Begegnung

Eine Begegnung: Mein Freund im Todestrakt

Text: Claudia Senn

Eine Begegnung: Mein Freund im Todestrakt

Sie ist eine Schweizer Hausfrau. Er ein zum Tode verurteilter Frauenmörder in den USA. Ihre Brieffreundschaft führt sie zu ihm ins Gefängnis. Unsere Autorin hat sie begleitet.

Samstagmorgen, sieben Uhr dreissig, noch brennt die berühmte Sonne Floridas nur mild vom Himmel. Acht Frauen stehen hinter einer am Boden markierten gelben Linie an der Gefängnismauer, verhärmt von Armut und Alkohol. «Nur acht heute», sagt eine. «Wir werden immer weniger.» Maja grüsst schüchtern und stellt sich hinten an. Sie hat kaum geschlafen in dieser Nacht. Doch trotz der vor Müdigkeit geröteten Augen, die sie mit den anderen gemeinsam hat, ist allen klar, dass sie keine von ihnen ist. Lang, dünn, mädchenhaft, gesunde Haare und Zähne. Maja ist 39, wirkt aber jünger. Keine der anderen Frauen sieht jünger aus, als sie ist. Keine sieht aus, als wäre sie jemals jung gewesen.

Manche sind schon seit Stunden hier, denn wer zu weit hinten in der Schlange steht, riskiert, keinen Platz mehr im Contact Visit Room zu bekommen, einem offenen Besuchersaal. Zur Begrüssung und zum Abschied ist eine kurze Umarmung mit dem Gefangenen erlaubt. Nebenan jedoch, im Non Contact Visit Room, sitzen die Häftlinge hinter Glas und sprechen in einen Telefonhörer. Keine Berührungen. Keine Körperwärme des Mannes, der bald für immer gehen wird. Die Frauen achten mit Argusaugen darauf, dass sich keine vordrängelt.

388 Gefangene warten im Todestrakt

Maja schaut sich um. Sie ist schon einmal hier gewesen, doch auch beim zweiten Mal wirkt das Gefängnis nicht weniger beklemmend: viele lange Zellentrakte in Reihen, darum herum Wachtürme und ein Wall aus Stacheldraht. Knapp 2000 Gefangene sitzen in der Union Correctional Institution in Raiford, Florida, ein. 388 warten im Todestrakt auf ihre Hinrichtung. Stolz verweist das Gefängnis auf seiner Website darauf, dass bis 1999 ein elektrischer Stuhl in Gebrauch war, den die Gefangenen selbst gezimmert hatten, aus Eichenholz. Auch, dass der Henker für seine Arbeit mit 150 Dollar pro Einsatz entlöhnt wird, ist dort zu erfahren.

«150 Dollar! Für diese Ungeheuerlichkeit!», sagt Maja. Fünf Jahre ist es her, dass sie in der Zeitung einen Artikel über die Schweizer Organisation Lifespark gelesen hat. Lifespark – Lebensfunke – vermittelt Brieffreundschaften mit zum Tode verurteilten Häftlingen in US-Strafanstalten. Der Artikel erschien ihr wie ein Wink des Schicksals. Nach dem Jurastudium hatte Maja in der Kommunikationsabteilung einer Privatbank gearbeitet, bis sie vor der Geburt ihrer ersten Tochter kündigte, um eine Weile ganz für die Familie da zu sein. Doch das Hausfrauendasein füllt sie nicht aus. Warum sich nicht gegen die Todesstrafe engagieren, die sie schon immer als barbarisch empfunden hat? «Ich war neugierig», sagt Maja. «Ich wollte wissen, was zurückkommt, wenn ich einem Strafgefangenen schreibe.» Natürlich habe sie es vor allem aus Mitgefühl getan, «aber das war nicht mein einziges Motiv. Ich bin nicht Mutter Teresa.»

