Fake it till you make it: Eine Begegnung mit Anna Delvey in New York
Verurteilte Betrügerin und irgendwie auch Popstar: Anna Delveys Leben ist eine Geschichte über Skandal, Selbstinszenierung und die Macht der Vergangenheit.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bilder: Katharina Poblotzki
Anna. Ein Palindrom – ein Wort, das sich von vorn und hinten gleich liest. Aber das Leben dieser Anna verlief bisher alles andere als symmetrisch. Die Frau, die uns heute gegenübersitzt, wirkt anders als jene, die wir aus Presse, Dokumentationen, Podcasts und vor allem aus «Inventing Anna», dem Netflix-Dokudrama über ihren Fall kennen: Anna Delvey. Wobei, eigentlich heisst sie ja Anna Sorokin.
Da fängt es schon an mit dem Mysterium. Also konzentrieren wir uns erst einmal auf das, was wir verhältnismässig sicher wissen. Anna Sorokin wurde 1991 im russischen Domodedowo bei Moskau geboren. Als Jugendliche zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo ihr Vater erst als Lastwagenfahrer, danach als Unternehmer arbeitete. Später ging sie nach Paris und New York, um für ein Modemagazin zu arbeiten – dort wurde aus Anna Sorokin schliesslich Anna Delvey.
Anna Sorokin ist Tochter einer russischen Arbeiterfamilie. Anna Delvey hingegen ist eine schillernde Kunstmäzenin, eine Society-Figur – und eine Betrügerin, wie ein New Yorker Gericht 2019 befand. Gemäss Anklage hat sich Anna Sorokin 2016 und 2017 unter Manhattans Schickeria gemischt.
Dabei stellte sie sich als schwerreiche Millionenerbin mit Treuhandfonds dar. Mit Lügen und gefälschten Dokumenten führte sie verschiedene Personen, Hotels, Restaurants und Banken hinters Licht. Mal soll sie gesagt haben, sie hätte ihre Kreditkarte vergessen, mal habe sie deutsche Feiertage oder die Zeitverschiebung für eine ausbleibende Überweisung verantwortlich gemacht.
Zudem warf ihr die Anklage vor, sie habe mit weiteren Betrügereien Beträge in Millionenhöhe ergaunern wollen. Gemäss Anklage soll sie 275 000 US-Dollar erschlichen und zudem versucht haben, durch falsche Kreditanträge an weitere 200 000 US-Dollar zu kommen.
"Was bleibt einem, wenn die Welt einen zur Figur gemacht hat – gefeiert, gehasst, vor allem aber festgelegt?"
Anna Delvey wurde im April 2019 schliesslich in acht Anklagepunkten schuldig gesprochen. Sie musste 200 000 Dollar an Geschädigte zurückzahlen, ebenso für eine Busse über 24 000 Dollar aufkommen. Und sie erhielt eine Haftstrafe von vier bis zwölf Jahren. 2022 kam sie auf Bewährung frei, steht aber seither unter Hausarrest. Heute trägt sie daher eine elektronische Fussfessel und darf sich nicht weiter als rund 125 Kilometer von ihrem Zuhause in New York City entfernen.
Teile ihrer Haftstrafe verbüsste Delvey in Rikers Island, einem der berüchtigtsten Gefängnisse der USA: Ein überfüllter Haftkomplex, der seit Jahren wegen Misshandlungen und miserabler Zustände in der Kritik steht. Sie habe dort gelernt, «die Welt auszublenden», wird Delvey später im Interview sagen. Vermutlich eine nützliche Fähigkeit, wenn das eigene Leben zum öffentlichen Spektakel geworden ist.
Das alles lässt sich schwer mit der zierlichen Person, die heute vor uns steht, zusammenbringen. Sie lächelt schüchtern und streift sich ständig ihre wehenden blonden Haare zurecht. Sie trägt einen hellblauen Seidenjupe und beige Pumps, an ihrem Fussgelenk die elektronische Fussfessel.
Sie sieht heute anders aus als auf den Bildern, die viele noch von ihr im Kopf haben – fast nicht wiederzuerkennen. Sie erzählt in Interviews, dass sie mit dem Abnehm-Medikament Ozempic experimentiert habe und sich seither, nun ja, neu erfunden hat. Dazu gehörten vielleicht auch ein paar Eingriffe im Gesicht.
Wir sitzen im von ihr vorgeschlagenen russischen Restaurant Tatjanas auf Coney Island, dem heruntergekommenen Vergnügungspark im Süden Brooklyns. Delvey bestellt Schuba, ein russisches Gericht mit Hering und Randen, dazu eine Flasche Weisswein und muss selbst über dieses Bild lachen, als wir über ihre russische Herkunft sprechen. Es ist schwer zu benennen, aber leicht zu spüren: Man ertappt sich dabei, von Anna Delvey gemocht werden zu wollen.
