Beruflicher Neustart mit Ende 50? Diese 3 Frauen haben es gewagt
Drei Frauen, die sich mit Ende fünfzig beruflich neu erfinden – weil der Arbeitsmarkt Menschen über 50 eher diskriminiert als fördert, und weil sie selbst entscheiden wollen, wann sie sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Geschichten eines gesellschaftlichen Wandels.
- Von: Helene Aecherli
- Bild: Florian Spring
Christine Schnetzler war 58, als sie ihre Stelle kündigte. Sie war Vizedirektorin des Hotels Schweizerhof in Zürich, fühlte sich «satt an Jahren», sehnte sich nach etwas Neuem. Mehr aber noch: Sie wollte selbst bestimmen, wann sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden würde – und gründete ihr eigenes Unternehmen. «Die Flucht in die Selbstständigkeit», sagt die heute 67-Jährige, «erschien mir als die einzige Chance.»
2018 begann Marie-Ursula Kind das Quereinsteigerstudium Theologie an der Universität Zürich, damals war sie 53. Zuvor hatte sie als Anwältin an einem UNO-Projekt für zivile Friedensförderung in Pristina gearbeitet – bis ihr Mandat gestrichen wurde. Da beschloss sie, noch einmal ganz neu anzufangen: Sie bildete sich zur Pfarrerin um. Diesen Januar wurde die inzwischen 60-Jährige in ihr Amt in St. Moritz eingesetzt.
Manuela Leonhard arbeitete zwölf Jahre als Assistentin der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch, eine weitere Amtszeit stand bevor, doch sie fühlte sich in einer Sackgasse. «Mir war schon lange klar, dass ich einen Weg finden musste, mir rechtzeitig etwas aufzubauen, damit ich mit 65 einfach weitermachen kann», sagt sie. Mit 58 verliess sie ihren sicheren Job bei der Stadt, gründete mit 59 ihre GmbH. Nun setzt sie mit sechzig auf eine Karriere als Best Ager Influencer.
Gesellschaftlichen Normen trotzen
Die Geschichten von Christine Schnetzler, Marie-Ursula Kind und Manuela Leonhard haben eines gemein: Sie erzählen vom Aufbruch und davon, durchzustarten in einem Alter, in dem die Frage: «Wie lang muesch no?» häufiger gestellt wird als jene nach neuen beruflichen Perspektiven.
Damit trotzen sie gesellschaftlichen Normen und machen gleichzeitig ein Spannungsfeld sichtbar: Denn der Anspruch älterer Arbeitnehmender, sich weiterzuentwickeln, steht einem Arbeitsmarkt gegenüber, in dem Menschen über fünfzig um ihre Daseinsberechtigung kämpfen, und einer Politik, die ängstlich am Pensionsalter 65 festhält.
Es ist ein Spannungsfeld, in dem sich tektonische Platten voneinander wegbewegen. Das müsste mutige und visionäre Debatten hervorbringen. Stattdessen aber wird in der Öffentlichkeit nach wie vor meist gehässig darüber diskutiert, Jung und Alt gegeneinander ausgespielt.
Pasqualina Perrig, Entwicklungspsychologin"Babyboomerinnen sind besser ausgebildet und berufsorientierter als die Frauengenerationen vor ihnen"
«Dabei ist doch mittlerweile bekannt, dass unsere Gesellschaft altert», sagt Pasqualina Perrig (73), emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie und Autorin des Buchs «Own Your Age» (2024). Knapp zwanzig Prozent der Menschen in der Schweiz sind laut Bundesamt für Statistik 65 Jahre und älter, halten somit anteilsmässig der jüngsten Bevölkerungsgruppe der bis zu 19-Jährigen die Waage.
In der Folge hat sich auch die Wahrnehmung von Alter verändert. «Wir beobachten seit etwa zehn Jahren eine zunehmende Aufbruchsstimmung», erklärt sie. Treiber dieser Entwicklung sind die Babyboomer, die Generation der zwischen 1946 und 1964 Geborenen, allen voran die heute 64- bis 70-Jährigen, und ganz besonders: die Babyboomerinnen.
