Mit 43 zu alt fürs Ballett? Primaballerina Giulia Tonelli wehrt sich
Mit 43 gilt Giulia Tonelli in der Ballettwelt bereits als zu alt. Doch die ehemalige Zürcher Primaballerina denkt nicht ans Aufhören. Im Interview spricht sie über Altersdiskriminierung, den schwierigen Stand von Müttern und starre Machtstrukturen. Jetzt geht sie mit einer Kompanie für Tänzer:innen über 40 auf Welttournee.
- Von: Linda Leitner
- Aurelia Marine
Sie hoffe, ihr Sohn werde sich an sie auf der Bühne erinnern, so Giulia Tonelli 2022 in der Dokumentation «Becoming Giulia». Der Film begleitet die Primaballerina des Balletts Zürich dabei, wie sie nach der Geburt ihres ersten Kindes in die Elite-Company zurückfindet. Die Italienerin tanzt darin den Spagat zwischen Spitzenschuhen und Spielsachen ausdauernd und entschieden, ist dennoch hin- und hergerissen zwischen ihren beiden grossen Leidenschaften, dem Ballett und der Familie. Nach der elfmonatigen Babypause ist die Sehnsucht nach dem Tanzen gross – wird sie jemals keine Lust mehr haben, zu tanzen? Wenn es nach ihr ginge, vermutlich nicht.
Leicht, makellos, scheinbar schwerelos: Im Ballett ist der Körper Kapital und Währung, aber eben auch Ware mit Ablaufdatum. Spätestens mit Mitte 30 ist man zu alt, als Frau vielleicht noch dazu Mutter. Die Strukturen sind starr, die Stimmung oft eisig. Sitzt einem die 43-jährige Giulia Tonelli gegenüber, scheint sie ebenso zart wie bestimmt, ist mal warm, mal wütend, aber immer leidenschaftlich. Und vielleicht ist es genau diese Hingabe, die festgefrorene Strukturen zum Schmelzen bringen kann.
Heute als Mutter zweier Söhne ist sie Teil der Tanzcompany WinnDance, die internationale Ballettstars zwischen 40 und 65 Jahren zusammenbringt. Das Ensemble, gegründet von den ehemaligen Ersten Solisten Marijn Rademaker und Slava Tutukin, ist derzeit mit «Scirocco: Death in Venice – Bridge of Sighs» und den Choreographien von John Neumeier auf Welttournee in Den Haag, Tokio, Hamburg und Monaco. Ihre Söhne werden ihre Mutter vermutlich noch lange tanzen sehen.
annabelle: In «Becoming Giulia» wurden Sie als Beweis gefeiert, dass sich Mutterschaft und die Karriere als Primaballerina vereinbaren lassen. Nach 16 Jahren am Zürcher Ballett war dann Schluss. Hat Ihr Alter bei diesem Entscheid eine Rolle gespielt?
Giulia Tonelli: Das Traurige ist, dass ich dachte, der Film würde inspirieren. Tatsächlich schrieb mir kürzlich eine ehemalige Principal-Tänzerin des Béjart Ballets, er habe sie ermutigt, weiterzumachen und ein Kind zu bekommen. Immerhin! Die Realität dahinter war bitter. Die Oper war zunächst von der Dokumentation wenig begeistert und suchte sogar nach Möglichkeiten, die Veröffentlichung zu verhindern. Später erkannte man das Potenzial der Doku für die eigene Sichtbarkeit.
"Vier von fünf Müttern in der Company bekamen keinen neuen Vertrag"
Mit einer neuen Direktorin kam der Bruch: Vier von fünf Müttern in der Company bekamen keinen neuen Vertrag. Ich selbst wurde nicht offiziell entlassen, fühlte mich aber zum Gehen gedrängt. Als Mutter von zwei kleinen Kindern hatte ich um etwas Flexibilität gebeten. Stattdessen war ich nur noch als vierte Besetzung vorgesehen, ohne echte Aussicht auf einen Auftritt. Als ich das ansprach, unterstellte man mir mangelnde Motivation. Dabei war es das Gegenteil: Ich wollte weitertanzen, meine Erfahrung einbringen und zugleich meiner Verantwortung als Mutter gerecht werden. Dass ausgerechnet unter einer weiblichen Direktion so wenig Raum dafür blieb, war paradox. Dabei kann es nicht sein, dass man so tut, als hätte man kein Kind, nur um seine Position zu behalten.
