«Awakening»-Bewegung: Drei Frauen erzählen

«Ich vernachlässigte über Jahre hinweg meine Weiblichkeit»

Text: Helene Aecherli; Fotos: Elin Berge

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Zwischen den Workshops nackt baden...

... und barfuss über glühende Kohlen gehen, um sich stark und mutig zu fühlen.

Am «Sacred Womb Festival» im schwedischen Ängsbacka haben diese Frauen gerade eine Naturmeditation mit orgasmischer Atmung hinter sich. Noch beseelt von diesem Ritual kriechen sie auf allen vieren zum nächsten Fotoshooting mit Elin Berge statt zu gehen.

«Inte din Fitta»: Das Tattoo von Hannah-Maria bedeutet «Nicht deine Pussy». Die junge Schwedin hatte es sich stechen lassen, weil sie es nicht mehr aushielt, dass fremde Männer ihr in Clubs an die Wäsche gingen.

«Sacred Womb Festival»: Über hundert Frauen kamen 2019 dafür nach Ängsbacka.

Schamanisches Trommeln: Joanna, Bella und Sanna segnen das Weibliche weltweit.

Einfach mal treiben lassen: Jeanette am «Sacred Women’s Retreat» in Stockholm 2017.

Die «Female Awakening»-Bewegung ist längst auch in der Schweiz angekommen. Die Teilnahme an Frauenzirkeln wird immer beliebter, die Frage nach der Essenz von Weiblichkeit immer vordringlicher. Doch welche Erfahrungen können hier gewonnen werden? Darüber haben wir mit drei Frauen geredet.

Magie, spirituelle Rituale und Schwesternschaft: Die Anhängerinnen der globalen «Awakening»-Bewegung sind auf der Suche nach sich selbst – und glauben an die Rückkehr einer göttlichen weiblichen Kraft. Wir haben mit drei Frauen gesprochen, die Frauenkreise in der Schweiz besuchten, um sich mit ihrer Weiblichkeit auseinanderzusetzen.

«Dem Beschützenden in mir mehr Beachtung schenken»

Yamilée (37), Schulleiterin:
Ich habe über viele Jahre hinweg meine Weiblichkeit vernachlässigt, ja, ich habe meine Emotionen regelrecht abtrainiert, weil meine Mutter mir und meinem Bruder beigebracht hatte, sie zu verstecken. Sogar Weinen wurde uns verboten. In ihren Augen waren Emotionen ein Zeichen der Schwäche, eine typisch weibliche Eigenschaft. Sie fürchtet, dass andere uns dominieren, ihre Macht über uns ausüben könnten, wenn wir Emotionen zeigten. Ich bin meiner Mutter nicht böse deswegen, denn sie hat es gut gemeint und wollte nur das Beste für uns. Aber das hat letztlich dazu geführt, dass ich glaubte, immer die Kontrolle bewahren zu müssen, Gefühle zu zeigen, empfand ich als eine negative Eigenschaft.

Das wurde mir auch immer wieder im Geschäft bestätigt, wenn es nach Sitzungen abschätzig hiess: «Hast du gesehen, die XY war wieder völlig emotional.» Für mich war klar: So will ich nicht sein. Dazu kam, dass ich weder mit meinen Freundinnen noch mit meinem Partner über Menstruation oder Menstruationsbeschwerden gesprochen hatte. Ich war zu gehemmt dafür. Auch weil ich dachte, dass die Gesellschaft mit einem gewissen Ekel auf dieses Thema sah. Meinen Kinderwunsch konnte ich zwar ansprechen, merkte aber, dass ich schnell verunsichert war und mich davor fürchtete, den Stempel «Torschlusspanik» auf die Stirn gedrückt zu bekommen.

Es ist schon schräg: Als ich 20 war, sprachen mich meine (Dating-)Partner auf das Thema Kinder an. Vielleicht fiel es ihnen leicht, da es noch weit weg schien. Aber als ich mich mit Anfang Dreissig mit diesem Thema auseinandersetzte und dies auch ansprach, schien es Männern nicht mehr genehm. Das finde ich sehr schwierig und schade. Irgendwann habe ich eine Familienaufstellung gemacht, dabei ist herausgekommen, wie sehr ich meine Weiblichkeit unterdrückt hatte. Erst dann ist es mir so richtig bewusst geworden. Um mir selbst auf die Spur zu kommen, entschloss ich mich, ein Weiblichkeitsseminar zu besuchen. Ich hatte schon lange damit geliebäugelt, denn ich habe die Idee immer gut gefunden, dass Frauen zusammenkommen, um einander zu unterstützen.