«Sie hatten bessere Bildungschancen, sind gesünder und berufsorientierter als die Frauengenerationen vor ihnen», so Perrig. Zudem sind sie mit dem Selbstverständnis aufgewachsen, genauso wie Männer das Recht darauf zu haben, ihr Leben selbst zu bestimmen. Und das nutzen sie auch. «Sie haben Gestaltungsmöglichkeiten, die andere Generationen nie hatten. Das ist neu in der Geschichte der Menschheit.»
Als Christine Schnetzler damals, mit 58, ihre Stelle in der Hotellerie verliess, wusste sie: «Jetzt muss es sein. Jetzt habe ich noch die Energie, etwas Neues anzufangen.» Sie wollte einen Umbruch. Einen, der es ihr auch erlauben würde, sich dem nahenden Pensionsalter «nicht auszuliefern», wie sie es formuliert.
Sie fürchtete, wie andere Personen in leitenden Positionen vor ihr, nicht mehr ernst genommen und ausmanövriert zu werden, je näher sie dem Pensionsalter rückte. «Arbeit ist mein Lebenselixier. Also möchte ich auch selbstbestimmt über mein Erwerbsleben entscheiden können, und zwar so lange, wie ich die Kraft dazu habe und es mir gefällt», sagt sie.
«Nicht-mehr-müssen-Müssen» als Falle
Zu oft hat sie bei Menschen in ihrem Umfeld miterlebt, wie nach der Pension das «Nicht-mehr-müssen-Müssen» zur Falle wurde. Wie es zwei, drei Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben bei vielen zur Sinnkrise kam, weil sie keine Zweckbestimmung mehr hatten, nichts mehr, das sie forderte. «Irgendwann fragten sie sich: Was mache ich jetzt mit meiner Zeit?»
Christine Schnetzler ist eine elegante Frau. Sie spricht schnell und präzise, ist grossgewachsen, trägt einen lila Rollkragenpullover unter einem roten Mantel, die Haare zu einem Bob geschnitten. Für unser Gespräch hat sie ein Café́ in Zürich gewählt, danach muss sie an eine Sitzung in Oerlikon, ihre Agenda ist voll.
Christine Schnetzler"Arbeit ist mein Lebenselixier. Also möchte ich auch selbstbestimmt über mein Erwerbsleben entscheiden können"
Gleich nach ihrer Kündigung hatte sie eine Weiterbildung in psychologischer Transformationsentwicklung gemacht. Das half ihr, in ihrem neuen Leben Fuss zu fassen, und parallel dazu ihr Start-up aufzubauen: Schnetzlers Haushaltmanagement, eine «Scharnierstelle zwischen Beruf und Familie», erklärt sie, die sämtliche Aufgaben übernimmt, die im Haushalt oder in der Betreuung von Kindern und Angehörigen anfallen können, wenn «ein Bein des Organisationskonstrukts einbricht».
Für ihr – mittlerweile 14-köpfiges – Team rekrutiert sie ausschliesslich Personen, die über 55 Jahre alt sind. «Leute mit Lebenserfahrung, die nicht so schnell aus dem Gleichgewicht zu bringen sind», so lauten ihre Anforderungen, «und die verstehen, was es braucht, um andere in chaotischen Situationen zu entlasten.»
Aufbau des Start-ups
Dass diese Form der «Kümmer-Arbeit» ein grosses Bedürfnis ist, hatte Christine Schnetzler bei ihren früheren Kolleg:innen gesehen, die oft fast zerrissen wurden zwischen Beruf und Familie. Selbst Mutter von drei erwachsenen Kindern, weiss sie, was solche Extremsituationen bedeuten. Inzwischen hat sie sechs Enkelkinder, die sie und ihr Mann, ein ehemaliger Gastronom, bei Bedarf hüten. «Und zwar prioritär», betont sie lächelnd.