Delvey besitzt jene seltene Form von Charme, die nie anbiedernd wirkt. Sie lacht höflich über die Witze ihres Gegenübers, hört aufmerksam zu, stellt Fragen – und versteht es zugleich, ein Thema mit einem einzigen Satz elegant ins Leere laufen zu lassen, wenn es ihr zu nahe kommt. In ihr liegt etwas Widersprüchliches: eine fast kindliche Zurückhaltung und zugleich eine stille Selbstgewissheit, die keinen Zweifel daran lässt, wer hier die Deutungshoheit hat.
"Diese Frau hat gewagt, grösser zu träumen als andere"
Ihr Vater mag zwar Lastwagenfahrer gewesen sein, aber er sei sehr an einer guten Ausbildung für seine Kinder interessiert gewesen, sagt Delvey im Gespräch etwa. Trickfilme durften im Hause Sorokin ausschliesslich auf Französisch geschaut werden. Vielleicht liegt es auch an diesem Mix aus einfacher Herkunft und Anspruch, dass diese Frau gewagt hat, grösser zu träumen als andere.
Mehr noch als ihre Vergangenheit interessieren uns in diesem Gespräch die viel grundsätzlicheren Fragen: Wie erfindet man sich neu, wenn das eigene Leben zur öffentlichen Erzählung geworden ist – reduziert auf Betrug, Skandal und Drama? Wie löst man sich von einer Geschichte, die das Internet konserviert hat?
Was bleibt einem, wenn die Welt einen zur Figur gemacht hat – gefeiert, gehasst, vor allem aber festgelegt? Nimmt man dieses Bild irgendwann an, macht es zur Marke, zum Geschäftsmodell, zum Schicksal? Oder gibt es einen Weg zurück zu etwas, das wieder einem selbst gehört?
annabelle: Anna Delvey, nehmen Sie uns mit an den Tag, an dem Sie nach vier Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurden.
Anna Delvey: Ich fuhr stundenlang mit dem Auto zurück nach New York, jemand gab mir ein Handy und ich postete zu viel dummes Zeug. (lacht) Ich wollte alles essen, was ich im Gefängnis nicht bekommen konnte wie ein Kind im Süssigkeitenladen. Aber das ging schnell vorbei. Danach fühlte es sich gar nicht wie Freiheit an. Die Leute stellen sich immer diesen grossen Moment vor: Das Tor geht auf, du atmest zum ersten Mal frei, alles beginnt von vorne. Aber so läuft das nicht. Ich kam raus, war erst einmal einfach erleichtert, wieder so etwas wie Alltag zu haben. Ich hatte wieder eine Wohnung, einen Mietvertrag und zum ersten Mal seit Langem wieder das Gefühl, ich könnte ein paar Wochen vorausdenken. Sechs Wochen später stand ICE (die US-amerikanische Einwanderungsbehörde, Anm. d. Red.) vor der Tür. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Diese Geschichte ist noch lange nicht vorbei.
Sie wurden festgenommen und sassen danach 19 Monate in Haft, weil Sie Ihr Visum überzogen hatten. Dabei waren Sie ja im Gefängnis und hätten gar nicht ausreisen können.
Ja, und da wären wir schon bei den Tücken des amerikanischen Systems. (lacht)
Sie sagen heute, das Strafsystem sei berechenbarer gewesen als das Einwanderungssystem.
Ja, absolut. Das Strafsystem ist brutal, keine Frage. Aber es ist strukturiert. Es gibt Verfahren, Fristen, Regeln. Bei ICE hatte ich das Gefühl, dass alles willkürlich ist. Informationen sind schwerer zugänglich, Regeln ändern sich ständig, und du hast das Gefühl, dass alles davon abhängt, wer an diesem Tag gerade das Sagen hat. Das ist psychologisch zermürbend.
Warum ist es Ihnen so wichtig, in den USA zu bleiben? Sie könnten heute ausreisen und wären eine freie Frau.
