Meinung

Mein Eileiter hebt den Mittelfinger

Text: Kerstin Hasse

Ein Schwarzer Montag in Polen:
  • Ein Schwarzer Montag in Polen:

    In Polen sind gestern tausende Frauen auf die Strassen geströmt, um gegen ein neues Abtreibungsgesetzes zu demonstrieren. 

Das Abtreibungsgesetz in Polen soll verschärft werden. Mit einem Streik wollten sich die polnischen Frauen gegen das frauenfeindliche Gesetz wehren. Junior Editor Kerstin Hasse findet, dass genau in solchen Momenten Solidarität angebracht ist – auch online.

Das polnische Abtreibungsgesetz, das bereits zu einem der strengsten Abtreibungsgesetze Europas gehört, soll noch weiter verschärft werden. In einer ersten Lesung wurde vor wenigen Tagen im polnischen Parlament ein Gesetz angenommen, das fast ein komplettes Verbot von Abtreibungen zur Folge hätte. Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die seit 2015 mit absoluter Mehrheit regiert, hat damit eine enstprechende Petition der Initiative «Stopp Abtreibung» unterstützt – unter anderem mit dem Ziel, sich mit  katholischen Wählern und rechtskatholischen Parteiförderern gut zu stellen. Fundamentalisten und polnische Kleriker pochen seit Jahren auf eine Verschärfung des Gesetzes und dies, obwohl die Rechtslage schon heute sehr streng ist. Polnische Frauen dürfen bereits heute ein Kind nur dann legal in den ersten drei Monaten abtreiben, wenn die Geburt eine Gefahr für das Leben der Mutter darstellt oder die Mutter vergewaltigt wurde. Das neue Gesetz sieht nun unter anderem vor, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, ihr Kind austragen müssen – bei Abtreibung droht ihnen eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren, das Gleiche gilt für den behandelnden Arzt. Ein Gesetz zur Abschaffung der Pille danach ist ebenfalls in Ausarbeitung.

Als Reaktion auf das geplante Gesetz marschierten am Montag tausende Frauen in Polen durch die Strassen. Sie skandierten in Trauerkleidung «Rettet die Frauen» oder «Wir wollen Ärzte, keine Polizisten» und versuchten, mit einem kompletten Arbeitsboykott die polnische Wirtschaft lahmzulegen. Auf Twitter wurden unter dem Hashtag CzarnyProtest (schwarzer Protest) Fotos von den Demonstrationen geteilt.

Dabei ist es eine Zeichnung, die für den Inbegriff dieses wichtigen feministischen Protests steht: ein Uterus-Comic, in dem ein Eileiter als kleine Hand den Mittelfinger hebt. Ein starkes Zeichen. Der Mittelfinger als eigentlich phallisches Symbol wird zum Uterus-Stinkefinger, der die wichtigste Botschaft in dieser Abtreibungsdebatte vermitteln soll: Der Uterus gehört einer jeden Frau allein. Nicht dem Staat. Nicht der Kirche. Nicht dem Ehemann oder dem Freund. Nur ihr.

Social-Media-Bewegungen werden in solchen Momenten gern als oberflächliche Zeichen des Mitgefühls abgetan. So ein Hashtag ist ja schnell abgeschickt. Jede kann ein Zettelchen mit den Worten «I stand with my sisters» in den Händen halten und damit ein Selfie posten. Da braucht es ja kein Nachdenken und schon gar keine echte Anteilnahme. Da braucht es im Notfall nur ein #jesuis davor, und die Sache ist geritzt.

Ich hingegen glaube an die Solidarität der Social Media, denn sie bringen Gleichgesinnte in solchen Momenten zusammen. Sie sorgen dafür, dass heute Eindrücke von Solidaritäts-Veranstaltungen aus ganz Europa bis nach Polen getragen werden. Die polnische Regierung muss spüren, dass die Welt entsetzt ist über diese frauenfeindliche Gesetzgebung, und dafür sollten wir Frauen in aller Welt die Polinnen in ihrem Recht unterstützen, selbst zu entscheiden, was mit und in ihrem Körper passiert. Wir zeigen ihnen damit, dass sie nicht allein sind. Wir beweisen, dass wir die Pläne der polnischen Regierung missbilligen – und zwar mit hocherhobenem Eileiter-Stinkefinger.

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihre Generation gerade stellt. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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