Die annabelle-Redaktion packt aus

Das sind unsere liebsten Pannen und Pleiten

Bild: Unsplash

So vieles kann schiefgehen im Leben, auf alle nur erdenklichen Arten. Einige dieser grösseren und kleineren Unglücke sind Pech, manchmal sind wir aber auch einfach selber schuld. Die annabelle-Redaktion über ihre liebsten Pleiten.

«Ich sah aus wie ein gestutztes Meerschwein»
Ich war 15, meine Konfirmation stand kurz bevor, und ich war überzeugt: Es musste eine Veränderung her, irgendwas Erwachsenes. Also ging ich – ohne vorgängiges Kennenlernen oder Beschnuppern – zu einem neuen Coiffeur. Der Typ machte ein Vorher-Foto von mir, rückblickend hätte ich da den Salon verlassen sollen. Ich erklärte ihm, es solle was Neues sein, ein wenig kürzer hatte ich es mir vorgestellt. Er erzählte mir von Stufen und Fransen und zeigte mir Bilder von Frauen mit wippenden Longbobs. Ich nickte. Und er schnippelte los. Als ich am Abend am Familientisch sass, versuchten meine Eltern, ihr Entsetzen zu kaschieren. Aber ich wusste, was sie mit «mal etwas anderes» meinten. Ich sah aus wie ein gestutztes Meerschweinchen. Seit ich klein war, hatte ich meine Hermine-Granger-Mähne lang getragen, ich zähmte sie mit Bürsten und Haarklammern, so gut es ging. Nun stellte sich heraus: Das ganze Volumen wird nicht weniger, wenn man das Haar einfach durchstuft. Im Gegenteil. Eine Lektion, die schmerzte, die ich aber fürs Leben gelernt habe.
– Kerstin Hasse (30), stv. Chefredaktorin

«Wenn ich dran denke, steigt mir die Schamesröte ins Gesicht»
Ich hatte mal einen Schlüsselanhänger, auf dem stand: «Ist mir egal, ich trink das jetzt noch.» Bis heute überkommt mich zuweilen die Sehnsucht nach dem Rausch. Ein bemerkenswerter Zustand, wobei dem Höhenflug nicht selten der Absturz folgt. Aber – siehe Schlüsselanhängerbinsenweisheit – mir egal. Bis zu diesem einen Morgen, an dem ich mit meiner Kollegin für ein Editorial fotografiert werden sollte. Am Abend zuvor hatte ich eine dieser trunkenen Supernächte, in der Kellner irgendwann Aschenbecher und Flasche auf den Tisch stellen. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, mir aber ist es in solchen Momenten unmöglich, vernünftig zu sein und auf Wasser umzusteigen. Ich gehöre auch zu den Menschen, die einen Aufstand machen, wenn der Mann nach drei Netflix-Folgen den Fernseher ausschalten möchte. Die frühen Morgenstunden liessen bereits erahnen, dass Rotwein und Sambucca (ich weiss ...) Spuren hinterlassen würden. Mir war speiübel, der Kopf drohte zu zerspringen und die Motorik war deutlich eingeschränkt. Nun hatten wir für das Shooting einen Fotografen, der eigens aus Island für uns eingeflogen war, eine Hair- und Make-up-Ikone, die selbst schwer zu Fotografierenden eine Ahnung von Chancengleichheit bescherte, und ich hatte mich wirklich sehr lang auf diesen Tag gefreut. Um es kurz zu machen: Insgesamt musste ich mich allein während des Schminkens fünf Mal verabschieden. Und da mir in früheren Jahren Magen-Darm-Erkrankungen schon den Spitznamen Klingon-Sarah eingebracht hatten – mir platzen beim Erbrechen kleine Äderchen rund um die Augenpartie, was eine gewisse Ähnlichkeit zu Ausserirdischen hervorruft – half irgendwann auch kein Concealer mehr. Das Team nahm es mit Humor. Und umschrieb freundlich meinen Ausdruck auf den Bildern mit «gequält». Man kann aber auch sagen, dass ich einfach nur scheisse aussah. Die Fotos konnten nie verwendet werden, und meine Kollegen hatten zum Glück die Grandezza, meinen Totalausfall nur selten zu thematisieren. Trotzdem steigt mir noch heute die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich an diesen unprofessionellen Auftritt und die verpasste Chance denke. Und das: ist mir gar nicht egal!
– Sarah Lau (44), Autorin und ständige Mitarbeiterin

