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In eigener Sache: annabelle gewinnt den Zürcher Journalistenpreis. Lest jetzt die Reportage

In eigener Sache: annabelle gewinnt den Zürcher Journalistenpreis. Lest jetzt die Reportage "Weg vom Schuss"

An diesem Strand in Panama treffen sich israelische Soldat:innen nach ihrem Einsatz in Gaza. Wie blicken sie auf den Krieg – und auf ihr eigenes Tun? Unsere Autorin hat versucht, ihre Perspektive zu verstehen – und mit ihrer Reportage den Zürcher Journalistenpreis gewonnen. Hier könnt ihr sie noch einmal lesen.

Wer einen Ort sucht, an dem Himmel und Hölle aufeinandertreffen, sollte nach Playa Venao reisen. Tagsüber scheint die Sonne mit ganzer Kraft auf den Strand, der zwischen zwei Hügelzügen liegt wie in einem gut geschützten Nest. Es gibt ein Dorf mit Restaurants, Supermarkt, Yogazentren, Surfschulen, Hotels und einer Synagoge. Junge Menschen laufen in Richtung Meer, braungebrannt, ein Surfbrett unter dem Arm. Sie werfen sich ins Wasser, paddeln hinaus und warten auf die richtige Welle. Wenn sie sie erwischen, gleiten sie übers Wasser und lassen sich vom Ozean tragen. Später sehen wir sie eine Piña Colada schlürfen, ein Pitabrot in Hummus tunken, im Rhythmus von elektronischer Musik in den Sonnenuntergang tanzen.

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"Doch der Krieg ist mitgereist, er lässt sich nicht abschütteln"

Das ist der Himmel von Playa Venao. Er ist einfach zu sehen. Die Hölle erkennt man erst auf den zweiten Blick, wenn die jungen Menschen zu erzählen beginnen. Die meisten von ihnen kommen aus Israel. Sie teilen etwas: einen Schmerz, eine unsichtbare Verletzung, denn viele waren Soldat:innen im Gazakrieg. An der Pazifikküste von Panama versuchen sie, den Horror hinter sich zu lassen. Sie surfen, meditieren, machen Yoga, feiern. Doch der Krieg ist mitgereist, er lässt sich nicht abschütteln. Und manchmal, wenn die jungen Israelis nicht konzentriert auf ihren Brettern stehen, überfällt er sie.

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Was bisher geschah

Der jüngste Krieg zwischen Israelis und Palästinenser: innen beginnt am 7. Oktober 2023. An diesem Tag dringen Hamas-Terroristen aus dem Gazastreifen in Israel ein und ermorden mehr als 1200 Menschen, darunter Alte, Kinder und Babys. Sie metzeln sie in ihren Kibbuzim nieder und erschiessen sie am Supernova-Musikfestival, einem Open-Air-Event, das in der Nähe des Gazastreifens stattfindet. 251 Geiseln werden in den Gazastreifen verschleppt. Es ist die schlimmste Terrorattacke auf das Land in der Geschichte Israels. Kurz darauf beginnt die israelische Militäroffensive «Eiserne Schwerter», die bis heute anhält. Das erklärte Ziel Israels: Die Geiseln zurückzuholen und die Hamas zu zerstören.

Seit Israel den Krieg begonnen hat, sind laut der Vereinten Nationen (UNO) mehr als 1.9 Millionen Menschen innerhalb des Gazastreifens vertrieben worden, viele davon mehrfach. Das entspricht 90 Prozent der Bevölkerung. Rund 65 000 Palästinenser: innen wurden seit Kriegsbeginn getötet, mehr als 162 000 verletzt. Die Zahlen beruhen auf dem von der Hamas geführten Gesundheitsministerium im Gazastreifen sowie dem Gaza Media Office und werden von der UNO als glaubwürdig erachtet. Das israelische Militär (IDF) greift auch Schulen und Krankenhäuser sowie von Israel definierte Schutzzonen an; diese Orte seien Verstecke der Terroristen.

"Wer den Krieg selbst erlebt hat, weiss, dass er nie klaren Linien folgt, nie schwarz und weiss ist, sondern immer nur schmutzig grau"

UNO-Fachleute sowie Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International werfen Israel einen Genozid an den Palästinenser:innen im Gazastreifen vor. Auch eine unabhängige Untersuchungskommission des UNO-Menschenrechtsrats kommt Mitte September 2025 zu diesem Schluss. Zudem befasst sich der internationale Gerichtshof in Den Haag mit einer Genozid-Klage, die Südafrika 2023 gegen Israel eingereicht hat. Israel weist die Vorwürfe zurück. Ende August 2025 ruft die UNO eine Hungersnot in Gaza aus, gemäss Generalsekretär António Guterres eine Folge der israelischen Belagerung und Blockade: humanitäre Hilfe werde massiv behindert, lebensnotwendige Güter nicht in ausreichender Menge zugelassen.

