Hilfe, habe ich einen "Ick"?
Der "Ick" ist ein abrupter Abturner, ausgelöst durch eine belanglose Macke. Unsere Autorin ist seit längerem Single und fragt sich: Gebe ich Männern den Ick? Auf der Suche nach Antworten lernt sie: Icks sagen mehr über einen selbst aus als über andere.
- Von: Vanessa Vodermayer
- Bild: Death to Stock
Ich habe einen Ick, einen bedauerndgrausam schlimmen. Mit mehreren Tonnen Gewicht zerrte diese Erkenntnis damals meinen Selbstwert runter bis zum Abgrund persönlicher Unsicherheiten. Aber klären wir zuerst die Basics: Was ist ein Ick?
Ick leitet sich vom englischen Adjektiv «icky» ab, was so viel wie «eklig» bedeutet. In der Praxis koppelt man den Begriff häufig an das Verb geben: Er oder sie gibt mir den Ick. Gemeint ist damit ein abrupter Abturner. Eine emotionale Kehrtwendung in Richtung Aversion. Nicht ausgelöst durch problematische Charakterzüge oder gegensätzliche Wertvorstellungen, sondern durch objektiv betrachtet belanglose Macken.
Es gibt in der sechsten Folge der ersten Netflix-Staffel «Nobody Wants This» eine herrliche Szene, die das Phänomen beispielhaft demonstriert. Joanne (gespielt von Kristen Bell) datet einen Rabi namens Noah (Adam Brody), der nun das erste Mal auf Joannes Eltern trifft.
Er trägt zu Hoodie und Bermuda-Shorts ein geschmackloses Sportjackett, spricht Joannes Eltern förmlich mit Sir und Ma’am an und überreicht letzterer ein Sonnenblumen-Bouquet. «Aus Respekt», merkt er an. Die Blumen kommen in ein ausgewaschenes Saucen-Glas der Marke Prego, worauf Noah in einem leidenschaftlich dadjoke-igem Italienisch mit «Ah! Prego!» reagiert. Und Joanne damit den Ick gibt.
"Ich halte die ganze 'Es liegt nicht an dir, sondern an mir'-Sache für ein gängiges Märchen"
The Ick lief auf Social Media rauf und runter. Creator:innen bewerteten Dinge wie Füsslinge (Socken, die nicht über den Knöchel reichen), Baby-Sprache oder Skinny Jeans nach ihrer Ick-Intensität, andere schilderten Ick-Dilemmas in Kennenlernphasen und wiederum andere verstanden sich als Dating-Coach, die vor potenziellem Ick-Zündstoff warnten.
Irrtümlicherweise hielt ich den Ick deshalb für eine Erfindung der Tiktok-Community. Tatsächlich aber wurde das Phänomen unter derselben Bezeichnung schon in «Sex and the City» thematisiert. Noch früher (ganze neun Jahre) erschien eine «Friends»-Folge mit dem Titel «The One with the Ick Factor».
So weit, so verständlich. Und nun zu meinem Ick: Das letzte Mal, als ich mit einem Mann eine tiefere Bindung eingehen wollte, er aber nicht mit mir, entfachte das einen emotionalen Brand mit Krise dritten Grades. Zum einen, weil die verkitschte Vorstellung von uns als etwas Besonderes, innert vier Sätzen über ein Telefongespräch in etliche Teile zersprang.
Hauptsächlich verzweifelte ich aber an seiner Behauptung, alles in mir zu sehen, was er sich von einer Partnerin wünsche. Er zählte die Attribute einzeln auf und hängte an die Schmeicheleinheit das bittere Aber. Gefolgt von: «Ich empfinde keine Gefühle für dich.»
Was die kommenden 12 Stunden passieren sollte, lässt sich rückblickend auf ein fünfsilbiges Wort komprimieren: Selbst-sa-bo-ta-ge. Ich halte die ganze «Es liegt nicht an dir, sondern an mir»-Sache nämlich für ein gängiges Märchen. Beziehungsweise meine ich darin in Wahrheit ein verstecktes «Es liegt an dir, aber ich bringe den eigentlichen Grund nicht über die Lippen, weil darin eine verletzende Gemeinheit steckt» zu enttarnen.
"Störte ihn etwa die Betonung meiner Worte oder die reichliche Verwendung des Ausdrucks LOL?"
Überzeugt davon, den Mann mit einem Ick vertrieben zu haben, verbiss ich mich in der Suche nach dieser einen abstossenden Sache.
