Feministisch und rechts? Frauen in rechtsextremen Milieus
Sie verstehen sich als Kämpferinnen für die Sache der Frau – und verbreiten dabei rechte Hetze: Das Collectif Némésis aus Frankreich. Auf Tuchfühlung mit einer kruden Ideologie.
- Von: Clara Hellner
- Bild: Magali Cohen / Hans Lucas via AFP
Es ist der 8. März in Paris, Weltfrauentag. Am Place de la République dröhnen Afrobeats aus Boxen, kritzeln Frauen letzte Sprüche auf Pappschilder, bringen Trommlerinnen sich in Stellung. Gleich soll der Demonstrationszug losziehen. Kurze Zeit später und keinen halben Kilometer entfernt sitzen acht Frauen auf Sitzfläche und Lehne einer Bank. Die Rücken ballettgerade, die Lippen und Augen dezent geschminkt, heisst es für die Sprecherinnen der Gruppe Némésis: warten. «Make Feminism Great Again», steht auf ihren blauen Buttons, die sie an Blusen und Cardigans tragen.
Um sie herum stehen ein paar Dutzend Unterstützerinnen der Gruppe – und Unterstützer, einige maskiert, ganz in Schwarz gekleidet. Eine junge Frau in Barbourjacke seufzt: «Wir wollen demonstrieren, stattdessen langweilen wir uns hier rum.» Eine andere, ganz in Weiss gekleidet, hängt über ihrem iPhone: «Mein Papa hat mir gerade eine Nachricht geschickt. Die Demo ist längst losgegangen. Aber die Antifa blockiert den Platz. So lange will die Polizei uns nicht losgehen lassen.» Am Parkzaun neben ihr lehnen Demo-Schilder: «Europäerinnen sind keine Grenzen, die man vergewaltigen kann», steht da zum Beispiel. Draussen vor dem Park schirmen Kastenwagen und Polizeimannschaften den Eingang ab.
Göttin der Rache
Sie nennen französische Nationalheldinnen wie Jeanne d’Arc ihr Vorbild, bezeichnen sich selbst als Génération Cologne, in Anspielung an die sexuellen Übergriffe in der Neujahrsnacht 2015 in Köln, erklären Männer mit Migrationshintergrund zur vermeintlich wahren Bedrohung für Frauen: «Rechte Feministinnen» seien sie, erklärt das 2019 gegründete Collectif Némésis in Interviews stets. Némésis, so heisst die griechische Göttin der Rache.
Die ausschliesslich weiblichen Mitglieder der Gruppe sind der radikale Ausläufer eines neuen Phänomens von Feministisch und rechts? Frauen in rechtsextremen Milieus. An der Spitze dieser Entwicklung stehen mächtige Figuren, die es mit ihren radikalen Ansichten bis in die oberste politische Riege geschafft haben: Giorgia Meloni in Italien zum Beispiel, Marie Le Pen in Frankreich, Alice Weidel in Deutschland. Alle drei sind, genauso wie die Némésis-Demonstrantinnen, das, was die Londoner Soziologin Sara Farris «Femonationalistinnen» nennt.
Die Bewegung zündelt auch in der Schweiz: In der Romandie hat sich ein Ableger gebildet, Némésis Suisse. Die Gruppe scheint vor allem aus einem harten Kern von einem Dutzend Frauen zu bestehen, zum Teil aus der Neonazi-Szene, wie das linke Medium «Renversé» 2023 recherchierte. Wie in Frankreich versucht Némésis Suisse, linke Demonstrationen zu unterwandern. Sie kleben Plakate und verteilen Flyer mit rassistischen Parolen. Sie posten über Fälle von Vergewaltigungen und Femiziden in der französischen Schweiz, begangen von Menschen mit Migrationshintergrund, und klagen die angebliche «Doppelmoral» an, mit der Schwimmbäder in Lausanne Burkinis, aber auch oberkörperfreies Baden erlauben.
