Werbung
Frauen in der Kunst: «Zur Präsenz verhalf ich mir, indem ich Raum beanspruchte»

Kultur

Frauen in der Kunst: «Zur Präsenz verhalf ich mir, indem ich Raum beanspruchte»

Nur rund ein Viertel aller Ausstellungen in den Schweizer Museen widmet sich der Kunst von Frauen, auch in den Sammlungen sind sie untervertreten. Wie können wir das ändern? 5 Künstlerinnen im Gespräch.

Ilona Ruegg (72)

Was hat Ihr Interesse an der Kunst entfacht?
Mein Vater hat im Badezimmer Fotos entwickelt. Das unfertige, werdende Bild hat mich als Kind in den Bann gezogen. Prägend waren ausserdem die Besuche auf Baustellen mit ihm, der bei der Bank dafür Hypotheken verlieh. Die Pfützen, das Licht, der Geruch haben meine Fantasie angeregt. Räume, auch zeitliche Räume, das Werden und das Unfertige, beschäftigen mich als Künstlerin bis heute.

Wann haben Sie sich erstmals als Künstlerin bezeichnet?
Erst mit 33 Jahren. Ich habe keine Ausbildung, also keine formale Legitimation. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass sich in mir immense Räume öffnen, wenn ich zeichne. Die Zeichnungen – mein Medium damals – bewegten in mir etwas, das Sprache nicht auslösen kann. Es war mein Blick auf die Welt, der sich in einer konzentrierten Erfahrung niederschlug und mich überraschte.

Was stört Sie an der Kunstbranche?
Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts versuchen Kunstschaffende die Machtstrukturen zu brechen, trotzdem ist der Kunstapparat noch weitgehend hierarchisch organisiert. Ausserdem ist der Markt so überhitzt, dass er junge Künstler:innen im Schaffen beeinflusst und die Solidarität unter ihnen schwinden lässt. Kunst braucht die Verbindungen, den Austausch, die Zwischenräume.

Löst Kunst Probleme oder schafft sie welche?
Weder noch. Ich finde es toll, wenn Kunst Widersprüche und Spannungen spürbar macht. Dem Leben in der Welt ist sowieso ein unauflösbares Paradox eingeschrieben.

Woran arbeiten Sie derzeit?
An einer neuen Fotomontage. Während dem Lockdown habe ich eine Installation fotografiert, die ich letztes Jahr im Kunstmuseum St. Gallen zeigen konnte. Keine Dokumentation, ich ging so nah ran, dass der Gegenstand nicht mehr erkennbar ist. Ich fotografierte das Objekt also so, dass es verschwindet. So hat man die Installation noch nie gesehen.

Wie haben Sie das Modeshooting erlebt?
Ich kam dadurch gewissermassen auf fremden Wegen ins Museum und habe mich beim Shooting doch wie zuhause gefühlt. Schliesslich ist das Kunstmuseum ja die potenzielle Heimat unserer Werke.

ilonaruegg.com

Werbung
Werbung

Esther Eppstein (54)

Was ist Ihr Job als Künstlerin?
Ich schaffe experimentelle oder auch temporäre ideelle Räume für die Kunst und die Kunstszene. Mein Werk ist eigentlich immateriell, als Gastgeberin im «Message Salon» ermögliche ich Begegnungen, Netzwerke und Freundschaften. Der Salon, das Setting und die Dokumentation des Geschehens definiere ich als meine Kunst.

Vor 25 Jahren haben Sie den «Message Salon» eröffnet, der bis 2013 als physischer Raum an der Zürcher Langstrasse bestand und seither als Idee nomadisch unterwegs ist. Kann ein Kunstort die Stadt verändern?
Ja, wenn die Kunst sich Sichtbarkeit verschafft. Der «Message Salon» hat die Stadtentwicklung und die Zürcher Kunstszene mitgeprägt. Aber wichtig ist nicht der Ort, sondern die Freiheit, die ein Ort bietet.

Wie kamen Sie zur Kunst?
Ich kam früh mit dem Künstlerleben in Kontakt. Bei meinen Eltern gingen Kunstschaffende ein und aus. In den späten Achtzigern wollte ich dann mit anderen gemeinsam Kunst machen und dazu mussten wir unsere eigenen Räume zum Ausstellen, Reden, Feiern erfinden. Eine Kunstausbildung, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Wir waren stark vom «Do it yourself»-Gedanken geprägt, einfach mal machen, Spass haben und dabei herausfinden, was ein Künstlerleben sein kann.

Im September werden Sie für Ihr Lebenswerk mit dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet. Wie fühlt sich das an?
Ich war zuerst fast ein bisschen geschockt, als ich davon erfuhr. Aber ich habe mich wahnsinnig gefreut über die Anerkennung. Das ist gerade wie ein neuer Job: Fotosessions machen, Interviews geben, mit einer Regisseurin ein Videoporträt besprechen. Das ist schön, und zugleich spüre ich eine grosse Verantwortung. Meine Kunst wäre ja nicht denkbar ohne die vielen Menschen, die in sie involviert sind.

