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Zukunftsforscher Andreas M. Krafft:

Zukunftsforscher Andreas M. Krafft: "Hoffnung ist die Voraussetzung für Handeln"

Klimakrise, Kriege, Künstliche Intelligenz: Zukunft wird oft als Bedrohung erzählt. Das Projekt Monda Futura sucht nach einem hoffnungsvolleren Gegenentwurf. Weshalb wir solche positiven Zukunftsbilder brauchen, erklärt Andreas M. Krafft.

Die Zukunft ist gerade kein schöner Ort: zu heiss, zu voll, zu kaputt, zu komplex. Wer heute davon spricht, was sein wird, spricht fast immer von Verlust. Doch: Könnte es auch anders werden? Vielleicht sogar gut?

Das Zukunftsprojekt Monda Futura will eine erstrebenswerte Zukunft bauen, und stellt der vorherrschenden Dystopie darum die Frage entgegen: Wie könnte die lebenswerte Schweiz von morgen aussehen?

Während zwei Jahren hat Monda Futura über 1300 Menschen in der ganzen Schweiz gefragt, wie sie sich eine lebenswerte Zukunft vorstellen. Aus tausenden Gedanken, Ideen und Bildern wurden vierzig konkrete Zukunfts-Szenarien entwickelt, über die die Schweizer Bevölkerung abstimmen kann. In Zeiten von Polarisierung ist es das Ziel von Monda Futura einen gemeinsame Nenner sichtbar zu machen – und daraus einen Kompass für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik von morgen zu formen.

Warum utopisches Denken zentral ist, um eine bessere Welt zu entwickeln, darüber haben wir mit Andreas M. Krafft, Professor für Zukunftsforschung der Universität St. Gallen gesprochen.

annabelle: Andreas Krafft, welche Vision hegen Sie persönlich für die Welt in fünfzig Jahren?

Andreas Krafft: Vieles läuft digital, gleichzeitig haben sich die Menschen in Generationenhäusern stärker gefunden und tauschen sich aus. Es gibt generationsübergreifende Zusammenarbeit und Kontakte. Unser Leben ist naturverbundener. Strom ist gratis. Zudem denke ich, dass wir uns in fünfzig Jahren überlegen, Geld abzuschaffen und es bis Ende des Jahrhunderts auch tatsächlich getan haben.

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"Den Menschen geht es aktuell um vier Dinge: um Gesundheit, soziale Beziehungen sowie um Nachhaltigkeit und Frieden"

 

Der Mensch im Einklang mit Technologie und Natur, ein friedliches Zusammenleben – dies deckt sich mit den Ideen, die Monda Futura zusammengetragen hat. Das ist insofern überraschend, als dass all diese Menschen aus verschiedenen Ecken der Schweiz stammen, unterschiedlich alt und unterschiedlich politisch positioniert sind. Hoffen wir alle dasselbe?
Es gibt einen universell auf die Zukunft bezogenen Wunsch nach Harmonie, Frieden, sozialen Beziehungen und danach, im Einklang mit sich, den Menschen und der Natur zu leben. Diese grundlegenden menschlichen Wünsche zeigen sich auch in der Geschichte. Der Begriff «Utopie» wurde im 16. Jahrhundert vom britischen Renaissance-Autor Thomas Morus entwickelt. Er brachte die Vorstellung auf, es gäbe keine Grenzen mehr, alle Menschen seien gleichgestellt und solidarisch miteinander. Gleichzeitig wissen wir, dass sich in Jahrhundertwellen spezifische, auf den jeweiligen Zeitgeist bezogene Zukunftsbilder materialisieren und ins Gemeingut gelangen. Das zeigt sich auch in unseren Umfragen.

Sie sprechen vom Hoffnungsbarometer, einer jährlich durchgeführten Umfrage, die untersucht, wie Menschen ihre persönliche und gesellschaftliche Zukunft wahrnehmen. Sie sind Studienleiter dieser Studie, die seit 2009 in der Schweiz und in Kooperation mit Universitäten in zwanzig Ländern durchgeführt wird.
Genau. Anfang Jahr ist das Hoffnungsbarometer 2026 erschienen, und auch da zeigte sich – wie schon länger –, dass es den Menschen aktuell, also Anfang des 21. Jahrhunderts, grundsätzlich um vier Dinge geht: um Gesundheit, soziale Beziehungen sowie um Nachhaltigkeit und Frieden. Es geht ihnen also weniger um materielle Werte, als vielleicht noch vor einem oder zwei Jahrhunderten.