Zu achzig Prozent sind es Frauen, die sich bei Lifespark melden. Darunter auch manche, die gern eine gute Tat vollbringen und sich «mitleidvoll einem ‹armen› Menschen zuwenden möchten», wie es Ines Aubert ausdrückt, die
Präsidentin der Organisation. Maja jedoch erschien ihr unsentimental und realistisch. Sie traute ihr die schwierige Aufgabe zu, gab ihr aber gleichwohl mit auf den Weg: «Mach dich auf harte Auseinandersetzungen gefasst.» Viele Gefangene hätten Werte wie Vertrauen, Loyalität oder Aufrichtigkeit niemals kennen gelernt. Manche versuchten mit allen möglichen Tricks, die Brieffreundin für ihre Zwecke einzuspannen. «Lass dich bloss nicht von deinem Mitleid überschwemmen.» Maja bekam die Adresse eines Häftlings in Raiford. Sein Name: Michael Seibert.

Fingerabdrücke, Metalldetektor, Leibesvisitation

Acht Uhr fünfzehn, Schlüsselklappern am Gefängnistor, in Fünfergruppen betreten die Besucherinnen die Pförtnerloge. Fingerabdrücke, Metalldetektor, Leibesvisitation. Sorgfältig hatte sich Maja die Kleidung für den heutigen Tag zurechtgelegt, die Vorschriften sind rigoros. Verboten sind zehenfreies Schuhwerk, die Farbe Orange, an der man die Häftlinge des Todestrakts erkennt, oder Kleider, die mehr als acht Zentimeter über dem Knie enden. Für den Fall, dass den Wärtern Majas hochgeschlossenes T-Shirt nicht züchtig genug ist, hat sie ein noch braveres Modell im Auto. Sie ist nicht 8000 Kilometer weit geflogen, um am Ende wegen eines zu grossen Ausschnitts vor die Tür gesetzt zu werden.

In einem durchsichtigen Plastiksack trägt sie fünfzig Dollar in kleinen Scheinen und ihre Autoschlüssel bei sich. Das ist alles, was sie in den Besucherraum mitbringen darf. Verboten sind persönliche Dinge, Lebensmittel oder Geschenke für den Gefangenen. Selbst Papier und Bleistift stuft die Gefängnisverwaltung als zu gefährlich ein. Maja passiert ein halbes Dutzend Stahltüren und gelangt schliesslich in einen langen, mit Maschendraht umzäunten Gang, der an einem Gebäude entlangführt, aus dem entsetzliche Schreie erklingen. Michael hatte sie vorgewarnt. Es ist die «strip cell», ein Straftrakt, in den die Gefangenen nach groben Regelverstössen gesperrt werden und dort auf eisernen Bettgestellen dahinvegetieren, ohne Matratze und Bettzeug, nackt, bis auf die Boxershorts. Denn eines wollen die Justizbehörden um jeden Preis verhindern: dass ein zum Tode Verurteilter seinem Leben selbst ein Ende setzt.

Kein Datenschutz für Todeskandidaten

Bevor Maja ihren ersten Brief an Michael zur Post brachte, gab sie seinen Namen bei Google ein. Wäre doch schön, zu wissen, wie er aussieht, dachte sie – in der «grenzenlos naiven» Vorstellung, im Netz ein altes Highschool-Foto von ihm zu finden. Zwei Klicks weiter stiess sie stattdessen auf die kompletten Gerichtsakten. Für Todeskandidaten gilt kein Datenschutz, so erfuhr sie später von Ines Aubert. Jedermann soll wissen, was sie verbrochen haben. Nach der Hinrichtung veröffentlichen die Justizbehörden auch ihre letzten Worte, die Henkersmahlzeit, ob der Gefangene ein- oder zweimal röchelte, wie lange es gedauert hat, bis sein Herz stillstand.

