Meine Meinung

Arbeit an der Schamgrenze

Text: Kerstin Hasse; Bild: GettyImages

Nackt

Vor drei Jahren testete ich zum ersten Mal ein Wellness-Angebot für annabelle. Mir und meinen Kolleginnen stand für ein paar Stunden ein riesiger Wellnessbereich zur Verfügung. Ich setzte mich nicht wie die anderen nackt in die Sauna, sondern sass mit einem eng um den Körper geschlungenen Handtuch am Pool. Mich nackt vor anderen Leuten ausziehen? Nie im Leben! Heute, drei Jahre später, komme ich gerade von einem Wellnesswochenende mit Freundinnen zurück. Wie ich die Tage verbracht habe? Zu achtzig Prozent nackt. Nackt und glücklich.

Was ist passiert? Ich könnte jetzt darüber philosophieren, dass ich endlich meine Bodypositivity embrace, dass die «Du-bist-schön»-Sprüche auf Instagram meinen Blick auf meinen Körper verändert haben, dass ich dank Ashley Graham meinen kurvigen Hintern mag. Aber so ist es nicht. Also meinen Hintern mag ich schon, aber das hat reichlich wenig mit Insta zu tun. Ich habe mir das Nacktsein antrainiert. Aber von vorn. Ich habe Frauen, die einfach so die Hüllen fallen lassen, immer bewundert. Und ich fand sie immer alle wunderschön: Die Schmalen, die Kurvigen, die mit grossen Brüsten und die mit kleinen Popos. Aber die Scham vor der eigenen Nacktheit in der Öffentlichkeit konnte ich dennoch nicht überwinden.

Nicht, weil ich mich hässlich finde, aber ich hatte Angst vor dem prüfenden Blick meines Gegenübers. Und das nervte mich, denn ich war nie ein Mensch, der Ängste einfach so hinnimmt. Als Kind erwischten mich meine Eltern, wie ich nachts mit einer Taschenlampe durch den Garten stapfte. Ich wollte meine Angst vor dem Dunkeln bekämpfen. Nun war also die Angst vor der Nacktheit dran. Ich überlegte mir, dass ein erster Schritt in Richtung füdliblutter Freiheit wohl die bewusste Auseinandersetzung mit meinem Körper sein müsste. Also meldete ich mich in einem Gym an. Ich suchte für einmal nicht ein Studio aus, das möglichst günstig ist, sondern eines dieser schicken Gyms, in denen schöne Menschen Hanteln elegant in die Luft stemmen und es duftende Lotions gibt. Und dann übte ich.

Ich übte, indem ich nach dem Training nicht schnell die Kleider überzog, sondern mich ausgiebig eincrèmte. Ich übte, indem ich regelmässig Wellness-Auszeiten nahm – eine empfehlenswerte Art des Nackt-Trainings übrigens – und nicht verschränkt wie eine Bretzel in der finnischen Sauna sass. Bald merkte ich, dass es funktioniert. Ich wurde sicherer. Das Interessante: Je einfacher es für mich war, mich nackt zu zeigen, desto glücklicher war ich mit meinem Körper. Ja, ich trainierte und ich hatte ein besseres Körpergefühl – aber äusserlich hatte ich mich kaum verändert. Die Veränderung fand im Kopf statt. Man müsse Nacktheit gar nicht toll finden, sagte eine Kollegin, als ich mit ihr über diesen Gedanken sprach. Das stimmt. Zumindest insofern, als dass man einen nackten Menschen nicht per se toll finden muss. Aber ich finde, wir sollten uns selber nackt okay finden. Nicht, weil Bodypositivity grad in ist. Nicht, weil es uns die Freundin oder der Freund sagt. Sondern, weil es verdammt noch mal unser eigener Körper ist. Als ich mich mit meinen Freundinnen nackt im Dampfbad suhlte, betrachtete ich sie ganz genau. Ich fand sie wunderschön. Und als ich an mir herunterblickte, dachte ich: Hey, gar nicht so schlecht. Eigentlich sogar richtig gut.

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