Politisches Pinkwashing
In Paris steigt Alice Cordier, Gründerin von Némésis, drei volle Stunden nach Beginn der Demonstration auf die Parkbank und spricht per Megafon zu ihren Unterstützer:innen: «Les amies, wir können endlich losgehen! Keine Eigeninitiative von eurer Seite! Befolgt die Anweisungen der Polizei!» Die Frauen ziehen muschelbedruckte Seidenschals und Atemschutzmasken über Nase und Mund und richten ihre Cateye-Sonnenbrillen, um nicht erkannt zu werden. In geordneten Reihen, langsamen Schrittes, zieht der Block los. Vor und hinter den Frauen stehen Polizist:innen in Vollmontur. Die Frauen halten ihre Schilder in die Höhe, schwenken Frankreichflaggen, rufen: «Befreit uns von der Einwanderung!»
Die ersten Passant:innen bleiben stehen, zücken ihre Handys. Eine Passantin liest ein Schild laut vor, auf dem steht: Die Mehrheit der französischen Frauen sei für die Begrenzung von Immigration. «Haben die sich verschrieben?», fragt sie ihre Freundin. «Es ist jedenfalls nicht dieselbe Stimmung hier wie bei den anderen», sagt die und meint damit die linken Demonstrantinnen, die längst vorbeigezogen sind. Neben ihnen bleibt ein schwules Pärchen aus New York stehen: «Oh, so they are against feminism?»
Auf diese Frage würden die Némésis-Aktivistinnen klar mit einem Nein antworten. Sie sehen sich als Feministinnen – und kontrastieren damit die historische Entwicklung des Feminismus, der von Beginn weg mit linken Anliegen verbunden war, etwa im Kampf gegen soziale Ungleichheit und die bestehende Machtordnung. Eine Art politisches Pinkwashing hingegen sehen Expertinnen wie Sara Farris hinter der Verquickung von vermeintlichem Feminismus und Rechtsradikalismus – daher der Name Femonationalismus.
"Némésis ist wie ein Trojanisches Pferd: Rechtsextremismus, Islamophobie und Ausländerfeindlichkeit mit Blush und Concealer überschminkt"
Dass Männer rechts sein können: geschenkt. Aber Frauen? Noch immer tut die Öffentlichkeit sich schwer mit dieser Vorstellung; als seien Frauen aufgrund ihres Geschlechts immun gegen rechtsextremen Radikalismus, gelten sie doch in der öffentlichen Meinung per se als sanftmütiger, auch friedlicher.
Genau dieses Vorurteil machen sich die Aktivistinnen von Némésis zunutze. Sie sind wie ein Trojanisches Pferd: Rechtsextremismus, Islamophobie und Ausländerfeindlichkeit mit Blush und Concealer überschminkt, in Ballerinas und Designer-Turnschuhen statt in Springerstiefeln. Damit fallen sie äusserlich nicht auf. Wer sie in einem Starbucks oder einer Uni-Mensa trifft, würde sie aufgrund ihrer Longchamp-Handtaschen und Karojupes vielleicht als konservativ oder elitär einstufen, nicht aber als rechtsextrem.
Alice Cordier und ihre Mitstreiterinnen spielen mit Symbolen und Codes. In mehreren Aktionen mischten sie sich inkognito unter die Demonstrierenden, die in Paris gegen sexuelle Gewalt anliefen, streuten Hassparolen unter harmlos daherkommende Schilder, auf denen etwa zu lesen war: «Eine von zwei Frauen in Frankreich hat schon sexuelle Gewalt erlebt.» Schliesslich enthüllten sie ihre eigenen Parolen, zum Teil sogar in Kopftuch und Niqab.