Drei Jahre gab sie sich für den Aufbau ihres Start-ups Zeit. Sie hatte errechnet, dass sie mindestens 2000 Franken verdienen musste, um zusammen mit ihrem Mann ihren Lebensstandard zu halten. Sie finanzierte das Unternehmen mit Rücklagen, Pensionskasse oder dritte Säule wollte sie nicht antasten.
Doch der Übergang von ihrem alten Beruf in die Selbstständigkeit sei hart gewesen, erzählt sie. In der Hotellerie war sie ständig Reizen ausgesetzt gewesen – Menschen, Sprachen, Lachen, auch Konflikten. Das fiel plötzlich alles weg. Sie habe sich einsam gefühlt, gibt sie zu, habe an sich gezweifelt, besonders dann, wenn das Konto am Ende des Monats leer blieb. Das dürfe man bei einem solchen Schritt nicht unterschätzen, ganz unabhängig vom Alter.
Christine Schnetzler"Der Eintritt in die Mutterschaft ähnelt dem Eintritt in die Pensionierung: man solll dankbar sein und geniessen"
Heute, mit 67, arbeitet Christine Schnetzler noch siebzig Prozent, bezieht AHV und ein Salär aus der Selbstständigkeit. Sie hat eine Geschäftspartnerin, die ihr bei Administrativem zur Seite steht und ihr auch mal unangenehme Fragen stellt: «Passt die Ausrichtung noch? Die Zusammensetzung unserer Mitarbeitenden?»
Das fordere sie heraus und halte sie wach. Sie sei unglaublich dankbar und demütig dafür, dass sie das alles so machen dürfe – doch ist ihr bewusst, dass sie damit nicht nur auf Bewunderung stösst. Gerade in Begegnungen mit Frauen in ihrem Alter, die einen anderen Weg gewählt, sich für die Pensionierung oder eine Frühpensionierung entschieden hätten, spüre sie oft dieselbe Irritation wie damals als berufstätige Mutter von Seiten nicht-berufstätiger Mütter.
Den eigenen Weg finden – und gehen dürfen
Christine Schnetzler ordnet das so ein: «Diese Irritation berührt die Erwartung, dass es einen aktuellen, richtigen und dem Zeitgeist entsprechenden Lebensplan gibt. Sobald jemand davon abweicht, entsteht unausgesprochener, aber spürbarer Druck.»
Der Eintritt in die Mutterschaft ähnle in mancher Hinsicht dem Eintritt in die Pensionierung, fügt sie hinzu. «In beiden Fällen erwartet das Umfeld, dass man dankbar ist und geniessen soll. Aber so einfach ist es nicht. Letztlich sollte jede und jeder den eigenen Weg finden und gehen dürfen. Wenn man Glück hat, führt dieser Weg zu Zufriedenheit und innerer Erfüllung – und genau darum sollte es doch gehen.»
Frühpension statt Kündigung
Die Erwerbsbeteiligung der 55- bis 64-Jährigen in der Schweiz hat gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Während im Jahr 2014 gut 72 Prozent dieser Altersgruppe zu den Erwerbspersonen zählten, stieg ihr Anteil bis 2024 auf knapp 78 Prozent. Besonders Frauen haben hier aufgeholt: Die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen stieg um rund acht, jene der Männer um knapp fünf Prozentpunkte.
Die höhere Erwerbsquote der Frauen widerspiegelt die generelle Zunahme der Frauen am Arbeitsmarkt, jene der Männer hat unter anderem mit einem zunehmenden Fachkräftemangel und dem Rückgang der freiwilligen Frühpensionierungen zu tun. Frauen in dieser Altersgruppe sind zudem weniger von Arbeitslosigkeit betroffen als Männer und jüngere Arbeitnehmende.
