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Erzählungen vom Leben auf der Gasse

Interview: Lara Marty

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Erscheint vierteljährlich: Das Magazin «Mascara», ein Projekt der kirchlichen Gassenarbeit Bern.

Gassenarbeiterin Eva Gammenthaler betreut das Projekt «Mascara»

Bis zu dreissig Frauen greifen im Büro der Gassenarbeit Bern alle zwei Wochen zum Stift und lassen ihren Gedanken freien Lauf. Ihre Texte erscheinen im Magazin «Mascara». Eva Gammenthaler betreut das Projekt.

annabelle: Im Jahr 1992 riegelte die Polizei den berüchtigten Drogenumschlagplatz am Zürcher Platzspitz ab, wenig später wurde mit dem Kocherpark in Bern ein weiterer Platz der offenen Drogenszene geräumt. Im selben Jahr erschien die erste «Mascara»-Ausgabe. Ein Zufall?
Eva Gammenthaler: Nein, denn die Szene war ja deshalb nicht verschwunden, sie ging einfach in den Untergrund. Dadurch hatten wir Mühe, mit den Süchtigen und Obdachlosen in Kontakt zu bleiben. Gerade die Frauen waren schwierig zu erreichen.

Warum?
Das Leben auf der Gasse ist für Frauen oft gefährlich. Sie bemühen sich darum, nicht zu sehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Um sich zu schützen, suchen sie bei jemandem Unterschlupf oder verstecken sich in fremden Wohnungen – was ihre Situation oft noch prekärer macht.

Wurde das «Mascara» also einst lanciert, um als Bindeglied zwischen der Gassenarbeit und den obdachlosen Frauen zu fungieren?
Genau, für uns ist das Magazin auch heute noch ein wichtiges Instrument, um einen ersten Kontakt zu knüpfen und diesen dann auch zu halten. Durch die Texte erfahren wir, wie es den Frauen auf der Gasse ergeht und was sie beschäftigt.

Wie viele Menschen sind auf den Schweizer Strassen heute als Obdachlose unterwegs?
Dazu gibt es keine genauen Zahlen. Bei der kirchlichen Gassenarbeit Bern stellen wir aber fest, dass es immer mehr werden.

Wie merkt ihr das?
Weil bei uns immer mehr Leute ein und aus gehen, mittlerweile erreichen wir unsere Kapazitätsgrenze. Die Schere tut sich in verschiedenen Bereichen immer weiter auf, Menschen fallen in die Armut, werden süchtig oder bekommen psychische Probleme und werden schneller an den Rand gedrängt.

Die Zunahme der Obdachlosen macht sich auch im «Mascara» bemerkbar. Verglichen mit älteren Ausgaben scheint das aktuelle Heft aus allen Nähten zu platzen.
Das stimmt, kürzlich beschwerte sich jemand in einem Leserbrief sogar darüber, dass ihm das Heft langsam zu dick werde. Uns zeigt das aber, dass es das «Mascara» weiterhin braucht.

Wie geht es bei euch zu und her, wenn sich bis zu dreissig Frauen zum Schreiben treffen?
Der «Mascara»-Nachmittag ist bei uns der einzige Termin, an dem die Frauen pünktlich erscheinen müssen. Sind alle da, setzen sie sich an die Arbeitstische, dann wird es ganz schnell ruhig. Wie früher in der Schule wird über den Texten gebrütet, und das ist gut so. Das Leben auf der Gasse ist hektisch. Bei uns können sie für ein paar Stunden zur Ruhe kommen und ihre Gedanken auf Papier bringen. 

Worüber schreiben sie?
Oft über Themen, die Sie und mich auch gerade beschäftigen: Lohngleichheit, Klimawandel, Liebe … Vielleicht werden diese Begriffe in den Texten nicht explizit genannt, aber in der letzten Ausgabe zum Beispiel beklate sich eine Frau, dass sie in der Gärtnerei weniger verdiene als ihr Arbeitskollege. Eine andere Autorin bemerkte, dass sie wegen der Hitze selbst im Herbst noch stark schwitze. Manchmal ist eine Geschichte auch einfach frei erfunden. Viele Texte handeln von den Schwierigkeiten, die das Leben auf der Gasse mit sich bringt, wie etwa der Wohnungssuche oder der Sehnsucht nach sozialen Kontakten.

Berührt sie das? 
Ich kenne die Frauen alle sehr gut und oft auch sehr lang. Ihre Texte zu lesen ist spannend, aber ja – oft auch traurig. Einst schrieb eine Frau darüber, wie ihr Kind gestorben ist. Mich machte das vor allem deshalb traurig, weil sie es mir persönlich nicht erzählen, sondern nur darüber schreiben konnte.

Manchmal sind die Texte nur schwer zu entziffern, warum werden sie in Original-Handschrift abgedruckt?
Die Texte werden anonym geschrieben. Anhand der Handschrift kann ich sie den Frauen trotzdem zuordnen. Ausserdem finde ich, dass es dem Heft eine schöne persönliche Note gibt.

Wann wird ein Text nicht veröffentlicht?
Wenn jemand durch den Text zu schaden kommen könnte, etwa wenn eine Person namentlich genannt oder zu detailliert beschrieben wird. Eine junge Frau schrieb kürzlich darüber, wie sie brutal überfallen wurde. Das «Mascara» war für sie die erste Möglichkeit, das Erlebte zum Ausdruck zu bringen. Für mich war aber klar, dass ich diesen Text noch etwas zur Seite nehme und später mit ihr bespreche, ob sie das so veröffentlichen möchte. Grundsätzlich werden die Texte aber unzensiert gedruckt. Das «Mascara» soll unserer Leserschaft einen authentischen Einblick ermöglichen in einen Alltag, der am Rand unserer Gesellschaft stattfindet. Wir hoffen, dass dadurch Vorurteile ab- und Verständnis aufgebaut werden.

Dürften sich bei der «Mascara»-Runde auch Männer dazugesellen?
Es gibt auf der Strasse sehr viel Gewalt gegen Frauen. Trotzdem ist das immer noch ein Tabuthema, oft auch unter den Frauen selbst. Das «Mascara» soll ihnen die Gelegenheit bieten, in einem geschützten Rahmen ihre Erlebnisse und Emotionen auszudrücken. Deshalb ist dieser spezielle Nachmittag wirklich nur für die Frauen reserviert.

Die Berner Gassenarbeiterin Eva Gammenthaler betreut das Projekt «Mascara». Das Magazin hat eine Auflage von 250 Exemplaren, es wird durch ca. 100 Abonnentinnen und Abonnenten und über Spenden finanziert.

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