Linke Medien identifizieren unter den Männern, die die Némésis-Frauen bei solchen Aktionen stets begleiten, immer wieder Neonazis und Mitglieder der Identitären. Gründerin Cordier bezeichnete sich früher als «identitäre Feministin» und posierte auf Instagram mit Maschinengewehren. Und doch funktioniert das Stereotyp der friedlichen, gewaltlosen Frau: Der französische Innenminister Bruno Retailleau von der Partei der Republikaner gratulierte Cordier Anfang des Jahres bei einer Pressekonferenz: «Hochachtung für Ihre Sache. Sie wissen, dass ich dieser sehr verbunden bin.» Und die BBC interviewte eine der Némésis-Sprecherinnen zum Fall von Gisèle Pelicot – als feministische Stimme aus Frankreich.
Politischer Schlüsselmoment: Übergriff in London
Wieder Paris, einen Kilometer vom Place de la République entfernt, zwei Monate später. Anaïs, eine selbstbewusste Frau Ende zwanzig, erscheint zielstrebigen Schrittes zum Interview. Sie trägt Trenchcoat und Bluse, die dunklen, langen Haare in Wellen gelegt. Ihren Nachnamen will sie nicht nennen. Anaïs ist eine von acht Némésis-Aktivistinnen, die als sogenannte «Sprecherinnen» Interviews übernehmen und auf dem Instagram-Kanal auftauchen.
Sie lebt in einem Vorort von Paris, hat im letzten Sommer ihr Studium im Personalmanagement abgeschlossen, ausserdem eine Ausbildung zur Übersetzerin gemacht. Sie spreche neben Französisch Englisch, Spanisch sowie Deutsch, sagt sie und kokettiert: «Das Interview machen wir trotzdem lieber nicht auf Deutsch!» Sie sei als Tochter einer Spanierin und eines Peruaners in der Kleinstadt Pau in den Pyrenäen aufgewachsen, erzählt sie, ihre Eltern hätten ihr eine «Liebe zu Frankreich» mitgegeben. Sie sei Patriotin, stolz auf französische Kultur, Küche, Lebensart, setze sich als Katholikin für den Erhalt von französischen Kirchen und Kathedralen ein. Ihre Eltern seien politisch interessiert, aber «weder links noch rechts».
Wieso engagiert sie sich bei Némésis? Anaïs erzählt von ihrem politischen Schlüsselmoment: Ein Samstagabend 2012. Anaïs ist in jenem Jahr gerade mit der Schule fertig geworden und als Au-pair in London. Nach dem Abendessen mit Freundinnen macht sie sich auf den Weg zu ihrer Gastfamilie, es ist etwa halb zwei Uhr morgens. Eine Unterführung an der U-Bahn-Station, auf einmal drei Männer, die sie einkreisen, festhalten, ausziehen. Sie schreit, einer der Männer hält ihr den Mund zu. Da eilt ihr ein anderer Mann zur Hilfe. Die Angreifer bekommen Angst, lassen von Anaïs ab. Derjenige, der ihr geholfen hat: Ein Franzose, sagt Anaïs.
Anaïs, Sprecherin Collectif Némésis"Ich konnte das erste Mal darüber reden, was mir passiert ist"
Sie spricht routiniert und souverän, wenn sie von dem Überfall erzählt, so als hätte sie schon viele Male von jener Nacht berichtet. Auf dem Kommissariat am nächsten Tag weigert sich der Polizist, ins Protokoll aufzunehmen, dass die Männer nach Anaïs’ Einschätzung pakistanischer Herkunft gewesen sein sollen.
Sie kehrt nach Frankreich zurück, spricht zunächst mit niemandem über den Vorfall. Sie sei danach sehr unsicher gewesen, erzählt sie jetzt, habe anderen kaum noch vertraut. Feministische Gruppierungen habe sie nie als Option für sich betrachtet; Anaïs sieht sie als «Radikalistinnen»: Frauen, die sich im Kampf für den Islam oder für LGBTQIA+-Rechte «verloren» und darüber die Frauenrechte vernachlässigt hätten. Als Beispiel nennt sie die Femen-Aktivistinnen, die sich vor einigen Jahren bei Demos oben ohne zeigten, um auf Frauenrechte aufmerksam zu machen.
