Interview mit Lady Bitch Ray

«Es bringt uns nichts, wenn wir uns alle anlächeln»

Text: Miriam Suter; Foto: Carlos Fernandez

Lady Bitch Ray

Die deutsche Rapperin Reyhan Şahin (38) alias Lady Bitch Ray hat ein Buch über Feminismus geschrieben – und geht darin hart mit der eigenen Berufsbranche und der jüngeren Generation aus Feministinnen ins Gericht. Denn Frauensolidarität gibts bei ihr nicht bedingungslos.

Wenn sie auf der Bühne steht, nennt Reyhan Şahin sich Lady Bitch Ray. Den Namen gab sich die 39-Jährige vor einem ihrer ersten Auftritte als Teenagerin, nachdem sie gehört hatte, wie im Publikum ein paar Männer sie als «bitch» bezeichneten. Ihr Eltern stammen aus der Türkei, wanderten vor Şahins Geburt nach Deutschland aus. Şahin, von Beginn an ein Arbeiterkind, machte später Abitur und schloss 2005 ihr Studium in Linguistik und Germanistik an der Universität Bremen ab und promovierte schliesslich 2012 zum Thema «Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland». Für ihre Dissertation erhielt sie 2013 den zweiten Preis beim Deutschen Studienpreis.

Şahin hat also gehörig etwas auf dem Kasten. Wirklich ernst nahm sie dennoch lang niemand – sie habe einen «penetranten Selbstdarstellungszwang» und ein «derbes, freizügiges Auftreten», liest man etwa über sie. Ihre Karriere als Rapperin kostete sie sogar ihren Job als Journalistin: 2006 stellte sie einen Track mit dem Titel «Hengzt Arzt Orgi» gratis ins Netz – eine Fantasie über eine Sexorgie mit den bekannten deutschen Rappern King Orgasmus One, Bass Sultan Hengzt und Frauenarzt. Daraufhin wurde ihr von ihrem Arbeitgeber, Radio Bremen, gekündigt, weil sie sich weigerte, den Song aus dem Internet zu nehmen. Sie verbreite «pornografische Inhalte», hiess es damals, das sei unverantwortlich. Şahin wehrte sich, zog gar vor Gericht – und verlor. In ihren Texten eignet sich Şahin Ausdrücke wie «bitch», «hoe», «Schlampe» wieder an, indem sie sie als positiv konnotierte Worte verwendet. Und sie rappt, wie es in Deutschland praktisch nur Männer tun: vulgär, provokant, stark sexualisiert. Das Internet blieb Şahins Hauptkanal, auch nach der Gründung ihres eigenen Labels Vagina Style Records 2007 veröffentlichte die Rapperin ihre Musik vor allem online. Durch einen kleinen Skandal in der Talksendung «Willkommen Österreich» – Şahin schüttete dem Journalisten und Autor Ulf Poschardt ein Glas Wasser ins Gesicht – wurde die breite Öffentlichkeit auf Lady Bitch Ray aufmerksam.

Bis 2009 debütierte Şahin als Schauspielerin im deutschen Gangster-Drama «Chiko», in dem sie eine Sexarbeiterin spielte, und trat in mehreren Sendungen auf, die aufgrund ihres Auftretens nachträglich entweder nicht, wie sonst üblich, wiederholt oder gar ganz gestrichen wurden. 2009 zog sich Şahin wegen einer schweren Depression aus der Branche zurück. Lang war es still um die Künstlerin. Nun gibt sie ihr Comeback, mit neuen Songs und einem Buch im Gepäck. In «Yalla, Feminismus» thematisiert Şahin Themen wie Migration, Feminismus im Hip-Hop, den patriarchalen Wissenschaftsbetrieb in Deutschland und den islamischen Feminismus sowie die Kopftuchdebatte. Sie schreibt darüber, wie sie nicht nur einmal Übergriffe von anderen Rappern erlebt hat, und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die neue feministische Bewegung zu kritisieren. Dabei droht sie stellenweise ins Dozentinnenhafte abzugleiten – vielleicht verständlich, Şahin leitete nach ihrer Dissertation 2012 an der Universität Bremen als Lehrbeauftragte eine Lehrveranstaltung –, gibt dem fast zu umfassend recherchierten Teil aber mit ein paar «fuck it» das nötige Gegengewicht und macht klar, wer hier schreibt: die Rapperin, die bitch, die Feministin mit Arbeiter- und Migrationshintergrund.