Das Seminar dauerte einen Tag. Ich konnte mir nichts Genaues darunter vorstellen, war jedoch sehr zufrieden mit den Themen und der Herangehensweise. Wir haben offen über unsere Bedürfnisse geredet, über unsere Ängste und Schwächen, über unseren Zyklus und unsere Sexualität. Und wenn es uns zu viel wurde und wir unsere Ruhe brauchten, konnten wir uns in ein Zelt zurückziehen, das mit roten Matratzen ausstaffiert war. Es diente als unseren ganz besonderen Rückzugsort. Ich fühlte mich durch die Frauen gehalten, und die Seminarleiterin brachte eine Natürlichkeit bei Themen herein, die mir in meinem Leben gefehlt hatte.

Besonders gefallen hat mir ihr Spruch: «Wir können ja auch mal unsere Vulva fragen, wie sie das sieht!» Weg vom Kopf, hin zur Vulva. Wie grossartig ist das denn! Ich habe diese Weisung gleich ausprobiert, als ich jemanden kennenlernte, den ich «auf dem Papier» gut fand, mich aber nicht ganz überzeugte. Ich fragte mich: «Will ich mit dieser Person intim werden?» Mein Kopf sagte: «Ja, warum nicht?» Meine Vulva aber meinte: «Nein!» Ich habe auf meine Vulva gehört. Heute gehe ich anders auf die Leute zu. Offener, furchtloser. Ich wage zu sagen, was ich denke und fühle, frage zum Beispiel meinen Datingpartner offen, wo er im Leben steht, und ob er sich vorstellen kann, Kinder zu haben. ch lasse mich auch nicht mehr in die Torschlusspanik-Ecke stellen. Denn zu fragen, wo man im Leben steht, hat meiner Ansicht nach nichts mit Torschlusspanik zu tun.

Wenn man klar und furchtlos sagt, was man will, zeigen alle interessanterweise Verständnis dafür und sind selber offener und ehrlicher. Geholfen hat mir auf meinem Weg aber sicher auch, dass ich Ausdrücke aus meinem Wortschatz gestrichen habe, die Frauen abwerten. Ausdrücke wie, «du bist eine Susie», «du Tussi» oder «Ich muss im Geschäftsleben meinen Mann stehen.» Und ich habe aufgehört, Eigenschaften, die mit Weiblichkeit assoziiert werden, als negativ zu empfinden. Das Beschützende, im Sinne von Fürsorge, zum Beispiel. Wie sehr hatte ich das früher verachtet. Heute aber finde ich, es ist höchste Zeit, dem Beschützenden in mir mehr Beachtung zu schenken und es auszuleben.

 

«Es war irgendwie komisch – und trotzdem schön»

Laura (34), Geschäftsleiterin einer Non-Profit-Organisation:
Ich bin schon immer daran interessiert gewesen, mich selbst zu reflektieren und habe mich nie vor Fragen gescheut wie: «Welches sind meine blinden Flecken?», «Was gilt für mich als weiblich, was als männlich?». Ich weiss inzwischen, dass es keine abschliessenden Antworten darauf gibt, zu individuell und dynamisch sind diese Fragestellungen. So viel kann ich aber sagen: Das Weibliche beinhaltet für mich das Weiche, Fürsorgende, Warme. Eigenschaften, die für mich zentral​er geworden sind – was aber nicht bedeutet, dass ich nur das brauche. ​

Vor einem Jahr nahm ich am Workshop Weibliche Kraft teil. Ich tat es aus Neugier, aber eben auch, um mich selbst zu erforschen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Rollenspiel, das wir zu zweit machen durften. «Nice Girl – Rebel Girl» hiess es, gutes Mädchen, rebellisches Mädchen. Die eine stellte ihrer Teampartnerin Aufgaben oder gab ihr Befehle wie: «Hol mir ein Glas Wasser!», «Mir gefallen deine Haare nicht, binde sie doch zusammen!», «Setz dich anders hin!», «Ich finde das mega blöd, du nicht auch?».

Die andere spielte ein paar Minuten das Nice Girl, dann das Rebel Girl, zum Schluss durfte sie noch ganz sich selbst  sein – danach tauschten wir. Wer in die Rolle des «Nice Girl» schlüpfte, musste zu allem Ja sagen und die Befehle ausführen. In der Rolle des Rebel Girl hingegen sagte sie zu allem Nein. Ich war gespannt, ob ich mich in einer dieser Rollen erkennen würde. Die meisten Frauen finden sich ja in der Rolle des «Nice Girl» wieder, dem netten Mädchen, das brav alles abnickt und tut, was man ihr sagt.

Lustigerweise hatte ich keine Mühe, Nein zu sagen, ein Rebel Girl zu sein. Im Verlauf der Ja-Sager-Rolle merkte ich, dass ich als Nice Girl auf Anerkennung hoffte, mich plötzlich abhängig fühlte vom Wohlwollen meines Gegenübers. Das ist mir eingefahren. Abhängig zu sein war mir schon immer ein Graus. Wahrscheinlich hatte ich auch deshalb die Rolle des Rebel Girl so verinnerlicht. In beiden Rollen fiel mir aber auf, dass ich überhaupt nicht mit mir oder meinem Gegenüber verbunden war, ich fühlte mich regelrecht abgekapselt. Erst, als wir dann authentisch antworten konnten, also, reagierten, wie wir es gerade ehrlich empfanden, spürte ich: «Ja, so fühle ich mich wohl, so möchte ich sein.» Das heisst, weil ich der Person den Gefallen tun wollte, holte ich ihr tatsächlich ein Glas Wasser. Die Haare oder Sitzposition verändern, wollte ich hingegen nicht und sagte Nein.