Man hat Ihnen die Doppelbelastung nicht zugetraut?
Mit meinem zweiten Kind spürte ich meine Rolle als Mutter viel stärker und wusste besser, was ich noch leisten konnte und was nicht. Erfahrenen Tänzerinnen und Tänzern muss man zugestehen, dass sie selbst wissen, wie sie arbeiten können. Mit 40 muss man nicht mehr wie mit 20 trainieren. Unser Körper ist ein Werkzeug, an dem wir 30 Jahre lang gearbeitet haben. Doch Institutionen wollen diese Erfahrung oft nicht berücksichtigen. Sie bevorzugen junge Menschen, die sie formen können. Wer eine eigene Stimme hat, wird schnell zur Bedrohung.
Wann haben Sie zum ersten Mal Altersdiskriminierung erlebt?
Mit 32, bei einem Gespräch mit meinem damaligen Direktor. Ich war Solistin, musste aber weiterhin im Corps de ballet tanzen. An einem Abend die Hauptrolle, am nächsten in der Gruppe – das belastet den Körper enorm. Ich fragte nach einer Beförderung, und er wollte wissen, wie alt ich sei. Ich spürte dieses unausgesprochene Urteil: Du bist schon über 30. Vielleicht investiere ich lieber in eine Jüngere.
"Es kann nicht sein, dass man so tut, als hätte man kein Kind, nur um seine Position zu behalten"
Das muss Sie sehr verletzt haben ...
Mehr als verletzt zu sein, spürte ich den enormen Druck, den ich mir selbst machte.
Wie lange hätten Sie weitertanzen können?
Ich hörte auf dem Höhepunkt meiner Karriere auf, nicht weil ich nicht mehr tanzen konnte. Vier weitere Jahre hätte ich mir problemlos vorstellen können. Letztes Jahr tanzte ich als Zuckerfee beim Scottish Ballet – ein sehr klassisches Ballett, das bewies, dass ich es noch kann. Es ist doch absurd: In einer Anwaltskanzlei würde auch niemand behaupten, ein Praktikant sei genauso viel wert wie jemand mit 30 Jahren Berufserfahrung. Im Ballett sollen dagegen alle gleich funktionieren.
Was ist heute anders an Ihrem Körper?
Natürlich verändert er sich. Die Erholung dauert länger, mein Rücken ist seit den Schwangerschaften steifer. Manchmal denke ich: Mein Gott, ich kann mein Bein nicht mehr so hoch heben. Dafür kenne ich heute jeden Muskel meines Körpers. Früher gab ich bei jedem Schritt 200 Prozent. Heute weiss ich, wie ich meine Energie effizient einsetze. Die entscheidende Frage ist doch: Heisst weniger Trainingszeit, dass ich dem Publikum weniger zu bieten habe? Warum sollte jemand, der vier statt acht Stunden arbeitet, kein grossartiges Ergebnis liefern?
Ist das Projekt WinnDance eine Art Befreiungsschlag?
Wir sind erfahrene Tänzerinnen und Tänzer mit einem eigenen Leben. Deshalb gibt es zwei Besetzungen: Wenn jemand ausfällt, springt jemand anderes ein. Viele von uns sind Mütter. Diese Flexibilität nimmt den Druck, ständig verfügbar sein zu müssen. Es ist ein schönes Gefühl, Herrin über den eigenen Körper und das eigene Projekt zu sein. Wir wollen zeigen, dass Ballett eine Kunstform ist, kein Sport.
"Man kann von einer 30 Jahre alten Maschine nicht erwarten, wie ein brandneuer Ferrari zu beschleunigen. Aber heisst das, sie gehört auf den Schrott?"
Was können Tänzerinnen und Tänzer über 40 besser?
Sie haben Lebenserfahrung. Wir verstehen die Absichten einer Choreografin oder eines Choreografen besser, weil wir schon mit so vielen gearbeitet haben. Und wir kennen unseren Körper – er ist unser bester Freund oder unser schlimmster Feind. Vor allem aber haben wir emotionale Tiefe. Mit 18 besitzt man diese explosive Energie, die wunderbar und wichtig ist. Mit 40 kann man das Publikum zum Weinen bringen. Das ist genauso wertvoll.
Warum interessiert uns das Alter einer Tänzerin mehr als das, was ihr Körper leisten kann?