Der Krieg in Gaza fordert auch in der israelischen Armee Opfer. Laut des israelischen Aussenministeriums starben insgesamt über 900 Soldat:innen, mehr als 6200 wurden verletzt, knapp 50 sollen Suizid begangen haben. Im Laufe der Zeit haben überdies immer mehr Reservist:innen den Dienst verweigert. Im April 2025 berichtete die deutsche «Tagesschau» von mehr als 100 000 Verweiger:innen. Es gibt dazu keine offiziellen Angaben, aber Schätzungen zufolge leisten nur noch rund fünfzig Prozent der Reservist:innen ihrem Aufgebot Folge.

Das sind die Zahlen bei Redaktionsschluss. Sie sollen den Krieg fassbar und verständlich machen.

Wir, die ihn nur aus den Nachrichten kennen, glauben, ihn so verstehen zu können. Wir sprechen von Gewinner:innen und Verlierer:innen, Opfern und Tätern. Doch wer den Krieg selbst erlebt hat, weiss, dass er nie klaren Linien folgt, nie schwarz und weiss ist, sondern immer nur schmutzig grau.

Was hat der Krieg mit den jungen Soldat:innen gemacht?

Als ich vor zwanzig Jahren als freie Journalistin ins Westjordanland und in den Gazastreifen ging, war ich gleich alt wie die Soldat:innen in Playa Venao, Mitte zwanzig. An den Wochenenden reiste ich oft nach Israel, um mich zu erholen, weil es dort zumindest vordergründig ein normales Leben mit Latte Macchiato, Strandbars und Konzerten gab. Schon damals schoss die Hamas Raketen nach Israel, fielen Bomben und Granaten auf Gaza, rollten israelische Panzer durch palästinensische Städte.

"Die meisten von ihnen sprechen nicht darüber, schon gar nicht öffentlich. Lieber sperren sie das Erlebte in die bombensicheren Bunker ihrer Seele und verriegeln die Tür"

Nach einigen Jahren im Nahen Osten zog ich nach Asien, und vor drei Jahren mit meinem Partner auf ein Segelboot, um die Welt zu bereisen. Unser Boot trug uns nach Panama, wo ich, im Februar dieses Jahres, auf diese kleine israelische Gemeinschaft am Playa Venao stiess. Längst hatten sich die Bitterkeit, Angst und Hoffnungslosigkeit, die mich nach meiner Zeit in den besetzten Gebieten und Israel noch lange begleitet hatten, aus meiner Seele gewaschen. Heute frage ich mich: Was haben der 7. Oktober und der Gazakrieg mit diesen jungen Menschen gemacht? Und was haben diese jungen Soldat:innen in diesem Krieg getan?

Die meisten von ihnen sprechen nicht darüber, schon gar nicht öffentlich. Lieber sperren sie das Erlebte in die bombensicheren Bunker ihrer Seele und verriegeln die Tür. Zu gross sind die Scham, der Schmerz und die Angst. Manche am Playa Venao wenden sich ab, wenn ich mit ihnen sprechen will oder der Fotograf sie um ein Foto bittet. Anderen ermöglicht die Distanz zur Heimat, in ihre inneren Verliesse herunterzusteigen und die Türen einen Spalt breit zu öffnen.

Seit einigen Jahren schon ist der Playa Venao Teil des «Hummus Trail», der Reiseroute israelischer Backpacker; nach dem Militärdienst auf eine grosse Reise zu gehen, gehört fast genauso zum Pflichtprogramm für Israelis wie der Dienst in der Armee. So landete auch Guy an diesem Strand. Er ist einer der ersten, der jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang mit seinem Surfbrett im Sand steht. Ein stolzer, starker, selbstbewusster Mann. Ich frage mich: Sieht so jemand aus, der Kinder, Frauen, Alte und Männer in Gaza erschiesst? Oder per Knopfdruck ihre Häuser sprengt?

Schnell verdränge ich diese Fragen. Ich will diesem Menschen mit Offenheit begegnen. Guy ist nicht sein richtiger Name, den will er nicht veröffentlicht haben, genauso wenig wie ein Foto von sich; das israelische Aussenministerium warnt seine Soldat:innen davor, in den Sozialen Medien Posts über ihren Militärdienst zu veröffentlichen, um sie vor möglichen Anklagen wegen Kriegsverbrechen zu schützen. Guy will trotzdem reden. Von Oktober 2023 bis März 2024 diente er als Elitesoldat im Gazastreifen, aus Überzeugung, wie er sagt. Schliesslich sei es nach dem 7. Oktober die Pflicht aller Israelis, ihr Land zu beschützen.

Guy (24) — Spezialeinheit

«Ich komme aus einer guten Familie. Wir hatten Geld, es ging mir gut. In meinem dreijährigen Militärdienst war ich in einer Spezialeinheit, deren Namen ich nicht sagen darf. Schon mein Vater war Kommandant in der Armee gewesen, meine drei älteren Brüder dienten in Kampfeinheiten. Jeder Mensch, der in Israel aufwächst, ist auf den Krieg vorbereitet; alle sind mit ihm aufgewachsen. Natürlich wusste ich, dass ich im Einsatz sterben könnte, aber darüber nachgedacht habe ich nie. Als Soldat tut man, was einem gesagt wird. Wir leben in einem ständigen Konflikt. Trotzdem finde ich die Israelis das beste Volk. Sie sind super einzigartig, gerade wegen des Konflikts.