Voller Entsetzen las Maja, Michael solle am 17. März 1998 im Kokainrausch eine Frau erwürgt haben, mit der er zuvor Sex gehabt hatte. Vielleicht aber auch erst danach, so genau liess sich das nicht mehr feststellen. Die Leiche versuchte er verschwinden zu lassen, indem er Stückchen davon abhackte und die Toilette hinunterspülte. Als sein ausgesperrter Mitbewohner die Polizei rief, weil er glaubte, Michael wolle sich etwas antun, fanden die Beamten die Tote in der Badewanne. Der damals Dreissigjährige, der schon einmal eine Frau halb totgeschlagen und dafür zehn Jahre im Gefängnis gesessen hatte, wurde sofort verhaftet. Wie komme ich da wieder raus?, dachte Maja. Wie kann ich mit so einem Mann eine Brieffreundschaft eingehen? Erst jetzt realisierte sie, dass sie insgeheim gehofft hatte, an einen weniger entsetzlichen Fall zu geraten, eine Gang-Schiesserei vielleicht. Die Tatsache, dass die Todesstrafe meistens für besonders grausame Morde verhängt wird, hatte sie verdrängt. Nun aber hätte sie die Idee mit der Brieffreundschaft am liebsten sofort fallen lassen – wäre da nicht ihr Pflichtgefühl gewesen. «Ich dachte, ich muss es einfach tun. Ich habe doch Ja dazu gesagt.»

Sein erster Brief

Drei Wochen später traf sein Brief ein, sechs Seiten, eng beschrieben. Sympathische Handschrift, stellte sie mit Erstaunen fest. Auch der Inhalt des Briefes gefiel ihr. In wohlformulierten Sätzen schrieb Michael, wie sehr er sich darüber freue, eine Brieffreundin gefunden zu haben. Interessiert erkundigte er sich nach ihrem Land, ihrem Leben, ihrer Familie. «Da kam so viel Offenheit rüber. Gleichzeitig blieb er sehr höflich und kam mir niemals zu nah.» Als habe er die letzten zwei Jahrzehnte nicht hinter Gittern verbracht, schilderte er, wie sehr er die Natur liebe und es geniesse, draussen zu sein: beim Wandern, Angeln, Zelten. Das ist kein Monster, dachte Maja. Dass jemand, der eine so abscheuliche Tat begangen hat, solche Briefe schreibt, hätte sie nicht gedacht.

Der Contact Visit Room in Raiford ist kalt wie eine Grabkammer. 26 am Boden festgeschraubte, unzerstörbare Tische, darum herum je vier Stühle aus Stahl. Die Habitués haben sich Pullover oder Schals als Unterlage mitgebracht, um sich auf der eisigen Sitzfläche keine Blasenentzündung zu holen. Maja meldet sich wie vorgeschrieben beim diensthabenden Aufseher, einem Muskelprotz voller Tätowierungen, der ihr einen Platz zuweist. Tisch vier. Ein guter Tisch, weit genug weg vom Wachpersonal.

Der einzige Schmuck in diesem Raum ist ein bizarres Wandbild in schreienden Farben, vor dem sich die Besucher mit ihrem Gefangenen für ein paar Dollar fotografieren lassen können. Maja rutscht nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Vier Jahre sind seit ihrem letzten Besuch vergangen. Vier Jahre, in denen sie und Michael sich ausschliesslich schriftlich ausgetauscht haben. Wie wird sie sich mit ihm verstehen, jetzt, von Angesicht zu Angesicht?
Damals, nach dem ersten Brief, hatten sie bald schon einen schnellen Schreibrhythmus aufgenommen. Maja meldete sich einmal pro Woche, Michael zweimal. Sein Lebenshunger ist unersättlich. Kein Detail aus Majas Alltag ist ihm zu banal, um daran Anteil zu nehmen. Der Menüplan fürs Mittagessen, die kleinen Reibereien in der Familie, die Schwangerschaften. «Im Gefängnis erlebe ich 365 Tage im Jahr denselben Tag», schrieb er einmal. Jetzt ist es, als habe Maja für ihn ein Fenster zur Welt aufgestossen. Im Gegenzug erzählt er ihr vom schwierigen Verhältnis zu seinem Adoptivvater. Von der leiblichen Mutter, die jeglichen Kontakt zu ihm verweigert und der er trotzdem jedes Jahr eine Weihnachtskarte schreibt. Manche Briefe sind tränenverschmiert.