Erst knapp zehn Jahre nach dem Überfall, als Anaïs den Instagram-Account von Némésis entdeckt, klickt etwas in ihr. Sie hat das Gefühl: Endlich spricht jemand über ihre Erfahrungen, «ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen». Sie schreibt der Gründerin Alice Cordier. Die beiden telefonieren, treffen sich in einer Bar. Und Anaïs fühlt sich gehört: «Ich konnte das erste Mal darüber reden, was mir passiert ist.»
Die Rekrutierung
Einen Monat später nimmt Anaïs an einer Demonstration teil: Die Némésis-Frauen versuchen erstmals, bei den Demonstrationen gegen sexuelle Übergriffe mitzulaufen, die seit #MeToo jeden November in Paris stattfinden. Sie habe grosse Angst gehabt, sagt Anaïs: «Wir wissen ja nie, ob wir angegriffen oder mit Flaschen beworfen werden.» Aber sie habe schnell für sich entschieden: «Das ist es wert, für all die Frauen, die alleingelassen werden.» Die anderen Némésis-Aktivistinnen werden zu Freundinnen, mit denen sie ihre Zeit verbringt, denen sie als Erstes erzählt, was sie bewegt. Némésis habe ihr die Kraft gegeben, sich wieder ein Leben aufzubauen, sagt Anaïs. Mit ihrer Familie darüber zu sprechen, was passiert ist. Wieder die Métro zu nehmen, die sie so lange gemieden hat.
Schnell wird Anaïs Sprecherin der Gruppe. Sie wolle ihren Kindern später sagen können, dass sie alles getan habe für deren Sicherheit, und sie wolle «in Ruhe sterben können». Mittlerweile kümmert sich Anaïs um die «Rekrutierung», wie sie sagt: Sie liest die Nachrichten der jungen Interessentinnen, ruft sie an, trifft sie auf einen Kaffee, eröffnet neue Untergruppen in mittelgrossen französischen Städten wie Orléans oder Rouen. «Wir sind inzwischen 350 Mitglieder – 348 genauer gesagt, aber zwei werde ich nächste Woche aufnehmen», sagt sie. Ihre Rolle sei, dafür zu sorgen, dass die Frauen sich wohlfühlen.
Gefährlich ist nur der eingewanderte Typ
In vielen der ersten Nachrichten, die Mädchen und junge Frauen an Némésis adressieren, schilderten sie ihr sexuelle Übergriffe, erzählt Anaïs. Sie würden dann zuhören, helfen, aus einer gewalttätigen Beziehung zu kommen, eine neue Wohnung zu finden, die Kraft aufzubauen, zur Polizei zu gehen: «Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Frauen gern eine Anzeige aufgeben würden, aber den Mut nicht aufbringen», sagt Anaïs. Eine von zwanzig Frauen in Europa erlebt in ihrem Leben eine Vergewaltigung, und nur ein geringer Prozentsatz dieser Fälle landet vor Gericht; neun von zehn Opfern in Frankreich erstatten erst gar keine Anzeige.
Lois Shearing hat für das im Februar 2025 erschienene journalistische Sachbuch «Pink-Pilled» monatelang in rechtsextremen Gruppen im Internet recherchiert, um herauszufinden, wie diese Frauen akquirieren. Shearing sagt: «Viele der Frauen, die man dort trifft, haben sich über ein traumatisierendes Erlebnis oder durch grosse Angst vor sexueller Gewalt radikalisiert.»
Lois Shearing, Autor:in"Viele dieser Frauen haben sich über ein traumatisierendes Erlebnis oder durch grosse Angst vor sexueller Gewalt radikalisiert"
Zur Wahrheit gehört aber auch: Némésis fällt in eine Welt, die nicht mehr vom Aufschwung geprägt ist und in der sich vieles im Umbruch befindet. Geopolitik, Geschlechterrollen, Beziehungsvorstellungen, die Arbeitswelt. Traditionell konservative Ideen bieten hier, wie so oft, vermeintlich einfachere Lösungen, etwa: Eine Frau ist eine Frau, ein Mann ist ein Mann. Mit dem eigenen Mann zuhause muss eine Frau nicht über Geschlechterrollen diskutieren oder ihn sogar fürchten – gefährlich ist nur der eingewanderte Typ um die Ecke, bei dem frau ihr Gemüse kauft. «Frauen wird versprochen: Wir werden euch vor den grossen, bösen Männern beschützen. Aber dafür müsst ihr gute Ehefrauen und Mütter sein», sagt Lois Shearing über das verdrehte Narrativ.