Weil mein Leben hier ist. Die Leute romantisieren Herkunft zu sehr. Russland, Deutschland, Europa – als gäbe es da dieses eine Zuhause, zu dem man zurückkehrt und alles wird wieder gut. Ich habe mich nie wirklich einem Land zugehörig gefühlt. Ich wollte immer weiter, zur nächsten Chance. New York war der erste Ort, an dem ich das Gefühl hatte: Hier kann ich wirklich etwas aus mir machen. Und ich will das nicht einfach aufgeben. Irgendwann hast du so viel investiert – Zeit, Energie, Geld, Nerven –, dass du dir sagst: Warum sollte ich jetzt alles wegwerfen? Ausserdem ist es auch so: Wenn ich jetzt ausreise, darf ich womöglich nie wieder zurückkommen, weil mein ICE-Verfahren noch nicht abgeschlossen ist und nicht feststeht, ob ich bleiben kann.
Anna Delvey"Ich distanziere mich nicht von der Person, die ich damals war. Deshalb mag ich die Frage nach Reue nicht"
Fühlen Sie sich heute noch mit der Frau verbunden, die Sie vor zehn Jahren waren?
Natürlich. Ich finde dieses Narrativ seltsam, dass man so tun soll, als wäre das eine völlig andere Person gewesen. So funktioniert das Leben nicht. Menschen entwickeln sich schrittweise. Ich bin heute älter, ich habe mehr Erfahrung, ich würde viele Dinge anders machen. Das ist klar. Aber ich distanziere mich nicht von der Person, die ich damals war. Und deshalb mag ich diese Frage nach Reue auch nicht besonders.
Warum nicht?
Weil sie oft so gestellt wird, als wäre sie eine moralische Pflicht. Als müsste man nur oft genug sagen: Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid – und dann bekommt man irgendwann die Absolution. Reue heisst für mich nicht, dass ich die Person ablehne, die ich einmal war. Eher: Du schaust zurück, du verstehst, was schiefgelaufen ist, du lernst daraus und versuchst, dieselben Fehler nicht noch einmal zu machen. Ich habe mich entschuldigt. Wirklich oft. Tausendmal. Wie oft soll ich das noch tun?
Die Idee der demütigen, einsichtigen Gefallenen ist eine sehr amerikanische.
Ja, in Amerika lieben die Leute dieses Ritual: jemanden erst ganz tief fallen zu sehen, ihn dann in Reue baden zu lassen und ihn danach vielleicht wieder langsam aufzubauen. Aber ich habe nie verstanden, warum Entwicklung nur glaubwürdig sein soll, wenn man sich dabei öffentlich kleinmacht. Ich kann Fehler eingestehen, ohne mich selbst auszulöschen.
Ihnen wird ebenfalls vorgeworfen, bis heute nicht genug Verantwortung zu übernehmen. Man empfindet Sie als nicht schuldbewusst genug.
Viele Menschen verwechseln Verantwortung mit Selbsterniedrigung. Ich habe meine Strafe verbüsst. Ich habe Jahre meines Lebens verloren, finanziell dafür bezahlt – für meine Anwälte, die Strafe, die Busse –, mein Name ist für immer mit dieser Geschichte verbunden. Mehr kann ein Rechtsstaat von einem Menschen eigentlich nicht verlangen. Was viele nicht interessiert: dass ich nie vorhatte, irgendwen dauerhaft zu schädigen. Mein Plan war immer, alles Geld zurückzuzahlen – auch wenn ich auf dem Weg dorthin ganz klar Grenzen überschritten habe. Niemand kann mir meine Absichten besser erklären als ich selbst. Und ich finde schon, dass Absicht zählt.
Gilt das auch für Rachel Williams – die ehemalige «Vanity Fair»-Mitarbeiterin, die Sie nach Ihrer gemeinsamen Marokko-Reise anzeigte, weil Sie ihr 62'000 US-Dollar schuldeten, und die später ein Buch über Sie schrieb?
Ja. Und ich weiss, dass viele das nicht hören wollen. Ich habe nie geplant, sie in diese Situation zu bringen. Ich wusste, wie wenig sie verdient. Warum hätte ich ernsthaft erwarten sollen, dass sie plötzlich eine Hotelrechnung von über 62 000 Dollar übernimmt? Das ergibt doch keinen Sinn. Das Ganze ist schiefgelaufen, ja. Und ich habe auch gesagt: Es tut mir leid, dass ich sie in diese Lage gebracht habe. Aber zwischen einer schiefgelaufenen Situation und einer gezielten Boshaftigkeit gibt es einen Unterschied.
Trotzdem scheint Rachel Williams bis heute eine Art Gegenfigur zu Ihnen zu sein.
Das ist eher ihre Entscheidung als meine. Ich finde bemerkenswert, wie sehr sie sich über diese Geschichte definiert. Ihr Buch hiess «My Friend Anna», was eine Frechheit ist. Wir waren keine Freundinnen. Wir waren Bekannte. Unsere eigentliche gemeinsame Zeit waren vielleicht ein paar Monate. Sie hat kürzlich sogar anfragen lassen, ob wir gemeinsam ein Buch schreiben. Ich würde niemals wollen, dass meine gesamte öffentliche Existenz an eine Geschichte geknüpft ist, in der ich die Verletzte bin. Lieber wäre ich ich – mit all meinen Fehlern – als jemand, der über Jahre an einer Kränkung festhält.