Doch verlieren über 55-Jährige den Job, wird es, für Frauen wie Männer gleichermassen, sehr viel schwieriger, eine neue Stelle zu finden. Sie gelten oft als zu teuer, zu unflexibel, zu wenig IT-affin. Ihre Dossiers werden frühzeitig aussortiert. Darüber hinaus erhöht sich mit steigendem Alter das Risiko, statt die Kündigung zu erhalten, in die Frühpension geschickt zu werden. Fälle, die in der Regel in keiner offiziellen Arbeitslosenstatistik auftauchen.
Pasqualina Perrig, Entwicklungspsychologin"Viele reden von Diversität und Inklusion, aber die Diversität des Alters wird nicht thematisiert"
«Paradoxerweise sind in unserer alternden Gesellschaft negative Altersbilder noch immer hartnäckig verankert, während Jugendlichkeit hoch bewertet wird, was die altersdiskriminierenden Haltungen gerade in der Arbeitswelt verschärft», sagt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig. «Dabei zeigen wissenschaftliche Studien seit langem, dass das kalendarische Alter ein schlechter Indikator ist für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.» Manche Fünfzigjährige seien physisch und kognitiv fitter als 35-Jährige. «Alter», betont sie mit Nachdruck, «ist relativ geworden.»
Doch im Gegensatz zu Marketingagenturen, die die Gruppe der über Fünfzigjährigen für sich entdeckt haben, wie etwa Kampagnen von Kosmetikunternehmen zeigen, hinken die HR-Abteilungen von Unternehmen diesem Wandel hinterher. «Viele reden von Diversität und Inklusion», moniert Perrig, «aber die Diversität des Alters wird nicht thematisiert.»
In einer breitangelegten Studie der Versicherung Swiss Life geben zwar vierzig Prozent der befragten Arbeitgebenden an, dass sie bereit wären, Personen ab 55 einzustellen. Tatsächlich aber machen die über 55-Jährigen nur acht Prozent aller Neueinstellungen aus.
Marie-Ursula Kind empfängt im Pfarrhaus der evangelisch-reformierten Kirche in St. Moritz Bad und gibt einem sofort das Gefühl, zuhause zu sein. In ihrem Arbeitszimmer riecht es nach Kaffee, es ist schlicht möbliert, an den Wänden befinden sich helle Holztäfelungen, vom Fenster aus blickt man in den Garten und auf das Bergpanorama dahinter.
Gut 5000 Menschen leben in St. Moritz. Davon sind etwa vierzig Prozent evangelisch-reformiert, knapp tausend in der Kirchgemeinde organisiert, die vor kurzem aus zwölf Gemeinden zu einer grösseren fusioniert wurde. «Die Aufgabe unseres Teams ist es, die Kirche neu zu gestalten», sagt Marie-Ursula Kind. «In der jetzigen Welt, mit den jetzigen Möglichkeiten und den jetzigen Bedürfnissen der Leute.»
Von einem Tag auf den anderen alles stehen und liegen lassen
In ihrem früheren Leben war sie als Anwältin zehn Jahre lang im Team der damaligen Chefanklägerin Carla del Ponte am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Danach ging sie mit dem Schweizerischen Expertenpool für zivile Friedensförderung nach Sarajevo und unterstützte später in Pristina die Vorbereitungen für eine Strategie zur Aufarbeitung aller Kriegsverbrechen, die im Kosovo begangen worden waren.
Als ihre Stelle nicht mehr finanziert werden konnte, musste sie praktisch von einem Tag auf den anderen alles stehen und liegen lassen, erzählt sie. Musste die Menschen mit ihrer schwierigen Aufgabe allein lassen. «Da wusste ich: Das wars. Ich will nicht mehr abhängig sein von anderen, die darüber entscheiden, ob ich meine Arbeit weiterführen kann oder nicht.»
Sie wollte in die Schweiz zurück, zu ihren Wurzeln. «Ich habe mich 17 Jahre lang mit den schwersten Menschenrechtsverletzungen auseinandergesetzt. Jetzt war es Zeit für etwas Neues.»