Schuld, Wahrheit und Gerechtigkeit

Was bedeutet ihr Michael? «Er ist ein Freund. Ein sehr guter Freund. Sässe er nicht im Gefängnis, würde er wohl alles für mich tun.» Und die entsetzlichen Verbrechen? Schiebt sie die einfach beiseite? Nein, sagt Maja, im Gegenteil. Seit sie von seinen Straftaten wisse, mache sie sich permanent Gedanken über Schuld, Wahrheit und Gerechtigkeit. Auch über das Opfer versuchte sie im Internet mehr herauszufinden – ohne Erfolg. In seinem ersten Brief hatte Michael geschrieben, er sitze für ein Verbrechen im Gefängnis, das er nicht begangen habe. Das macht für sie die Sache nicht einfacher. Tut sie seinem Opfer unrecht, wenn sie etwas Sinn und Freude in das Leben des Täters bringt? Darf sie ihn überhaupt Täter nennen, wo er doch seine Schuld bestreitet? Soll sie ihm seine Unschuld glauben, obwohl die Beweislage so erdrückend ist?

Über all diese Fragen kann sie mit Michael nicht in ihren Briefen sprechen. Der Postverkehr wird vom Gefängnis überwacht. Jede unbedachte Äusserung kann sich belastend auf Michaels Verfahren auswirken. Nach einem Jahr Brieffreundschaft besuchte sie ihn zum ersten Mal im Gefängnis. «Inzwischen hatten wir genügend Vertrauen aufgebaut. Michael wusste, dass ich ihm die Freundschaft nicht kündige, wenn er seine Taten eingesteht.» Doch Michael gab zwar sofort den Beinahemord zu, für den er eine lange Vorstrafe kassiert hatte. Er bestritt auch nicht, dass er die tote Frau im Badezimmer verschwinden lassen wollte. Aber den Mord habe ein anderer begangen. Daran hielt er fest – trotz aller gegen ihn sprechenden Indizien.

«Wahrscheinlich», sagt Maja, «werde ich nie wissen, wie es wirklich war.» Irgendwann hat sie diese Grauzone als Bestandteil ihrer Beziehung akzeptiert. Seither hat sie aufgehört, nach der Wahrheit zu bohren. «Es ist nicht meine Aufgabe, über Michael zu urteilen. Sondern für ihn da zu sein.»

Abgrundtiefe Traurigkeit

Wenige Minuten nach neun Uhr. Einzeln werden die Gefangenen in den Besucherraum geführt. Der dritte ist Michael. An dem aufgeregten Blick, den er Maja zuwirft, zeigt sich, dass auch er die Nacht über kein Auge zugetan haben dürfte. Seit Maja vier Jahre zuvor das letzte Mal hier war, hat ihn niemand mehr besucht. «Happy birthday», sagt Michael. «Happy birthday», sagt Maja. Nur ein Running Gag, keiner von beiden hat heute Geburtstag. Auch in den Briefen gratulieren sie sich unentwegt. Wer weiss schon, wie viele Geburtstage man Michael noch erleben lässt? Michael ist ein nicht sehr grosser, schlanker Mann mit schütter werdendem rotem Haar. Unterdessen ist er 44 Jahre alt. In seinen Augen spiegelt sich abgrundtiefe Traurigkeit. Doch jetzt gerade ringt er um Fassung vor Freude. «Ich bin so glücklich», stammelt er. «Ich bin der glücklichste Mann der Welt.» Sein Blick ruht auf Maja, als habe er nie etwas Schöneres gesehen.

Er betrachtet sie wie eine Marienerscheinung, wie die rettende Quelle, die er, der Verdurstende, nun endlich gefunden hat. «Maja bedeutet alles für mich», sagt er. Unfassbar sei es, dass sie trotz ihrer drei Kinder die Zeit finde, ihm regelmässig zu schreiben. «Betrachte dich als Priorität in meinem Leben», sagt Maja.

