Meine Meinung

Meine Meinung: Frauen sollten den Mund aufmachen

Text: Helene Aecherli, Illustration: Grafilu

  • Helene Aecherli ist annabelle-Redaktorin. Sie hat gelernt, sich Gehör zu verschaffen, ohne dabei laut zu werden. Und ohne andere um Erlaubnis zu fragen.

«Warum machen wir nicht endlich den Mund auf?» Dieser Frage widmet sich Helene Aecherli in ihrem Meinungsstück. 

Lange wollten wir es nicht wahrhaben. Haben Umfragen gemacht, unsere Fantasielosigkeit gegeisselt, denn es war undenkbar, ja geradezu unmöglich, dass wir unter den national bekannten Schweizerinnen keine finden würden, die wir in diesem Idolheft auf den Sockel stellen konnten, um mit dem Brustton der Überzeugung in die Menge zu rufen: «Seht her, von dieser Frau lassen wir uns inspirieren!»

Wir gingen in uns, immer und immer wieder, scannten die Galerie der helvetischen Übergrössen: Alt-Skirennfahrerin Vreni Schneider, Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss, Alt-Bondgirl Ursula Andress. Sie waren Idole einer ganzen Generation. Aber wo sind ihre Nachfolgerinnen? Gibt es jetzt, im Jahr 2014, Frauen, die einmal ebenso im kollektiven Gedächtnis verankert sein würden? Nein. Zumindest konnten wir uns auf keine einigen. Eine ernüchternde Erkenntnis.

Stellen sich die Fragen: Wo sind sie bloss, die Schweizerinnen mit Idolqualitäten? Und wie überhaupt definiert sich ein Idol heute, da fast jeder die Chance hat, sich via Castingshows über die Massen zu erheben und Selbstinszenierung auf Social-Media-Kanälen das Nonplusultra ist? Das Internet hat jegliches Startum demokratisiert, den Begriff Idol ausgehöhlt. Idole sind inflationär geworden.

Ist das schlimm? Nicht wirklich. Im Gegenteil: jetzt haben wir doch endlich die Chance, den Gehalt von Idolen neu zu überdenken. Ich selbst habe, seit ich mich als 15-Jährige von Winnetou alias Pierre Brice entwöhnt hatte, keine Idole mehr gehabt. Das heisst aber nicht, dass mir die Fähigkeit zur Bewunderung durch die schleichende Desillusionierung, die einem das zunehmende Alter aufzwingt, abhandengekommen ist. Ich schmachte zwar niemanden mehr an, doch begegne ich immer wieder Menschen, die mich inspirieren, vor allem Frauen. Keine Berühmtheiten, sondern Frauen, die mich aufgrund ihrer gelassenen Lebenshaltung berühren, aufgrund ihrer unkonventionellen Ideen, ihrer Visionen oder ihrer Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Ziele verfolgen. Und wie oft habe ich mir gedacht: Wenn die doch nur den Mund aufmachen würden. Welche Verschwendung, dass kaum jemand von ihnen weiss! Vielleicht könnte man an ihnen den Begriff Idol neu definieren.

Natürlich, es ist meine Aufgabe als Journalistin, Menschen, von denen ich finde, dass nicht nur ich von ihnen beeindruckt sein sollte, sichtbarer zu machen. Doch genau hier liegt die Krux: Frauen wirken noch zu gern im Verborgenen, scheuen die Öffentlichkeit. So ist es etwa viel schwieriger, Frauen zu einem Statement zu bewegen als Männer – obwohl Frauen häufig mehr zu sagen haben und differenzierter argumentieren. «Meine Meinung ist nicht wichtig. Ich muss erst mit meinem Mann darüber reden», heisst es oft entschuldigend. Vielleicht schwingt da und dort noch das traditionelle «Ein nettes Mädchen drängt sich nicht vor» mit. Meistens aber, so scheint mir, lassen sich Frauen von einer Mischung aus Bequemlichkeit und Angst zurückbinden. Der Angst, ihre Haltung zu verteidigen und unter Umständen deswegen auch angefeindet oder gar belächelt zu werden. Denn während Männer mutige Frauen vielleicht interessant, insgeheim wohl aber als anstrengend empfinden, kanzeln Frauen jene, die herauszuragen wagen, eher als arrogante Zicken ab, als dass sie sich von ihnen motivieren liessen.

Bleibt zu hoffen, dass die Lust, nachdrücklich den eigenen Weg zu gehen, irgendwann mal grösser sein wird als die Angst, unweiblich und arrogant zu wirken. Denn es braucht sie, die neuen, faszinierenden weiblichen Stimmen.

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