Störte ihn etwa, wie ausgeprägt mein Kopf nickt, wann immer ich aufmerksam zuhöre? War es die Betonung meiner Worte oder die reichliche Verwendung des Ausdrucks LOL? Lag es an meiner Schwäche, ihn manchmal mitten im Satz zu unterbrechen, weil ein Gedanke ungeduldig aus mir heraussprudelte? Oder nervte ihn mein Bedürfnis, dass sich mindestens ein Teil unserer Hände oder Füsse vor dem Einschlafen berühren mussten?
Ich sank verknittert in das Sofapolster einer guten Freundin und zerdachte laut mein Problem mit der strengen Bitte, sie solle mir alle Dinge an mir aufzählen, die einen potentiellen Ick darstellten. Nur welche bei Verstand gebliebene Freundin würde bei diesem Gefallen einwilligen, läge vor ihr jemand mit geknicktem Ego?
Ich solle jetzt endlich aufhören, den Fehler bei mir zu suchen, schimpfte sie stattdessen und betonte, dass es vielleicht einfach so unspektakulär sei, wie er behauptete; mich toll zu finden, aber halt nicht mehr.
"Was hat es zu bedeuten, wenn ein Ick alle positiven Eigenschaften von jetzt auf gleich entzaubert?"
Und nur mal angenommen, es gäbe diesen einen unaushaltbaren Ick. Was hätte es zu bedeuten, wenn ein Ick für jemand anderen eine dermassen wuchtige Schlagkraft hätte, dass er dadurch alle meine positiven Eigenschaften von jetzt auf gleich entzauberte?
Offenbar mehr mit der Person, die den Ick empfindet, als mit der Person, die ihn verursacht, wie ich von Psychologin Stephanie Karrer im mittlerweile leider abgesetzten SRF-Format «We, Myself and Why» erfahre.
«Icks tauchen oftmals im romantischen Kontext auf», heisst es im Video. Als mögliches Beispiel schildert die Psychologin folgende Situation: «Wir finden jemanden sehr anziehend und super spannend, bis die Person eine Sache macht, die uns aus unerfindlichen Gründen extrem abstösst – uns also den Ick gibt»
Jemanden erst wirklich toll zu finden, aber dann von einer Belanglosigkeit so angewidert zu sein, dass man diese Person im schlimmsten Fall nicht mehr treffen möchte, sei gemäss Stephanie Karrer psychologisch gesehen ungewöhnlich.
Laut einer Studie der Azusa Pacific University von 2025 gibt es wesentliche psychologische Merkmale, die das Ick-Gefühl verstärken können. Die Forschenden nennen neben einer generell erhöhten Ekelempfindlichkeit auch Narzissmus sowie Perfektionismus.
«Für Menschen, die andere – und damit oft auch sich selbst – an idealisierten Massstäben messen, ist der Ick unbewusst eine Art mit Ängsten umzugehen oder Kontrolle auszuüben», schreibt die «US-Vogue». Anstatt sich mit emotionaler Verletzlichkeit auseinanderzusetzen, konzentriere man sich auf oberflächliche Makel.
"Oft zeigt sich mit dieser spontanen Körperreaktion, dass auf der Beziehungs- oder Wertebene etwas nicht stimmt"
Dass hinter dem Ick eigene Muster stecken könnten, bestätigt uns auch Dr. Johanna Degen. Die Sozialpsychologin und Expertin für Liebes- und Lebensangelegenheiten rät, den Ick auf keinen Fall zu ignorieren. Oft zeige sich mit dieser spontanen Körperreaktion nämlich auch, dass auf der Beziehungs- oder Wertebene etwas nicht stimme: «Wir rationalisieren, was wir intuitiv schon lange wissen, jedoch ignoriert haben.»
Und wie gehen wir nun mit einem Ick um? «Man sollte den Ick adressieren, für sich oder – je nach erlebter Sicherheit – in der Beziehung», sagt Johanna Degen. Und ergänzt, dass fast immer ein tieferer Sinn dahinter stecke, dessen Enthüllung einen näher zu sich selbst oder zum anderen bringe.
Kurz hatte ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, verflossene Männer aus meiner Dating-Historie darum zu bitten, mir meinen Ick zu gestehen. Es hätte diesem Text vielleicht einen interessanten Twist verpasst.
Aber dann dachte ich einen Schritt weiter und fragte mich, welches Motiv ich damit verfolgte. Wollte ich im Wissen über meinen Ick eine Version von mir anstreben, die bei Männern besser zieht? Etwas verkörpern, was ich gar nicht bin? Ich kenne jemanden, der das abstossend fände: Mich.