Einen Tag, nachdem die Hamas Israel überfallen hatte, stand ich in Uniform bereit. Ich hatte ein hoch spezialisiertes Training bekommen, war vorher schon im Dienst gewesen. In Gaza begann unsere Mission: Strassen sichern, Einsätze Tag und Nacht. Ich erinnere mich an alles: Den Geruch von Leichen, Bomben und Explosionen. Ich tat, wofür sie uns jahrelang vorbereitet hatten. Ich war nicht nervös, auch kein Roboter, der nicht denken und fühlen kann. Ich habe einfach nur meine Arbeit gemacht; als ob mich jemand gebeten hätte, einen Kaffee zu kochen. Ich bin Israeli, wir haben ein Problem mit unseren Nachbarn, jetzt bin ich an der Reihe, meine Familie zu beschützen. Das dachte ich während des Einsatzes. Doch da war noch was: Der Tod war so nah – das gab mir ein Gefühl der Lebendigkeit.

"Ich träume entweder, dass mich jemand umbringen will oder dass ich jemanden umbringen will. Ich sterbe im Traum"

Guy (24)

In Gaza traf ich viele Zivilist:innen, die ihre Häuser nicht verlassen wollten. Wir sagten ihnen, dass sie nicht hierbleiben könnten. Ich habe ein paar alte Frauen gesehen, ein paar Familien. Auch ein kleines Kind, dessen Haus zerbombt worden war. Sie haben mir leidgetan, weil ich versuche, daran zu glauben, dass nicht alle in Gaza schuldig sind. Ich glaube, sie haben in mir einen schlechten Menschen gesehen, der gekommen ist, um sie zu töten. Aber so war es nicht. Ich bin gekommen, um mein Land zu schützen, die Geiseln zurückzuholen und Hamas-Terroristen zu töten. Ob ich jemanden getötet habe, weiss ich nicht.

Als ich aus dem Gazastreifen zurückkam, war mein erster Gedanke: Ich muss mein Leben leben. Immerzu dachte ich: Alles könnte viel schlimmer sein. Denn ich hatte Gaza überlebt. Jetzt sitze ich hier und trinke ein Bier. Ich lebe ein gutes Leben.

Erst vor zwei Wochen begannen die Alpträume. Ich träume entweder, dass mich jemand umbringen will oder dass ich jemanden umbringen will. Ich schiesse und sterbe im Traum. Vor drei Wochen sass ich mit zwei Freundinnen auf dem Balkon, wir tranken Tee. Irgendjemand zündete ein Feuerwerk, da sah ich einen F-15-Kampfjet auf mich zufliegen, spürte die Rakete auf mich zuschiessen, hörte sie explodieren, fühlte den Aufprall, sprang auf. Mein Körper war noch da, aber ich stand neben ihm, dann war alles schwarz. Als ich wieder zu mir kam, hielt ich eine meiner Freundinnen umklammert. Ich hatte mir alles bloss eingebildet.

An diesem Abend hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, dass etwas in mir nicht mehr so ist wie es vor meinem Kriegseinsatz war. Heute ist das erste Mal, dass ich mit jemandem über meine Zeit in Gaza spreche. Es kommen sehr viele Emotionen hoch. Ich habe Angst. Die Enge in meinem Hals, in meinem Brustkorb ist, als ob mir jemand die Luft abschneiden würde. Genau so habe ich mich in Gaza gefühlt, aber dort habe ich diese Gefühle verdrängt. Ich hatte eine Aufgabe, ein Ziel, ich musste handeln. Für die Angst gab es keinen Platz.»

"Wenn ich in Gaza aufgewachsen wäre, wäre ich auch ein Hamas-Terrorist geworden"

Guy (24)

Guy beginnt zu weinen. «Jetzt, da ich über meine Erlebnisse spreche, fühle ich mich ein bisschen besser. Auf das, was ich in Gaza getan habe, bin ich stolz. Ich bereue nichts. Ich habe getan, was ich tun musste. Und ich habe es gut gemacht.

Nur manchmal denke ich daran, dass es dort drüben auch gute Menschen gibt. Dann fühle ich mich schlecht. In Gaza zu leben ist natürlich beschissen. Die Leute haben nichts. Wenn ich in Gaza aufgewachsen wäre, wäre ich auch ein Hamas-Terrorist geworden; der beste Hamas-Terrorist, den du finden könntest. Sie und ich sind einfach nur an anderen Orten aufgewachsen. Ich wünschte, wir könnten in Frieden leben.

