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Debatte ums Rentenalter:

Debatte ums Rentenalter: "Ich möchte durchstarten, nicht ans Aufhören denken"

Das Potenzial älterer Arbeitnehmender bleibt ungenutzt – nicht wegen fehlender Leistungsbereitschaft, sondern wegen überholter Vorstellungen. Die Guillotine 65 muss endlich aus den Köpfen verschwinden, fordert annabelle-Redaktorin Helene Aecherli.

«Wie lang muesch no?» oder «Gäll, du muesch jo au nümm so lang» – das sind wohl die perfidesten Fragen, die man mir stellen kann. Zwar schwingt darin stets ein kollegial-interessierter Unterton mit, doch erschüttern sie mich jedes Mal aufs Neue. Denn sie suggerieren, dass meine Zeit im Erwerbsleben angezählt ist, dass ich langsam damit beginnen müsste, mich mit meinem Ausscheiden zu befassen, da sich die Umrisse der 65-Guillotine immer klarer am Horizont abzeichnen. Dabei habe ich das Gefühl, jetzt, mit 59 Jahren, in meinem Beruf so richtig warmgelaufen zu sein, zu wissen, wie es geht. Ich möchte Gas geben und durchstarten, nicht ans Aufhören denken.

Diese Haltung wird oft belächelt oder stösst auf Konsternation. Viele sehnen sich ihre Pensionierung herbei, Frauen wie Männer, sind müde und ausgelaugt. Nicht wenige würden lieber früher als später in Rente gehen, könnten sie es sich leisten. Das ist mir bewusst. Doch berufstätig zu sein, ist nicht für alle ein Müssen, sondern bereitet auch Freude, ist identitätsstiftend und sinngebend, ein Lebenselixier. Und in einer Zeit, in der überall nach Individualisierung und Selbstbestimmung gerufen wird, liegt es auf der Hand, dass man selbst entscheiden will, wann man dem Erwerbsleben den Rücken kehrt.

Dass dies einem wachsenden Bedürfnis entspricht, zeigt eine repräsentative Umfrage des Strategieberaters Deloitte, die 2025 im Rahmen der Studienreihe «Alternde Schweiz» durchgeführt wurde: So könnten es sich knapp 70 Prozent der Befragten vorstellen, über das 65. Altersjahr hinauszuarbeiten. 18 Prozent der heute 65- bis 74-Jährigen tun dies bereits, die meisten als Teilzeit- oder Selbstständigerwerbende, viele auch deshalb, weil sie auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen sind.

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"Wären nun immer mehr Menschen dazu bereit, die Barriere 65 hochzuheben, könnte dies die Situation entspannen"

Wie das Bundesamt für Statistik vorrechnet, stehen heute in der Schweiz 100 Erwerbstätige 38 Personen im Rentenalter gegenüber, bis 2050 dürften es bereits 49 sein. Diese demografische Entwicklung, man weiss es längst, setzt nicht nur Unternehmen unter Druck, die angeben, händeringend nach Fachkräften zu suchen, sondern vor allem auch die Finanzierung der AHV. Wären nun immer mehr Menschen dazu bereit, die Barriere 65 hochzuheben, könnte dies die Situation entspannen. Diese Aussichten müssten Politik und Wirtschaft eigentlich frohlocken lassen. Stattdessen drehen sie sich mutlos um sich selbst.

Zwar hat der Bundesrat die Zeichen der Zeit erkannt. Seit der AHV-Reform 2024 gibt es kein ordentliches Rentenalter 65 mehr, sondern bloss ein «Referenzalter» - was eine gewisse Dehnbarkeit impliziert, will sagen, dass die Option besteht, auch nach 65 erwerbstätig zu sein, sollte die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bestehen. In der kommenden Reform AHV2030 will der Bundesrat das Arbeiten bis zum Erreichen des Referenzalters und darüber hinaus sogar gezielt fördern, um «das inländische Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen», wie es in der Medienmitteilung zur Vernehmlassung heisst.

Flankierende Massnahmen

Wirklich am Referenzalter 65 zu rütteln, wagt er jedoch nicht. Eine Erhöhung des Rentenalters ist in der Bevölkerung derzeit nicht mehrheitsfähig und wird ausserdem von den Linksparteien hartnäckig bekämpft. Das wiederum bedeutet, dass die Zahl 65 nach wie vor in den Köpfen von Arbeitnehmenden sowie in der DNA von Unternehmen und Verwaltung verankert bleibt. Um dennoch Reformen anstossen zu können, wird ein Fächer von flankierenden Massnahmen präsentiert: So will der Bundesrat etwa für Personen, die nach 65 erwerbstätig bleiben, den sogenannten Freibetrag, auf dem im Rentenalter keine AHV-Beiträge entrichtet werden müssen, von aktuell 16'800 auf 22'680 Franken anheben.

Zudem wird der Zeitpunkt des Rentenbezugs flexibilisiert: Künftig soll man die AHV auch noch nach dem 70. Lebensjahr beziehen können. Und während hier die Altersgrenze fällt, soll sie anderswo neu gezogen werden: In der beruflichen Vorsorge plant der Bundesrat, das Mindestalter für die Frühpensionierung schrittweise von heute 58 auf 63 Jahre zu erhöhen.

