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Sexy Job: Dian Hanson leitet die Erotikabteilung bei Taschen

Kultur

Sexy Job: Dian Hanson leitet die Erotikabteilung bei Taschen

  • Interview: Marc Bodmer; Foto: Helmut Newton/Taschen

Dian Hanson hat einen Job, um den sie viele Männer beneiden: Sie ist beim Taschen-Verlag für die Erotikbücher verantwortlich.

Selbst im Schatten der Palmen ist es arg warm. Da kommt das klimatisierte Sitzungszimmer im zweistöckigen Art-déco-Bau am Sunset Boulevard in Los Angeles gelegen. Doch lange bleibt es im Gespräch mit Dian Hanson nicht kühl, kommt dabei doch so manch heisses Thema aufs Tapet.

Sie beobachte fürs Leben gern, sagt die 62-Jährige und mustert ihr Gegenüber mit riesigen Augen. Ihren voyeuristischen Durst vermochten vierzig Jahre im Erotikgeschäft und Myriaden von pornografischen Bildern nicht zu stillen.

ANNABELLE: Dian Hanson, wann haben Sie Ihr erstes Sexheft gekauft?
DIAN HANSON: Mit 18. Und zwar «The Illustrated Presidential Report of the Commission on Obscenity and Pornography» von 1970. Das klingt nicht sehr sexy. Ein Erotikverlag hatte den trockenen Staatsbericht der Nixon-Administration mit Illustrationen ausgestattet, die alle erdenklichen Varianten von Sex zeigten. Kurz darauf wurde die Publikation verboten.

Früher galt Pornografie als subversiv, heute ist sie ein riesiges Geschäft.
Sie war schon damals ein Geschäft. Aber es gab auch viele Hippies wie mich, die in der Pornografie eine Jugendkulturbewegung sahen. Es war cool und rebellisch, Pornos zu mögen. Als ich in den Siebzigern damit anfing, für Erotikverlage zu arbeiten, bekam ich Dinge zu sehen, die man eigentlich nicht sehen durfte, und wurde dafür auch noch bezahlt … ein Traum!

Als Verlegerin sogenannter Herrenmagazine haben Sie die Sexindustrie mitgeprägt. Wie hat sich diese bis heute verändert?
In den Achtzigern träumten die Macher noch von Mainstream-Akzeptanz. Man filmte auf 35 mm, hatte richtige Drehbücher, heuerte Darsteller für ihr schauspielerisches Talent an und weniger für ihre Ausdauer beim Bumsen. Es gab grosse Premieren in Kinosälen und rauschende Partys. Heute geht das Publikum nicht mehr ins Kino und kauft keine DVDs mehr. Man lädt sich lieber kostenlose Amateurvideos aus dem Internet herunter.

Was bringt die Leute eigentlich dazu, Filme von sich ins Netz zu stellen, die sie beim Sex zeigen?
Das wird in der Regel von Männern gemacht, die mit ihren Frauen prahlen möchten. Früher haben die Männer Nacktbilder von ihren Frauen an Sexmagazine geschickt. Männer wollen zeigen, was sie haben. Diese antiquierte Einstellung findet sich noch in manchen Köpfen, und viele Frauen geben sich den Wünschen ihrer Männer hin. Das zeigt, dass sich unsere Gesellschaft zwar laufend verändert, nur der Mensch verändert sich nicht so schnell.

Aber es gibt ja immer noch den synthetischen Hochglanzporno, der mit diesen Amateurfilmchen nichts zu tun hat.
In vielen US-Produktionen sehen die Darsteller tatsächlich nicht wie echte Menschen aus. Die chirurgischen Eingriffe sind offensichtlich: aufgespritzte Lippen, künstlicher Busen, falsche Haare … selbst die Männer sind aufgebrezelt und durchtrainiert bis zum Gehtnichtmehr. Hybridwesen, die geschaffen wurden, um Dinge zu tun, die kein normaler Mensch vollbringen kann. Aber Pornografie hatte noch nie viel mit dem echten Leben zu tun. Sie ist kommerzialisierter Sex. Eine Art Appetitanreger – besonders in einer langjährigen Beziehung.

Mit anderen Worten: Wer Pornos schaut, tut seiner Beziehung etwas Gutes?
Pornos laden die Sexbatterien auf. Es ist doch so: Vielen Paaren wird es nach einigen Jahren langweilig, und sie hören auf, Sex zu haben. Die Folgen davon merken sie nicht gleich, weil sie sich nahe sind, sich mögen, aber wenn die physische Aktivität verkümmert, leben wir uns auseinander und werden verletzlich.

