Warum sprechen wir nur noch negativ übers Muttersein?
Unsere Autorin fragt sich, warum Elternschaft heute fast nur noch als Krise erzählt wird — und weshalb es plötzlich Mut braucht, laut zu sagen, dass man das Muttersein liebt.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Death to Stock
Auf einer Skala von 1 – 10 hätte ich mir gestern eine 5 gegeben als Mama. Maximal. Ich habe meine Kinder eine Stunde am Morgen gesehen und eine Stunde am Abend. Und das war nicht einmal Quality Time, die Zeit war geprägt von «Putz endlich die Zähne», «Schuhe an!» und «Nein, keinen Löffel schmeissen!». Ich war genervt, am Ende meiner Kräfte (PMS, hallo!) und danach fühlte ich mich furchtbar und habe mich gefragt, was das für ein Leben ist.
Solche Tage gibt es. Immer wieder. Ich könnte jetzt einen Post darüber auf Instagram verfassen oder meinen Freundinnen davon berichten. Ich würde sehr viel Zuspruch bekommen. Auf Social Media kann man sich schnell Gratis-Applaus holen für Beiträge nach dem Motto: «Es ist unmöglich, Mutter zu sein, wer soll das schaffen?». Tue ich nicht.
"Wir alle kämpfen und fühlen uns manchmal so, als würde uns alles entgleiten"
Habe ich aber schon. Weil ich eine virtuelle Umarmung brauchte, weil ich nach dem Gefühl gesucht habe, nicht allein zu sein mit solchen Momenten. Wir alle kämpfen, improvisieren ständig und fühlen uns manchmal so, als würde uns alles entgleiten. Es tut sehr gut, dass man das heute zugeben kann. Und nicht nur nicht geshamed, sondern im besten Falle sogar aufgefangen wird.
Muttersein als Erfüllung?
Das war nicht immer so. Ich bin mit einer perfekten Mutter aufgewachsen, die bis heute sagt, dass Muttersein ihre grosse Erfüllung war — und dass sie sich, falls es überhaupt jemals schlechte Tage gab, kaum noch an sie erinnert, weil die guten alles überstrahlten. Und das meint sie wirklich so.
In einem schwachen Moment hat sie mal zugegeben, dass ich «einmal einen echten Schreitag» hatte als Baby. Ich lache, während ich das schreibe. EINMAL? Und die Geburt tat übrigens auch nicht sonderlich weh. Zumindest «vergisst man das sofort, wenn das Baby da ist». Also ich weiss nicht, wie es euch geht, aber mein persönliches Wunder der Verdrängung ist bisher ausgeblieben.
"Die Frauen dieser Generationen würden über uns sagen, dass wir mal unsere Privilegien checken und aufhören sollen zu jammern"
Die Frauen dieser Generationen würden über uns sagen, dass wir mal unsere Privilegien checken und aufhören sollen zu jammern. Sie haben einen Punkt. Und natürlich schreibe ich diesen Text aus einer privilegierten Perspektive. Existenzielle Sorgen, Krankheit oder Alleinerziehen sind noch einmal eine ganz andere Realität. War es für unsere Mütter schwerer, eine Frau zu sein? In vielerlei Hinsicht ja. Aber war es schwerer, Mutter zu sein? Ich würde das bezweifeln.
Muttersein ist ein Fulltime-Job, da sind wir uns alle einig. Nur doof, wenn dazu heute noch ein zweiter Fulltime-Job kommt. Oder auch «nur» ein 60-Prozent-Job. Wenn man 17 Eltern-Chats auf 11 verschiedenen Apps offen hat, Kostüme nähen muss für das Schultheater und Spenden sammeln für das Fussballturnier. Hausaufgaben. Snackbox. Wieder keine Windeln.
Und wenn man dazu noch den Anspruch hat, sein Kind halbwegs gesund zu ernähren, in einer Welt voller industriell verarbeitetem Zucker, vor jeglicher Gefahr fernzuhalten und nachts aufschreckt, weil man sich fragt, was das Kind denn nun um Himmels Willen später einmal lernen könnte, jetzt wo KI… ihr wisst schon. Also ja, ich glaube, wir Eltern haben heute sehr viele Challenges, die es damals so nicht gab. Wir sind überstimuliert und ausgebrannt. Und nein, es ist zu simpel, Social Media für alles die Schuld zu geben.
Massiv mehr Druck
Wir stehen unter einem anderen Druck als die Eltern vor uns. Selbstgemacht? Vielleicht. Elternsein ist irgendwie professionalisiert worden und learning by doing reicht heute nicht mehr. Man muss schon mindestens jede Woche einen Podcast über Erziehung hören, sein Wasser drei Mal filtern und nächtelang die richtige Sonnencrème recherchieren. Es ist toll, dass wir heute Zugang zu so viel Wissen haben. Aber ist es womöglich zu viel?
"Ich habe Angst, als Tradwife-Sympathisantin oder gleich als Verräterin am Feminismus zu gelten, aber: Ich liebe es, Mutter zu sein"
So, jetzt habe ich brav alles aufgezählt, was schwer ist. Jetzt kann ich also sagen, was sich fast ein bisschen verboten anfühlt. Es ist das grosse Aber, das ich mir schon lange denke, aber nie ausgesprochen habe, weil ich Angst habe, als Tradwife-Sympathisantin oder gleich als Verräterin am Feminismus zu gelten: Ich liebe es, Mutter zu sein. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Micdrop.
Ist es nicht verrückt, dass es Mut braucht, so etwas Simples zu sagen? Würde ich das posten, würde ich virtuelles Augenrollen ernten, davon bin ich überzeugt. Niemand mag Posts, denen die Sonne aus dem Arsch scheint. Schon gar nicht von Müttern. Wir mögen eine leidende Frau, weil wir uns dann selbst besser fühlen.