Liebt er sie? «Wahrscheinlich. Sicher sogar», sagt Maja. «Er weiss aber auch, dass ich verheiratet bin und keine Beziehung suche. Das respektiert er.» Beängstigt es sie nicht, wie abhängig sein Lebensglück von ihr ist? Was, wenn sie einmal nicht mehr schreiben mag oder kann? «Das macht mir durchaus Angst», sagt Maja. Deshalb hat sie eine Freundin instruiert, die sich im Notfall um Michael kümmern könnte, sollte sie selbst eines Tages nicht mehr dazu in der Lage sein.

Maja überweist ihm ab und zu 100 Dollar

Was gibts Neues? Michael will alles wissen. Wie wars mit den Kindern in Disneyworld in Orlando? Sind die Glaceportionen dort wirklich so gigantisch? «Ich habe jetzt meinen neuen Fernseher, dank dir.» – Ab und zu überweist ihm Maja hundert Dollar. Ohne das Geld könnte er sich auch keine Briefmarken kaufen, keine Kosmetika. Arbeiten ist in der Todeszelle nicht erlaubt. Am Kiosk, einem Verschlag voller Pappkartons, ersteht Maja Nescafé, Zucker und Milchpulver, während Michael in der Mikrowelle Wasser für den Kaffee wärmt.

Michael, hast du Freunde im Gefängnis?
«Nein, man darf niemandem trauen. Wer heute nett zu dir ist, wird dich morgen der Justiz ans Messer liefern.»

Was wünschst du dir?
«Wünsche versuche ich gar nicht erst aufkommen zu lassen. Sie werden sowieso nicht erfüllt.»

Zweimal pro Woche darf er für zwei Stunden in den Hof. Den Rest der Zeit verbringt er allein in seiner Zelle. Wie hält er das Eingesperrtsein aus, die Leere und das Warten auf den sicheren Tod? «Es ist die Hölle», sagt er, doch er bemüht sich, Maja nicht allzu sehr damit zu belasten. Seine Briefe sind voller Smileys und kleiner Scherze. Auf keinen Fall möchte er sie mit seiner Verzweiflung in die Flucht schlagen.

Die Brieffreundinnen der Todeskandidaten sind eine heterogene Gemeinschaft. Nicht alle sind Maja sympathisch, manche kommen ihr sogar «voll schräg rein». Bei ihrem letzten Besuch in Raiford beobachtete sie eine sechzigjährige Amerikanerin: «stark übergewichtig, Haare auf den Zähnen, ein richtiges Rääf. Die traf sich da mit einem höchst attraktiven Schwarzen – ein offensichtliches Verzweiflungs- und Abhängigkeitsverhältnis.» Hin und wieder kommt es vor, dass aus einer Brieffreundschaft eine Liebesbeziehung wird. Welcher Durchschnittsmann widmet einer Frau schon so viel Aufmerksamkeit wie ein Strafgefangener, der den ganzen Tag nichts anderes tun kann, als an sie zu denken? Kein gemeinsamer Alltag stört die ungehindert wuchernden Projektionen. Kein im Brief geleisteter Liebesschwur muss jemals einer Realitätsprüfung standhalten. Einige Lifespark-Mitglieder schrecken sogar vor einer Ehe mit ihrem Brieffreund nicht zurück.

«Wir propagieren das überhaupt nicht», sagt Ines Aubert, die Präsidentin der Organisation. Doch sie will solche Beziehungen nicht verurteilen, «denn ich weiss aus eigener Erfahrung, wie unglaublich nahe man sich in Briefen kommen kann». Manche Gefangenen schreiben, erst durch ihre Brieffreundin seien sie «wieder Mensch geworden». «Das gibt gewissen Frauen ein gutes Gefühl», sagt Aubert. Andere, die bei Lifespark allerdings fehl am Platz seien, sind fasziniert von der Macht des Bösen, vom Flirt mit der Gefahr. Gewalttäter, deren Verbrechen durch die Medien gegangen sind, erhalten oft körbeweise Post von Frauen, die sich wünschen, mit ihnen in Kontakt zu treten.
Es gehe dabei um eine Machtfantasie, eine Art Angstlust, sagt der deutsche Gerichtsgutachter Andreas Marneros, einer der wenigen, die sich bemühen, eine Erklärung für dieses bizarre Phänomen zu finden. «Die Frau sagt sich: Ich spiele mit dem Feuer. Ich habe die Stärke dazu. Solange er in Haft ist, ist er ungefährlich.» Das sei wie bei den Bungeejumpern, die beim Sturz in die Tiefe zwar vor Angst laut schrien, gleichzeitig aber genau wüssten, es passiere ihnen nichts.