Nach meinem Einsatz in Gaza kam ich nach Playa Venao. Ich wollte Partys feiern, Mädchen abschleppen, doch dann begann ich, ernsthaft zu surfen. Dadurch hat sich alles verändert. Jetzt gehe ich an keine Partys mehr. Ich surfe jeden Tag, früh morgens und am Nachmittag noch einmal. Mein Leben hier folgt einer festen Routine. Sie tut mir gut. Was in Israel passiert, weiss ich nicht. Ich verfolge keine Medien, habe mich abgekoppelt von der Welt, von Gaza und von Israel. Das Wasser nimmt alles auf, wäscht alles rein.»

Emotionen sind nicht schwarz und weiss

Wenn der Krieg persönlich wird und die Protagonist: innen in diesem makabren Spiel auf einmal Namen tragen, wird es kompliziert. So geht es mir mit Guy; wie kann er Morden und Zerstören mit Kaffeekochen vergleichen? Und doch mag ich ihn. Ich bewundere seinen Willen, sich nicht als Opfer dieses Kriegs zu sehen, sondern sich mit eigener Kraft auf einen Weg der Selbstheilung zu begeben.

"Die Anspannung und Wachsamkeit, die im Krieg so wichtig war, verlassen viele der ehemaligen Kämpfer:innen auch in einem sicheren Umfeld nicht mehr"

Glaubt man den offiziellen Zahlen des israelischen Verteidigungsministeriums und der israelischen Streitkräfte leiden seit Kriegsbeginn ungefähr 31 000 Soldat:innen an Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). Ein lautes Geräusch oder eine schnelle Bewegung kann sie sofort wieder in den Krieg zurückkehren lassen.

Die Anspannung und Wachsamkeit, die in der Gefahrensituation im Krieg so wichtig war, verlassen viele der ehemaligen Kämpfer:innen auch in einem sicheren Umfeld nicht mehr. Manche können nicht oder kaum mehr arbeiten, sich nicht mehr konzentrieren, interessieren sich für wenig. In einer Liebesbeziehung zu leben, wird schwierig. Seit Kriegsbeginn werden in Playa Venao Retreats für israelische Soldat:innen angeboten, die an PTBS leiden. Mit psychologischer Hilfe sollen die Teilnehmenden lernen, über das Erlebte zu sprechen. Das Surfen soll ihnen helfen, ihre Aufmerksamkeit auf die Wellen zu richten, nicht auf den Krieg.

Guy tut mir leid; auch seine Seele ist verletzt. Gleichzeitig machen mich seine Worte wütend. Aber als er zu schluchzen beginnt, kann ich nicht anders, als seinen Schmerz mitzufühlen. Nicht nur der Krieg, auch die Emotionen im Gespräch mit Guy sind nicht schwarz und weiss. Sie verändern sich ständig. Wir mögen unsere Rollen spielen, ich die Journalistin, er der Soldat. Aber sind wir am Ende nicht primär Menschen?

Tamar steht in einem Atelier unweit vom Strand, an den Wänden hängen Bilder, die sie gemalt hat: Ein glatzköpfiger Mönch, die Hände zum Gebet gefaltet; das Porträt einer alten Indigenen; ein kleiner Buddhisten-Mönch auf einem Surfbrett. Tamars Eltern stammen zwar aus Israel, zogen jedoch nach New York, als die Kinder klein waren. Ihr Zuhause sei nicht nur jüdisch gewesen, sondern auch buddhistisch, erzählt Tamar.

Die Familie feierte Schabbat, aber sie meditierte auch. Mit 17 Jahren beschloss Tamar, für ein Zwischenjahr nach Israel zu gehen, um an einem Jugendprogramm teilzunehmen. Sie lernte Hebräisch – und fühlte sich zum ersten Mal wirklich zuhause. Wer ein Zuhause habe, müsse dieses aber auch verteidigen können, sagt sie. Deshalb ging sie in die Armee, in eine Kampfeinheit.

Tamar (23) — Bodentruppen

«Ich trainierte acht Monate, baute Muskeln auf, damit ich die schwere Ausrüstung über lange Distanzen tragen konnte. Die meiste Zeit meines Militärdienstes war ich an der Grenze zum Gazastreifen stationiert. Das war noch vor dem Gazakrieg. Es gab verschiedene Zwischenfälle: Ich war auf dem Feld, Raketen schlugen neben mir ein, ich rannte. Es war surreal, eine Art Minikrieg. Zu dieser Zeit war ich bereits Kommandantin und hatte zwischen 16 und 19 Soldatinnen unter mir.

Immer war es superheiss, ständig schleppten wir sehr viel Gewicht mit uns herum: Munition, Werkzeuge, Kameras. Fast alle entwickelten Knieprobleme, zwei Frauen brachen sich die Hüfte. Das waren keine Kampfverletzungen, sondern eine Art Erschöpfungsbrüche. Ich liess mich versetzen, bildete fortan Soldatinnen aus, weil ich im Einsatz gesehen hatte, wie mein Frauenkampfteam völlig ruiniert wurde. Ich wollte sie besser trainieren und so Verletzungen vorbeugen. Ich war als Kommandantin zuständig für etwa vierzig Soldatinnen.