"Wann wurde Mutterschaft eigentlich zur Diagnose?"
Übermutter oder Wrack. Dazwischen gibt es nichts. Das macht mich traurig. Und wann wurde Mutterschaft eigentlich zur Diagnose?
Über seine Leiden zu sprechen war früher tabu. Heute bewegt man sich damit auf sozial akzeptiertem Terrain. Man schafft Verbindung über Empörung, über Überforderung, über das gemeinsame Gefühl, dass alles zu viel ist. Und Negatives wirkt dabei oft tiefgründiger als Zufriedenheit. Wie kann man in einer Welt, die zu zerfallen droht, auch zufrieden sein?
Kein Platz für Mutterfreuden
Im Zeitalter der vermeintlichen Authentizität ist es wichtig, negative Dinge anzuprangern. Dann ist man deep, dann ist man echt. Aber die Freude über die Kinder ist doch auch echt – vielleicht echter als vieles andere. Warum hat sie keinen Platz?
Warum muss bei jeder Erzählung sofort das «Aber» kommen? «Mein Kind schläft durch, …aber dafür isst es total schlecht», man will ja niemanden verärgern mit seinem Glück.
Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren fast ausschliesslich negativ über Elternschaft in den Medien berichtet wird. Es gibt ein ganzes Belletristik-Genre über die überforderte Mutter. Ich habe vieles davon gelesen und gefeiert und ehrlicherweise muss ich sagen, dass das Leben einer zufriedenen Mutter auch einfach kein guter Plot ist.
"Haben wir verlernt, positiv über Elternschaft zu sprechen, aus Angst, damit all das zu gefährden, wofür wir so lange gekämpft haben?"
Was heute in der Presse als mutiger Tabubruch verkauft wird, sind in vielen Artikeln vor allem möglichst drastische Geschichten über Burn-out, Horrorgeschichten über postnatale Depressionen, Regretting Parenthood — und das Scheitern am Elternsein. Diese Geschichten gibt es. Und sie sind schlimm. Nur wenn man über Probleme und Fehler im System spricht, kann man sie überwinden. Man muss das also unbedingt thematisieren. Aber doch nicht ausschliesslich.
Haben wir verlernt, positiv über Elternschaft zu sprechen, aus Angst, damit all das zu gefährden, wofür wir so lange gekämpft haben? Aus Angst, unsere Kritik am System könnte dadurch plötzlich weniger legitim wirken?
Haben wir es übertrieben mit der Ehrlichkeit?
Ich habe jüngere Freundinnen, die sich aufgrund der negativen Erzählungen von uns Millennial-Müttern gegen Kinder entscheiden. Warum soll man auch sein Leben aufgeben für etwas, das man ganz offensichtlich unwiderruflich bereuen wird? Haben wir es übertrieben mit der Ehrlichkeit?
"Es hilft sicher nicht, dass uns als Gesellschaft allgemein die Zwischentöne abhandengekommen sind"
Ich nehme mich und meine Arbeit davon nicht aus. Auch wenn ich zu meinen Worten stehe und weiterhin ehrlich über Mutterschaft berichten werde, frage ich mich, ob wir womöglich die Sprachlosigkeit unserer Mütter überkompensiert haben. Es hilft sicher nicht, dass uns als Gesellschaft allgemein die Zwischentöne abhandengekommen sind.
Laut einer deutschen Studie würden sich 20 Prozent aller Eltern mit dem Wissen von heute nicht noch einmal für Kinder entscheiden. Das sind viele. Aber es bedeutet eben auch: Die grosse Mehrheit würde diesen Weg wieder wählen. Hören wir von diesen 80 Prozent? Nein. Weil es nicht en vogue ist. Weil es nicht klickt. Der Algorithmus reagiert nicht auf Positivität.
Eine Extraportion Leben
Elternschaft ist die komplexeste Sache der Welt. Sie ist gross, brutal, existenziell. Und verdammt, sie ist das Lebendigste, was ich je erlebt habe. Eine Extraportion Leben.
Manchmal schreie ich innerlich vor Überforderung, aber öfter vor Glück. Ich weine vor Nostalgie, weil ich nicht will, dass es vorbeigeht. Dann wiederum will ich einfach nur allein sein. Manchmal kann ich es nicht fassen, dass ich zwei Menschen in meinem Leben habe, die ich von Anfang an begleiten und beim Grosswerden beobachten darf. Durch deren Augen ich die Welt noch einmal anders sehen darf. Die vielleicht in fünfzehn Jahren ihren beknackten Boyfriend an Weihnachten mitbringen, irgendwann ihr ganz eigenes Leben haben, um die Welt ziehen oder selbst Eltern werden — und vielleicht sogar eines Tages meine Hand halten, wenn ich sterbe.
Vielleicht muss aber auch nicht immer alles so gross sein. Vielleicht darf auch das kleine Glück einmal Platz haben. Das ist womöglich ungefähr so langweilig, wie wenn jemand seine Träume von letzter Nacht erzählt. Aber ich fange trotzdem damit an:
Meine jüngste Tochter klatscht mir morgens ihre Patschehand ins Gesicht und weil sie nicht flüstern kann, schreit sie: «Mami. Buch.» Wenn sie denkt, dass ich sie nicht sehe, weil sie sich die Augen zuhält, ist das das Süsseste der Welt. Mein grösster Erfolg ist es, wenn ich sie zum Lachen bringe und sie «nomal!» gluckst.
Übrigens: Als ich an diesem Tag, an dem ich mir eine 5 von 10 als Mama geben wollte, ins Bett ging, lag auf meinem Kissen ein Post-it meiner Grossen: «Mami, du bisch die Bescht».