Marie-Ursula Kind"Tatsache war: Ich konnte als Fünfzigjährige in meinem Gebiet nicht mehr landen in der Schweiz"
Doch sie realisierte bald, dass sie wegen ihrer hohen Spezialisierung kaum eine Chance mehr hatte, eine Stelle zu finden. Auf ihre Bewerbungen bei der UNO in Genf, beim Bund oder bei Unternehmen erhielt sie keine Antwort. «Ich glaube, man sah sich meine Unterlagen nicht einmal an», sagt sie.
«Ich konnte das zwar bis zu einem gewissen Grad verstehen. Ich war lange im Ausland gewesen, hatte mich zu wenig vernetzt. Aber Tatsache war: Ich konnte als Fünfzigjährige in meinem Gebiet nicht mehr landen in der Schweiz.»
Über eine Freundin hörte sie von der Studienrichtung «Quest – Quereinstieg in den Pfarrberuf». Das öffnete ihr die Tür zu einem Berufswunsch, den sie schon als junge Frau gehegt hatte. Nur hatte sie es sich damals noch nicht zugetraut, als Pfarrerin einer Gemeinde vorzustehen, und sich stattdessen für ein Jusstudium entschieden.
Nun fühlte sie sich reif dafür. «Ein wichtiger Faktor war aber auch, dass ich etwas studierte, das es mir tatsächlich ermöglichen würde, nach fünfzig zu arbeiten», betont sie. «Ich hätte nie etwas angefangen, bei dem ich bereits im Voraus gewusst hätte, dass es keine Stellen gibt.»
Drei Jahre büffeln
Drei Jahre lang büffelte Marie-Ursula Kind Griechisch und Hebräisch, Kirchengeschichte, Bibelwissenschaften, Dogmatik, Ethik. Ihr Umfeld reagierte gemischt auf ihren Richtungswechsel. Viele konnten ihn nicht nachvollziehen, andere spürten, dass es ein wichtiger Schritt für sie war. «Aber es war nicht einfach, vor allem auch finanziell», gibt sie zu.
«Ich musste praktisch wieder bei null anfangen. Hätte ich einen Partner, Familie und Kinder gehabt, wäre dieses Studium in so kurzer Zeit nicht machbar gewesen. Aber da ich fast gratis bei meiner Mutter in Zürich wohnen durfte und Erspartes hatte, konnte ich es managen.» Zudem korrigierte sie als Hilfsassistentin eines Professors Fussnoten, für 500 Franken im Monat. «Das war genial. So hatte ich selbst während der Corona-Pandemie Zugang zur Uni, einen Schlüssel und ein Büro.»
Marie-Ursula Kind"Ich wundere mich, warum das Mischen von Generationen nicht mehr gefördert wird"
Rückblickend war diese Studienzeit auch deshalb bereichernd, weil sie zusammen mit anderen Quereinsteiger:innen Seite an Seite mit jungen Menschen studierte. Das sei erst für alle etwas komisch gewesen, sagt sie. Manchmal hätten die Jungen das Gefühl gehabt, die Älteren würden sie dominieren. Aber das habe sich beheben lassen.
«Wir konnten eine schöne Dynamik entwickeln, tauschten uns über alle möglichen Themen aus. Das haben wir als eine grosse Chance empfunden. Warum sollte das nicht auch auf dem Arbeitsmarkt funktionieren können», fragt sie. «Ich wundere mich schon, weshalb das Mischen von Generationen in Unternehmen nicht mehr gefördert wird.»
Wohltuende Wertschätzung
Für das Studium musste sich Marie-Ursula Kind bewerben, ein Assessment absolvieren. Auch wenn Pfarrpersonen Mangelware sind, jede:n nehmen sie nicht, sagt sie. «In diesem ganzen Prozess habe ich aber viel Wertschätzung erfahren, was mir sehr wohlgetan hat. Gerade als Person über fünfzig, die sonst nur noch hört, sie sei zu alt.»