Dann, nach zwei Jahren, endete mein regulärer Armeedienst. Zwei Monate später griff uns die Hamas an. Ich war an jenem Tag zuhause, während meine Einheit an der Grenze zum Gazastreifen wie verrückt gegen die Terroristen kämpfte.

Wenige Tage später rückte ich wieder ein. Sie schickten mich auf einen der wichtigsten Luftwaffenstützpunkte nördlich des Gazastreifens, wo ich die Umgebung schützen sollte. Ich war vier Monate im Gazakrieg, dann wurde ich entlassen, besuchte meine Familie in New York und ging nach Indien in ein Meditationsretreat. Zehn Stunden Meditation am Tag, zehn Tage im Schweigen.

In der sechsten Nacht hatte ich zum ersten Mal seit dem Krieg einen Albtraum. Danach ging es über Monate so weiter. Ich träumte, dass ich mich verstecken oder weglaufen muss, wichtige Entscheidungen zu treffen habe. Psychologische Hilfe nahm ich nie in Anspruch; der Buddhismus hilft mir dabei, mich selbst zu heilen. Während des Meditationsretreats lernte ich, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Aber ja, seit dem 7. Oktober ist mein Leben nicht mehr dasselbe; als ob ich jede Naivität, jede Glückseligkeit verloren hätte.»

Der Buddhismus sagt, man soll ein gewaltfreies Leben leben, kein Wesen töten oder verletzen. Wie kann man Kampfsoldatin sein und Buddhistin?
Ich habe versucht, mich daran zu halten. Aber auch als Buddhistin muss man sich verteidigen. Es ist der letzte Ausweg. In der Armee habe ich jeden Tag meditiert. In Indien im Retreat spürte ich viel Mitgefühl für all die Menschen in Israel, die ermordet wurden. Aber auch für die Palästinenser: innen in Gaza.

Viele sagen, Israel habe genau dieses Mitgefühl nicht aufgebracht in Anbetracht der riesigen Zerstörung im Gazastreifen, der Zehntausenden von toten Zivilist:innen, dem Flächenbombardement.
Ich bevorzuge die Bombardierung aus der Luft. Weil es bedeutet, dass ich als Soldatin wahrscheinlich nicht zu nahe an die Gefahr ranmuss. Wenn wir Bodentruppen schicken, setzen wir unsere Leute aufs Spiel. Die israelische Armee warnt die Menschen vor Ort, wirft Zettel ab und sagt: Wir werden dieses bestimmte Gebiet bombardieren, verschwindet!

Aber wohin sollen die Palästineser:innen gehen? Selbst die Schutzzonen werden bombardiert.
Ich weiss nicht, ob das stimmt. (Es stimmt, internationale Medien berichten einhellig, Anm. d. Red.) Es ist kompliziert.

Flucht aus der Realität

In dieser Nacht träume ich zum ersten Mal nach Jahren von meiner Zeit in Gaza. Wieder sehe ich die zerschmetterten Kinderschädel, gezackt wie makabre Scherenschnitte. «Granatsplitter», sagte damals der Arzt im Shifa-Spital, zog ein Tuch über die Leichen und wandte sich jenen zu, denen er noch helfen konnte. Im Traum gehe ich durch die zerbombten Häuser. Eine staubige Puppe, ein Familienfoto, eine Plastikblume: Mehr war in den Trümmern nicht geblieben, was noch davon erzählte, dass hier einmal gelebt, geliebt und gestritten worden war.

Irgendwann wache ich auf, denke an die Hoffnung, die ich 2004 noch in den Augen der Menschen sah, als ich zum ersten Mal nach Gaza kam. Schon damals war der Gazastreifen ein Freiluftgefängnis, ein brodelnder Kochtopf. Alle warteten darauf, dass er explodiert. Weiss Tamar das nicht? Weiss sie nicht, wie die Menschen im Gazastreifen lebten, bevor der Krieg kam? Will sie es nicht wissen?

Wie ist es möglich, dass sie von Mitgefühl spricht und doch keinen Moment zögert, den Gazastreifen bombardieren zu lassen, damit israelische Soldat:innen nicht sterben müssen? Wie kann sie Kampfsoldatin und Buddhistin gleichzeitig sein, wenn doch Gewaltlosigkeit und Mitgefühl zu den Grundpfeilern der buddhistischen Ethik gehören? Wie ist das möglich, angesichts der kompletten Zerstörung und Zehntausenden von Toten im Gazastreifen, frage ich mich.

Und später José Brunner. Jüdisch-orthodox in Zürich aufgewachsen, zog er vor fünf Jahrzehnten nach Israel, wo er bis 2018 als Professor an der Buchmann-Fakultät für Rechtswissenschaft und dem Cohn-Institut für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie der Universität Tel Aviv lehrte. Seit vielen Jahren erforscht er die politischen Ursprünge, Umfelder und Verwendungen von Trauma-Diskursen.

