Interview

«Viele Leute sitzen in ihrer eigenen Blase fest»

Text: Miriam Suter
Foto: Valerie-Siba Rousparast

Die deutsch-türkische Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir ist Mitverlegerin des Buchs «Eure Heimat ist unser Albtraum». Wir haben mit ihr über Hassbotschaften, Netzfeminismus und den «Migrantenbonus» gesprochen.

«Eure Heimat ist unser Albtraum» steht auf dem violetten Cover der Essaysammlung, die Anfang Jahr erschienen ist. Die Worte «Heimat ist» und «Albtraum» sind schwarz gedruckt, der Rest hebt sich optisch kaum vom Hintergrund ab. Eine bewusste Entscheidung der beiden Verlegerinnen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Die Essays – unter anderem von der polnisch-deutschen Journalistin und Autorin Margarete Stokowsi oder dem deutschen Lyriker Max Czollek – drehen sich um den Begriff Heimat als Person mit Migrationsgeschichte.

annabelle.ch: Fatma Aydemir, wie ist die Idee zu Ihrer beidem Buch entstanden?
Fatma Aydemir: Ganz am Anfang stand noch nicht einmal das Thema Heimat fest. Hengameh (Yaghoobifarah, gibt das Buch mit heraus, Anm. d. Red.) und ich haben uns einfach darüber unterhalten, was wir aktuell gerade lesen, und sowohl sie als auch ich haben Anthologien gelesen mit Beiträgen von Autorinnen und Autoren, die über das postmigrantische Leben in ihrer neuen Heimat schreiben. Wir fanden dieses persönliche Format total schön und dachten, dass es so etwas im deutschsprachigen Raum auch braucht – und zwar auf der populären Ebene. Es gibt zwar deutschsprachige Essaysammlungen zu diesem Thema, aber sie kommen oft sehr akademisch daher. 

In Ihrem kämpferischen Essay «Arbeit» schreiben Sie darüber, wie Sie als Kind immer die gleichen Parolen hören mussten: «Ausländer sind faul» oder «Ausländer nehmen uns die Arbeit weg»...  
Mich beschäftigt das Thema Arbeit, seit ich angefangen habe, über Migrationsgeschichte nachzudenken und auch die Geschichte meiner eigenen Familie genauer aufgearbeitet habe. Das ist alles sehr eng an Arbeit geknüpft. Meine Grosseltern sind zum Arbeiten von der Türkei nach Deutschland gekommen. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es überlebenswichtig war, Arbeit zu haben – und viel zu arbeiten. Gleichzeitig sind viele meiner Freunde ständig auf der Suche nach Arbeit, weil ihr Aufenthaltsstatus in Deutschland an einen Vertrag gekoppelt ist. Vor allem finde ich dabei die Diskrepanz spannend: Konservative und Rechte zeichnen ja gern dieses Bild von faulen Migranten, die sich das Leben schön machen. Dabei kennen gerade Migrantenkids eine Doppelbelastung: Du erlebst rassistische Diskriminierung in der Schule und im Arbeitssystem, und gleichzeitig setzt deine Familie dich unter Druck, Arbeit zu finden. Diesen Komplex wollte ich in meinem Essay auffangen.

Sie schreiben darin auch über Ihren eigenen Einstieg in den Journalismus. Fühlen Sie sich in der Medienbranche durch Ihre Herkunft benachteiligt?
Erst einmal vorweg: Ich bin in einer sehr privilegierten Situation. Ich habe eine feste Stelle bei der Taz, wenn auch nur Teilzeit, aber ich bin versichert und habe ein regelmässiges Einkommen. Als Journalistin eine feste Stelle zu bekommen, ist heute ja bereits sehr viel. Nach der Schule wusste ich aber schon, dass es nicht einfach wird. Unbezahlte Praktika kamen nicht infrage, das muss man sich auch erstmal leisten können. Die Medienbranche ist ja eigentlich total seltsam: Man weiss nicht genau, wie man an Jobs rankommt oder wie die Karriereschritte verlaufen. Es heisst immer, man soll ein Volontariat machen, wo man alles lernt – also zwei Jahre für sehr wenig Geld arbeiten, was total ausbeuterisch ist. Dazu kommt der grosse Konkurrenzdruck: Alle wollen diese drei Stellen, die überhaupt ausgeschrieben sind. In meinem Essay beschreibe ich, wie Mitstudenten misstrauisch werden, als ich an ein Vorstellungsgespräch eingeladen werde – mir wurde vorgeworfen, ich hätte einen Migrantenbonus. Weil, warum sollte man mich sonst einladen?

Gibts diesen Bonus denn?
Vielleicht, aber vielleicht nicht so, wie er von Aussenstehenden verstanden wird. Vielleicht, weil Migranten mehr arbeiten, härter arbeiten und sich mehr anstrengen – weil wir müssen. Das Volontariat habe ich dann übrigens nicht bekommen, sondern ich habe tatsächlich ein Praktikum bei der Taz absolviert und danach einige Vertretungen gemacht, bis ich dann einen Job bekam. 

