-Jährigen. Diese grausame und zugleich nüchtern die Realität der Justiz beschreibende Geschichte ist, wie Ferdinand von Schirach sagt, die persönlichste, die er je geschrieben hat. Den Strafverteidiger, also sich selbst, hält er ansonsten so weit wie möglich aus den Erzählungen heraus. «Kindisch, über sich selbst zu schreiben», sagt er freundlich auf die Frage nach dem Warum. «Auch nicht interessant.» Hier habe er eine Ausnahme gemacht, weil es darum ging, wie er als junger Anwalt seine Unschuld verlor. Als Strafverteidiger ist es der erste grosse Fall, den er übernimmt: Acht Männer stehen wegen der Vergewaltigung vor Gericht. Einer aus der Gruppe hat die Polizei gerufen. Letztlich wird keiner der Männer verurteilt, weil die Beweislage nicht ausreicht. Acht waren schuldig, aber jeder Einzelne konnte auch der eine Unschuldige sein, der den Notruf getätigt hatte. Der junge Anwalt ist stolz. Sein erster Fall ist abgeschlossen. Gemeinsam mit den Kollegen tritt er aus dem Gerichtssaal. Und draussen: steht der Vater des Opfers. Er steht da einfach – und weint. Leise. Wortlos. Es gibt ja auch nichts mehr zu sagen. «Bei dieser Geschichte», sagt Ferdinand von Schirach, «ging es auch darum, meine eigene Entwicklung zu beschreiben. Dass nicht alles immer so einfach ist in dem Beruf.»

Wollte er denn immer schon Strafverteidiger werden? Bevor Ferdinand von Schirach antworten kann, unterbricht eine Passantin das Gespräch, das in der Nähe des Berliner Savignyplatzes stattfindet. Ob sie sich kurz sein Handy ausleihen dürfe, fragt die Frau, um eine Freundin anzurufen, die sie besuchen wollte. Es gebe ja weit und breit keine Telefonkabinen mehr. «Natürlich», Ferdinand von Schirach gibt ihr sein Telefon, schaut ihr nicht nach, kontrolliert nicht, wohin sie damit geht. Pardon, da drängt sich eine andere Frage auf: «Erkennen Sie kriminelles Potenzial in den Menschen?» «Ja», antwortet er, nimmt sich eine Zigarette aus der Packung, die vor ihm liegt. Was noch mal die Frage gewesen sei? Ach ja, die Berufswahl. «Im Strafrecht geht es um den Menschen und um die Klippen, an denen er steht. Das interessiert mich.» Er werde deswegen immer Anwalt bleiben, sagt Ferdinand von Schirach, «egal, wie erfolgreich es mit dem Schreiben läuft». Als Autor hat man Verantwortung für eine Geschichte. Als Strafverteidiger für einen Menschen. Reizvoll sei ausserdem, dass jeder Strafprozess sich ein wenig wie David gegen Goliath anfühle. «Weil man als Strafverteidiger allein, nur mit seinem Kopf und seiner Sprache, antritt – und auf der anderen Seite eine Riesenbehörde steht, die Staatsanwaltschaft, ein Gericht, das die Macht hat zu entscheiden.» Die Passantin bringt das Handy zurück und bedankt sich. Ferdinand von Schirach fragt, ob sie ihre Freundin denn erreicht habe. Ja, aber die sei schon weg gewesen. Er lächelt verständnisvoll.
Und dann erzählt er noch eine andere persönliche Geschichte aus seinem Leben: «Ich habe mich als Kind und Jugendlicher immer fremd gefühlt. Ich habe zwar alles gemacht, was andere Kinder auch machten, doch stets begleitete mich das Gefühl: Ich gehöre nicht dazu.» Damals sah er ausserdem Buchstaben als Farben. Dieses Synästhesie genannte Wahnehmungsphänomen trug zu seiner Einsamkeit bei. «Meinem Bruder vertraute ich mich an, aber er verstand mich nicht. Auch ich selbst wusste nicht, wie ich diese Wahrnehmungen einordnen sollte.» Die Erwachsenen waren ebenfalls keine Hilfe. «Dieses Gefühl des Fremdseins hat bei mir nie aufgehört, bis heute nicht – auch wenn ich mit vielem glücklich bin: mit der Beziehung, den Freunden, dem Beruf.» Erst durch seine Tätigkeit als Strafverteidiger traf er auf andere Menschen, die sich ebenso fremd fühlen wie er: einige seiner Mandanten. «Das empfand ich als überraschend und – als beruhigend.»

Obwohl es Mörder, Gewalttäter, Bankräuber sind? «Jemand, der seine Freundin umbringt, ist nicht anders als Sie oder ich», sagt Ferdinand von Schirach. «Es ist ihm bloss irgend etwas zu viel geworden in seinem Leben.» Er rede nicht von Psychopathen, die fühlten sich nicht fremd, sondern hätten grundsätzlich zu wenig Emotionen. Straftaten jedoch, die psychisch normale Mörder begehen, seien meist Beziehungstaten. «Stellen Sie sich vor, Sie sind mit jemandem zusammen und trennen sich. Und Sie wissen, es ist ganz dumm, wenn ich den jetzt anrufe. Alle sagen Ihnen: Lass es! Sie selbst würden es Ihrer Freundin auch raten – und trotzdem tun Sie es.»

Dieser Impuls sei zwar viel schwächer als jener, einen anderen Menschen umzubringen, aber dennoch sei es derselbe Impuls. «Da sehen Sie, dass auch Sie manchmal Sachen machen, von denen Sie wissen, es ist totaler Wahnsinn – und trotzdem tun Sie es.» Ferdinand von Schirach nickt, es hat etwas Aufmunterndes. Er besteht darauf, die Rechnung zu bezahlen, dann verabschiedet er sich – ganz charmant – nach alter Schule mit Handkuss. Und lässt einen mit diesen Sätzen zurück.

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