Mini-Serie zum Thema Altersvorsorge

«Wer Nachhaltigkeit schreit, muss auch vorsorgen»

Text: Melanie Keim; Bild: Annick Ramp

Wie viel Geld habe ich einmal im Alter? Drei Autorinnen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen haben es ausgerechnet. Spoiler: Alle sind erschrocken. Teil 2 unserer Mini-Serie mit Melanie Keim.

Melanie Keim (32), freischaffende Journalistin, ledig, ohne Kinder, hat bis jetzt noch nicht in eine Pensionskasse eingezahlt und dafür zig Ausreden gefunden. Dieses Denken findet sie eigentlich unverantwortlich und kindisch, doch es passe auch so gut zu ihrer Generation.

Durchschnittlicher Monatslohn der letzten Jahre, brutto: 3500 Franken
Arbeitspensum: 100 Prozent
AHV*: 1050 Franken
PK*: 0 Franken
Total: 1050 Franken

* Monatliche Rente ab dem regulären Pensionierungsalter (64) nach aktuellem Stand der geleisteten Vorsorgezahlungen

«Wie kann es sein, dass eine gut ausgebildete, intelligente Frau mit 32 noch keine Pensionsgelder eingezahlt hat?» Meine Kollegin brachte es auf den Punkt. Ihre Frage entlarvte meine prekäre Vorsorgesituation. Und gleichzeitig verlangte sie eine Antwort, die über meine individuelle Geschichte hinausgeht. Eine Antwort, die etwas über meine Peergroup verrät, die als Generation Praktikum den Glauben an sichere Anstellungsverhältnisse verloren hat und als Generation Maybe etwas so Solides wie Vorsorgelösungen lieber auf später verschiebt.

Doch beginnen wir bei mir. Meine Karriere verlief nicht wirklich geradlinig. Ich studierte, mit Praktikum hier, Auslandaufenthalt dort, nicht gerade schnell. Mit 25 brach ich mein Studium ab und als ich nach einem halben Jahr in einer Werbeagentur ohne Job dastand, wurde ich selbstständig. Bis heute bin ich es geblieben. Ich wurstelte mich als freischaffende Journalistin durch, bezahlte die obligatorischen AHV-Beiträge ein, doch für Pensionsgelder, die ich als Selbständige nicht bezahlen muss, blieb am Anfang schlicht nichts übrig. Das sagte ich mir zumindest.

Wenn meine Mutter und mein Stiefvater das Thema Vorsorge wieder einmal ansprachen, reagierte ich gereizt, fühlte mich unverstanden. Sie kannten ja nur Festanstellungen und als sie in meinem Alter waren, rissen sich die Arbeitgeber um sie. Und sowieso: In meinem Alter war es nicht tragisch, keine Pensionsgelder zu bezahlen. Spätestens mit dreissig würde ich einzahlen, nahm ich mir vor. Aber Deadlines, die man sich selbst setzt, kann man bekanntlich verschieben.

Ich ging mit 28 zurück an die Uni, mit dreissig schrieb ich meine Masterarbeit. Die Pensionskassengelder ins knappe Budget reinzubringen, war mir schlicht zu stressig. Und als ich mit 31 endlich fertig war, musste ich mir erst einmal wieder meine Kundschaft und ein finanzielles Polster auf bauen.

Dass ich bis heute keine Pensionsgelder eingezahlt habe, hat nicht nur mit meiner Situation als Selbständige und den zum Teil miserablen Honoraren in der Medienbranche zu tun. Sondern auch damit, dass ich wie viele in meinem Alter Dinge des Erwachsenwerdens gern herausschiebe. Vorsorge? Tönt spiessig. Sparen? Können wir später. Auf Ferien, Restaurants, Kaffee hier, Bier dort verzichten? Schwierig. Und überhaupt sind wir in der Schweiz doch überversichert, sagte ich mir. Zu all dem kam der Gedanke hinzu, dass wir schlicht nicht mehr wissen, was mit unseren Geldern einmal passiert.

Dass meine Freundinnen beim Thema Renten ebenfalls die Augen verdrehten und laut seufzten, weil sie das alles auch nicht so recht verstehen, machte es mir noch leichter, das unangenehme Thema hinauszuschieben. Als ich mich für diesen Artikel mit etwas Distanz damit beschäftigte, wurde mir bewusst, dass diese Haltung so gar nicht zu meinen sonstigen Überzeugungen passt.

Wenn es um die Umwelt geht, schreien wir laut «Nachhaltigkeit», im letzten Jahr gingen wir alle auf die Strasse, um für Gleichberechtigung und Lohngleichheit zu kämpfen. Doch wenn es um etwas finanziell so Entscheidendes wie unsere Renten geht, sind wir zu faul, uns zu informieren? Das geht nicht auf.

Dass wir uns besser informieren sollten, wurde auch bei einem Crash-Kurs des VPOD zur Altersvorsorge überdeutlich. Im Publikum sassen praktisch keine Frauen unter vierzig. Dafür gab es einige Frauen, die offenbar kurz vor der Pensionierung stehen und erst jetzt bemerken, dass ihnen mit ihren tiefen Teilzeitpensen fast keine Pensionsgelder zustehen. Auch ging ein Raunen durch das Publikum, als alt Nationalrätin Christine Goll erklärte, dass die AHV-Renten gemäss Verfassung existenzsichernd sein müssten. Wieso wusste ich das nicht?

Mir wird klar, dass wir Frauen für eine faire Ausgestaltung unseres Vorsorgesystems kämpfen müssen. Je länger ich mich mit dem Thema auseinandersetze, desto besser verstehe ich, was für eine wichtige Errungenschaft unser Rentensystem ist. Schliesslich bildet es die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und dafür, dass wir im Alter nicht auf die finanzielle Unterstützung unserer Familien angewiesen sind.

Mitte Februar entschloss ich mich endlich dafür, 12.5 Prozent meines Einkommens in eine Pensionskasse einzubezahlen. Doch dann stand am Ende des Formulars diese Frage, die meine Entscheidung weiter hinauszögerte: Ob ich meine Gelder im Todesfall meinem Partner zukommen lassen möchte. Dass ich das will, ist klar. Doch der Entscheid fühlte sich wie ein grosser Schritt an. Vor mir lag das erste Dokument, mit dem ich mich offiziell für die Zukunft mit meinem Freund entscheide.

Ich legte das Couvert zur Seite, dann kam Corona und mit den Einbrüchen der Werbeeinnahmen in der Medienbranche wieder Unsicherheit. Geht es weiterhin aufwärts mit meinem Lohn? Bleibt auch in diesem Jahr genug übrig für all das, worauf ich nicht verzichten will? Es sind wieder die alten Fragen, die alten Ausreden. Heute Morgen habe ich das Couvert endlich abgeschickt. Es hat sich gut angefühlt.»

Den ersten Teil unserer Serie mit Seraina Kobler, freie Autorin und Mutter von vier Kindern, finden Sie hier

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