Rückblickend muss ich gestehen, dass ich einen Moment brauchte, um mich auf die Dynamik am Frauenzirkel einzulassen. Ich hatte Mühe damit, am Morgen als Erstes einfach loszutanzen, ich fand es irgendwie komisch. Aber es wurde dann trotzdem schön. Vor allem deshalb, weil wir nicht übereinander urteilten oder übereinander redeten. Dieses Grundprinzip des Workshops war für alle ein grosses Bedürfnis.

Wir durften präsent sein und in unseren Unterschieden wahrgenommen werden, haben Raum bekommen, einfach zu sein, wie wir gerade waren. Zudem haben wir uns in aktivem Zuhören geübt: Es ging darum, einander zuzuhören, mit einem kompletten Interesse daran, was die andere zu sagen hat oder was sie von sich zeigt. Viel zu oft hören wir nur zu, um anschliessend zu reagieren, statt das Gegenüber in ihrem oder seinem Sein zu erleben. Das hat mir ganz neue Dimensionen eröffnet.

 

«In Berührung kommen mit meiner Urkraft»

Hanna (36), angehende Psychomotorik-Therapeutin:
Was ist Weiblichkeit heute? Und vor allem: Was bedeutet Weiblichkeit für mich? Diese Fragen beschäftigen mich. Auf der Suche nach Antworten habe ich angefangen, an Frauenkreisen in Zürich teilzunehmen. Seit vier Jahren bin ich nun schon in der Szene unterwegs. Diesen Herbst nahm ich am Kurs «Zeit für Weiblichkeit» von Diana Richardson in Lützelflüh teil. Dort konnte ich mich selbst erfahren und in Berührung kommen mit meiner innewohnenden Urkraft, die erfüllt ist von Liebe und Sanftheit.

Diese Kraft tragen alle Menschen in sich, doch ist sie besonders ausgeprägt bei uns Frauen. Sie zu pflegen ist ein starker Gegensatz zu dem, wie wir in unserem heutigen Alltag leben: Den Kopf voller Pläne, beladen mit Verantwortung, Leistung und Selbstmanagement, da bleibt wenig Raum für ein intuitives, freies Sein und ein Fliessen mit dem Leben. In den Begegnungen mit Frauen habe ich erlebt, dass wir uns auf einer anderen Ebene nähren und geistig berühren, uns unserer Verbundenheit mit unserer Intuition bewusst werden.

Wir sind begleitet von diesem tiefen Instinkt für unser Leben und unseren Körper – diesem Instinkt vertrauen wir, aus dem schöpfen wir Energie. Wenn wir in dieser Essenz ruhen, schaffen wir es, Frieden in uns zu finden und neue Erfahrungen zu machen. Das heisst zum Beispiel, bewusst achtsame Begegnungen einzugehen, die eigene Maske mutig und vertrauensvoll abzulegen, um sich mit essenziellen Themen auseinanderzusetzen. Themen wie: Was ist die Wahrheit deiner Sexualität? Wie lebst du Selbstliebe? Hast du dich jemals benutzt gefühlt? Hast du beim Akt deinen Körper mal in Gedanken verlassen?

Durch das Zusammensein mit Frauen bin ich mir selbst nähergekommen. Ich empfinde mich als authentischer und ehrlicher und habe gelernt, vermehrt auf meine innere Stimme zu hören. Heute schaue ich in mich hinein und frage: «Was brauchst du gerade?» Ich bin klarer, lasse mich weniger von Äusserlichkeiten beeindrucken und versuche, mein Gegenüber aus dem Herzen zu betrachten. Das hat letztlich auch meine Partnerschaft verändert.

Ich bin heute dankbarer dafür, was mein Partner und ich zusammen haben, habe erfahren, dass wir da sind, um einander zu begleiten. Auf die Frage, was Weiblichkeit für mich bedeutet, würde ich vielleicht so antworten: Die weibliche Kraft ist für mich das Hingeben an das Ganzheitliche sowie auch eine achtsame Verantwortung zu leben für das Wohl der Gemeinde. Das verpflichtet uns Frauen dazu, aufzustehen und uns zu engagieren für ein friedliches Zusammensein. Und uns immer wieder zu fragen: «Wohin gehe ich? Und was ist es, wofür ich stehe?»

Die Reportage zur «Awakening»-Bewegung in Schweden finden Sie hier.

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