Heilsarmee

Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee

Text: Julia Hofer, Fotos: Elisabeth Real

Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee.
Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee.
Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee.
Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee.
Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee.
Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee.
Jenseits der Topfkollekte: Die Heilsarmee.
e
f

Schulleiter Jean-Marc Flückiger (rechts) und seine Kandidaten für den Bachelor of Arts in Christlicher Leiterschaft Christine Stachl und Christoph Lässig.

Kaffee und Gesang für das Seelenheil.

«Oh Boy! Jemand muss Entscheidungen fällen»: Linda Bond, Generalin über eine Million Soldaten.

Gottesdienst in Zürich.

Im Wohnheim in Winterthur: Vor dem Essen wird ein Bibelspruch vorgelesen, was niemanden stört, denn das Essen ist gut.

Die Heilsarmee landet mit der Teilnahme am Eurovision Song Contest den PR-Coup des Jahres. Doch wer um Himmels Willen steht hinter dieser Organisation?

Sie heisst Bond. Linda Bond. Die Frau ist aber keine Agentin des britischen Geheimdiensts, sondern viel mehr als das. General Bond (66) steht der Heilsarmee vor, einer Armee mit über eine Million Soldaten – fünfmal mehr, als die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs zählen.

An diesem eiskalten Wochenende im März weilt Linda Bond in der Schweiz auf Truppenbesuch. Es dürfte kein Zufall sein, dass sie gerade jetzt kommt, einige Wochen bevor die helvetische Heilsarmee-Band am Eurovision Song Contest in Malmö für die Schweiz antreten wird und alle Augen auf ihre Kirche gerichtet sein werden. Die Band heisst aus reglementtechnischen Gründen mittlerweile Takasa. Takasa? Man munkelt, das sei eine Abkürzung für The Artists Known as Salvation Army, von offizieller Seite verlautet, der Name bedeute auf Suaheli reinigen. Der spirituelle Touch ist gewollt. Diese Band hat nichts mit der verlorenen Gunvor, dem kommerzigen DJ Bobo oder dem schwulen Michael von der Heide zu tun. Die Botschaft der Band gründet auf der Bibel. Dennoch wurde sie – ein kleines Wunder? – von den nüchternen Schweizern per Telefonabstimmung ins internationale Rennen geschickt.

Der PR-Coup des Jahres

In der Werbebranche wird der Coup bejubelt. Wochenlang war die Heilsarmee in den Medien Thema, man spekulierte darüber, ob sie homophob ist oder nicht, ob die Band mit oder ohne Uniformen nach Malmö reisen wird. Wohl nie zuvor ist es gelungen, mit so wenig Geld so viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Entstanden ist die Idee in der Zürcher Kommunikationsagentur Spinas Civil Voices. Eigentlich hatte man sich dort nur überlegt, wie der alljährlichen Topfkollekte zu etwas mehr Glamour verholfen werden könnte, als sich der Creative Director Matthias Freuler dachte: «Wenn die Heilsarmee schon an jeder Strassenecke singt, warum dann nicht einmal auf der ganz grossen Bühne?» Um das Image der Heilsarmee «von gefühlten Ü70 (wie bisher) auf wenigstens U60 zu verjüngen», brauchte es einen Song mit Hitpotenzial. Dieser wurde von Roman Camenzinds Hitmill Studio geliefert – obwohl der Produzent bisher alle Anfragen für Eurovision-Song-Contest-Songs abgelehnt hatte. Warum hat er diesmal Ja gesagt? «Bei mir um die Ecke betreibt die Heilsarmee eine Suppenküche», bringt Camenzind auf den Punkt, was viele denken. «Ich sehe seit Jahren, dass das eine gute Sache ist.»

Sonntagmorgen, im Gemeindezentrum des Korps’ Zürich Zentral. Die aus London angereiste Linda Bond, eine energische, charismatische Dame mit Brille und praktischer Kurzhaarfrisur, wird den Gottesdienst halten. Der Saal ist voll, viele tragen Uniform. Das sogenannte Redshield, das rote Heilsarmeewappen, ziert Epauletten, Jacken, Foulards und Pullover. Vorne an der Wand in grossen Lettern die Frage «Was muss ich tun, damit ich selig werde?» Daneben die Antwort: «Glaube an den Herrn Jesum Christum.» Das Orchester spielt einen Marsch, die Finger der älteren Offiziere trommeln im Takt. Eine lüpfige Angelegenheit ist das, Gospelkirche meets Blaskapelle. Dann serviert die Jugendgruppe die älteren Musiker mit den Worten «Das können die Jungen besser!» ab und stimmt einen Christenrap an: «Stöht alli uf und stimmed ii i de Groove.» Die Generalin lauscht mit offenem Mund. In ihrer Predigt wird sie die Heilsarmee des 21. Jahrhunderts heraufbeschwören – ob es das ist, was sie meint? Sie hoffe, nicht allzu müde auszusehen, beginnt sie nun selbstironisch zu reden, ein Major habe es heute Morgen für angebracht gehalten, sie mit einem Energydrink «bekannt zu machen», den sie nach eingehendem Studium der Zutatenliste – «ich wollte nicht gegen unser Alkoholverbot verstossen» – dann auch tatsächlich getrunken habe.