«Er ahnte, dass das Sofa uns nicht würde retten können»
Das Trauerspiel ist schnell erzählt: Wir hatten uns nach zehn Jahren endlich entschieden, zusammenzuziehen. Die Wohnung hatte ein grosses Wohnzimmer, auf dem Gang davor klebte ein kobaltblauer Spannteppich. Ich spürte zwar bald, dass mein Freund sich auf dem Rückzug befand, denn er hing immer länger vor der «Sportschau» und hatte immer öfter Migräne. Doch ich wollte nicht wahrhaben, dass wir durch das Zusammenziehen auseinanderdrifteten. Als Zeichen der Hoffnung auf Verbindlichkeit liess ich den Spannteppich durch Laminat ersetzen. Denn ich wollte heiraten, zu Weihnachten einen Christbaum – und für den Alltag ein ausladendes Sofa: Das ultimative Symbol des gutbürgerlichen Glücks, auf dem man Wochenenden verbringen, sich lieben und irgendwann mal Kinder zum Füttern aufreihen kann. Beseelt von der Nestbau Euphorie ging ich zum hippen Sofahändler, nippte an unzähligen Weissweingläsern und diskutierte Länge (2.70 m), Farbe (Beige, Off-White oder Salt-and-Pepper?), Preise (ein paar Tausend Franken), Lieferfristen (ein paar Wochen) und Zahlungsmodalitäten (auf Rechnung). Einmal kam er mit und stand mit gequältem Blick vor dem Sofa Modell, das unseres werden sollte. Er wählte Off-White und zog sich rückwärts aus dem Laden zurück. Später gestand mir der Sofahändler, dass er zu jenem Zeitpunkt schon gewusst habe, dass uns das Sofa nicht würde retten können. Doch ich wusste bloss, dass das Sofa dringend her musste. Inbrünstig redete ich mir ein, es würde zum Bindeglied zwischen uns werden, zum fliegenden Teppich, zum gepolsterten Einhorn. Ich entschied mich für Salt-and-Pepper. Aber dann kam er abends plötzlich nicht mehr nachhause und tauchte erst am Morgen wieder auf. Bald schon schleuderte ich einen Apfelschäler gegen die Küchentür, packte den Rollkoffer und ging. Das Sofa wurde drei Wochen später geliefert. Als ich in die Wohnung zurückkehrte, um Pass und Papiere zu holen, schielte ich ins Wohnzimmer und sah das Sofa dort stehen, vollkommen unberührt, die ganze Zukunft zu seinen Füssen, so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Ich sah es nie wieder. Mit dem Sofa verschwand auch ein Lebensentwurf. Und ich erkannte, dass es wohl weniger ein Symbol für eine gemeinsame Zukunft gewesen war, sondern eher ein Endzeitbeschleuniger. Aber es war ein schönes Sofa.
– Helene Aecherli (53), Redaktorin

«Nichts war so erniedrigend wie dieser Moment»
Ich habe in meinem präjournalistischen Leben ja so einiges gemacht für Geld: Gästen Wein über die Hose geschüttet, Teenies vor dem Koma-Saufen bewahrt, mich in der Parfümerie in olfaktorische Tode gestürzt. Aber nichts war so erniedrigend wie der Moment, in dem ich hochpubertär und Wasserfälle schwitzend – weil verkleidet als überlebensgrosses Schaumstoff-Früchtchen – die Capri-Sun-Plagiate eines Discounters an gierige Pendler verteilt habe und dabei meinem Schwarm begegnet bin. Das war kein Geld der Welt wert.
– Leandra Nef (26), Lifestyle-Redaktorin

«Sieht gar nicht mal so gut aus wie eben noch im Spiegel»
Ich habe viele Tätowierungen. Und ausnahmslos alle entstanden spontan oder so spontan, wie Tätowierungen halt entstehen können. Andere machen Monate im Voraus Termine, haben Vorbesprechungen, wälzen Skizzen, befragen ihr Medium und das ist auch absolut sinnvoll, denn ein Tattoo ist für immer, das sollte man sich schon gut überlegt haben. Und trotzdem mache ich genau das Gegenteil. Ich überlege immer so wenig wie möglich und mache einfach, wenn ich gerade kann. Mein Grösstes entstand, weil ich mit einem Tätowierer zusammen war und wir uns gerade langweilten. Ein anderes, weil ich einen der ersten Tätowierer von St. Pauli interviewen durfte, er war damals schon 88 und tätowierte nicht mehr, aber ich trieb eine Maschine auf und überredete ihn, eine Ausnahme zu machen. Mehrere entstanden auf Parties oder an anderen Anlässen, wo irgendwo ein Tätowierer zugange war. Dieser meiner Disposition kommt nun entgegen, dass ein Tattoo-Studio in Zürich an Freitagen, die auf einen 13. fallen, eine Aktion veranstaltet, an der man sich ohne Termin handtellergrosse Tätowierungen stechen lassen kann. Man wählt aus den 13 Vorlagen von Sailor Jerry Tattoos (Oldschool Matrosen-Motive, Schwalben, Totenköpfe, Kompasse, so was) und wartet, bis man an der Reihe ist. Das Ganze kostet stringenterweise 13 Franken. Also genau mein Ding – Optionen beschränkt, Komplexität reduziert: Mama kriegt ein neues Tattoo.

