Verlassenheit und Isolation

Brief aus dem Gefängnis: Der erste Tag

Text: Dalma Aebischer; Foto: Gabi Vogt

Brief aus dem Gefängnis: Der erste Tag
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Eine Zelle in der Strafanstalt Hindelbank

Ein Aufenthaltsraum 

Der Speiseraum

Die Stoffwerkstatt, in der die Frauen kreativer Arbeit nachgehen können 

Dalma Aebischer sitzt eine mehrjährige Haftstrafe in der Strafanstalt Hindelbank ab. Sie berichtet für uns regelmässig aus dem Gefängnisalltag.

Wie lange hatte ich mich vor diesem Moment gefürchtet? Nun war er da, der Tag, an dem ich ins Gefängnis einrücken musste. Von Bern aus transportierte man mich in einem Käfigwagen, eingeschlossen in einer engen Box, gefesselt mit Handschellen und Fussfesseln. In der Box nebenan sass ein Mann, der in der ersten Kurve zu erbrechen begann. Der Geruch war kaum zu ertragen. Dann schlossen sich auch schon die Tore der Anstalt hinter mir.

Als Erstes musste ich eine Durchsuchung über mich ergehen lassen. Eine Sicherheitsbeamtin in einer strengen, dunkelgrauen Uniform beobachtete mich schweigend, während ich mich auszog. Sie befahl mir, mich zu bücken, in die Knie zu gehen, die Fusssohlen zu zeigen. Schliesslich durchwühlte sie sogar mein dichtes schwarzes Haar, um sicherzugehen, dass ich darin keine Drogen ins Gefängnis schmuggelte. Dann wurde ich in meine Wohngemeinschaft geführt.

Hier leben auf zwei Stockwerken 23 Frauen in Einzelzellen. Jede Zelle ist etwa zehn Quadratmeter gross. Es gibt ein Bett, einen Holzschrank, Tisch und Stuhl, einen kleinen Fernseher, ein Lavabo mit kaltem Wasser und eine Toilette. Nichts hier drin ist bunt, alles wirkt schmucklos und schäbig. Doch die Kargheit konnte mich nicht schockieren, darauf war ich vorbereitet. Zur Wohngemeinschaft gehören auch eine kleine Küche, ein grosser Essraum, zwei Putzräume, zwei Telefonkabinen und zwei Aufenthaltsräume für jede Etage, ein Waschraum und das Büro, in dem die Betreuer regieren. Ich nahm alles wie durch eine dicke Glasscheibe wahr, ohne besondere Gefühlsregungen. Das hier war nun also meine Welt, für die nächsten 26 Monate.

Bald schon kam das Abendessen, um 17 Uhr, wie im Altersheim. Zwei Frauen schöpften Wienerli mit Salat, während der Rest geduldig Schlange stand. Um 21 Uhr wurden wir alle für die Nacht in unseren Zellen eingeschlossen. Es roch nach abgestandenem Qualm, mit Sicherheit war meine Vorgängerin eine starke Raucherin gewesen. Nun kamen sie doch, die Gefühle von Verlassenheit und Isolation, die ich den ganzen Tag erfolgreich verdrängt hatte. Die erste Nacht ohne die Kinder. Die erste Nacht ohne eine Umarmung und das Schnarchen meines Mannes. Ich flüchtete in die Welten meiner Fantasie, dachte an Menschen, die mir etwas bedeuten und denen auch ich etwas bedeute. Und so schlief ich schliesslich doch ein.

Dalma Aebischer (Name geändert) wurde wegen qualifizierter Freiheitsberaubung und Entführung sowie Erschleichung einer Falschbeurkundung verurteilt.

Ein Porträt über sie und die Hintergründe ihrer Tat finden Sie hier.

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