Als Pfarrerin im Kanton Graubünden hat sie nun die Aussicht, bis siebzig arbeiten zu können. Wenn sie fit bleibe, würde sie das auch sehr gern tun. Irgendwann sei es dann aber vielleicht doch Zeit, aufzuhören und den Jungen Platz zu machen. «Aber im Moment ist die Perspektive, jeden Tag zu arbeiten auf der Blumenwiese, auf der ich mich gerade befinde, jeden Tag ernten und etwas Neues lernen zu dürfen, einfach fantastisch.»
Die Sache mit der Pensionierung neu denken
Schweizer:innen lassen sich derzeit im Durchschnitt mit 65 Jahren pensionieren. Gemäss Bundesamt für Statistik kommen heute auf 100 erwerbstätige Personen 38 im Rentenalter, bis 2050 sollen es bereits 49 sein. Die Lebenserwartung liegt bei Frauen gegenwärtig bei 86, bei Männern bei gut 82 Jahren.
Diese demografische Entwicklung, man weiss es längst, setzt den Arbeitsmarkt unter Druck, vor allem aber die Finanzierung der AHV. «Die Alten bringen den Staat in Schieflage – und eine Lösung ist nicht in Sicht», titelte der «Tagesanzeiger» unlängst. Eine Schlagzeile, die wenig förderlich ist, da sie die Sichtweise befeuert, dass ältere Menschen eine gesellschaftliche und ökonomische Last sind. Genau diese Haltung aber gilt es herauszufordern.
Doch bloss um ein paar Jahre Pensionsaltererhöhung zu feilschen und damit an kalendarischen Altersgrenzen festzuhalten, ist fantasielos und in der Stimmbevölkerung kaum mehrheitsfähig. Eine repräsentative Studie des Strategieberaters Deloitte plädiert deshalb für eine Flexibilisierung des Rentenalters.
Umgesetzt würde sie über freiwilliges Weiterarbeiten nach dem ordentlichen Pensionsalter und über ein sogenanntes «Opt-in-Modell», bei dem Arbeitnehmende ab einem Mindestalter selbst entscheiden können, wann sie in Rente gehen. Hinzu kommen finanzielle Anreize: So sollen unter anderem auf diese volkswirtschaftlich erwünschte Arbeit keine AHV-Beiträge mehr erhoben werden.
68 Prozent der Befragten unterstützen eine Flexibilisierung, knapp 70 Prozent könnten es sich vorstellen, weiterzuarbeiten. 18 Prozent der heute 65- bis 74-Jährigen tun dies bereits, die meisten als Teilzeit- oder Selbstständigerwerbende, viele auch deshalb, weil sie auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen sind. Voraussetzung für eine Flexibilisierung aber ist, das hält die Studie fest, dass Arbeitgebende ältere Menschen vorurteilsfrei einstellen, in ihre Einarbeitung und Weiterbildung investieren sowie flexible Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle anbieten. Ansätze, notabene, die auch jüngere Menschen für sich einfordern.
Die Sache mit der Pensionierung neu zu denken – darum werden wir als Gesellschaft nicht herumkommen. Möglicherweise werden der demografische Wandel und die zunehmende Individualisierung der Lebensläufe das Ihre dazutun: Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass Altersgrenzen künftig gänzlich ausser Kraft gesetzt werden, die Pension als Zäsur innerhalb der nächsten zwanzig Jahre obsolet sein wird.
Bernadette Höller, Arbeitsmarktexpertin und Geschäftsführerin von Inszenio"Ich sehe eine Zukunft, in der Entwicklung und Veränderung nicht mehr am Alter festgemacht werden"
«Ich sehe eine alterslose Zukunft – in dem Sinne, dass es für die einzelne Person, aber eben auch in Unternehmenskontexten selbstverständlich ist, dass Entwicklung und Veränderung nicht mehr am Alter festgemacht werden», sagt Bernadette Höller (44), Arbeitsmarktexpertin und Geschäftsführerin von Inszenio, einem Beratungsunternehmen, das Führungskräfte in der persönlichen Entwicklung und bei der Gestaltung von Transformationsprozessen unterstützt.
Letztlich käme die Auflösung von Altersgrenzen der gesamten Gesellschaft zugute: «Wenn Menschen länger im Erwerbsprozess eingebunden sind und eine realistische Perspektive auf berufliche Veränderung haben, wird die Rushhour des Lebens zwischen dreissig und vierzig, in der vermeintlich alles geschehen muss, Familie, Kinder, Karriereschritte, entspannter», erklärt sie. «Man weiss, es ist buchstäblich Luft nach oben.»
Ältere Arbeitnehmende haben auch eine Bringschuld
Eine solche Entwicklung wäre geradezu visionär und würde einen enormen politischen Willen erfordern, «gerade, weil man unweigerlich auch alle Privilegien und Benachteiligungen des Alters durchgehen und sich überlegen müsste: Brauchts die noch?», führt Bernadette Höller aus.
Etwa, dass man mit steigendem Alter automatisch immer mehr verdient oder die Lauf bahn linear nach oben geht. «So gesehen haben ältere Arbeitnehmende eine Bringschuld. Sie müssen zum Beispiel bereit sein, sich bei einer beruflichen Neuorientierung zu sagen: Dann verdiene ich halt gleich viel wie vorher oder vielleicht sogar etwas weniger, aber das ist okay.»
Manuela Leonhard hatte lange keine Idee, wie sie ihren dritten Lebensabschnitt gestalten wollte. In ihrer Familie war die Pensionierung nie ein Thema gewesen. Ihre Mutter war Wirtin, hatte bis achtzig gearbeitet, das Restaurant und die Gäste waren alles für sie.
Um eine Dynamik in Gang zu bringen, bildete sich Manuela Leonhard parallel zu ihrer Tätigkeit als Assistentin der Zürcher Stadtpräsidentin zum systemischen Coach weiter. «Mit Menschen zu arbeiten, ihnen etwas von meiner Erfahrung mitzugeben, das hätte ich mir bis weit über das Pensionsalter hinaus vorstellen können», sagt sie.
Doch ihre Berufung fand sie, als sie während der Pandemie anfing, «ihr» Zürich zu fotografieren und die Bilder mit mutmachenden Worten auf Linkedin und Instagram zu publizieren. Damit traf sie einen Nerv: Innert kurzer Zeit gewann sie Zehntausende Follower.
Als die Stadtpräsidentin 2022 wider Erwarten für eine weitere Amtszeit kandidierte, realisierte Manuela Leonhard, dass sie sich durch das Coaching verändert hatte, sie sah in ihrem Job kein Weiterkommen mehr. Das habe sie zu plagen begonnen. Sie hat vier erwachsene Kinder, ist geschieden, sie brauchte eine berufliche Perspektive. «Eines Tages wurde ich von jungen Marketing-Cracks kontaktiert, die mich motivierten, aus meinem Social-Media- Auftritt etwas Professionelles zu machen», erzählt sie. «Ich dachte: Wie schräg ist das denn? Das hat den Stein ins Rollen gebracht.»
Die Zahl ihrer Follower: Aktuell rund 112'000
An einem Event lernte sie einen Unternehmer kennen, einer ihrer Follower, 33 Jahre alt, so alt wie ihr zweitjüngster Sohn. Er bot ihr einen Teilzeitbürojob in seiner Firma an, die er mit drei Kollegen gegründet hatte. Damit würde sie ihre Fixkosten abdecken und nebenher ihre Marke in den Sozialen Medien etablieren können. «Das gab mir die Freiheit, die ich brauchte», sagt sie. «Auch die Freiheit, mit 58 meine Stelle bei der Stadt zu kündigen.»