Hart an der Ekelgrenze

Mittagszeit. Maja und Michael studieren die «Speisekarte» im Besucherraum. Beide entscheiden sich für den Hamburger, ein Produkt hart an der Ekelgrenze, das in der Mikrowelle aufgewärmt werden muss. «Köstlich», ruft Michael begeistert aus, «das Beste, was ich seit Jahren gegessen habe!» Maja erzählt von einem Dokumentarfilm über einen Schweizer Gefängniskoch, der das Essen für die Gefangenen liebevoll dekoriert. Als Zeichen der Wertschätzung und weil es diese kleinen Dinge seien, die das Leben im Gefängnis erträglicher machen. Michael schaut sie mit grossen Augen an.

Der Contact Visit Room ist inzwischen zur Hälfte belegt. Drei Tische weiter spielt eine Familie Karten. Daneben schmust ein Vater mit zwei kleinen Jungs, deren Volljährigkeit er nicht mehr erleben wird. Michael versucht, jeden kostbaren Moment im Gedächtnis zu behalten, sodass er den Besuch in den langen einsamen Jahren, die folgen werden, wie ein Kleinod immer wieder hervorholen und betrachten kann, Dutzende, Hunderte Male. «Gibt es etwas Neues zu deinem Verfahren?», fragt Maja. «Nein», sagt Michael, «aber ich bin überzeugt, dass ich noch dieses Jahr rauskomme. Spätestens nächstes. Die Wahrheit wird siegen.» «Das wäre schön», sagt Maja.

Ist sein Optimismus berechtigt? Vermutlich nicht, sagt sie später, aber warum soll sie ihm das letzte bisschen Zuversicht nehmen? 13 Jahre lang sitzen die Gefangenen durchschnittlich in der Todeszelle, bevor die Hinrichtung vollstreckt wird. Michael hat diese Zeit bereits abgesessen. «Wahrscheinlich kann man das nur aushalten, wenn man sich seine Perspektiven schönredet», sagt Maja. Noch sind nicht alle Rechtsmittel ausgeschöpft. Noch gibt es keinen Hinrichtungstermin. Den Gedanken daran blendet Maja aus, «er ist zu heftig».

Ein geplanter Tod

Natürlich, Menschen sterben, «aber so ein geplanter Tod ist doch etwas völlig anderes». Wenn der Brieffreund eines Lifespark-Mitglieds hingerichtet wird, zünden die anderen Mitglieder Kerzen für ihn an. Maja sorgt dafür, dass sie an diesen Tagen früh im Bett ist, damit sie zum Todeszeitpunkt schon schläft, «es fährt mir sonst zu krass ein». «Denk bitte daran», hatte Michael ihr beim letzten Besuch unter Tränen gesagt, «wenn sie mich hinrichten, bin ich an einem besseren Ort.»

Damals bat er sie, seine Asche abzuholen, wenn es so weit ist. Nun hält Maja seine Hände in ihren und verspricht es ihm erneut, bevor sie sich von ihm verabschiedet. Wenn das Ende in Sicht ist, wird sie ihn fragen, was sie sonst noch für ihn tun kann. «Mit allen Mitteln» will sie versuchen, seine Wünsche wahr zu machen. Was aber, wenn er möchte, dass sie bei der Hinrichtung dabei ist? Maja schweigt. Sie habe schon den Film «Dead Man Walking» kaum ausgehalten, sagt sie schliesslich. Wie soll sie da Michaels Hinrichtung überstehen? Also hofft sie «von ganzem Herzen», dass er sie nicht dabeihaben möchte. Dass er ihr ersparen wird, ihn auf diese Art in Erinnerung zu behalten. Doch wenn er es wirklich will – «so werde ich da sein».

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