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Die Freestylerinnen: Ein Leben im Funpark

Text: Sven Broder; Fotos: Dan Cermak

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«Wir sind einfach drangeblieben»: Die Skaterinnen Nathi, Salome, Denice, Joani und Julia (v.l.) in der Freestylehalle Zürich. 

Die Freestylerinnen

...geben Geld aus, das sie nicht haben und kleiden sich gern oversized. Was sie sonst noch ausmacht:

Wer hinfällt, steht wieder auf: Die Shreddermoes aus Zürich haben ihre Lektion fürs Leben gelernt.

Skateboardfahren gibt dir viel. Aber geschenkt wird dir nichts. Schon gar nicht, wenn du ein Mädchen bist. Die Shreddermoes haben diese Lektion früh gelernt – und mit gebrochenem Handgelenk, kaputten Fingern und einem zertrümmerten Schlüsselbein bezahlt. Skaten sieht, wenn man es kann, einfach aus. Kann man es nicht – und damit fängts nun mal an –, ist es so, als nehme man als Linkshänderin an einem Kalligrafie-Wettbewerb für Rechtshänderinnen teil, und für jeden Fehler gäbe es eine Ohrfeige mit der Beton-Fitze. «Nicht sehr sexy», meinen die Shreddermoes mit Blick zurück auf ihre eigenen ersten Auftritte in den Skateparks. Das war 2013. Aber sie haben das gemacht, was junge Skaterinnen früher selten, heute aber immer öfter tun: «Wir sind einfach drangeblieben.» Egal, wie viele blaue Flecken sie «kassierten». Egal auch, wie viele «Todesblicke» sie von Jungs ernteten, die meinten, sie seien nur hier, um sich im Schein der anderen Skater zu sonnen, und mit Sicherheit bald wieder weg. Waren sie nicht. Dann standen sie die ersten Kickflipps, was quasi den Abschluss des Initiationsritus markierte: Von da an war die Girl-Gang akzeptiert.

«Wir haben schon ein wenig das Eis gebrochen, zumindest in Zürich. Wenn ich heute in die Allmend skaten gehe, fühle ich es voll, wenn ich all die jungen Girls sehe, die den Park shredden», sagt Denice. Mit zwanzig Jahren ist sie die Jüngste im Quintett, sie macht eine Malerinnen-Lehre und wohnt bei ihrem Vater. Die anderen sind Nathi (21), Joani (21), Julia (21) und Salome (25). Auch sie wohnen noch zuhause oder pendeln je nach Beziehungsstatus zwischen WG, Freund und Elternhaus hin und her. Beruflich stecken sie – ausser Salome, die in einem Sneakers-Shop arbeitet –, noch in der Erst- oder Zweitausbildung. Ihre beruflichen Aussichten: Fitnesstrainerin, Fachfrau Betriebsunterhalt, Grafikerin. Fragt man sie nach ihren Lebensplänen, tönt alles recht unverbindlich. Kinder? Ja. Nein. Vielleicht. «Es kommt, wies kommt. Und wies kommt, kommts gut», meint Joani, und tut, was sie oft tut: Sie lacht. Ziele hätten sie schon, meint Nathi. Aber dafür aufs Skaten oder auf ihre Gang verzichten? «No way!» Wer denkt an eine Karriereleiter, wenn er Treppen hinunterspringen kann? Weiterhin gemeinsam herumreisen, das wollen sie unbedingt. «Fährst du Skateboard, brauchst du kein Airbnb», meint Julia. Die Skate-Community sei one big family, «da findest du immer ein Bett zum Pennen».
 


Nathi: «Ich habe nichts gegen Tussis. Aber ich arbeite lieber an meinen inneren Werten»
 

Skater hätten alle ein ähnliches Mindset, sagt Denice. Man fühle sich frei und trotzdem voll aufgehoben. Als Kinder waren sie eher Aussenseiter. «Buebemeitli.» «Einfach nicht so girly wie die anderen.» Eine Shreddermoe jedoch mag das Leben wie ihr Äusseres: real und ungeschminkt. «Ich habe nichts gegen Tussis, die ihr Gesicht zukleistern. Aber ich arbeite lieber an meinen inneren Werten», meint Nathi. Sich mit den Skaterinnen zu unterhalten, ist irrsinnig lustig. Man braucht jedoch ein gewisses Faible für Anglizismen und viel Sinn für Ironie. Und das Lachen fällt einem auch etwas leichter, wenn man nicht einer ihrer Erziehungsberechtigten ist. Denn einmal in Fahrt gekommen, jagt eine «Weisch no?»-Anekdote die nächste: Joani, die beim Downhillen in Ohnmacht fiel, mit aufgeschlagenem Kopf aber vor allem um die Nacktschnecke trauerte, die zerquetscht an ihrer Schulter klebte.

Oder wie die Gang nach einer langen Party im Morgengrauen aufs abgesperrte Gelände des Knabenschiessens schlich, der grössten Chilbi von Zürich, und heimlich die Riesenrutschbahn erklomm. Joani sass vorne, Nathi hinten, auf einem vom Tau durchnässten Teppich. Bereits ab dem zweiten Hügel hoben sie ab und knallten unten wie betrunkene Robben ungebremst in die Banden. Das Handyvideo davon hat es bis ins Programm der MTV-Show «Ridiculousness» geschafft. 200 Dollar haben sie dafür bekommen. Viel Geld für junge Frauen, die ständig ein wenig klamm sind. Die Shreddermoes sind jung und wild. Und noch ist nicht abzusehen, was sie jemals zähmen könnte. Jungs, die es probieren wollen, sollten es aber auf jeden Fall geschickter anstellen, als der, der neulich zu Nathi meinte: «Bei dir weiss ich nie, ob ich aufs Skate oder auf deinen Arsch schauen soll.» Auch er dürfte seine Lektion gelernt haben: Denn Shreddermoes können nicht nur einstecken, sie können auch austeilen.
 

 

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Sie sind die Erben einer Welt, die sie nicht selber gestaltet haben. Einer Welt mit vielen Problemen, Widersprüchen und süssesten Verlockungen. Keine einfache Ausgangslage für die jungen Leute von heute. Wie gehen sie damit um? Was beschäftigt sie und was lässt sie kalt? Das grosse annabelle-Dossier über eine bewegte Generation in bewegenden Zeiten.

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