Während des Interviews in Paris will Anaïs überzeugen, gefallen; fast fühlt man sich selbst in einem Rekrutierungsgespräch für Némésis. Über ihrem Cappuccino breitet sie weiter und weiter die Ideologie der Gruppe aus. Spricht von Gesetzesentwürfen zur Krankschreibung bei Endometriose, für die Némésis eintrete, oder zur Einführung von Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten für Vergewaltiger, die sie mit dem rechtspopulistischen Rassemblement National vorbereitet hätten. Dann arbeitet sie sich in einer Art Verteidigungsrede an der Wikipedia-Seite von Némésis ab: Die sei eine «Katastrophe», «voller Lügen», abgeschrieben von linken Medien, die wiederum von Wikipedia kopieren würden.
Anaïs ist nicht einverstanden damit, dass Némésis auf Wikipedia als homophob bezeichnet wird. Sie hätten schliesslich lesbische und bisexuelle Frauen in der Gruppe. Sie stört sich an der «Propaganda», mit der «LGBTQ-Lobbys» in Schulen schon Minderjährige beeinflussen würden. Auch die Einteilung der Gruppe als rassistisch und islamophob findet sie nicht gerechtfertigt: Oberstes Ziel von Némésis sei schlicht, Gewalt gegen Frauen anzuprangern, «und wir denunzieren einen Jean-Jacques genauso wie einen Nassim». Dass Némésis auf ihrem Instagram-Account aber vor allem über Fälle von Femiziden und sexuellen Übergriffen durch Männer berichten, die keine Aufenthaltsgenehmigung besitzen, abschiebepflichtig sind oder aus einem anderen Land stammen, spiegle eben die Realität, behauptet Anaïs.
Rechtsextreme Gruppen lenken ab
Sie beruft sich dabei – wie rechtsextreme Politiker:innen und Fernsehsender – immer wieder auf Zahlen des Datenanalysten Marc Vanguard. Der arbeitet wiederum mit Zahlen des französischen Innenministeriums und rechnet zum Beispiel aus, dass von 10 000 Menschen mit der Staatsbürgerschaft eines afrikanischen Landes mehr als doppelt so viele sexueller Straftaten beschuldigt werden wie von 10 000 Menschen mit französischem Pass. Némésis nimmt diese Zahlen, flockt sie auf ein Demo-Plakat und fordert eine einfache Lösung: die Ausweisung.
Werden hingegen Kriminalexpert:innen zu Vanguards Zahlen befragt, erwähnen sie weitere: Sie weisen darauf hin, dass die meisten Frauen, die in Frankreich einen sexuellen Übergriff erleben, den Täter persönlich kennen und mit 87 Prozent die Mehrheit der Angeklagten die französische Staatsangehörigkeit besitzen. Sie erwähnen die hohe Dunkelziffer bei sexuellen Übergriffen, die Schwierigkeit, überhaupt verlässliche Zahlen zu erheben. Und sie sprechen über Entwurzelung, Traumata der Flucht, Perspektivlosigkeit, Männlichkeitsbilder.
Für Anaïs zählen diese Fakten nicht. Sie findet, dass linke Feministinnen partout nicht über die sexuelle Gewalt durch Männer mit Migrationshintergrund sprechen würden. «Und jemand muss es ja tun.» Was die Némésis-Frauen vereint, ist ihr Feindbild. Der Hass, den sie aus ihrem eigenen erfahrenen Leid ziehen.