Beim ersten Mal war es eine Schwalbe auf meinem Unterarm. Der Tätowierer war nett, erzählte, dass er eigentlich Koch und noch nicht lang im Business sei, und machte seine Sache: mittelmässig. Die Schwalbe ist nicht richtig schlecht, aber auch nicht richtig gut; dafür, dass nur Linien nachgefahren werden müssen, weicht sie relativ stark von der Vorlage ab. Aber hey: matrosenstyle, Sponti-Aktion, total in Ordnung. Am nächsten Freitag, dem 13., stand ich wieder auf der Matte und war freudig aufgedreht, weil ich dieses Mal wirklich das Bedürfnis hatte, mir etwas stechen zu lassen: ein klassisches Herz mit Pfeil und Schärpe, darauf der Name meines Sohnes, mitten auf meiner Brust. Noch nie fühlte sich ein Tattoo so dringend und so wichtig an wie dieses. Mein Sohn. Ein Herz. Auf meinem Herz. Das Urmotiv für die Urliebe. Schwer zu formulieren, was mir durch den Kopf schoss, als ich an der Reihe war und mich von vier Tätowierern schon wieder der Koch abholte, es war eine Mischung aus Oh/Jetzt müsste ich es eigentlich besser wissen/Ach egal, kommt schon gut. Als er fertig war, stellte ich mich vor den Spiegel und war überglücklich: Dieses Tattoo hatte gefehlt. Wieso hatte ich das erst so spät gemerkt? Es komplettierte mich. Ich zahlte hundert Franken, umarmte den Tätowierer und schwebte nachhause. Dort machte ich ein Foto und bemerkte: sieht gar nicht mal so gut aus wie eben noch im Spiegel. Die Geometrie der Schärpe stimmt nicht, ausserdem ist sie zu dick, zu fleischig.

Der Spruch einer Kollegin gab mir den Rest: «Wie bei einer Spritze!», sagte sie zum Pfeil, der am hinteren Ende anstatt eine Nock zum Einspannen der Sehne einen kleinen Ring hat, wo wohl der Finger eingehakt werden soll. Seither kann ich das Tattoo nicht mehr anschauen, ohne dass es mich wie ein Schmerz durchzuckt: Wie zum Teufel soll man denn einen Pfeil abschiessen, wenn man ihn nicht einspannen kann?! «Selber schuld» ist natürlich die einzig mögliche Reaktion auf diese Geschichte – sich von einem Tätowierer tätowieren zu lassen, von dem man schon weiss, dass er nicht besonders gut ist, ist ja an Selberschuldigkeit nicht mehr zu überbieten. Aber es kommt noch besser: Ich habe gerade entdeckt, dass das Herz auf meiner Brust 1:1 so ist wie die Original-Vorlage, inklusive krummer Geometrie und fleischiger Schärpe und Finger-Ring! Es ist perfekt! Und damit bekommt diese dumme Entscheidung noch mal eine ganz neue, viel beunruhigendere Ebene. Keine Ahnung, ob ich weiterhin (ganz gut) mit dem Tattoo lebe, ob ich es weglasern und nochmal in Schön machen lasse oder ob ich je aus meinen Fehlern lernen werde.
– Michèle Roten (41), Produzentin

«Ich wusste sofort, dass das schiefgehen würde»
Wir lernten uns an einem Konzert kennen – als sich unsere Blicke flüchtig streiften und dann den ganzen Abend nicht mehr voneinander lösen konnten. Als ich ihn ansprach, offenbarte er mir bald, dass er relativ frisch aus einer vierjährigen Beziehung komme. Ich wusste sofort, dass das schiefgehen würde. Trotzdem liess ich mich auf das Abenteuer und den anschliessenden Herzschmerz ein. Diese Begegnung hat mich zwar nicht an die Liebe auf den ersten Blick glauben lassen – aber ans Verliebt-Sein. Und ich weiss jetzt: Es ist Fluch und Segen zugleich, seiner Intuition nicht zu folgen.
– Céline Geneviève Sallustio (24), Praktikantin Reportagen/Online