Sie waren und sind mit Ihrer Kunst sehr präsent in Zürich. Andere Künstlerinnen tun sich da schwerer. Brauchen wir eine Frauenquote in Kunsthäusern?
Zur Präsenz habe ich mir und anderen verholfen, in dem ich Raum beanspruchte und einnahm. Der gesellschaftliche Diskurs ist da, und der Druck mittlerweile so gross, dass sich im Umfeld der zeitgenössischen Kunst heute niemand mehr die Blösse geben möchte, über Fragen von Gleichberechtigung und Teilhabe nicht nachgedacht zu haben. Aber ja – wo das noch nicht der Fall ist, insbesondere wenn öffentliche Förderung im Spiel ist, könnte eine zeitlich begrenzte Quote helfen. Man darf sich nichts vormachen, nach wie vor ist die etablierte Kunstwelt dort, wo es um Geld und Macht geht, mehrheitlich männlich und konservativ.

Wie sieht das Museum der Zukunft aus?
Ich wünsche mir lebendige Museen, die durchlässig und niederschwellig sind, ohne ihre eigentümliche Wirklichkeit als besondere, dem Alltag auf nachdenkliche und inspirierende Weise entrückte Orte preiszugeben. Gerade unsere Zeit zeigt, wie wichtig Museen sind, als ein Ort des kollektiven Kulturgedächtnisses und der Reflexion.

messagesalon.ch

Werbung
Werbung

JOKO connected – Karin Jost (54) und Regula J. Kopp (53)

Sie treten seit den Neunzigern zusammen auf. Wie hat das angefangen?
Wir haben uns in Zürich an der F+F Schule für Kunst und Design kennengelernt und es hat sofort gefunkt. Jede von uns spürte, dass in der anderen ein Teil von ihr selbst existiert. Das ist bis heute die Basis für unser gemeinsames Schaffen. Trotzdem bezeichnen wir uns nicht als Busenfreundinnen, sondern als eine sich optimal ergänzende Arbeitsgemeinschaft.

Was tun JOKO connected?
Wir beschreiten mit unseren Performances das Thema Schmerz und geben ihm Raum zur Enttabuisierung. Dafür begeben wir uns in Situationen, in denen wir uns in physischem und psychischem Schmerz miteinander verbinden. Es geht uns darum, Bilder zu kreieren, in denen sich die Zuschauenden selbst reflektieren können.

Sind Genderfragen im Kunstbetrieb ein Problem?
Es ist offensichtlich, dass Frauen im Kunstbetrieb in der Minderzahl sind. Darüber muss gesprochen werden. Aber nicht als Problem, sondern als Chance, diesen Zustand zukünftig zu verbessern. In unseren Performances gibt es etwas Androgynes. Wir sehen uns in unserer Arbeit als Menschen und nicht spezifisch als Frauen.

jokoconnected.com

Jiajia Zhang (30)

Sie sind in China geboren und leben heute in Zürich. Wie kamen Sie zur Kunst?
Als ich mit meinen Eltern in die Schweiz kam, war ich sechs und hatte wenig Ahnung davon, was Kunst ist. Aber ich wusste schon, dass mich diese Art der Beschäftigung interessieren würde. Zuhause kam das nicht so gut an. Also habe ich zuerst Architektur studiert und ging dann für ein Fotografiestudium nach New York. Was ich da an Kunst sah, war extrem bereichernd. Zurück in der Schweiz habe ich dann in der Kunstgiesserei St. Gallen gearbeitet – und mache jetzt nur noch Kunst.

Was beschäftigt Sie in Ihrer Kunst?
Ich fotografiere und filme, sammle Bilder und Textfragmente sowie Material, das ich finde und dann zu assoziativen Erzählungen editiere, in denen sehr Persönliches auf Allgemeines trifft, der öffentliche mit dem privaten Raum verschwimmt oder gegensätzliche Aussagen im gleichen Satz vorkommen.

Wie hat sich das beim Shooting im Kunsthaus angefühlt, den noch leeren Museumsraum in Besitz zu nehmen?
Das war eine tolle Erfahrung. Lustig: Thema des Abschlussprojekts meines Architekturstudiums war der Erweiterungsbau. Ich kannte den Ort also schon als Bauparzelle. Das war sehr speziell, diesen leeren, fertigen, schönen Bau zu sehen und sich darin zu bewegen und zu spüren, dass dieser Raum noch voller Möglichkeiten ist.

Sollten Frauen in Museen und Museumssammlungen präsenter sein, als sie es sind?
Auf jeden Fall. Es braucht ein Umdenken im Kunstbetrieb, aber auch in der Gesellschaft. Wenn Künstlerinnen ins mittlere Alter kommen, geraten sie oft in Vergessenheit. Sie brauchen dann einen enormen Willen, um durchzuhalten, bis sie vielleicht irgendwann «wiederentdeckt» werden – obwohl sie ja eigentlich nie weg waren. Viele machen das ganz allein durch, während Männer sich oft auf Unterstützung verlassen können, sei es in der Partnerschaft oder durch Institutionen.

Haben Museen ein Problem mit Durchlässigkeit?
Ja, das kann man sagen. Es ist nicht allein ein Genderproblem. Es betrifft ebenso viele andere Bereiche wie Klasse oder Herkunft. Kunst sollte die unterschiedlichen Facetten des gesellschaftlichen Lebens zum Thema machen, statt eine Illusion wie die veraltete Idee vom künstlerischen Genie zu feiern.

jiajiazhang.com

Den ersten Teil dieses Artikels, in dem wir euch vier weitere Schweizer Künstlerinnen vorstellen, findet ihr hier.

Wie gefällt dir dieser Artikel?

Loading spinner
Subscribe
Notify of
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments