Leitner lamentiert: Wie deep ist deep genug?
Das Leben löst eine Lawine an Gefühlen aus. Grund genug für Lifestyle Editor Linda Leitner, um in ihrer Kolumne laufend ganz liebevoll zu lamentieren. Weil: Irgendwas is immer. Heute: Die Gen Z lernt sich aktuell gerne über substanzielle Fragenspiele kennen. Haben wir verlernt, uns einfach zu unterhalten? Von der irren Inflation der Tiefe.
- Von: Linda Leitner
- ZVG, Unsplash; Collage: annabelle
Poolwasser glitzert, Augen schmachten, Muskeln und Lipgloss glänzen. «Wie bist du grossgeworden?», fragt Lennert. «Whoa, du steigst richtig deep ein», haucht Cassy. Der Strass auf ihren Eckzähnen funkelt. Sie lächelt: «In Berlin grossgeworden, schöne Kindheit...»
«Weisst du, wie es bei mir war?», unterbricht Lennert. «Ich war ein richtig hässliches Kind. Mit siebzehn Brille, verrückte Haare.» «Merkst du, was du machst?», Cassy ist irritiert. «Ich hab mich geöffnet», sagt Lennert. Er sagt es stolz. Ich sage: Da liegt ein Missverständnis vor.
Diese fast schon rührende Szene ist Teil der zweiten Staffel der Netflix-Datingshow «Too Tot To Handle Germany», in der man attraktive Deutsche um die Zwanzig aufeinander loslässt, um im Wahne der Fleischeslust möglichst schnell tiefe Verbindungen zu formen. Und das muss schnell gehen, sonst ist die Chance auf den Sieg dahin.
"Wenn alles tief ist, wann hat Tiefe dann noch Tiefe?"
Es heisst ja, man könne nicht alles bierernst nehmen, was im Fernsehen läuft, aber: Besagte Situation ist symptomatisch. Denn auf dem steinigen Weg des Sich-Kennenlernens gibt es aktuell einen praktischen Shortcut: Erst Eis, dann Seelen brechen. Es knackt? Das ist exakt der Moment, um nach Soft Spots zu angeln. Wichtig: «deep» reingehen, sich offenbaren. Das wird erwartet, das weiss auch der schöne Lennert. Aber wer weiss, wo Tiefgang losgeht? Bei Lennerts Frisur? Wenn alles tief ist, wann hat Tiefe dann noch Tiefe?
How deep is your love
Es ist mal wieder kompliziert. Vielleicht um Struktur in zerfaserte Nervenstränge zu bringen, hat es sich die Gen Z zum Hobby gemacht, zu jeder Gelegenheit ein Fragespiel mitzuführen. Auf Parties, Trips, Dates. Wer sich umgehend als Intellektuelle:r positionieren will, zitiert am besten den Schweizer Literaten Max Frisch. Der wünscht neben «Halten Sie sich für einen guten Freund?» und «Wofür sind Sie dankbar?» auch zu wissen, ob es klassenlosen Humor gibt, warum Sterbende nie weinen und wer den Kastrationskomplex erfunden hat.
Leichte Kost für den Einstieg also, um voll deep reden zu können. Unpopular Opinion, aber: Warum kann man sich bei ersten Dates nicht normal unterhalten? Ergeben sich interessante Fragen nicht organisch aus dem Gespräch, wenn es gut läuft? Gerade dem spielerischen Geplänkel wohnt doch ein ganz besonderer Zauber inne.
"Ein Geheimnis ist schliesslich immer ein Geschenk, das man sich verdienen muss"
«Over 1 million people spared from smalltalk» – mit diesem Claim wirbt das beliebte Fragekarten-Set «We're Not Really Strangers» auf seiner Website. Über eine Million Menschen seien durch das Spiel vom Smalltalk erlöst worden, also. Erlöst! Zum guten Glück. Es scheint, als hätten die Menschen panische Angst vor Banalitäten und – noch schlimmer – davor, individuell darauf reagieren zu müssen, ja: vor eben jenem oft herrlich sinnentleerten, aber kreativem Plaudern. Hat uns die Künstliche Intelligenz, die immer öfter auch bei schwierigen Konversationen unterstützt, die Spontanität verlernen lassen? Und warum zur Hölle muss es sofort tief werden mit Menschen, die man kaum kennt? Wie schade ist es, all das Emotions-Pulver schon am Anfang zu verschiessen, statt die Stimmung langsam aufzuladen?
Ich mag es, mich und andere wie eine fleischgewordene Zwiebel nach und nach zu schälen. Ich liebe es, anhand von ersten lieb gemeinten Sticheleien zu merken, dass man sich näher kommt. Ein Geheimnis ist schliesslich immer ein Geschenk, das man sich verdienen muss. Dann: Feuerwerk.
Rolling in the deep
Versteht mich nicht falsch: Familie, Freund:innen, Lover und sich selbst mit Fragen, die man sich sonst nicht stellen würde, näher zu kommen, ist wahnsinnig spannend. Und klar: ein Fragebogen kann ein Starter-Kit sein, das Sicherheit gibt. Schliesslich gibt es das Drehbuch vor. So lassen sich zudem Werte abgleichen, ohne viel Zeit zu verlieren – denn wer hat die schon? Aber genau darin liegt vielleicht auch die Gefahr: Deep Talk ist die gut ausgeleuchtete Bühne zur Selbstdarstellung. Ein paar performative Antworten und zack: Steckt man knietief im Gefühl von Nähe, ohne sich ernsthaft öffnen zu müssen.
Man verzeihe mir einen erneuten Trash-TV-Exkurs: In der aktuellen Netflix-Show «Love Is Blind Sweden», bei der sich Singles kennenlernen, ohne sich zu sehen, äussert Kandidat Daniel die Angst, für seine Date-Partnerinnen unattraktiv und flach zu wirken, da es ihm schlichtweg nicht vergönnt ist, anhand von Schicksalsschlägen in die Tiefen seiner Seele blicken zu lassen. Nur wer im Kennenlern-Prozess schnell emotional wird, scheint in den schwedischen Dating-Kabinen authentisch und eben «deep».
Verletzlichkeit wird zu einer Art sozialen Währung, die in einem wilden Wettbewerb in Offenheit gipfelt. Welch Theater! Ja, Performance. Wir lernen drum: Nicht alles, was vertraut klingt, ist wirklich intim. Gerade beim ersten Date möchte man sich gut darstellen. Da kann mir keiner erzählen, dass man topmotiviert alle Seitensprünge gesteht, nur weil ein hübsch gestaltetes Kärtchen danach fragt.
In too deep
Aber was ist der Grund für die kollektive Frage-Antwort-Obsession? Auch Podcasts wie «Hotel Matze» oder «Gemischtes Hack» haben ihre Interviewformate weitergedacht und als Karten-Set herausgebracht – denn ihre Hosts sind wahnsinnig gut darin, herauszufinden, wie andere Leute ticken. Laut Psychotherapeutin Romina Reginold macht das sozialpsychologisch absolut Sinn. «Je mehr man sich selbst offenbart, desto stärker ist das Gefühl der Verbundenheit», weiss sie.
Die Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit von Social Media und Dating-Apps wecken ein starkes Bedürfnis nach Vernetzung und tiefer Verbundenheit. Weil wir vermehrt Tasten statt Menschen drücken und Matches statt Tränen wegwischen, haben wir ein aufpoliertes Universum an virtuelle Freund:innen, die wir bloss vermeintlich zu kennen meinen.
"Wer mit feuchten Äuglein all seine Unsicherheiten und Ängste offenlegt, kann einen im Nachgang trotzdem ghosten"
Was ist denn aber echte Nähe? Romina Reginold weiss: «Sich schnell zu öffnen, kann ein Gefühl von Vertrauen auslösen. Ausserdem das Gespräch frisch und lebendig halten und den anstrengend wirkenden Smalltalk vermeiden. Ob die Connection deswegen echter ist und längerfristig hält, ist fraglich.» Nur weil man über tiefe Themen gesprochen hat, heisst das nicht, dass man wirklich verbunden ist. Wer mit feuchten Äuglein all seine Unsicherheiten und Ängste offenlegt, kann einen im Nachgang trotzdem ghosten. Die Fähigkeit sich zu öffnen, ist keine Garantie für Interesse oder gar Reife.
Wahre Nähe beruht auf Gegenseitigkeit. Auf emotionaler Resonanz. Und Vertrauen. Es braucht eine Basis. «Tiefe braucht Zeit und Konstanz», so die Psychotherapeutin. Die lässt sich nicht erzwingen. Kein Wunder, kommt mir das alles überstürzt und konstruiert vor. Wo ist die Leichtigkeit hin? Das ausufernde Geblödel und die unkontrollierte Situationskomik? Es wäre doch schade, das vermeintlich Unwichtige zu überspringen und dadurch das Eigentliche zu verlieren: Die Vibes. Die kleinen Schritte. Das plötzliche Durchblitzen von wahrer Zuneigung. Denn genauso wie Zeit alle Wunden heilt, ist sie auch der Atemregler für sentimentale Tauchgänge. Aber glaubt mir: It's not that deep.