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Pop-Up: Monica Buckland

Kultur

Pop-Up: Monica Buckland

  • Text: David SignerFoto: Roland Gladasch

Monica Buckland ist die einzige Schweizer Frau, die als Dirigentin international erfolgreich ist.

Es gibt wenig Dirigentinnen. Noch weniger international bekannte. Und es gibt nur eine international bekannte Schweizer Dirigentin.

Was auffällt, wenn man ihr beim Proben zusieht: Es geht freundschaftlich und fröhlich zu und her, keine Spur von herrischer Attitüde. «Bleibt in diesem Tempo», ruft sie den Streichern zu, «es eilt nicht, es rollt einfach!» Oder: «Ich finde es ein bisschen hektisch. Aber wenn ihr es schnell spielen wollt, könnt ihr es schnell machen.» Monica Buckland steht vor dem Sinfonieorchester der Technischen Universität Dresden, mit dem sie seit 2008 hauptsächlich arbeitet. Als ein Violinist während des Spiels niesen muss, ruft sie mitten ins Crescendo: «Gesundheit!» Monica Bucklands unprätentiöses Äusseres und ihre etwas burschikose Art stehen im Gegensatz zu ihrer hoch differenzierten Sensibilität, sobald es um die Musik geht. Dirigieren ist für sie eine Frage der Energieübertragung: Intensität zu den Musikern leiten, um das Bestmögliche aus dem Orchester herauszuholen. «Ich bin keine Esoterikerin», sagt sie, «aber da geschieht schon etwas sehr Spezielles, eine mystische Kommunikation, wenn man so will.» Zu ihren wiederkehrenden Ausdrücken gehören «wach sein», «Routine durchbrechen» und «Neues entlocken».

Die heute 45-jährige Buckland stammt aus St. Gallen und ist mehrheitlich an der südenglischen Küste aufgewachsen, wo ihre Eltern ein Hotel führten. Als sie nach ihrer musikalischen Ausbildung in Cambridge eine Dissertation schreiben wollte, entgegnete ihr der Professor: «Nein, eigentlich willst du Dirigentin werden. Also mach endlich!» Mit 28 Jahren absolvierte sie in Basel das Kapellmeisterdiplom. Über ihre Karriere, taktische Weichenstellungen und opportune Spezialisierungen denkt sie nie lange nach. Dafür liebt sie die Musik und den Moment zu sehr. Und die Abwechslung: Sie hat einerseits anspruchsvolle Werke der zeitgenössischen Schweizer Komponisten Fortunat Frölich und Alfons Karl Zwicker eingespielt, andererseits trat sie an der Queen Classic Night in Salzgitter (D) mit Rockband und Orchester auf.

Vielleicht sei das in gewissen Kreisen rufschädigend, sagt sie lachend. «Aber es macht Spass.» Ihr gefällt an der heutigen E-Musik, dass sie nicht mehr so intellektuell und abstrakt sei wie früher. «Die jüngeren Komponisten wechseln problemlos zwischen Klassik, Jazz, Electronic, Pop und Weltmusik. Diese Kategorien existieren für sie gar nicht mehr.» Ihre musikalische Offenheit scheint ihrer Karriere nicht zu schaden: Neulich durfte Monica Buckland ein Konzert in der weltberühmten Semper-Oper in Dresden dirigieren.

Als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten, macht ihr nichts aus. «Mein Vater war ursprünglich Physiotherapeut, ein typischer Frauenberuf, den er aber ironischerweise im Militär erlernte. Ich wurde also früh geimpft gegen Rollenklischees.» Wieso gibt es nicht mehr berühmte Dirigentinnen? «Das hängt weniger mit dem Beruf selbst zusammen als mit Netzwerken», sagt sie. «Man braucht einflussreiche Paten, und die grossen Dirigenten ziehen meist Männer nach.» Warum? «Da müssen Sie einen Psychologen fragen. Mit Musik hat das kaum etwas zu tun.»

Monica Buckland kann sich zwar vorstellen, dass Frauen auf Grund ihrer Erziehung etwas anders mit Menschen umgehen als Männer. «Aber das ist ja nur ein Teil der Dirigententätigkeit; das Wichtigste, die Musik selbst, ist geschlechtsunabhängig. Und auch bei den Männern ist heute der Dirigierstil weniger autoritär als früher. Einer wie Karajan würde heute von den Orchestern nicht mehr akzeptiert.» Sie stellt fest, dass auch sie selbst mit den Jahren zu einem weniger rigiden und konservativen Stil gefunden hat. «Ist deine Identität einmal gefestigt, ist es nicht mehr so wichtig, was die andern sagen, und du kannst auch mal aus der Reihe tanzen.» Sie bereitet derzeit die Uraufführung eines Werks von Lothar Voigtländer vor, das der deutsche Komponist speziell für ihr Orchester und den Schweizer Geiger Egidius Streiff konzipiert hat. Die Musiker werden dabei nicht vor dem Publikum spielen, sondern im ganzen Saal verteilt. «Da hört man ganz anders hin», sagt sie. Und fügt dann hinzu: «Man muss ein gewisses Alter erreichen, um unterscheiden zu lernen zwischen Provokationen um der Provokation willen und mutigen Innovationen, die den Horizont wirklich erweitern.»

Monica Buckland leitet im September in Feldis GR und Ernen VS je einen Workshop für Sängerinnen und Sänger
www.buckland.ch

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