Sehen Sie diese Tendenz auch in Ländern, die weniger wohlhabend sind als die Schweiz?
In unserer Umfrage stellen wir den Teilnehmenden zwei Szenarien zur Bewertung. Auf der einen Seite die Wettbewerbsgesellschaft, in der ein starkes Individuum und eine f lorierende Wirtschaft im Zentrum stehen. Auf der anderen Seite eine Nachhaltigkeitsgesellschaft mit Fokus auf Umwelt und sozialen Beziehungen. Wir stellen fest, dass in allen befragten Ländern, auch in wirtschaftlich schwächeren wie Indien, Rumänien oder Nigeria, diese soziale Nachhaltigkeitszukunft eine höhere Beliebtheit hat. Wir sehen aber auch, dass die Diskrepanz zwischen den beiden Zukunftsbildern in Europa stärker ist als an anderen Orten.

 

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"Lassen wir unsere Wünsche von der Wirklichkeit ersticken, landen wir in Verzweiflung oder Gleichgültigkeit"

Was heisst das?
In Europa wünscht man sich dieses Nachhaltigkeitsszenario sehr stark, deutlich stärker als das Fortschrittsszenario im klassischen Sinne. In wirtschaftlich schwächeren Ländern ist der Unterschied zwischen der Beliebtheit dieser Szenarien kleiner.

Wir sprechen nun von ausschliesslich positiven Zukunftsbildern. Doch es gibt auch die andere Seite. Künstliche Intelligenz, Kriege, Klimakrise nähren bei vielen Menschen grosse Zukunftsängste. Verschliessen wir nicht die Augen vor der Realität?
Negative Zukunftsbilder gibt es ja genügend. Anders als reines Wunschdenken verlangt Hoffnung von uns mentale Kontrastierung: Wir müssen wissen, was wir uns wünschen – und gleichzeitig der harten Realität ins Auge schauen, um sie verbessern zu können. Lassen wir unsere Wünsche von der Wirklichkeit ersticken, landen wir in Verzweiflung oder Gleichgültigkeit.

Aber die Geschichte hat uns doch gezeigt, dass am Ende kaum je alles gut wird.
Blicken wir kurz in die Vergangenheit. 1926 – vor hundert Jahren – gab es in der Schweiz eine grosse Hungersnot. Die Grossmutter meiner Frau ist deswegen aus dem Wallis nach Argentinien ausgewandert. Die Schweiz war verarmt, Frauen durften sich kaum politisch engagieren. Damals hätte sich kaum jemand vorstellen können, in welchem Wohlstand die Schweiz bereits fünfzig Jahre später sein würde. Geschweige denn, dass eine Frau Bundesrätin werden könnte. Und nun stecken wir in einer anderen Krise: Es geht nicht mehr um Hunger, sondern um den Klimawandel und die psychische Gesundheit. Probleme, von denen wir aus heutiger Sicht denken, dass wir sie nie lösen werden – so wie das die Menschen wohl auch 1926 dachten.

"Hoffnung ist die Voraussetzung für Handeln"

Was sagen Sie, werden wir es schaffen?
Um die Zukunft zu gestalten, braucht es erst einmal Menschen, die daran glauben, dass es möglich ist, diese Themen gebacken zu kriegen.

Sie schreiben dazu in Ihrem Buch «Unsere Hoffnungen, unsere Zukunft», das 2022 erschien, dass «sich Zukunft vorzustellen, Handlung auslöst».
Hoffnung ist die Voraussetzung für Handeln, das ist die einfache Tatsache. Frage ich meine Studierenden, ob sie denken, dass wir den Klimawandel oder den Frieden hinkriegen, und sie antworten mit «Nein», dann werden sie auch niemals etwas unternehmen und versuchen, Rezepte für diese Zukunft zu entwickeln. Die aber brauchen wir. Zwar wissen wir nicht, wie die Zukunft sein wird. Klar ist nur, dass sie anders wird als die Gegenwart und die Vergangenheit.

Warum ist sicher, dass sie anders wird?
Zumindest lässt sich das aus der Geschichte ableiten. Jedes Jahrhundert schaffte die Voraussetzung für das nächste. Das 17. Jahrhundert stand etwa im Zeichen der Wissenschaft. Bis dahin glaubte man, dass sich die Sonne um die Erde drehe und die Erde flach sei. Im 18. Jahrhundert tauchte die Vision der Freiheit jedes Menschen auf – die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde unterzeichnet, die Französische Revolution fand statt. Aus der Sicht des Adels oder der katholischen Kirche war es bis dahin absolut undenkbar, dass sich ein Bauer politisch beteiligen darf.

Und später?
Das 19. Jahrhundert stand im Zeichen des materiellen Wohlstands, der Industrialisierung und des Seehandels. Die grosse Hoffnung des 20. Jahrhunderts bestand in der sozialen Gerechtigkeit – entstanden sind die soziale Marktwirtschaft, die Menschenrechte, die Frauenrechte, die Minderheitsrechte, die UNO. All das hat zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit geführt, auch wenn wir natürlich noch lange nicht am Ziel sind.