Lois Shearing sagt: «So lenken rechtsextreme Gruppen davon ab, dass der grösste gemeinsame Nenner der Täter darin besteht, dass sie Männer sind. Sie sagen: Es sind nicht Männer insgesamt – sondern migrantische Männer, Schwarze Männer, arabische Männer.» Die rechten Feministinnen zeichnen damit ein falsches Bild: Der weisse Mann ist gut, keine weisse Frau musste je gegen ihn oder für Frauenrechte kämpfen. Im Gegenteil: Diese Rechte seien europäisches Kulturgut – und jetzt durch Einwanderung bedroht.
Und immer wieder der Hijab
Marine Le Pen, ehemalige Vorsitzende des Rassemblement National in Frankreich, stellt die Situation gern so dar, als könne man entweder nur Frauen oder nur rassistisch diskriminierte Menschen schützen: «Ich habe Angst, dass die Flüchtlingskrise den Anfang vom Ende der Frauenrechte bedeutet», schrieb sie 2016 in einem Gastbeitrag für die französische Zeitschrift «L’Opinion». Aber dass in Frankreich beispielsweise Männer und Frauen erst seit 1983 dieselben Arbeitsrechte besitzen, in der Schweiz Frauen erst seit 1971 wählen dürfen oder in Deutschland Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 straffrei war, solche Fakten gehören nicht zum Narrativ der Femonationalistinnen.
Gerettet und befreit werden muss laut diesen nur die arabische Frau – zum Beispiel vom Kopftuch. Immer wieder kommt Anaïs im Gespräch auf den Hijab zurück. Sie verstrickt sich in Widersprüchen, nach denen viele Frauen in arabischen Ländern sich ja auch «ganz normal» kleideten und es deshalb keinen Grund gäbe, in Frankreich das Kopftuch zu akzeptieren. Dann wiederum sagt sie, dass der Koran den Frauen das Kopftuch vorschreiben würde.
Dabei interpretierten Islamgelehrte verschiedener Strömungen jene Verse, in denen im Koran von einem Tuch zur Bedeckung der Frau die Rede ist, sehr unterschiedlich. Doch auch dieser Umstand scheint Anaïs nicht zu interessieren. Lieber macht sie sich auf dem Instagram-Account von Némésis mit einer ihrer Kolleginnen über Fast-Fashion-Websites lustig, die Kopftücher für Kinder verkaufen – und liest mit einer Tischdecke über dem Kopf kontroverse Koransuren vor.
Hass schüren? Nein, besänftigen!
Während des Interviews beschwert sich Anaïs immer wieder, dass ihr und ihren Mitstreiterinnen vorgeworfen würde, Hass zu schüren. «Dabei wollen wir ihn besänftigen», beteuert sie. Zwischen Reels mit Titeln wie «Ein weiterer schöner Tag, um die Linken zu hassen!» mischt Némésis zu diesem Zweck Kinderfotos der Sprecherinnen und verschmitzte Freundinnen-Selfies. Der Ort ihres Kampfes ist – mehr als die Strasse – das Internet.
Und während Anaïs sich im Interview grösste Mühe gibt, Némésis als harmlose Frauengruppe zu zeichnen, erzählt sie am Ende des Gesprächs noch von ihren ersten Monaten als Sprecherin. Damals war sie noch Studentin. Ein Kommilitone schickte ihr eine Nachricht. Die beiden hatten sich immer gut verstanden, sie hatte ihm häufiger bei Hausaufgaben geholfen.
Doch plötzlich schrieb er ihr: «Ich bin enttäuscht, ich verstehe nicht, wie du Teil einer rassistischen Gruppe sein kannst.» Er erzählte den Kommilitonen von Anaïs’ neuer Rolle. Die gesamte Klasse brach den Kontakt zu ihr ab. Das habe sie schon «persönlich genommen», sagt Anaïs. Sie schüttelt den Kopf und die Erinnerung an diesen Unikurs ab, daran, dass Hass spaltet. Anaïs muss jetzt los, telefonieren – mit einer neuen Némésis-Kandidatin.