Im Mai dieses Jahres hat er ein Buch zur psychologischen Dynamik des Gazakrieges und des Nahostkonflikts publiziert. Brunner sagt: «Die israelische Regierung schafft es ständig, sich selbst nicht nur als Opfer, sondern als missverstandenes, ultimatives und alleiniges Opfer zu verstehen.» Dabei gäbe es doch ein alternatives Narrativ: «Wir sind alle Opfer. Oder: Wir sind Opfer und Täter.» Aber das würden die wenigsten Soldat:innen sagen.

«Sie haben das israelische, nationale Skript komplett verinnerlicht und stehen ihm kritiklos gegenüber.» Das Opfer-Narrativ werde von der Regierung und der Armee gefördert, zum Beispiel mit einem Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte in Auschwitz vor dem Armeedienst. Als oberste Maxime gelte: Never again, nie mehr. Dabei existierten eigentlich zwei Never again, sagt Brunner. «Das europäische: Sowas darf nie mehr passieren, deshalb braucht es Menschenrechte, internationale Gremien, die UNO. Und das jüdisch-israelische Never again: Das darf uns nicht mehr passieren. Wir lassen uns nicht mehr passiv umbringen. Wir führen Krieg. Wir schlagen zurück.»

Das erkläre die gnadenlose, erbarmungslose Gewalt der Israelis im Gazakrieg. Und auch wenn der Internationale Gerichtshof in Den Haag noch kein Urteil gefällt hat, ist Brunner überzeugt, dass das israelische Militär im Gazastreifen Kriegsverbrechen begeht: «Die israelische Regierung hat Gaza zu einem rechtlosen Raum gemacht, in dem alles erlaubt ist. Der Staat gibt den Soldat:innen dabei zu verstehen: Ihr seid in einer unerträglichen Situation, macht, was ihr wollt, niemand wird euch genau auf die Finger schauen, niemand wird euch zur Rechenschaft ziehen.»

Was bleibt also, frage ich mich, ausser verrückt oder krank zu werden, sich die Realität so zurechtzubiegen, dass man nicht ein Leben lang von Schuldgefühlen geplagt wird – oder ihr gleich ganz entfliehen zu wollen?

Die Soldat:innen am Playa Venao wollen surfen und Spass haben. Für beides ist Ohad zuständig. Nach drei Jahren Militärdienst kam er an diesen Strand in Panama, im Gepäck Boy, seinen belgischen Schäferhund, der sein bester Freund sei, wie er sagt, und ihm im Militär immer treu als Sprengstoffspezialist gedient hat.

Ohad liess sich den Kopf seines Schäferhunds auf den Brustkorb tätowieren. In Playa Venao eröffnete er das Kahuna Venao Surf & Wellness Camp, eine Surfschule. Abends steht Ohad unter bunt leuchtenden Neonröhren hinter seinem Mischpult und spielt elektronische Musik. Seine Gäste sollen sich ins Vergessen tanzen. Fit und cool mit sonnengebleichtem langem Haar sieht Ohad aus wie der perfekte Beach Boy. Als die Nachrichten vom 7. Oktober nach Panama durchsickerten, nahm er den ersten Flug in die Heimat. Ihm wurde ein Diensthund zugeteilt, dann wurde er vier Monate lang in den Gazastreifen abkommandiert.

Ohad (27) — Hundeeinheit der Special Forces

«Ich war mit meinem Hund immer der erste, der ein Haus oder einen Tunnel betrat. Zuerst schickte ich den Hund rein. Er trägt eine Kamera, so dass ich live sehen kann, was er sieht. Er schnüffelt nach Sprengstoff und Bomben, warnt uns vor Terroristen. Tritt er auf eine Bombe, stirbt er. Trifft er auf einen Terroristen, dann kriegt er die Kugel ab, nicht der Soldat. Stiess ich selbst auf Terroristen, neutralisierte ich sie. Mein Ziel als Hundeführer und das des Tieres ist dasselbe: das Leben eines Soldaten zu retten.

Am Anfang dachte die Armeeführung, dass fünfzig Hunde für den Krieg reichen würden, aber bald war klar, dass wir Hunderte brauchten. Im Gazastreifen arbeitete ich für verschiedene Einheiten mit sieben unterschiedlichen Hunden. Jedes Tier, das gestorben ist, hat mindestens sieben Menschen gerettet. Deshalb behandeln wir die Hunde wie Soldaten, denn das sind sie.

Im Krieg gibt es einen Alltag. Unser Vorgehen war immer dasselbe: Du bekommst ein Stadtviertel zugeteilt, in dem sich Terroristen verstecken. Den Bewohner:innen sagten wir, dass sie gehen müssen. Wer blieb, war unser Feind. Dann nahmen wir ein Haus ein, säuberten es, stellten sicher, dass es keine Bomben gibt, suchten Waffen und Geiseln.»