In Ihrem Text schreiben Sie auch vom Phänomen Token, was bedeutet, dass Frauen in Kaderpositionen einem ungleich höheren Druck ausgesetzt sind, als Männer in der gleichen Position. Können Sie das erklären?
Das kommt aus der feministischen Theorie und bedeutet, dass Unternehmen angefangen haben, eine oder vielleicht zwei Vorzeigfrauen einzustellen. Damit man ihnen nicht vorwerfen kann, sie hätten gar keine Frauen. An den patriarchalen Strukturen im Unternehmen ändert sich dennoch nichts. Genau so funktioniert es auch mit Migrantinnen und Migranten. Man wird quasi instrumentalisiert. Dagegen kann man leider nicht so viel unternehmen. Aber man kann sich dafür einsetzen, dass sich etwas ändert.

Inwiefern?
In erster Linie finde ich: Wenn ich oder jemand aus einer anderen diskriminierten Minderheit einen Job bekommt, ist das erstmal super. Danach habe ich nämlich die Möglichkeit, strukturelle Dinge zu verändern. Ich kann mich dafür einsetzen, dass in der Redaktion andere Leute eingestellt werden, die etwa Migrationshintergrund haben. Ausserdem habe ich als Redaktorin Einfluss darauf, welche Autoren frei für uns schreiben, welche Themen gesetzt werden, aus welchen Perspektiven die behandelt werden. Das ist die Herausforderung, die ich mir jeden Tag im Job stelle. 

Sind Sie zuversichtlich, dass die Medienbranche in Zukunft diverser wird?
Ja. In den acht Jahren, in denen ich jetzt als Journalistin arbeite, wurden auf jeden Fall mehr Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt, die sich gut positionieren können in der Branche. Ich glaube auch, dass der gesellschaftliche Rechtsruck Medienschaffende dazu zwingt zu hinterfragen, wie wir berichten.

Sie sind auch in den Social Media sehr aktiv. Was bewegt Sie an den Diskussionen in den Foren über Ihre Kernthemen Migration und Feminismus?
Mir gefällt, dass in den Social Media bestimmte Erfahrungen offengelegt werden. Wir fangen an, über Dinge zu sprechen, die vorher jeder für sich als Einzelprobleme wahrgenommen hat. Der Netzfeminismus und diese Onlinekommunikation haben auf jeden Fall dafür gesorgt, dass eine neue Generation von Feministinnen am Start ist, die sich viel mehr austauschen und sich so ein differenzierteres Verständnis von intersektionalem Feminismus verbreitet hat, der eben auch Antirassismus, Antisemitismus, Klassismus und Queerfeindlichkeit mitdenkt. Dieser Austausch ist enorm wichtig. Ich höre total oft grad von jungen Leserinnen und Lesern unseres Buchs, dass sie ein riesiges Aha-Erlebnis hatten: «Das erlebe nicht nur ich, andere Leute sehen das ähnlich.»  

Und was nervt Sie?
Ach, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll! Es raubt mir oft vor allem Zeit und Nerven. Dann denke ich, ich könnte so viele bessere Dinge tun in dieser Zeit! Auf der einen Seite finde ich zwar tatsächlich, dass die Diskussionen differenzierter geworden sind, grad wenn es um Feminismus geht. Auf der anderen Seite herrscht auch viel mehr Polarisierung, viel mehr Leute sitzen in ihrer eigenen Blase fest und radikalisieren sich dort – grad die unpolitische Masse. Das ist natürlich ein Problem, das sah man zum Beispiel während Trumps Wahlkampf auf Facebook. Ich bin jetzt gespannt, wie das mit der AfD weiterläuft.

Apropos Blase: Schafft es euer Buch denn über die feministische, linke Bubble hinaus?
Ich finde, das muss es gar nicht. Es ist ja kein Lehrbuch, sondern es sind literarische Essays und Kurzgeschichten. Ich glaube nicht, dass das Buch viele Leute ausserhalb unserer Bubble erreicht, schon allein wegen des Titels. Natürlich waren wir uns bewusst, dass der provoziert. Aber als das Buch ein paar Tage draussen war, habe ich gemerkt, dass es tatsächlich Leute gibt, die sich von diesem Titel persönlich angegriffen fühlen. 

Wie hat sich das geäussert?
Wir schreiben zwar im Vorwort, dass sich jeder und jede selber einordnen kann: in ein «unser» oder «euer». Ganz viele Leute haben sich aber automatisch bei «eure Heimat» gesehen und uns gesagt, dass sie schon gar keinen Bock hätten, so etwas zu lesen. Die sich zum Beispiel auch daran gestört haben, dass so viele seltsam klingende Namen auf dem Cover stehen. Es gab auch einen Fall in einem Buchladen von einem Typen, der eine Hassbotschaft auf einen Zettel geschrieben und in eine Ausgabe des Buchs gesteckt hatte. Ich bin offen für Dialog, so lang ein bestimmter Konsens herrscht und mein Gegenüber sich respektvoll verhält. Aber es ist nicht meine Aufgabe, diese Leute zu bekehren. 

Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. Sie studierte Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2012 lebt sie in Berlin und ist Redakteurin bei der taz. Als freie Autorin schreibt sie daneben für zahlreiche Zeitschriften, unter anderem fur Spex und das Missy Magazine. 2017 erschien ihr Roman «Ellbogen». Am 23. September hält sie an der ZHdK einen Vortrag.

Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah: «Eure Heimat ist unser Alptraum». Essays zum Thema Heimat. Ullstein fünf, 2019, 208 Seiten, ca. 26. Franken

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