Aber es sind doch vor allem Männer, die sich Pornos ansehen.
Ja, das Kernpublikum der Pornografie hat sich kaum verändert. Es waren immer verheiratete Männer im Alter von 35 bis 55, mit Familie, Kindern und einem Job. Wie kann ein guter Ehemann das Versprechen der Treue halten und sich dennoch sexuelle Abwechslung verschaffen? Er schaut sich Pornos an. Der Typ, der sich keine ansieht, geht zu Prostituierten.

Pornos versteckt man. Die sogenannten Sexy Books von Taschen stellt man neben den Kunstband ins Regal. Was macht sie gegenüber einem Sexheftchen salonfähig?
Benedict Taschen, der Gründer des Taschen-Verlags, hat es so gesagt: «Es gibt gute und schlechte Kunst. Es gibt gute und schlechte Pornografie. Gute Kunst und gute Pornografie sind sich gleichgestellt. Wir veröffentlichen gute Kunst und guten Porno.»

Und was macht Porno gut?
Er soll scharf sein, und die Akteure müssen etwas ausstrahlen, eine Brücke zum Betrachter schlagen. Aber auch eine kunstvolle Komposition ist wichtig. Ein Foto darf nicht langweilen, es muss sich von der Masse abheben. Das erfordert eine rigorose Selektion. Für das «Big Penis Book» sortierte ich über eine halbe Million Fotos, um Penisse von mehr als zwanzig Zentimeter Länge zu finden. Es gibt wenige Männer, die so gut bestückt sind …

… oder ihr Stück zeigen möchten.
Glauben Sie mir, wenn einer einen 20-Zentimeter-Pimmel hat, dann zeigt er ihn auch. Wenn es sein muss, hängt er ihn zur Autotür raus. Die Dinger sind rar.

Wie schafft man das: eine halbe Million Penisse zu sichten? Ist das nicht öde?
Junge Männer, die früher bei meinen Magazinen arbeiteten, konnten sich die ersten drei Monate kaum von den Heften lösen, später beklagten sie sich, dass die Arbeit ihr Sexleben kaputtmache. Viele nehmen an, dass es mir gleich ergangen ist. Dem ist nicht so. Ich liebe meinen Job. Er verliert nie seinen Reiz. Vielleicht liegt das ja an meinen Genen.

Warum sind eigentlich alle Versuche gescheitert, Pornografie und Kunst zu verschmelzen? Etwa im Film?
Pornografie kann zwar kunstvoll sein und Emotionen auslösen, doch sie zielt vor allem darauf ab, einen Höhepunkt sexueller Erregung zu erreichen. Wenn man eine echte Sexszene in einen Spielfilm einbaut, verliert sie ihre Wirkung, weil man der Story folgt und der Sex dadurch verdünnt wird.

Viele Frauen sehen in der Pornografie eine Bedrohung. Sie offenbar nicht.
Wovor haben sie Angst? Dass ihr Mann mit einem Starlet abhaut? An die kommt er gar nicht ran.

Klar, aber viele Frauen fühlen sich betrogen, wenn ihre Männer Pornos konsumieren.
Ja, sie denken, dass ihr Mann beim Sex an die Frauen denkt, die er im Magazin oder im Internet gesehen hat. Natürlich macht er das! Doch niemand soll mir weismachen, dass die Frauen beim Sex nur an ihre Männer denken. Wir alle haben unsere Fantasien.

Warum gibt es kaum Pornos für Frauen?
Weil Frauen, die Pornos mögen, keinen Sonderporno brauchen. Sie sind ja nicht behindert. Sie finden, was ihnen gefällt. Doch die Mehrheit der Frauen interessiert sich nicht dafür. Sie lassen sich auch nicht dazu verführen, etwa mit Weichzeichneraufnahmen, mehr Dialogen, schönen Männern oder mehr Romantik.

Wie erklären Sie sich das?
Frauen haben nicht das Testosteron, das die Männer haben. Darum pfeifen Frauen nicht Kerlen auf der Strasse nach.

Dian Hanson (Hrsg.): New Erotic Photography Vol. 2. Taschen-Verlag, 2012, 424 Seiten, ca. 54 Franken
Dian Hanson’s History of Pin-up Magazines. Taschen-Verlag, 2013, 832 Seiten, ca. 41 Franken