Wir treffen Şahin vor ihrer Lesung im Zürcher «Kaufleuten» zum Gespräch. Sie trägt einen bequemen Hoodie, perfektes Make-up und die Hände mit den langen Fingernägeln umfassen eine Tasse Tee. Wenn sie spricht, merkt man: Das wollte schon lang raus. Auf eine Frage allein antwortet Şahin teilweise mehr als zehn Minuten lang, sie macht Gedankensprünge, holt aus. Şahin bittet das Barpersonal, die Musik leiser zu drehen – sie hat diese natürliche Autorität, die nicht viele besitzen, und nimmt den Raum ein wie die Frau an der Spitze eines Mafia-Clans. Ruhig, gefasst, aber sich ihrer Macht sehr bewusst.

annabelle.ch: Lady Bitch Ray, Sie schlagen in Ihrem Buch einen grossen Bogen – vom Sexismus im Hip-Hop über patriarchale Strukturen in islamischen Communities bis hin zu Rassismus in Deutschland.

Lady Bitch Ray: Ich behandle Themen, die in Deutschland bisher keine andere Feministin behandelt hat – ich rede jetzt allerdings von Populärliteratur, nicht von wissenschaftlicher. Es gibt in Deutschland kein Buch, das all diese Themen – Feminismus im Hip-Hop, Islam, Kopftuch und den Wissenschaftsbetrieb – je so vereint hat. Der Hauptaspekt meines Buches ist allerdings etwas, das ich eigentlich schon gar nicht mehr aussprechen mag, weil es in feministischen Kreisen schon so oft gesagt wurde: Intersektionalität. Die wenigsten Menschen da draussen wissen aber, was damit gemeint ist.

Die doppelte Diskriminierung einer Person.

Genau. Wenn ein Mensch beispielsweise von Rassismus und Sexismus betroffen ist, grob gesagt.

Sie reden in diesem Zusammenhang auch von einem bürgerlichen Salonfeminismus, der heute von jungen, weissen Frauen betrieben wird. Ist das für Sie ein Feminsmus, der diese Intersektionalität ausblendet?

Damit meine ich vor allem privilegierte Frauen. Dadurch, dass man heute total schnell und mit einer seltsamen Leichtigkeit etwas als feministisch bezeichnet, geht vieles verloren. Es ist wichtig, dass wir die Diskriminierungen bedenken, unter denen viele Frauen in ganz verschiedenen Formen noch heute leiden. Ich erwarte von weissen, westlichen Feministinnen, dass sie zum Beispiel auch Bereiche wie den Islam oder eben das Kopftuch feministisch hinterfragen und sich damit beschäftigen.

Inwiefern?

Es gibt so viele weisse Feministinnen, die sich als Befreierinnen der armen muslimischen Frau sehen, die unter ihrem Kopftuch leidet. Das führt dazu, dass viele dieser Feministinnen aus einem Unwissen heraus das Kopftuch kritisieren oder es unreflektiert als emanzipatorischen Akt verteidigen. Diesen Frauen will ich sagen: Tretet zur Seite und macht Platz für jene Frauen, die direkt betroffen sind und wissen, wovon sie reden. 

Haben die Aktionen weisser Feministinnen nicht auch etwas mit Solidarität zu tun – mit dem Versuch, empathisch gegenüber anderen Frauen zu sein?

Es geht nicht darum, weisse Feministinnen per se vom Diskurs auszuschliessen, sondern um eine neue Form des weissen Feminismus, der sich Intersektionalität auf die Fahne schreibt, aber ohne jegliches Grundwissen bezüglich Themen wie Islam, Kopftuch und Rassismus durch falsche Aktionen feministischen Diskursen generell schadet. Es gibt weisse Feministinnen, die sich beispielsweise oberflächlich mit ihrer Pro-Kopftuch-Haltung brüsten. Die eigentliche kritische feministische «Drecksarbeit», also auf patriarchalische, islamistische oder reaktionäre Bedeutungsvarianten differenziert hinzuweisen, die unsichtbare Formen von Sexismen und Rassismen schüren, bleibt wieder mal an kritisch feministischen nichtweissen Frauen hängen. Diesen Frauen möchte ich sagen: Entweder informiert euch genau über diese Bereiche oder räumt bitte das Feld für diejenigen kritischen Frauen of Colour, die sich mit diesen auskennen. Natürlich bin ich generell für Solidarität, Austausch und Streitkultur unter Frauen und queeren Menschen, denn das bringt unsere feministischen Diskussionen ja voran.

Gerade Solidarität unter Frauen ist ein grosses Thema in Ihrem Buch. Sie prangern an, dass Ihnen diese Solidarität eben fehlt, gerade in der Rapszene.