«Wir sind nicht bloss ein Hilfswerk!»

Ihre Stimme schmettert leidenschaftlich durch den nüchternen Saal: «Wir sind nicht bloss ein Hilfswerk! Es ist wichtig, Leute für Jesus Christus zu gewinnen!» Diese Verquickung von sozialer Arbeit und Mission ist es, welche die Heilsarmee auszeichnet – und Aussenstehende misstrauisch macht. Ist das nicht heikel, wenn sich in einer Organisation, die weltweit in 124 Ländern tätig ist und 5800 soziale Institutionen führt – in der Schweiz etwa Wohnheime für Obdachlose, Sozialberatungen oder Asylzentren – ausgerechnet Missionare um Notleidende kümmern? Besteht da nicht die Gefahr, dass eine Situation ausgenutzt wird, damit eine «verlorene Seele» gerettet werden kann?

«Bestimmt hat es einige unter euch», steuert die Generalin nun dem Ende des Gottesdiensts zu, «die heute nach vorn kommen und sich erneut Gott anvertrauen möchten!» Das Klavier spielt langsam, die Stimmung ist aufgeladen dringlich. Das muss der sogenannte Altarruf sein, eine Besonderheit im evangelikalen Gottesdienst. Einzelne Gläubige folgen dem Aufruf und knien vor dem Altar nieder, um ihr Bündnis mit Gott zu erneuern. Manche umarmen sich, andere vergraben den Kopf in den Händen. «Ihr werdet enttäuscht sein», werden die Jugendlichen von einer ranghohen Offizierin ermahnt, «wenn euer Herz brennt und ihr nicht kommt. Ich weiss es!» Die Jugendlichen schauen sich verschämt an. Ein Mädchen bricht in Tränen aus. Eine Salutistin tröstet sie, weist den Weg zum Altar. Das Mädchen will nicht.

Ein Leben ohne Alkohol, Tabak, Drogen und Pornografie

Die Junior-Soldaten können ab dem 14. Lebensjahr die elf Glaubenssätze unterschreiben, um Salutisten zu werden, uniformierte Mitglieder. Sie versprechen damit, ein reines Leben zu führen und sich von Alkohol, Tabak, Drogen und Pornografie fernzuhalten. Doch heute, erzählen mir verschiedene Offiziere, würden sich ihre Kinder auch von anderen Freikirchen angezogen fühlen, «bei denen mehr für die Jugendlichen geboten wird». Das scheint kein Problem zu sein, «es ist für uns wichtig, dass wir die Menschen mit dem Segen Gottes ziehen lassen können».

Auch Jean-Marc Flückiger bekommt diese Entwicklung zu spüren. Er steht dem Bildungszentrum der Heilsarmee in Basel vor, das Salutisten, die sich ganz der Arbeit in der Gemeinde verschreiben möchten, zu Offizieren ausbildet. Durch die Schule ist ein Modernisierungsruck gegangen: Man will «Führungspersönlichkeiten» ausbilden, das Studium wird mit einem Bachelor of Arts in Christlicher Leiterschaft abgeschlossen. Begannen in den Sechzigerjahren noch zehn bis zwanzig Salutisten jährlich das Studium, so sind es heute noch drei oder vier. Flückiger spricht von einer globalen «Berufungskrise». In einer schnelllebigen Zeit wie der unseren, versucht er zu erklären, würden die Menschen vor einer lebenslänglichen Verpflichtung zurückschrecken. Auf seinem Arbeitstisch liegt ein Buch mit dem Titel «Mir nach! Erfolgreiches Führen vom heiligen Benedikt bis Steve Jobs», in der Ecke steht eine Gitarre. Flückiger ist ein gelassener, freundlicher Rektor, und ja, auch er ist bei der Topfkollekte dabei.

«Natürlich möchten wir, dass Gott die Menschen berührt»

Auf die Frage, ob er schon einmal jemanden bekehrt habe, antwortet er: «Wenn ich jemandem zu essen gab und spürte, dieser Mensch ist auch seelisch am Ende, dann habe ich gefragt, ob ich für ihn beten dürfe.» Er müsse nicht mit jedem über Gott sprechen und die Hilfeleistung dürfe schon gar nicht davon abhängig gemacht werden. «Aber natürlich möchten wir, dass Gott die Menschen berührt. Das ist der innere Motor unserer Arbeit. Wenn ich nicht mehr darüber reden darf, kann ich zuhause bleiben und TV schauen.»

