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Künstlerin Lauryn Youden: «Ich schreibe die meisten meiner Gedichte, wenn ich Schmerzen habe»

Kultur

Künstlerin Lauryn Youden: «Ich schreibe die meisten meiner Gedichte, wenn ich Schmerzen habe»

Die Künstlerin Lauryn Youden kennt die Grenzen, die die Welt für Menschen mit Krankheit 
bereithält. In ihrer Kunst sucht sie nach Wegen der Heilung.

Lauryn Youden ist eine vielbeschäftigte Künstlerin. Allein in diesem Jahr war sie an zehn Ausstellungen beteiligt. Selbstverständlich ist das nicht. Die gebürtige Kanadierin, die derzeit in Berlin lebt, leidet unter anderem an Fibromyalgie, einer chronischen Erkrankung, die zu starken Schmerzen und zu neurokognitiven Symptomen führt. Einige ihrer Arbeiten sind jetzt in einer Gruppenschau über aktuelle Modelle der Fürsorge im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich zu sehen.  

annabelle: Lauryn Youden, Sie sind Künstlerin und leiden unter anderem an Fibromyalgie. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Lauryn Youden: Meine künstlerische Arbeit ist stark von meinen eigenen Erfahrungen mit chronischer Krankheit und Behinderung geprägt. Dabei geht es immer auch um persönliche Grenzen. 

Inwiefern?
Oft erwarten Menschen von uns, dass wir sehr private Informationen offen preisgeben, ohne dass ihnen klar ist, dass wir diese Informationen niemandem schuldig sind. In der Kunst thematisiere ich meine Krankheiten deshalb nur dann, wenn es für die Forschung und die Arbeiten, die ich gerade mache, sinnvoll ist. Zu jeder Diagnose, die ich bekomme, gehören ganze Welten.

Sie beschrieben chronische Krankheit einmal als Nahtoderfahrung. Was meinen Sie damit?
Wenn man von einer Nahtoderfahrung spricht, denken die meisten an einen plötzlichen Vorfall. Jemand stirbt – oder stirbt fast – und erwacht dann wieder zum Leben. Ich sehe chronische Krankheiten als etwas Ähnliches, nur sehr viel langsamer, mit einem anderen Zeitkonzept, bei dem man dem Tod immer näher ist als dem Leben und der Welt der Lebenden. Susan Sontag prägte in ihrem Essay «Krankheit als Metapher» dafür ein schönes Bild: Alle, die geboren werden, haben eine doppelte Staatsbürgerschaft, schreibt sie, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken. Obwohl wir natürlich alle lieber den guten Pass benutzen, wissen wir, dass jede und jeder von uns früher oder später gezwungen ist, sich als Bürger des anderen Ortes zu identifizieren.

Schmerz ist eine sehr individuelle Erfahrung. Nur wenige Menschen können sich vorstellen, was es bedeutet, jeden Tag damit zu leben. Ist Kunst für Sie eine Möglichkeit, diese Erfahrung mit anderen zu teilen?
Ich schreibe die meisten meiner Gedichte, wenn ich Schmerzen habe. Diese Texte werden Teil der auto­theoretischen Essays, die ich in meinen Performances vortrage – eine Kombination aus Poesie und akademischer Forschung, die auf die fliessenden Ideen aus diesen Delirium-Zuständen reagiert oder sie erweitert. Aber Schmerzerfahrung hat viele Facetten, dazu gehören auch die Materialien, mit denen ich künstlerisch arbeite – Flaschen, Blisterverpackungen der Me­dikamente, die ich täglich einnehme, Rezepte, Tees, Testergebnisse.

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In der Ausstellung «Interdependencies» zeigen Sie Arbeiten, die auf Möbelklassikern von Le Corbusier beruhen – dem Sessel LC3 und der Chaiselongue LC4. Was hat es damit auf sich?
Die Skulpturen handeln von der innigen Beziehung zwischen modernistischer Architektur, Krankheit und dem Zuhause, der Domäne der chronisch Kranken und Behinderten. Das fühlt sich für mich gerade sehr persönlich an, denn ich beantworte diese Fragen schriftlich vom Bett aus. Ich sitze seit über neun Tagen in meiner Wohnung fest, weil mein Immunsystem die Grippe nicht verkraftet hat, die derzeit in Berlin grassiert.

Was hat das mit Le Corbusier zu tun? 
Le Corbusier war Anhänger der Eugenik, er sympathisierte mit dem Faschismus und war überzeugt von der Überlegenheit der Weissen. Diese Systeme und Mechanismen, die auch behinderte und chronisch kranke Menschen seit Beginn der Moderne unterdrücken, sind tief in diese Möbelstücke eingeschrieben, die heute fast banal wirken, es sind Alltagsgegenstände. Bei den Recher­chen zu dieser Arbeit bin ich auf ein Buch der Architekturhistorikerin Beatriz Colomina gestossen. Sie beschreibt dort, wie die Architekten Anfang des 20. Jahrhunderts, parallel zur Entwicklung der Röntgentechnik, dem wichtigsten Diagnose-Instrument im Kampf gegen die Tuberkulose, das Zuhause als eine Art medizinisches Gerät zur Vorbeugung von Krankheiten sahen und sich selbst als Ärzte. In meiner Arbeit stelle ich LC3 und LC4 meinen persönlichen Mobilitätshilfen gegenüber, die ebenfalls nicht die gesundheitlichen Vorteile bieten, die sich ihre Desig­ner:innen vorgestellt haben. Ich benutze diese als chronisch kranke Person, die sich in einer behindertenfeindlichen Welt zurechtfinden muss, um das tatsächliche und das symbolische Gewicht ihrer Stahlrohrrahmen und antiseptischen Designs zu entlarven.

Ihre Arbeiten sind derzeit in vielen Ausstellungen zu sehen. Wie erklären Sie sich dieses Interesse?
Seit der Corona-Epidemie spielen Themen wie Krankheit, Pflege und Behinderung eine grosse Rolle in der Kunst. Das ist gut so. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die Kurator:innen, die jetzt mit chronisch kranken und behinderten Künstler:innen arbeiten, deren Schaffen auch abseits von Krankheit und Behinderung wahrnehmen und sich dafür interessieren, welche künstlerischen Praktiken und Perspektiven Erfahrungen mit Krankheit ermöglichen.

Die Ausstellung «Interdependencies» präsentiert Modelle der Fürsorge, die entgegen dem Konzept der Eigenverantwortung gemeinschaftliches Handeln stärken wollen. Neben Arbeiten von Lauryn Youden sind Werke von Sharona Franklin, Grace Ndiritu und Weiteren zu sehen. Migros Museum für Gegenwartskunst, bis 21.1.24

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