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"Diskussionen beschränken sich meist auf parteipolitisches Marketing"

Es sind wichtige Massnahmen, mit denen sich mit Sicherheit einige Rädchen justieren lassen, nüchtern betrachtet aber werden sie wohl als Paket in eine Sackgasse geraten. Dies, weil besonders die Causa Frühpensionierung  ein Schritt ist, der gerade bei Bürgerlichen für rote Köpfe sorgt, ausgerechnet bei jenen, die sich sonst stramm für eine generelle Erhöhung des Rentenalters stark machen.

Das offenbart eine argumentative Elastizität, die sich wohl nur so erklären lässt: Einerseits erachten es manche Gutverdienende als ihr Privileg, sich möglichst früh aus der Erwerbstätigkeit zurückzuziehen und wollen sich diese Option auf keinen Fall nehmen lassen. Andererseits lässt sich das Potenzial der inländischen Arbeitskräfte mit einer Erhöhung des Rentenalters tatsächlich besser ausschöpfen, was wiederum als ein willkommener politischer Hebel zur Begrenzung der Zuwanderung ins Feld geführt wird. Die SVP macht im Rahmen ihrer 10-Millionen-Initiative keinen Hehl daraus.

Der Graben zwischen Alt und Jung wird eifrig bewirtschaftet

Das Knifflige ist: Diese Argumente sind nicht falsch, die Diskussionen darüber auch nicht. Doch zielen sie nicht darauf ab, die dringend notwendigen Debatten um eine Flexibilisierung des Rentenalters voranzutreiben, sondern beschränken sich grösstenteils auf parteipolitisches Marketing. Damit wird verhindert, dass Konventionen und Normen, die an der Zahl 65 festgemacht sind, hinterfragt und die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft älterer Menschen vorurteilslos evaluiert werden. Und es verhindert, dass wir als Gesellschaft neue Visionen davon entwickeln, wie wir künftig leben und arbeiten wollen - etwas, das gerade für jüngere Generationen richtungsweisend ist.

Wenig hilfreich war in dieser Beziehung eine Analyse des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) zur «Lifestyle-Teilzeit» von über Fünfzigjährigen, die in deren Weigerung, Vollzeit zu arbeiten, ein riesiges ungenutztes Arbeitskräftepotenzial verortet. Dass es 50-Plusser:innen gibt, die sich dafür entschieden haben, in einem Teilzeitpensum erwerbstätig zu sein, lässt sich kaum bestreiten. Auch nicht, dass es sich lohnen würde, genauer hinzusehen, um zu verstehen, weshalb viele dieser Arbeitnehmenden ihr Pensum freiwillig reduzieren. An der Analyse per se ist im Prinzip nichts auszusetzen.

Doch ist die Bezeichnung «Lifestyle-Teilzeit» grundsätzlich negativ konnotiert und insofern symptomatisch für die mediale Gehässigkeit, mit der hierzulande über ältere Menschen diskutiert wird. Der Graben zwischen Alt und Jung wird eifrig bewirtschaftet. Zudem lenkt die anhaltende Polemik um die «Lifestyle-Teilzeit»-Analyse von einem sehr viel brennenderen Thema ab: Der Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach beruflichen Perspektiven von Menschen jenseits der 55 und einem Arbeitsmarkt, der diese lieber aussondert als einstellt. Wer über 50 ist und den Job verliert, findet oft nur schwer wieder eine neue Stelle. Menschen dieser Altersgruppe gelten häufig als zu teuer, zu unflexibel und zu wenig formbar. Ihre Bewerbungsdossiers werden frühzeitig aussortiert. Darüber hinaus steigt mit zunehmendem Alter das Risiko, statt einer Kündigung in die Frühpension geschickt zu werden – Fälle, die in der Regel in keiner offiziellen Arbeitslosenstatistik erscheinen.

"Wenn Unternehmen in ältere Arbeitnehmende investierten, wäre das eine echte Reform"

Diese geringe Wertschätzung, ja, die Diskriminierung älterer Arbeitnehmender ist nicht nur ignorant, sondern angesichts dessen, dass rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung über 50 ist, geradezu fahrlässig. Der Schweizerische Arbeitgeberverband amtet unter anderem als Patronatsträger des Vereins Focus 50 Plus, der das «Arbeitskräftepotenzial der Altersgruppe 50+ besser nutzen will».

Bleibt zu hoffen, dass er auch damit Schlagzeilen machen wird und damit eine neue Dynamik in Gang bringt. Denn das vielgepriesene Potenzial älterer Arbeitskräfte kann nur dann ausgeschöpft werden, wenn man es auch wirklich ausschöpfen will. Wenn auch die Wirtschaft die Zeichen der Zeit erkennt. Wenn Unternehmen in ältere Arbeitnehmende investieren, sie weiterbilden und nicht davor zurückscheuen, sie einzustellen.

Das wäre eine echte Reform.

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