Das neue Heft ist da: Barbara Loop über Freiheit
Ab heute liegt die neue Ausgabe der annabelle am Kiosk. Lest hier das Editorial von Chefredaktorin Barbara Loop.
- Von: Barbara Loop
- Cover: Nicolas Schnabel; Collage: annabelle
Selbstbestimmt, ungebunden, voller Leben – «Freigeist» steht auf unserem Cover. Doch wie frei sind wir wirklich? Die Frage, so alt und gross wie die Philosophie selbst, zieht sich durch die neue Ausgabe und die Lebensgeschichten, die in ihr erzählt werden.
Lebensgeschichten lassen sich am Erbe eines Menschen ablesen. In Japan glaubt man, dass die Verstorbenen in den Dingen ihres Lebens weiterleben, was Hinterbliebene vor Herausforderungen stellt, wie ihr im neuen Heft lesen könnt. Lebenswege können aber auch als die Summe von Entscheidungen verstanden werden: Aufbrüche, Wendepunkte, Selbstentwürfe. Doch werden Biografien nicht ebenso geformt durch Herkunft, Prägungen, ökonomische Zwänge und Traditionen – all das, was längst da war, bevor wir beginnen, etwas zu wollen? Wer ist wirklich Autor:in der eigenen Geschichte?
Wie radikal sich diese Frage zuspitzen kann, zeigt die Begegnung mit Anna Delvey in der aktuellen Ausgabe. Betrügerin, Hochstaplerin, Popfigur – und nun? Meine Kollegin Jacqueline Krause-Blouin traf in New York eine Frau, deren Leben ein faszinierendes Spiel mit Identitäten war, bis es zum Spielball des Publikums wurde. Ihre Geschichte wirft die Frage auf: Wie frei ist ein Mensch, wenn sein Werdegang zur öffentlichen Erzählung geworden ist?
"Die Vorstellung völlig freier Entscheidung scheint mir fragwürdig"
Auch jenseits des Rampenlichts prägt die Gesellschaft das Leben. In seinem neuen Roman «Königin der Nacht» erzählt Lukas Bärfuss von einer Kindheit ohne Halt, geprägt von Lieblosigkeit und Unsicherheit. Es ist die Geschichte eines Sohns, der verstehen will – und dabei sichtbar macht, was Biografien formt: Armut, Scham, aber auch Freundschaft, Eigenwille und das Schreiben. Wir haben fürs neue Heft mit ihm gesprochen.
Und last, but not least: die grosse Podcast-Premiere bei annabelle. In «Queens», unserem neuen Podcast, spreche ich einmal pro Monat mit Frauen, die weiter sind, älter, erfahrener – und bereit, ihre Geschichte zu teilen. Gespräche über Umwege, Brüche und darüber, wie aus Erfahrung Orientierung entstehen kann. Hört die erste Folge mit der Schauspielerin Esther Gemsch – und schreibt mir, wer für euch eine echte Queen ist und im Podcast-Studio zu Gast sein sollte.
Es sei mir verziehen, ich bin Soziologin, die Vorstellung völlig freier Entscheidung scheint mir fragwürdig. Vielleicht liegt Freiheit aber darin, die eigene Geschichte immer wieder neu zu befragen. Freigeister haben den Mut, nach den kleinen, widerspenstigen Momenten zu suchen – nach alternativen Erzählungen ihrer selbst und neuen Perspektiven auf die eigene Geschichte.