Das Kompliment

Liebe Christine Lagarde

Text: Tanja Ursoleo; Foto: GettyImages

Liebe Christine Lagarde

In einem Interview mit der «Welt» sagten Sie 2015: «Ich glaube manchmal, dass Frauen oft selbst ihr grösster Widersacher sind, weil wir nicht dasselbe Selbstbewusstsein wie Männer an den Tag legen.» Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Doch Sie haben es. Das müssen Sie vermutlich auch als geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds.

Ihre Karriere ist beeindruckend, trotzdem beschreiben Sie sich nicht als ehrgeizig. Das erstaunt mich, schliesslich haben Sie stets wichtige Positionen belegt als Anwältin und zuletzt als Finanzministerin in Frankreich. Sie waren damals die erste Frau auf diesem Posten.

Bereits im Dezember letzten Jahres appellierten Sie in Ihrer Funktion als Chefin des Internationalen Währungsfonds eindringlich an Wirtschaft und Politik. Sie zeichneten ein düsteres Szenario mit zunehmender sozialer Ungleichheit und dem wachsenden Monopol der grossen Tech-Unternehmen. Die Früchte der Globalisierung müssten gerechter verteilt werden, sagten Sie. Mit dieser Aussage reisten Sie diese Woche zum World Economic Forum in Davos.

Dabei machen Entwicklungen von sich reden wie die neue Studie der Hilfsorganisation Oxfam, laut der 27 Milliardäre so viel besitzen wie die halbe Welt. Noch vor einiger Zeit hätte diese Zahl kaum Beachtung gefunden. Aber heute nehmen die Menschen das nicht mehr einfach als Naturgewalt hin. Auch die Mittelschicht ist zunehmend vom sozialen Abstieg bedroht und stellt die Politik der Regierungen zunehmend infrage.

Auch wenn in Davos die Wachstumsprognosen nach unten korrigiert und gleichzeitig die Märkte beschwichtigt werden, leiten gerade Sie ein Umdenken der politischen und wirtschaftlichen Eliten ein. Sie fordern dringend mehr Kooperation der Staaten im Bezug auf Steuerpolitik und mehr Inklusion für Frauen und Junge. Sie haben erkannt, dass die Schere zwischen Arm und Reich in letzter Konsequenz eine Bedrohung für die Demokratie und die globale Stabilität ist.

Sie sind ein Vorbild für viele Mädchen und Frauen – auch in Ihrer Rolle als Mutter. Denn Sie zeigen – Sie haben zwei Söhne, dass sich Karriere und Familie gut vereinbaren lassen. Auch das: ein wichtiges Signal für die Zukunft!

Herzlich, Tanja Ursoleo

Tanja Ursoleo ,
Pariskorrespondentin
Alle Beiträge von Tanja Ursoleo

annabelle-Reminder: Neues aus Das Kompliment

Empfehlungen der Redaktion

5 Gründe zum Abrüsten

Atomkrieg: Es ist zwei vor zwölf

Von Kerstin Hasse

Mehr aus der Rubrik

Dokumentarfilm

Where we belong: Wie Kinder mit Trennungen umgehen