"Wenn ich sie nicht erschossen hätte, wäre ich jetzt nicht hier. Überall sah ich den Tod. Ich stand neben einem Soldaten, als er eine Kugel in den Kopf bekam"

Ohad (27)

Ohad nimmt sein Handy und spielt ein Video ab. Seine Helmkamera zeigt, wie er eine lange Treppe hinuntergeht. Unten angekommen macht sie einen Schwenk. Man sieht in einen langen dunklen Gang. «Diesen Tunnel fanden wir unter einem normalen Haus. Er lag sicher 15 Meter unter der Erde und war leer.

In jedem Haus, jedem Tunnel suchten wir nach Zeichen der Geiseln. Einmal fanden wir Kleidungsstücke, aber auf Geiseln stiessen wir nie. In jeder Strasse, in die wir einbogen, wurde geschossen. Täglich haben wir etwa zwanzig Menschen neutralisiert. Das erste Mal stand ich mit etwa hundert Soldaten und vier Panzern zwei Terroristen gegenüber. Statt sich zu ergeben, um am Leben zu bleiben, schossen sie auf uns. Sie haben keine Angst vor dem Tod.»

Den Tod gespeichert

Keine Angst vor dem Tod haben, kann man das überhaupt? Kann man es vielleicht, wenn das Leben die Hölle auf Erden ist? Ich denke an die jungen Männer in Gaza, damals, vor zwanzig Jahren, die sagten: «Morgen gehe ich an den Grenzzaun und sprenge mich in die Luft, dann bleibe ich zumindest als Märtyrer in Erinnerung.» Auch an die palästinensischen Mütter, die mir gegenüber im Interview bekräftigten: «Ich bin stolz, dass mein Sohn als Märtyrer gestorben ist.» Später sah ich die Mütter auf dem Friedhof, sah ihre Tränen, ihre Trauer und Angst, die sie nicht zulassen konnten, weil sonst ihr ganzes Leben einzustürzen drohte.

Zwanzig Menschen hätten er und seine Kollegen täglich getötet, sagt Ohad. Er zeigt keine Regung dabei, seine Stimme ist jeder Emotion beraubt. Ob auch er fürchtet, dass er zusammenbricht, falls er zu fühlen beginnt? Sagt er deshalb «neutralisieren» statt töten? Wenn der Tod zum täglichen Schatten wird, muss man die Angst vor ihm wegdrücken, die eigene Seele mit einer dicken Schaumschicht vor dem Grauen schützen.

Wie lange brauchen Soldat:innen, bis der Krieg nicht auf jeder Welle mitsurft? Darauf hat niemand eine Antwort. Weil niemand genau weiss, was wem hilft und wer welche Resilienz hat, um zu heilen und irgendwann ein sogenanntes «normales Leben» zu führen. Für Ohad zumindest ist der Tod auch heute noch gespeichert in der Fotogalerie seines Handys.

Auf dem Foto, das er mir nun zeigt, sehe ich zwei Palästinenser in Kampfmontur. Ihre Körper liegen verdreht am Boden, ihre Augen sind erstarrt, ihre Gesichter blutverschmiert. «Wenn ich sie nicht erschossen hätte, wäre ich jetzt nicht hier. Überall sah ich den Tod. Ich stand neben einem Soldaten, als er eine Kugel in den Kopf bekam. Einer wurde von einer Granate getötet, als er an einem Ort sass, an dem ich kurz davor gesessen hatte. Da fragst du dich: Wieso ist er gestorben und nicht ich?

Andere starben wegen unserer Nachlässigkeit. In der ersten Woche des Krieges habe ich den Hund in ein Gebäude geschickt. Er schnupperte und setzte sich, da wusste ich, dass eine Bombe im Gebäude ist. Der Zugkommandant sagte: Unter dem Haus ist ein Tunnel, wir müssen da rein. Ich sagte: Wir können da nicht rein, da ist eine Bombe! Er: Ist mir egal. Wir stritten, ich versuchte ihn zurückzuhalten, aber er befahl seinen Männern, ins Haus zu gehen. Dann explodierte die Bombe.

Der Zugkommandant und vier seiner Soldaten starben. Vier weitere verloren ihre Beine. Ich wusste, dass ich das Beste getan hatte, trotzdem fühlte ich mich schuldig, bis heute ist das so.

Vor den Terroristen und ihren Fallen mussten wir ständig auf der Hut sein, aber ich traue auch den Zivilist: innen nicht. Einmal wollten wir ein Haus betreten, doch das Tor war verschlossen. Also haben wir es aufgesprengt. Dahinter war eine Tür, doch bevor wir den Hund reinschicken konnten, streckte einer eine weisse Flagge aus dem Türspalt. Wir stoppten sofort, flogen eine Drohne rein und sahen eine Familie. Ein Vater, drei Kinder und etwa sieben Frauen.

Wir begannen, sie zu befragen. Der Vater sagte unserem Übersetzer, dass seine Tochter Autistin sei und sie mit ihr nicht so weit gehen könnten, deshalb seien sie geblieben. Dann durchsuchten wir das Haus und fanden im zweiten Stock drei Walkie-Talkies und vier Kalaschnikows. Schliesslich gab der Vater zu, dass er für die Hamas spionieren und ihnen mitteilen musste, wann wir kommen. Was wir mit der Familie gemacht haben? Wir haben sie verhaftet und mitgenommen.»