"Utopien sind mächtige Hebel des sozialen Fortschritts"

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die soziale Fähigkeit, neue und verschiedene Zukunftsbilder und Utopien zu entwickeln, in den letzten fünfzig Jahren stark abgenommen hat. Sie zitieren dazu den deutschen Philosophen Jürgen Habermas, der 1985 eine «Erschöpfung utopischer Energien» konstatierte. Wie ist das zu erklären?
Es sind wohl mehrere Phänomene, die dazu beigetragen haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir diese Vision des Reichtums, des Wohlstands, der Bildung für alle – diese Werte waren wie Leuchttürme, die unsere Gesellschaft geleitet haben. Und wir haben gesehen, dass die Rezepte, die wir hatten, in vielen Bereichen funktioniert haben. Wir leben länger, reisen weiter, es geht vielen im Westen besser als je zuvor. Nun fürchten wir uns, zu verlieren, was wir haben. Also fällt es uns schwer, das zugunsten von etwas Neuem loszulassen. Gleichzeitig stehen wir vor den immensen Herausforderungen des Klimawandels – so gross im Vergleich zu jenen der Vergangenheit, dass wir gar nicht glauben, dass wir das bewältigen können. Und darum fokussieren die Menschen gerade stark auf das Hier und Jetzt.

Warum ist utopisches Denken denn wichtig?
Utopien sind mächtige Hebel des sozialen Fortschritts. Sie haben mehrfach gängige Welt- und Menschenbilder infrage gestellt und wurden zu Wendepunkten in der Geschichte. Viele utopische Ideen, die in der Fantasie entstehen – beispielsweise das Fliegen –, finden Jahrzehnte später ihren Weg in die soziale Realität einer Gesellschaft.

Oder nehmen wir das Apartheid-System in Südafrika. Noch in den 1980er-Jahren hat die britische Premierministerin Margaret Thatcher sinngemäss gesagt, wer glaube, dass die Apartheid irgendwann nicht mehr existieren würde, sei ein verrückter Träumer. Nelson Mandela und andere Menschen haben diese Utopie während knapp dreissig Jahren nie aufgegeben, sich friedlich dafür eingesetzt und letztendlich recht bekommen – was nicht heisst, dass heute alles grossartig ist.

Fliegen ist ein grosser Klimatreiber. In Südafrika herrschen immer noch grosse Unterschiede. Inwiefern ist es sinnvoll, auf die positiven Aspekte zu fokussieren?
Wir haben die Wahl: Wir können kapitulieren – oder wir können uns nicht geschlagen geben und uns weiter für unsere Ideale engagieren. Tun wir nichts, ist der Untergang sicher.

"Wir gehen als ganze Gesellschaft gerade auf Nummer sicher"

Wie können wir als Gesellschaft wieder zu utopischem Denken kommen?
Wir brauchen keine global-galaktischen Utopien. Das Erste, was wir brauchen, sind ein oder mehrere Herzenswünsche, so nenne ich sie. Dinge, die wir uns tief wünschen. Machen wir uns diese bewusst, werden wir uns unweigerlich dafür einsetzen wollen. Aktuell werden wir dabei jedoch oft durch Angst gebremst. Das spiegelt sich auch im Hoffnungsbarometer 2026 und deckt sich mit meinem Gefühl: Wir gehen als ganze Gesellschaft gerade auf Nummer sicher.

Was also tun?
Seien wir so mutig, für uns zu träumen und zu hoffen. Packen wir frei nach der Hoffnungsdefinition des amerikanischen Philosophen Richard Rorty «die Welt bei der Gurgel und bestehen darauf, dass es mehr in diesem Leben gibt, als wir uns jemals vorgestellt haben.» Das heisst nicht, sich Illusionen zu machen. Sondern dass wir uns für unsere Wünsche einsetzen, und dann darauf vertrauen, dass Dinge entstehen, die wir uns nie hätten vorstellen können. Ich meine, hätte man mir vor dreissig Jahren gesagt, ich sitze jetzt hier und führe dieses Interview, ich hätte fünf Bücher geschrieben und sei Professor, hätte ich gesagt: Hast du Tinte gesoffen? (lacht)

Wo standen Sie damals im Leben?
Ich war im Vertrieb tätig. Obwohl ich schon immer die Liebe zum Lernen und Unterrichten verspürt habe, kam mir damals eine akademische Laufbahn nicht in den Sinn. Es entstehen Dinge, wenn wir mutig sind, etwas in uns zu entdecken. Und genau darin liegen Entwicklung, Fortschritt und Wachstum.

Andreas Krafft (59) ist Professor für Zukunftsforschung an der Universität St. Gallen, Buchautor sowie Co-Präsident von Swissfuture, der Schweizerischen Gesellschaft für Zukunftsforschung.

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