Black Lives Matter

«Ich habe als Schwarze Person weniger Chancen als eine weisse Person»

Text: Marie Hettich, Vanja Kadic; Fotos: Hannah Gottschalk

e
f

Jamba (19), links: «Mein Vater kann nicht perfekt Schweizerdeutsch und bekommt Diskriminierung dadurch mehr zu spüren als ich. In den letzten Wochen sind mir immer wieder rassistische Vorfälle in den Sinn gekommen, von denen er erzählt hat. Ich habe mich selbst nochmals viel intensiver mit dem Thema befasst und immer wieder mit meiner Familie darüber gesprochen. Es ist so wichtig, was gerade passiert.»

Timo (20), Mitte: «In der Schweiz war Rassismus bisher kein grosses Thema. Das hat sich jetzt merklich geändert. Ich habe in den letzten Wochen mit meinen Kollegen sehr oft darüber geredet. Ich denke, der Austausch ist etwas vom Allerwichtigsten – auch wenn zum Beispiel jemand etwas Rassistisches sagt, sollte man unbedingt das Gespräch suchen. Eigentlich müsste das Thema schon im Kindergarten behandelt werden. Je früher, desto besser.»

Noelia (21), rechts: «Auf Instagram habe ich einen Comedy-Kanal mit über 60 000 Followern. Bisher habe ich nie über ernste Themen geredet, aber ich denke, dass ich meine Reichweite künftig auch ab und an für den guten Zweck nutzen will. Die aktuelle Rassismusdebatte hat viel in mir ausgelöst: Ich habe einige Petitionen unterschrieben, Geld gespendet – und es ist das erste Mal, dass ich an eine Demo gekommen bin.»

Ali Omar (26): «Ich habe als Schwarze Person weniger Chancen als eine weisse Person. Das ist in der Schweiz nicht anders als in den USA. Ich glaube aber, dass sich das ändern kann – und wünsche mir, dass die Hautfarbe einer Person endlich keine Rolle mehr spielt. Es ist wichtig, dass wir einander gegenseitig unterstützen und gemeinsam gegen Rassismus kämpfen. Jetzt ist die Zeit, in der wir zusammen etwas ändern können.»

Shakeen Thomas (21): «Der Mord an George Floyd war ein Schock und hat mich tief verletzt. Ich bin Schwarz und ich weiss, dass mir so etwas auch passieren kann. In der Schweiz erfahre ich viel Diskriminierung wegen meiner Hautfarbe. Ich glaube aber, dass sich jetzt etwas ändern wird. Die Bewegung findet auf der ganzen Welt statt. Es ist jetzt eine Zeit, in der jeder sein Leben so leben sollte, wie er will. Es ist an der Zeit, dass wir alle gleichwertig behandelt werden. Jedes Leben ist wertvoll.»

Sara (42), mit Mütze: «Meine zwölfjährige Tochter hat mich auf die heutige Demo aufmerksam gemacht. Ich finde die frühe Politisierung der Kinder sehr wichtig. Ein Aha-Moment, den ich in den vergangenen Wochen hatte: Als ich mit der Raumpflegerin meiner Freundin sprach, die aus Eritrea kommt, diskutierten wir über die Frage, was Heimat bedeutet. Die Neugier kommt bei mir aufgrund des visuellen Andersseins der Person auf – ich frage aus Interesse, es ist lieb gemeint. Aber: Würde ich die gleiche Frage einer weissen Person stellen? Nein! Die Frage nach der Herkunft darf nicht im Vordergrund stehen, wenn man einen Menschen kennenlernt.»

Mary (55): «Wir treten schon so lang auf derselben Stelle – und das macht mich traurig. Einige Leute haben immer noch nicht begriffen, dass es das Allerschönste ist, wenn verschiedene Kulturen, Sprachen und Farben zusammenkommen. Diversität ist das Beste, was ein Ort bieten kann.»

Baba (41): «Ich habe Hoffnung in die Zukunft. Nur, wenn wir uns weiterhin zusammen gegen Rassismus einsetzen, wie an der Demo heute, kann sich etwas ändern. Nicht heute oder morgen – aber in der Zukunft. Es gab Zeiten, wo Schwarze Menschen und weisse Menschen nicht die gleiche Bar oder Disco teilten, das gibt es heute auch nicht mehr. Veränderung ist möglich. Ich glaube, man muss bereits bei den Kleinen anfangen: Kinder lernen das, was sie sehen. Wir sollten ihnen von Anfang an beibringen, was Vorurteile und Rassismus sind.»

Pascal (27): «Ich selbst erlebe keinen Rassismus und habe viele Privilegien. In den vergangenen Wochen ist mir die Verantwortung bewusst geworden, die ich trage. Ich glaube, dass in uns allen rassistische Gedanken stecken und wir uns damit konfrontieren müssen. Ich habe gemerkt, dass ich Menschen in meinem Umfeld habe, mit denen ich über Rassismus sprechen muss, und es meine Pflicht ist, dies zu tun. Rassistische Perspektiven bleiben rassistisch – auch, wenn sie als Witz oder blöder Spruch verpackt sind. Es liegt an uns weissen Menschen, die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht okay ist.»

Nathalie (31), links: «Ich bin froh, dass der Dialog, den Schwarze Menschen und People of Color ständig führen, endlich nach aussen getragen wird. Ab jetzt sind die Leute informiert. Künftig kann niemand mehr sagen, er oder sie wisse es halt nicht besser.»

Jacqueline (22), rechts: «Das Thema Rassismus ist für mich schon immer allgegenwärtig. Aufgrund meiner Hautfarbe habe ich mich schon als Kind damit auseinandergesetzt. Ich finde es mega schön, dass es jetzt so umfassend besprochen wird. Rassismus fängt nämlich schon im ganz Kleinen, Alltäglichen an – schon bei der Frage, woher man kommt.»

15 000 Menschen protestierten am Samstag in Zürich an der «Black Lives Matter»-Demonstration gegen Rassismus. annabelle war dabei und fragte Teilnehmer*innen, was sich seit dem Mord an George Floyd verändert hat, was die «Black Lives Matter»-Bewegung bisher bereits bewirken konnte und was im Kampf gegen Rassismus wichtig ist.

Drei Wochen ist es her, seit der Afroamerikaner George Floyd (†46) in Minneapolis (US-Bundesstaat Minnesota) bei einem brutalen Polizeieinsatz ermordet wurde. Weltweit demonstrieren seither Menschen auf der ganzen Welt gegen Rassismus, Polizeigewalt und Diskriminierung. Auch in der Schweiz protestierten am Wochenende in mehreren Städten Tausende an «Black Lives Matter»-Kundgebungen. Allein in Zürich setzten am Samstag 15 000 Menschen gemeinsam ein Zeichen gegen Rassismus. 

Gemeinsam mit Fotografin Hannah Gottschalk sprach annabelle mit Teilnehmer*innen des Protests. Wir wollten wissen: Was veränderte der Mord an George Floyd? Kann die «Black Lives Matter»-Bewegung langfristig etwas verändern? Was fordern Schwarze Menschen – und was können weisse Menschen tun, um sie zu unterstützen? Klicken Sie durch unsere Galerie und erfahren Sie mehr über die Begegnungen. 

Mehr aus der Rubrik

Meinung

Unsere Diskussionskultur braucht mehr Grautöne

Von Stephanie Hess