Nächstes Foto. Ohad steht neben einem anderen Soldaten in einem Haus. Sein Kollege trägt eine gelbe Mütze und ein enges Kleid, das wie ein Kinderkleid aussieht. Sie lachen. «Diese Sachen haben wir in einem Haus in Gaza gefunden, in dem wir schliefen. Es war kalt und so haben wir sie angezogen.»

Auf dem nächsten Foto hält ein Soldat ein Blech mit einer Pizza hoch und lächelt in die Kamera. «Einmal machten wir einen Pizzaabend in einem Haus in Gaza. Diese Mahlzeiten in ihren Küchen waren jedes Mal wie ein kleiner Sieg für uns.» Nächstes Bild: Soldaten tragen einen toten Hund auf einer Bahre aus einem Gebäude. «Und das hier war Pixi, einer unserer Hunde.»

"Siehst du, wie verloren all die jungen Männer und Frauen sind, die direkt aus dem Krieg kommen?"

Ohad (27)

Ohad legt das Handy weg und stösst einen kurzen Pfiff aus. Boy kommt angetrabt, die Ohren gespitzt. Er schaut Ohad erwartungsvoll an, der wirft ihm einen Ball.

«Ich konnte den Gazastreifen nach vier Monaten verlassen. Ich habe in der Zeit dort viel Schlimmes gesehen: Soldaten, die auf eine Bombe traten und danach keine Beine mehr hatten; ich musste mich um ihre Körper kümmern. Diese Bilder wurde und werde ich nicht mehr los, deshalb ging ich zu einem Armeepsychologen. Dann kehrte ich nach Playa Venao zu Boy und meinem Shop zurück.

Wenn ich heute einen Hund heulen höre, weil er gebissen wurde, denke ich immer zuerst an meine Hunde, die im Krieg gestorben sind. Niemand kann verstehen, was es heisst, monatelang um sein Leben zu fürchten. Nicht mein Vater, nicht meine Freundin, nicht einmal der Rabbiner hier. Aber die Soldat: innen, die herkommen, wissen es. Wir sind Freunde, Familie, halten zusammen. An manchen Tagen schlafe ich schlecht. Trotzdem geht es mir so viel besser als vielen anderen. Siehst du, wie verloren all die jungen Männer und Frauen sind, die direkt aus dem Krieg kommen?»

Und die Zehntausenden Tote und Verwundeten im Gazastreifen – was ist mit ihnen?
Natürlich ist es schlimm, wenn Zivilist:innen sterben, aber sag: Wenn ich dir jetzt eine Ohrfeige gebe, kann ich dir dann vorwerfen, dass du mir einen Schlag verpasst?

Es gibt Vorwürfe, dass Israel einen Genozid im Gazastreifen verübt.
Wie viele Leute leben in Gaza? Über zwei Millionen. Glaub mir, wenn wir einen Genozid begehen wollten, dann könnten wir das. Aber schau doch, wie viele Leute noch im Gazastreifen leben. Sie können irgendwohin in ein arabisches Land gehen. Wir hingegen haben nur unser kleines Land.

Das wäre die Lösung für den Konflikt? Dass die Palästinenser:innen aus dem Gazastreifen verschwinden, wenn sie denn könnten?
Für den Konflikt gibt es keine Lösung. Wenn man die ganze Geschichte Israels betrachtet, hat es immer Hass gegeben. Es wird nie aufhören. Deshalb bin ich an diesem Strand. Hier finde ich Frieden. Hier konzentriere ich mich auf das, was ich bewältigen kann, zum Beispiel den Müll am Strand aufzuheben. Ich wache jeden Morgen auf und bedanke mich, dass ich noch lebe.

Eine Woche, nachdem wir angekommen sind, lädt der Rabbiner Yariv Klein den Fotografen und mich zum Schabbat-Dinner ein. Es findet im Chabad Playa Venao statt, dem jüdischen spirituellen Zentrum mit dem koscheren Restaurant gleich neben der Tankstelle. An den langen Tischen sitzen Junge und Alte, Tourist:innen und Dorfbewohner:innen vor einer reichhaltigen Tafel: Fisch, Huhn, Gemüse und natürlich Challa, das geflochtene Schabbatbrot darf nicht fehlen.

Der Rabbiner spricht über die Vertreibung Moses aus Ägypten, erzählt, wie Gott das Meer teilte, um die Israeliten zu retten. Er sagt, dass das jüdische Volk in der Welt schon immer auf sich allein gestellt war – vor 3000 Jahren und auch heute noch. Nachdem er das Brot gesegnet hat, schaut er in unsere Richtung und sagt: «Lasst uns auch unsere Schweizer Gäste willkommen heissen. Sie sind Journalisten.» Es klingt wie eine Warnung. Dann bricht der Rabbiner das Brot.

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