Das in den Achtzigerjahren gebaute Bildungszentrum wirkt heute ausgestorben. Am Seminar von Offizier Ernst Kugler nehmen gerade mal vier Studenten teil. Das Thema heute: Psalmen. Kugler, ein etwas steifer Dozent der alten Garde, stellt die rhetorischen Fragen im Minutentakt, die Studenten grübeln und antworten.

Christoph Lässig (25) ist einer von ihnen. Schon seine Grosseltern waren in der Heilsarmee. Bevor er den «Ruf zum vollzeitlichen Dienst vernommen» hat, arbeitete er als Informatiker. Die streng hierarchisch organisierte Heilsarmee habe ihn nach Langnau geschickt, erzählt er, um dort eine Jugendgruppe aufzubauen. Diese Arbeit macht ihm Spass, auch wenn er mit einem Auslandeinsatz geliebäugelt hat. Der junge Mann beschreibt sich selbst, nicht unsympathisch, als Suchenden, als jemanden, der gern «sicherer» wäre. Bekehrt hat er noch niemanden. «Ja, das wäre ein Erfolg», meint er. Denn Jesus, da ist er sich sicher, ist der einzige Weg zum ewigen Leben. Seine Weltanschauung könnte dem Lehrbuch entstammen: Kein Sex vor der Ehe. Die Ehe ist für Mann und Frau bestimmt – aber «vor Gott» sind alle Menschen gleich, auch die Homosexuellen. Eine Ehe mit einer Nichtchristin? «Schwierig», man brauche eine Partnerin, die «hundert Prozent dahintersteht.» Dass er zehn Prozent seines Lohns spendet und sich damit wie in evangelikalen Kreisen üblich an dasbiblische Prinzip des Zehnten hält, findet er normal, «ich habe immer noch zu viel zum Leben».

 

«Heute weckt die Vermischung von religiösen und kriegerischen Inhalten keine guten Assoziationen mehr»

Christine Stachl (28) besucht am selben Abend ein Liturgie-Seminar in Liestal. Die junge Österreicherin hat schon viel Schwieriges erlebt, sie wurde als Kind missbraucht, war später manisch-depressiv und hat drei Selbstmordversuche überlebt. «Ich bin durch Jesus neu geworden! Ich habe es selbst erlebt!», frohlockt sie heute. «Wenn man ein Mittel gegen Krebs kennt, es aber nicht weitergibt – dann wäre das doch unfair, oder?» Beim Aufnahmegespräch fürs Studium bestand sie darauf, dass sie Erwachsene taufen würde, wenn diese das wünschten, obwohl die Heilsarmee das Sakrament der Taufe nicht praktiziert. Die rebellische Stachl, die den Hang der Heilsarmee zum Militärischen «altmodisch» und den runden Hut, der zur Uniform der Frauen gehört, «schrecklich» findet, wurde trotzdem aufgenommen.

Eingeführt wurden die militärischen Ränge und Uniformen bereits von William Booth, einem methodistischen Pfarrer, der erschüttert über das Elend in den Londoner Slums der Frühindustrialisierung 1865 die Heilsarmee gründete. Damals entsprachen sie dem militärverrückten Zeitgeist und waren eine geniale PR-Aktion. «Doch heute weckt die Vermischung von religiösen und kriegerischen Inhalten keine guten Assoziationen mehr», sagt Georg Schmid von der evangelischen Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen. Er ist überzeugt, dass der Heilsarmee deswegen «die Leute davonlaufen». Zwar ist aus dem Kirchenblatt mit dem martialischen Namen «Der Kriegsruf» mittlerweile der unverfängliche «Trialog» geworden. Doch die Uniformen könne man nicht abschaffen, ohne die älteren Salutisten zu vergraulen.

Voll belegte Heilsarmee-Wohnheime

Einige Tage später im Heilsarmee-Wohnheim in Winterthur. Solche Einrichtungen werden kaum noch von Offizieren geführt, das liegt nicht nur am fehlenden Nachwuchs, sondern auch daran, dass die Anforderungen an die Heimleitung professioneller geworden sind. Trotzdem hängt in jedem Zimmer ein Bibelkalender. Es gibt jeden Freitagabend eine (freiwillige) Andacht, und vor dem Essen wird oft ein Zitat aus der Bibel vorgelesen. Aber für die Aufnahme sei der Glaube «null Kriterium», sagt Institutionsleiter Rolf Girschweiler. «Wir nehmen die Menschen so an, wie sie sind.» Das Heim ist – abgesehen von jährlich rund 15 000 Franken aus der Topfkollekte – selbsttragend. Der staatliche Sozialdienst bezahlt pro Übernachtung.