Sie haben nie die Netflix-Serie «Inventing Anna» geschaut, die Ihre Geschichte nacherzählt. Stimmt das wirklich?
Ja. Als die Serie rauskam, sass ich in ICE-Haft. Das war im Februar 2022. Als ich ein halbes Jahr später rauskam, war der grösste Hype längst vorbei – und ich war ehrlich gesagt zu beschäftigt damit, mein echtes Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Später habe ich kurz versucht, reinzuschauen, aber ich finde es unerträglich, mir selbst zuzusehen. Ich habe das alles ja erlebt. Warum sollte ich mir dann freiwillig noch einmal eine dramatisierte Version davon anschauen? Ausserdem finde ich, dass der Akzent der Hauptdarstellerin viel zu übertrieben ist.
Man bedient sich im Zusammenhang mit Ihnen auch gerne des Diva-Narrativs. Ich denke da etwa an den Gerichtstermin, zu dem Sie nicht erschienen sein sollen, weil Ihnen Ihr Outfit nicht gefiel. Stimmt das?
Teilweise. Aber natürlich wurde daraus sofort die perfekte Schlagzeile: die Hochstaplerin, die lieber nicht vor Gericht erscheint, als modisch zu scheitern. Dabei war die Realität viel demütigender. Wenn du in Untersuchungshaft sitzt und täglich vor Gericht musst, bist du von morgens bis abends unterwegs – erschöpft, ausgeliefert, ständig beobachtet. Im Staatsgericht durften Fotograf:innen in den Saal. Ich hatte kein Make-up, keine Haarprodukte, nichts. Aber ich wollte trotzdem versuchen, halbwegs anständig auszusehen. Jemand wollte mir also neue Kleider bringen, durfte sie aber aus formalen Gründen nicht abgeben. Also ja: Es gab diesen Vorfall. Aber er geschah nicht aus Eitelkeit, sondern weil selbst etwas so Banales wie Kleidung in diesem System plötzlich absurd kompliziert wurde. Ausserdem hatten sie mir meine Schuhe weggenommen, weil Highheels als Waffen gelten! (lacht)
Es wurde sowieso ausschliesslich hämisch über Sie berichtet.
Ja, einmal erschien ich in dem T-Shirt, das mir vom Gefängnis zur Verfügung gestellt wurde und da schrieben sie: «Anna, völlig verwahrlost in einem knittrigen T-Shirt» – ich konnte es der Presse nie recht machen. Da wollte ich mit einem anständigen Aussehen wenigstens meine eigene Würde aufrechterhalten.
Sie wirken oft erstaunlich unbeeindruckt von öffentlicher Meinung. Sind Sie wirklich so unempfindlich?
Nein. Ich bin nicht immun. Aber ich habe gelernt, Dinge schneller loszulassen. Viele Menschen wollen eine Reaktion. Das ist oft der eigentliche Zweck von Hass oder Häme: eine sichtbare Wirkung. Ich rege mich dann vielleicht kurz auf – und dann mache ich weiter. Was soll ich denn sonst tun? Jeden Morgen aufwachen und dieselben alten Geschichten noch einmal durchdenken? Ich glaube eher daran, sich auf das zu konzentrieren, was als Nächstes kommt. Nicht, weil die Vergangenheit egal wäre. Sondern weil man sonst darin stecken bleibt.
Was wäre eine Schlagzeile, die sie gern in zehn Jahren über sich selbst lesen würden?
Alles, was nicht die Worte «Fake-Erbin» oder «Hochstaplerin» beinhaltet. Es wäre schön, wenn man von mir sprechen würde, ohne jedes Mal die Vergangenheit auszugraben.
Anna Delvey"Meine Taten sind gar nicht mehr das Problem. Was die Leute wirklich irritiert, ist dass ich daran nicht zerbrochen bin"
Fühlen Sie sich missverstanden?
