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Zwischen Windeln und Raketen: Wie eine Schweizer Mutter in Israel den Krieg erlebt

Zwischen Windeln und Raketen: Wie eine Schweizer Mutter in Israel den Krieg erlebt

Wenige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes eskaliert der Krieg zwischen Israel und Iran erneut. Ein persönlicher Essay aus Israel über Windeln im Schutzraum, Sirenen und Schlaflosigkeit – und die Frage, wie man Kinder grosszieht, wenn der Ausnahmezustand zum Alltag wird.

Wir haben unseren Sohn Seth getauft. Wir waren überzeugt, er würde kein Kriegsbaby sein. In der biblischen Überlieferung ist Seth das dritte Kind von Adam und Eva – geboren nach Kain und Abel, nach Brudermord, Gewalt und Verlust. Es ist der Sohn, der nach dem Bruch kommt. Mit ihm geht die Linie weiter, und mit seinem Sohn Enosch – «Mensch» – rückt auch die Menschlichkeit in den Mittelpunkt.

Dass es nach dem 7. Oktober, nach Gaza, Libanon und dem ersten Iran-Krieg letzten Juni so bald wieder zu einem schlimmen Krieg kommen würde, daran wollte ich nicht glauben. Seth wurde am 22. Januar 2026 geboren. Wenige Wochen später, am 28. Februar, entschieden die USA und Israel gemeinsam, Iran anzugreifen – und ich wurde damit brutal aus meinem Wochenbett katapultiert.

Bereits im Spital schrieb mir eine Freundin mit ihren Glückwünschen, dass sie einen baldigen Kriegsausbruch befürchtete. Nur in eine Windel gewickelt schlief mein Neugeborenes tief und fest auf meiner Brust und ich freute mich an seiner Wärme, seiner zarten Haut und daran, wie es an meiner Brust trank.

Angst wollte ich in einem so kostbaren Moment keinen Platz einräumen. Ich weigerte mich, mir vorzustellen, wie wir wieder all unsere Sachen zusammenpacken müssten, um einen sicheren Ort aufzusuchen. Denn den gibt es in unserer schönen, aber alten Jerusalemer Wohnung nicht. Wie beim letzten Kriegsausbruch würde meine Familie wieder mit dem Nötigsten bei meinem Schwiegervater Unterschlupf finden. Er hat zwar eine kleine Wohnung, aber eine mit «Mamad» – einem Schutzraum.

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"Als ich Windeln im Schutzraum wechselte, während draussen Raketen einschlugen, fragte ich mich: Wie viele andere Mütter tun gerade dasselbe?"

Trotzdem bereitete ich mich ab diesem Moment mental genau darauf vor. Nebst unseren Sachen würde ich meine Krankenhaustasche mit den wichtigsten Babysachen packen: Windeln, Feuchttücher, Kleider, Medikamente und mein Stillkissen. Auch der Besuch aus der Schweiz blieb trotz gebuchter Flugtickets aus. Die Frage, warum wir nicht einfach in die Schweiz zurückkehren, wird mir oft gestellt. Die kurze Antwort lautet: Weil Israel trotz allem unser Zuhause ist.

Um 8:13 Uhr an einem Schabbat-Morgen heulten dann landesweit die Sirenen. In Windeseile packte ich unsere Sachen, wir setzten uns ins Auto und fuhren zu «Saba» – das heisst auf Hebräisch Grossvater. Fast sechs Wochen lebten wir bei ihm aus Koffern. Ich schlief mit den beiden Kindern auf der unbequemen Ausziehcouch im Schutzraum, damit sie bei Raketenalarm in der Nacht möglichst durchschlafen konnten. Mein Mann schlief auf dem Wohnzimmer-Sofa, Saba in seinem Zimmer. Wenn die Sirenen losgingen, kamen alle zu uns in den Schutzraum und wir schlossen die schwere Stahltür hinter uns.

Als ich an einem der ersten Kriegstage Windeln im Schutzraum wechselte, während draussen Raketen einschlugen, fragte ich mich: Wie viele andere Mütter tun gerade dasselbe? Der Alltag hört nicht auf.