Heute baut die Sechzigjährige ihre Reichweite als «Best Ager Influencer» weiter aus. Ihre Aufträge wählt sie nach dem Credo: «Ich mache es nur, wenn es schön, lustig oder zum Essen ist. Alles andere wäre nicht authentisch.» Die Zahl ihrer Follower auf Linkedin und Instagram: Aktuell rund 112'000. Sprechen sie Follower auf der Strasse an, versucht sie, deren Namen und Gesichter im Gedächtnis zu behalten. Das sei ein mindestens so effizientes Gehirntraining wie Kreuzworträtsellösen.
Manuela Leonhard, Influencerin"Es gibt viele über 55-Jährige, die Lust und Kraft haben, etwas Neues zu reissen. Und die Chefs geben ihnen keine Chance"
Wir treffen uns in der Lobby eines Hotels in Zürich, das sie später in einem Instagram-Post erwähnen wird. Manuela Leonhard trägt ein kurzes rotes Kleid, schwarze Stiefel, die Haare schulterlang, sie ist fokussiert. Nach unserem Gespräch steht bei ihr ein Termin bei Brand-Expert:innen auf dem Programm. «Es ist Zeit», sagt sie, «dass ich meine Marke schärfe.» Kurze Zeit nach unserer Begegnung würde sie ihren neuen Brand bekannt geben: Ambassad'Or - For the Golden Years.
Regelmässig wird sie von Firmen eingeladen, Keynote Speeches zu halten. Um über den Umgang mit Sozialen Medien zu reden, vor allem aber darüber, wie sie es mit 58 geschafft hat, sich neu zu erfinden. Sie soll die Mitarbeitenden inspirieren, sie wissen lassen, dass man mit fünfzig nicht zu alt ist für alles. Oft steht sie bei diesen Gelegenheiten für jene Menschen ein, die in ihren Fünfzigern den Job wechseln wollen.
Nicht alle freuen sich auf die Pensionierung
«Ich erkläre der Unternehmensleitung dann jeweils, dass sich vielleicht achtzig Prozent der Menschen auf ihre Pensionierung freuen mögen, und das sei ja auch ganz okay», sagt sie. «Gleichzeitig aber gibt es viele über 55-Jährige, die Lust und Kraft haben, etwas Neues zu reissen. Und sie, die Chefs geben ihnen keine Chance. Ob sie denn das Gefühl hätten, sie würden selbst nicht auch einmal älter?»
In den USA stelle gerade ein Achtzigjähriger die Welt auf den Kopf, und hier, in der Schweiz, in einem der reichsten Länder der Welt, habe man mit fünfzig schon den Zug verpasst. «Das kann einfach nicht sein!»
Manuela Leonhard, Influencerin"Alle reden über Longevity. Aber was geschieht dann mit diesen topfitten Alten?"
Meistens erhalte sie als Antwort betretenes Schweigen, davon aber lasse sie sich nicht beirren. «Das zeigt mir bloss, wie widersprüchlich unsere Gesellschaft ist», betont sie lakonisch. «Heute reden zum Beispiel alle über Longevity, ein Milliardengeschäft, das darauf abzielt, dass Menschen bis weit über neunzig topfit sind. Aber was geschieht dann mit diesen topfitten Alten? Sie hätten auch Anrecht auf eine sinnstiftende bezahlte Tätigkeit und müssten in ein soziales Umfeld eingebunden werden können, sonst verkümmern sie. Da stimmt es doch nicht, wenn man Leute schon mit fünfzig vom Arbeitsmarkt wirft und Mitte sechzig in Pension schickt.»
Manuela Leonhard weiss, dass sie mit ihrem Tun zu denken und zu reden gibt. Gerade von jungen Frauen hört sie oft, dass sie eine Inspiration ist für sie, dass sie ihnen die Angst vor dem Alter nimmt. Das findet sie schön. Und spornt sie an. «Ich bin mir sicher, da draussen wartet noch ganz viel auf mich», sagt sie. «Irgendwie fühlt es sich an, als ob ich eben erst angefangen hätte.»