Alle vierzig Schlafplätze sind belegt, im Aufenthaltsraum musste sogar ein Notbett aufgestellt werden, hält Girschweiler beim Morgenrapport fest. Eine Bewohnerin hat in der Nacht die Polizei gerufen, weil jemand an ihre Zimmertür geklopft und sie sich gefürchtet hat. Ein Drogenabhängiger hat behauptet, ihm seien 200 Franken gestohlen worden. Demnächst sollen in den Mehrbettzimmern Safes eingebaut werden. Im Gang hat Girschweiler einen Zeitungsartikel über kontrolliertes Trinken aufgehängt und in seiner gelassen-heiteren Art dazugeschrieben: «An die Freunde alkoholischer Getränke: Das könnte für manchen von Ihnen eine gute Sache sein.»

«Oh Boy! Jemand muss Entscheidungen fällen. »

Während des morgendlichen Rundgangs durchs Haus schliesst die Betreuerin jede Zimmertür nach kurzem Klopfen auf. Ein alter Mann schimpft zum Fenster raus. Eine Inderin öffnet verschüchtert die Tür, es ist nicht klar, ob sie versteht, was man von ihr will. Heute ist Putztag, zudem wird kontrolliert, ob auf den Fenstersimsen Alkohol oder Drogen gehortet werden. Viele Bewohner liegen noch im Bett. Es ist unangenehm, mit Blicken in diese notdürftigen Privatsphären einzudringen. Der Bewohner, der sich als Bobesch Hahn (47) vorstellt, ist seit dreissig Jahren auf Methadon. Er findet es zwar «erbärmlich», dass im Zimmer kein Fernseher gestattet ist, lobt aber das Essen. Der Bibelspruch? «Dauert nicht lange. Und dann wird gleich das Menü vorgelesen.» Der grosse Mann mit den Tätowierungen, die Augen auf Halbmast, hat einen Traum: Er möchte den Winterthurer Stadtpark sicherer machen, die Kinder vor Drogen schützen. «Einen Securitydienst gründen, weisst du.»

Nach dem Sonntagsgottesdienst hat Generalin Linda Bond, flankiert von zwei Mitarbeitern, Zeit für ein Interview. Warum braucht die Heilsarmee eigentlich einen General? «Oh Boy!», lacht sie. «Jemand muss Entscheidungen fällen. Unsere Lehre, unser Erscheinungsbild, das muss doch einheitlich sein.» Aber ist der militärische Groove nicht veraltet? «Nooo», wehrt sie entschieden ab, «auch viele Firmen – selbst Apple oder McDonald’s – funktionieren nach diesem hierarchischen Prinzip, und zwar aus gutem Grund: Diese Organisationsform ist äusserst effizient. Bei uns weiss jeder Einzelne an der Basis, wofür wir kämpfen und was er zu tun hat.»

«Takasa kann die Gesellschaft für die Heilsarmee beigeistern!»

Aber wie stellt sie sich die Heilsarmee der Zukunft vor, die sie in ihrer Predigt beschworen hat? Reicht es, eine Band an den Eurovision Song Contest zu schicken? «Gott hat uns nicht nur wunderbare Wurzeln gegeben, sondern auch Flügel», antwortet sie. «Und ja, ich finde, diese Band passt perfekt ins 21. Jahrhundert: Die Qualität der Musik ist exzellent, es spielen alte und junge Musiker zusammen, Frauen und Männer. Takasa kann die Gesellschaft für die Heilsarmee begeistern!»

Wir werden sehen. Vielleicht heimst der Song «You and Me» dank der internationalen Ausrichtung der Heilsarmee in Malmö tatsächlich mehr als die obligaten schweizerischen Zero Points ein. Vielleicht wird der Auftritt aber auch nur zeigen, wie diese Organisation tickt: Sie kennt keine Berührungsängste. Schon ihr Gründer William Booth wandte, wie er es nannte, vollkommen «neue Mittel» an, als er sich der Strassenevangelisation verschrieb und den Betrunkenen vor den Wirtshäusern feurige Predigten hielt. Dabei habe er, heisst es, wild mit dem Regenschirm herumgefuchtelt. Nach dem Motto «Nützt es etwas: Gut. Nützt es nichts: Versuchen wir etwas anderes».

Empfehlungen der Redaktion

75 Jahre annabelle

Members´Club Annabel's in London: oh, dear!

Mehr aus der Rubrik

Frauen rund um den Globus

Women at Work