Es gibt ja Rapperinnen, die in Interviews offen sagen, dass sie sich nicht für feministische Themen interessieren. Dass es ihnen scheissegal sei. Das ist entweder ein Nichtwissen oder halt wirklich fehlendes Interesse am Feminismus. Wenn solche Frauen nicht solidarisch sind mit mir, dann ist das halt einfach so. Es gibt genügend Frauen und queere Menschen, die es sind, die mich bestärken und ich sie. Aber natürlich gibt es auch Frauen, die patriarchale Strukturen des Deutsch-Rap bestärken, indem sie sexistische Rapper nicht hinterfragen und stattdessen mit ihnen zusammenarbeiten. Das ist eines der Probleme der fehlenden Solidarität im Deutsch-Rap. Aber vielleicht sollten wir darüber gar nicht sprechen.

Warum nicht?

Weil es sonst wieder heisst, wir Frauen bekriegen einander, und eigentlich finde ich, scheiss drauf, man muss die Solidarität betonen. Aber solidarisch sein heisst nicht, uns einfach nett anzulächeln, wenn wir uns sehen. Gerade wenn Vorbehalte da sind, ist es es umso wichtiger, miteinander zu streiten und in einen Dialog zu kommen. Alles andere ist pseudo.

Im Track «Ich hasse dich» von 2007 gehen Sie ganz schön hart ins Gericht mit Frauen, die Sie offensichtlich nicht mögen: Jeanette Biedermann («Musikbusiness Püppchen, ich möcht auf dich schiffen») und Sarah Connor («Du kaugummikauende Schlampe»). Das hat ja nicht viel mit Solidarität und noch weniger mit einem Dialog zu tun.

Klar ist das eine Kritik von mir, einer nichtweissen Kanakin an so weisse, aalglatt gecastete Popmusikerinnen, die eindeutig antifeministisch handeln. Dieser zugegebenermassen explizite Song behandelt den Beef zwischen marginalisierter schwarzer Hip-Hop-Kultur, die überwiegend von unten kommt, und der weissen Popkultur des Mainstreams – dieser Konflikt existiert in den USA bis heute.

Mit solchen Aussagen und Lyrics sind Sie aber genauso sexistisch wie jene, die Sie im Hip-Hop selber als frauenfeindlich anprangern, oder nicht?

Der Song ist als Kritik an weissen Frauen innerhalb der Popkultur zu verstehen, die als Musikerinnen von Männern konzipiert wurden und hochpatriarchalische Strukturen der Musikindustrie unterstützen. Es sind heterosexuelle Frauen, die traditionelle Weiblichkeitsentwürfe unterstützen und weitgehend auch null feministisch handeln. Ich finde nicht, dass man diesen Song mit den hochgradig frauen- und schwulenhassenden Songs von Rappern vergleichen kann, dafür müsste man andere Songs von mir wie etwa «HengztArztOrgie», «Suck it» oder neuere Songs wie «Bitchanel» und meine Person als marginalisierte Frau mit türkischem Background in Betracht zu ziehen, die mit ihrer Musik eindeutig für die Selbstbestimmung der Frau und queerer Menschen und für feministische Pionierarbeit im Hip-Hop steht.

Wäre es aber heute, 15 Jahre später, nicht wichtig, den Dialog zu suchen anstatt diese Kritik weiter aufrecht zu halten mit dem Argument, dass es sie schon immer gegeben hat?

Mir ist wichtig, bestimmte Machtstrukturen zu verdeutlichen. Und da geht es nun einmal viel um weisse und nichtweisse Menschen. Ich stehe nicht morgens auf und teile die Menschen nach Hautfarbe ein oder verurteile weisse Menschen generell, das sollte niemand tun. Natürlich sollte die erste Priorität für Frauen und Queers Solidarität untereinander sein, aber bestimmte strukturelle Ungereimtheiten will ich einfach aufzeigen.

An welche strukturelle Ungereimtheiten denken Sie?

Es gibt genug Frauen, die das Patriarchat bestärken, wie man etwa am Beispiel der weissen Popmusikerinnen sieht. Soll ich jetzt jede dieser Frauen umarmen? Nein, ich kritisiere sie. Und ich kritisiere auch die Feministinnen der zweiten Welle der Frauenbewegung, die jahrzehntelang Women of Colour oder schwarze Frauen in ihren Kämpfen nicht mitgedacht haben. Wir Frauen neigen sowieso dazu, uns alle lieb haben zu wollen. Aber wir umarmen uns jetzt verfickt nochmal nicht. Wir haben hier noch ein paar Sachen zu klären.

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