Das ist der zentrale Punkt. Wir sind nicht alle gleich gebaut. Manche wunderbaren Tänzerinnen können mit 30 nicht mehr weitertanzen, andere könnten noch Jahrzehnte auf der Bühne stehen. Viele Verletzungen und Karriereenden entstehen, weil von uns verlangt wird, genauso zu arbeiten wie zu Beginn unserer Karriere. Man kann von einer 30 Jahre alten Maschine nicht erwarten, dass sie wie ein brandneuer Ferrari beschleunigt. Aber heisst das, sie gehört auf den Schrott?
Warum wird Erfahrung im Tanz so unterschätzt?
Wegen der Hierarchie. Man hängt von einer einzigen Person ab: der Direktion. Sie entscheidet über Karrieren, und kaum jemand kann widersprechen. Je mehr Erfahrung man sammelt und je stärker die eigene Stimme wird, desto weniger passt das manchen Direktionen. Dabei könnten sie erfahrene Tänzerinnen und Tänzer als Verbündete sehen, statt als Feinde – etwa indem sie die jüngere Generation coachen. Das Problem ist strukturell.
Man beginnt diese Karriere mit 17 oder 18, ist also noch ein Kind. Es gibt wenige Verträge, und man würde alles tun, um einen zu bekommen. Das verleiht einer Direktion enorme Macht. Tänzerinnen und Tänzer sollten deshalb mitbestimmen können, ob sie mit ihrer Direktion zufrieden sind. Und ein Direktionswechsel sollte nicht automatisch bedeuten, dass die ganze Company entlassen wird. Natürlich gibt es auch gute Direktionen, aber ich könnte sie an einer Hand abzählen. Das Ballett ist eine elitäre, verschlossene Welt. Alle finden es normal, dass es hart ist. Ich bin es leid. Wir schreiben 2026 – es ist Zeit für eine Revolution.
"Das Ballett ist eine elitäre, verschlossene Welt. Alle finden es normal, dass es hart ist. Ich bin es leid"
Wie ist das, wenn 40-Jährige mit 65-Jährigen tanzen?
Natürlich musste auch diese Gruppe erst lernen, miteinander zu tanzen. Viele Mitglieder haben legendäre Karrieren hinter sich, die Namen sind gross. Am Anfang ging es vor allem darum, die Masken abzulegen, die wir aus unseren jeweiligen Companys gewohnt waren, und einfach wir selbst zu sein. Je besser wir uns kennenlernten, desto natürlicher wurde das. Es geht nicht um Ego, sondern um ein gemeinsames Projekt. Die grossen Altersunterschiede sind eine Herausforderung, aber auch Teil des Konzepts. Jeder soll mit seinen individuellen Stärken zur Geltung kommen, ohne dass die Jüngeren automatisch mehr glänzen. Wir wollen den Menschen als Ganzes zeigen und ihn nicht an einem vermeintlich idealen Alter messen. Sonst würde das alles nicht funktionieren.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Balletts?
Dass Institutionen den Wert erfahrener Tänzerinnen und Tänzer selbst erkennen. Es geht nicht darum, bleiben zu dürfen, nur weil man einen Vertrag hat. Man muss motiviert und in Form sein und tanzen wollen. Wenn das nicht mehr gegeben ist, sollte man gehen. Aber wenn jemand leidenschaftlich dabei ist, eine grossartige Tänzerin ist und lediglich etwas Flexibilität im Zeitplan braucht, muss dafür Platz sein. Statt starr zu sagen: Wir arbeiten von zehn bis sechs, egal, in welcher Lebensphase du bist. Das ist eine sehr einschränkende Haltung. Wir brauchen bessere Strukturen, längerfristige Verträge und mehr Austausch zwischen den Companies. Ballett ist Kunst, aber hinter dieser Kunstform steckt viel, worüber offener gesprochen werden müsste.
Was hätten Sie Ihrem jüngeren Ich gewünscht?
Keine Angst zu haben und die eigene Stimme zu nutzen. Ballett ist eine Welt, in der man dazu neigt, sich anzupassen und zu funktionieren, weil kritisch denkende Persönlichkeiten nicht immer akzeptiert werden. Lange habe ich versucht, mich dafür zu ändern. Bis ich innerlich zusammengebrochen bin. «Winn» steht nicht umsonst für «gewinnen», aber auch für «When, If Not Now» – wenn nicht jetzt, wann dann?