Café und Cornflakes zum Frühstück, Nuggis auskochen, Wäsche waschen, etwas anziehen, nicht im Pyjama bleiben, raus an die frische Luft. Auf dem Weg zum Spielplatz machten wir manchmal einen kleinen Umweg, um Kumquats vom Baum zu pflücken. Meine grössere Tochter liebt die kleinen, orangen, sauren Früchte. Oft trafen wir uns auch mit Freunden, immer in unmittelbarer Nähe zu einem öffentlichen Bunker oder einem Haus mit Schutzraum.

Nach der Vorwarnung auf unseren Handys hatten wir rund fünf Minuten Zeit, um einen Schutzraum zu erreichen. Sobald draussen die Sirenen heulten, blieben noch etwa neunzig Sekunden, um in Sicherheit zu sein. In Jerusalem heulten die Sirenen etwa zwei bis fünfmal pro Tag. Das war weniger als im Norden oder in Tel Aviv, aber genug, um das öffentliche Leben lahmzulegen. Denn man wusste nie, wann die Raketen flogen.

Die Schulen, Kindergärten und Kitas blieben geschlossen. Nur kurz vor Pessach gingen die Kitas für ein paar Tage auf, um die Eltern ein wenig zu entlasten.

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Auch auf wichtige Gesundheitstermine wollte ich nicht verzichten. Mit Baby und Kleinkind fuhr ich zur Nachkontrolle beim Frauenarzt, zu den ersten Impfungen im Gesundheitszentrum und zur Hüftuntersuchung am anderen Ende der Stadt. Einmal entschied ich, davor noch einen Zwischenstopp im Café meines Mannes einzulegen. Kurz nachdem wir dort ankamen, dröhnten die Sirenen. Zusammen eilten wir in den Schutzraum, das Baby noch im Maxi-Cosi. Als «die Situation beendet» war, wie es in der Push-Mitteilung des Heimatschutzkommandos jeweils hiess, lud ich die Kinder wieder ins Auto, fuhr weiter und schaffte es gerade noch rechtzeitig zur Untersuchung.

"Würde ich es schaffen, beide Kinder rechtzeitig aus dem Auto zu hieven und einen sicheren Ort aufzusuchen?"

Schon unter normalen Umständen kosten solche Termine kurz nach der Geburt Kraft und Überwindung. Unter diesen Bedingungen wurden sie zur Mutprobe: Würde ich es auch alleine schaffen, beide Kinder rechtzeitig aus dem Auto zu hieven und einen sicheren Ort aufzusuchen?

Während das Baby noch keine Fragen stellte, wollte meine Vierjährige wissen, warum wir bei Alarm an einen sicheren Ort müssen. Saba versuchte es zuerst mit einer Erklärung, dass Menschen Steine werfen würden. Schnell merkten wir, dass das nicht reicht und sie sich im Austausch mit anderen Kindern mit dieser Story blamieren würde. Sie eignete sich ein Vokabular an, von dem ich mir wünschte, kein Kind in ihrem Alter müsste es kennen: Krieg, Vorwarnung, Alarm, Rakete, Drohne, Iran, Libanon, Schutzraum, Tod.

Als uns bei Saba die Decke auf den Kopf fiel, fuhren wir zu meiner Schwägerin in den Kibbuz. Wir fuhren los – kamen aber nicht weit. Als der Alarm losging, kehrten wir wieder um. Bei der zweiten Sirene waren wir in einem Tunnel. Mein Mann stoppte das Auto. Unter den Jerusalemer Bergen fühlten wir uns sicher.

Die Tage im Kibbuz taten uns gut. Grüne Wiesen, weidende Pferde, eine beruhigende Überschaubarkeit der Dinge. Nebst dem «Mamad» im Haus gab es draussen an jeder Ecke Eingänge zu unterirdischen Luftschutzräumen. Auch mein Schwager und seine Frau kamen mit ihrer Familie aus Jerusalem dorthin. Sie haben drei kleine Kinder und einen Schutzkeller im Haus. Ihre Rücken brauchten eine Pause davon, die Kinder mehrmals in der Nacht in den Keller und wieder hinauf in die Wohnung zu tragen. Für die Kinder war der Kibbuz ein grosser Spass.