Ja, oft. Aber vielleicht ist das unvermeidlich, wenn dein Leben irgendwann zu einer öffentlichen Geschichte wird. Menschen mögen einfache Erzählungen: die Böse, die Hochstaplerin, die Gefallene. Was sie weniger interessiert: dass ein Mensch sich verändern kann, ohne sich selbst zu verleugnen. Dass man Fehler gemacht haben kann und trotzdem noch Ehrgeiz, Humor, Pläne hat. Viele stört es, dass ich mich weigere, für immer die Person zu bleiben, als die sie mich einmal kennengelernt haben. Es stört sie, dass ich nicht in der erwartbaren Rolle auftrete – geläutert, leise, dankbar. Aber warum sollte ich mich kleiner machen, nur damit andere sich moralisch wohler fühlen? Meine Taten sind womöglich gar nicht mehr das Problem. Was sie wirklich irritiert, ist etwas anderes: dass ich daran nicht zerbrochen bin.
Das ist die Sache mit Anna Delvey: Sie fühlt sich oft missverstanden. Sie vermutet, dass über sie auch deshalb härter geurteilt wird, weil sie eine Frau ist – und eine Immigrantin dazu. Eine Russin, wohlgemerkt, aus jenem Land, das in der amerikanischen Vorstellung seit Jahrzehnten als historischer Gegenspieler gilt.
Und sie hat damit einen Punkt. Man muss nur auf Männer schauen, deren Vergehen ihrer Karriere kaum dauerhaft geschadet haben: O. J. Simpson blieb trotz Mordprozess jahrzehntelang Teil der Popkultur. Mike Tyson kehrte nach seiner Verurteilung wegen Vergewaltigung als Box-Ikone und Entertainer zurück. Jordan Belfort, von dem der Film «The Wolf of Wallstreet» handelt und der Anleger:innen um 200 Millionen Dollar brachte, machte aus seinem Betrug eine Marke und verdient heute als Motivationsredner Geld.
Anna Delvey"Ich werde meine Intelligenz nicht für den dümmsten Idioten im Raum reduzieren"
Anna Delvey fällt es schwer, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen. Sie tritt in trashigen Reality-Formaten auf, zuletzt in einer Youtube-Sendung namens «The Unwell Winter Games», in der ehemalige Reality-Stars in absurden Schneespielen gegeneinander antreten. Ständig ist ihre Fussfessel Thema. Als sie für die Samstagabendshow «Dancing With The Stars» gecastet wurde, ging ein Aufschrei durch die USA.
Dabei hatten vor ihr längst Männer wie der politische Stratege Sean Spicer in der Show mitgetanzt – jener ehemalige Sprecher des Weissen Hauses, der wiederholt Falschinformationen für die Trump-Regierung verbreitete – oder Boxer Floyd Mayweather, der mehrfach wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurde. Delvey sagt, die Empörung habe einem vertrauten Muster entsprochen: «Die Leute lieben es, Frauen zu dämonisieren und zur Hexenjagd freizugeben.»
Aber es gibt auch eine andere Seite: Delvey hat kein Problem mit Provokation. Man möchte sogar sagen: sie spielt ganz bewusst mir ihr. Als sie in der ersten Runde aus «Dancing With The Stars» rausgewählt wurde, sagte sie im Interview auf die Frage, was sie in der Show gelernt habe: «Nichts». Es sei eine lächerliche Show. Dieser trockene Sarkasmus ist für die harmoniesuchenden Amerikaner:innen schwer zu ertragen. Besonders von einer Frau.
Aber das ist Delvey herzlich egal. Da ist sie wieder, diese natürliche Überlegenheit, die sie wohl auch als Fake-Erbin so glaubhaft gemacht hat. Im Gespräch sagt sie einmal: «Ich werde meine Intelligenz nicht für den dümmsten Idioten im Raum reduzieren.» Und man sieht es vor sich, wie diese Frau mit erhobenem Kopf an jedem Türsteher vorbeiläuft und jede Party crasht, ohne jemals auf der Gästeliste zu stehen.
Also macht sie weiter. Tritt an Fashion Weeks auf; die Fussfessel mit Swarovski-Steinchen besetzt, arbeitet an mehreren Filmprojekten, einem Buch und an einer eigenen Modelinie. Sie hat einen eigenen Podcast lanciert und ist eine erfolgreiche Künstlerin. Einige ihrer Bilder verkauft sie für 25 000 Dollar das Stück, sagt sie.
Mit ihrer Social-Media-Gefolgschaft von mehr als einer Million ist Anna Delvey längst zu einer festen Grösse der Popkultur geworden. Ihr Aufstieg sagt mindestens so viel über uns aus wie über sie: über eine Gegenwart, in der Reichtum und Status mehr zählen als alles andere – und Inszenierung oft mehr als Wahrheit.
So jagt Delvey auch weiterhin atemlos dem amerikanischen Traum hinterher. Oder vielleicht hat sie ihn, auf eine Weise, wie sie nur die USA hervorbringen kann, auch schon längst verwirklicht.