"Mein Baby weinte wenig. Irgendwann begann es zu lächeln. Mein Ziel war die ganze Zeit, meine Kinder zu schützen"

Ich werde nicht vergessen, wie meine Schwägerin ihre Meetings auf Zoom abhielt, gleichzeitig einen riesigen Poulet-Reis-Eintopf zum Abendessen kochte, die Kinder im Wohnzimmer umhertollten und ihre noch nicht einjährige Tochter alle Küchenschubladen öffnete und ausräumte. Es war vollkommenes Chaos. Aber irgendwie ging es. Immerhin waren wir zusammen.

Mein Baby weinte wenig. Irgendwann begann es zu lächeln. Mein Ziel war die ganze Zeit, meine Kinder zu schützen. Auch vor den Nachrichten und den Kriegsbildern, die zurück bei Saba im Fernsehen flimmerten. Auch bei strömendem Regen ging ich deswegen abends zur Nachrichtenzeit nochmals hinaus. So schlief das Baby ein, und die Grosse musste die Bilder nicht mitansehen und konnte mir weitere tausend Fragen stellen.

Normalerweise liebe ich ihre Neugierde. Doch mit jeder Frage, mit jedem Alarm, mit jedem Tag, an dem ich kaum meinen eigenen Bedürfnissen nachgehen konnte, mit jedem Streit, den ich vor meinem Schwiegervater nicht austragen wollte, und mit jeder Nacht, in der ich nicht in unserem Bett schlafen konnte, wurde ich angespannter und gereizter.

Wenn die Kinder schliefen, las ich. Ich las über den Krieg, über den Iran. Ich wollte wissen, wie es den Menschen dort ergeht. Ein Autor schrieb, wie er mit seiner Frau unter den Küchentisch kriecht, wenn er die Kampfjets hört, um sich vor Druckwellen der einschlagenden Bomben zu schützen. Sie schlafen inzwischen neben dem Esstisch, damit sie nachts schneller unter ihn kriechen können. Andere steigen aufs Dach oder gehen ans Fenster, um zu sehen, was passiert – und filmen nach dem Einschlag die Rauchwolken.

Ich sah Bilder von Müttern mit ihren Säuglingen in Fluchtcamps im Libanon, las über Vertreibungen im Westjordanland und die Situation in Gaza. Wann wird das alles ein Ende haben?

"Dieser Krieg stiehlt uns kostbare Zeit"

Manchmal, wenn unsere Grosse unser Zuhause zu sehr vermisste, gingen wir für ein paar Stunden in unsere Wohnung. In ihrer Spielküche kochte sie mir die feinsten Menüs, sie feierte mit ihren Plüschtieren Geburtstage. Ich sass daneben und hatte das Gefühl, sogar in der eigenen Wohnung ein Gast zu sein. Der Kühlschrank leer. Das Mobile für meinen Sohn bereit zum Aufhängen. Unser Bett, in dem es nach uns roch. Das Babybettchen daneben. Unbenutzt.

Dieser Krieg stiehlt uns kostbare Zeit. Es fühlte sich an, als würden Trump, Netanyahu und die iranische Führung über Krieg und Eskalation entscheiden, während wir Mütter und Väter versuchten, den Alltag unserer Kinder zusammenzuhalten. Ich war wütend – und gleichzeitig stiegen mir die Tränen in die Augen. «Wir sind alle traurig, Mama», sagte meine Tochter, als wir zurück zu Saba fuhren. Es brach mir das Herz.

Nicht selten gab es auch bei uns zu Hause Alarm, und wir mussten in den nächsten öffentlichen Schutzraum rennen. Einmal lag ich nach einer Dusche stillend im Bett, als die Sirenen losgingen. Die Zeit reichte nicht. Wir blieben.

"Immerhin würden wir alle zusammen sterben, wenn eine Rakete einschlagen würde"

Wir hörten eine Explosion, doch uns passierte nichts. Was, wenn wir einfach hierbleiben würden? Mir fehlte die Kraft, immer hin- und herzufahren. Immerhin würden wir alle zusammen sterben, wenn eine Rakete einschlagen würde.

Am nächsten Tag erzählte ich einer anderen Mutter im Park von diesem Gedanken. «Die eigentliche Gefahr ist nicht einmal, dass man stirbt», sagte sie. «Meistens wird man nur verletzt. Frag dich, ob du damit umgehen kannst, wenn ihr alle verletzt seid und so weiterleben müsst.» Es war der Geburtstag einer Freundin meiner Tochter. Die Kinder bastelten Tamburins, sangen und jagten Seifenblasen hinterher. Wir Erwachsenen erzählten uns Kriegsgeschichten.

Ein paar Tage später sollte ich für die Beantragung von Seths Schweizer Pass nach Tel Aviv fahren. Es regnete in Strömen. Am Tag zuvor waren die Menschen dort etwa fünfundzwanzig Mal im Bunker gewesen. Die Kita meiner Tochter war für ein paar Tage geöffnet, und endlich sollte die lange versprochene Pyjamaparty stattfinden.

"'Mama, ich habe doch schon lange keine Angst mehr vor dem Alarm', sagte meine Tochter. Es fühlte sich an wie ein kleiner Erfolg. Gleichzeitig machte es mich traurig, dass sie so aufwachsen muss"

Ich stellte mir vor, wie ich sie im Schlafanzug und mit ihrem Teddy abgebe, um dann mit dem Baby nach Tel Aviv zu fahren. Wenn die Sirenen losgehen würden, müsste ich auf der Autobahn anhalten, ihn aus dem Auto nehmen und mich am Strassenrand schützend über ihn beugen. Ich sagte den Termin ab.

Die Woche darauf fuhr ich schliesslich doch zusammen mit meinem Mann und dem Baby. «Wieso darf ich nicht mitkommen?», fragte meine Tochter. Ich erklärte ihr das mögliche Szenario. «Aber Mama, ich habe doch schon lange keine Angst mehr vor dem Alarm.» Da stand sie vor mir, meine starke Tochter. Es fühlte sich an wie ein kleiner Erfolg. Gleichzeitig machte es mich traurig, dass sie so aufwachsen muss.

Wir wollten in die Schweiz. Ich hatte Flugtickets gefunden, der Pass war in Bearbeitung. Doch der Flug wurde annulliert. Ich wusste nicht mehr weiter. Dann kam am 8. April überraschend die Waffenruhe. «Der Krieg ist vorbei», sagte ich meiner Grossen, als sie an diesem Morgen aufwachte. «Papa, wir können nach Hause!», jubelte sie. Mit Sack und Pack gingen wir zurück in unsere Wohnung. Es schien, als könnten wir den Alltag einfach wieder aufnehmen. So wie nach dem 7. Oktober, während des Gaza-Krieges, nach dem letzten Iran-Krieg. «Wie war der aufgezwungene Urlaub?», fragte mich eine andere Mutter ernsthaft. Ich schaute sie an und wusste nicht, was ich sagen sollte.

El Al nahm die Flüge wieder auf. Wir bekamen kurzfristig neue Plätze – und flogen alle zusammen in die Schweiz. Um etwas zur Ruhe zu kommen. Nicht alle können das, das ist mir bewusst. Nach vier Tagen wurde ich krank. Ich hatte hohes Fieber. Das merkte ich aber erst nach zwei Tagen, in denen ich lediglich über Kopfschmerzen und Schwindel klagte. Ich funktionierte erst einmal einfach weiter. Selbst als ich wusste, dass ich krank war, konnte ich nicht loslassen. Ich lag im Bett und sagte mir: Schlaf. Lass los. Es ging nicht. Das Baby schlief. Ich war hellwach.

"Die letzten zweieinhalb Jahre, die letzten Monate – auch an mir waren sie nicht spurlos vorbeigegangen"

In einer Nacht erinnerte ich mich an einen Text aus Gaza, in dem der Autor beschrieb, wie er durch den Krieg emotional abstumpfte. «A body that outlived its heart» von Abdullah Hany Daher. Die letzten zweieinhalb Jahre, die letzten Monate – auch an mir waren sie nicht spurlos vorbeigegangen.

Als mein Fieber sank, fühlte ich mich wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling. Irgendwie hatte ich es aus dem dunklen, klebrigen Kokon geschafft. Zum Fliegen war es aber noch zu früh. Erst mussten die Flügel trocknen und Kraft gewinnen.

Morgen fliegen wir zurück nach Israel.

Ich denke an Seth. An den Namen, den wir ihm gegeben hatten, weil wir glaubten, nach dem Bruch würde etwas Neues beginnen. Ich weiss nicht, ob ich das noch glauben kann. Aber ich weiss, dass wir weitermachen. Zwischen Sirenen, Windeln und Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

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