«Meine Entscheidung traf ich in einer Art Wachkoma»
Es war nie meine Absicht, mein Studium abzubrechen. Schliesslich habe ich es geliebt, mich wochenlang mit den Initiationsriten in Papua-Neuguinea zu beschäftigen, etwas über matrilineare Strukturen in Sambia zu erfahren oder schamanistische Séancen in Nepal. Wäre ich heute nochmal zwanzig, ich würde die Fachrichtung Ethnologie auf der Stelle wiederwählen. Denn es tut gut, die Aspekte der eigenen Gesellschaft, an die man sich gewöhnt hat und für wahrhaftig erachtet, im Spiegel des Fremden zu betrachten. Das relativiert so einiges. Und dennoch habe ich mein Studium abgebrochen. Nach fünf Jahren – was es nicht besser macht. Meine Entscheidung traf ich in einer Art Wachkoma. Ich führte also weder eine Liste, auf der ich Pro- und Kontrapunkte gegeneinander aufrechnete, noch befragte ich Tarot-Karten. Eine klare Vorstellung, was meine Zukunft betrifft, hatte ich mit Mitte Zwanzig ohnehin nicht. Das Angebot, im Journalismus Fuss zu fassen, erschien damals einfach auf der Bildfläche – und ich griff zu. Bereut habe ich es zig Mal – nicht aus karrieretechnischen Gründen, denn mit einem Ethnoabschluss in der Tasche winken weder fette Löhne noch einflussreiche Posten. Viel eher, weil ich gern wüsste, wie sich mein Leben als Ethnologin wohl anfühlen würde. Wo auf der Welt wäre ich gerade? Wäre ich glücklicher? Ein anderer Mensch?
– Nicole Gutschalk (45), Wohnen-Redaktorin

«Ich wähle den Weg, der am wenigsten Risiko mit sich bringt»
Dass ich im Studium tagsüber hauptsächlich Spider-Solitär spielte und abends Schnaps am Meter kippte, halte ich im Nachhinein nicht für besonders pfiffig. Ebensowenig mit Rauchen anzufangen. Und ich bereue diesen heissen Sommerabend, als ich nach einem Hochzeitfest betrunken mit meinem klapprigen Velo und meinem Freund auf dem Gepäckträger durch die Stadt nach Hause kurvte. Den Rest der Nacht verbrachte ich auf dem Polizeiposten, mein Freund im Spital. Meine Fehltritte brachten mich zwar manchmal ins Straucheln, doch wirklich gestürzt bin ich nie (ausser mit dem Velo) – und schon gar nicht in tiefe Abgründe. Nicht, weil ich meine Entscheidungen so weise und weitsichtig treffen würde. Sondern weil ich ein Hasenfuss bin. Ich wähle (ausser unter Alkoholeinfluss) schlicht denjenigen Weg, der am wenigsten Risiko mit sich bringt – also keinen. Ein zweites Studium? Könnte finanziell schwierig werden. Einen Typen ansprechen? Könnte abgewiesen werden. Mit einer Freundin zusammenziehen? Könnte die Freundschaft zerstören. Reisen gehen? Könnte mein Zuhause zu sehr vermissen. Man bleibt verschont, wenn man so lebt. Die Frage ist nur, vor wie viel Gutem? Um wirklich dumme Entscheidungen zu fällen, muss man vielleicht sorglos oder naiv sein, aber eben auch mutig und furchtlos. Man nimmt in Kauf, zu fallen, hart aufzuschlagen, um dann wieder aufzustehen – als weisere Version seiner selbst. So betrachtet, überlege ich mir, ist meine dümmste Entscheidung wohl diejenige, bisher nie eine wirklich dumme Entscheidung getroffen zu haben.
– Stephanie Hess (35), Redaktorin

«Ich rief nur: ‹Schpinnsch!› – und rannte aus der Toilette»
Ich sass recht gemütlich, als jemand in die Toilettenkabine nebenan trat und zu mir herüberraunte: «Ich geb dir 50 Stutz, wenn du mir einen bläst.» Ich war etwa 14, Schüler, und hatte diesen öden Ferienjob in einem Shopping-Center. Ich rief nur: «Schpinnsch!» – und rannte raus. Zurück am Arbeitsplatz bemerkte ich, dass ich mir nicht einmal den Hintern abgewischt hatte wegen dieses Idioten. Dass ich mich für diese Geschichte so schämte, dass ich bis heute niemandem davon erzählt habe, ist fast schlimmer als das, was passiert ist.
– Sven Broder (44), Leitung Reportagen & Produktion

«War denn hier keiner sauer ausser mir?»
Im Dezember 2018 bekam ich einen jener Anrufe, die man niemals bekommen möchte: Mein Mann war ins Spital eingeliefert worden. Voller Panik raste ich in die Notaufnahme. Das Bild, das sich mir dort bot, erinnerte mich an Kriegsszenen: Mein Mann sass auf einer Bahre, über und über mit Blut besudelt, das noch immer aus einer Wunde am Hinterkopf quoll wie dickflüssiger Sirup. Was passiert war: Offenbar wollte mein Mann einen Zebrastreifen überqueren, als ihm ein Autofahrer den Vortritt verweigerte. Mein Mann – durchaus nicht untemperamentvoll – klopfte mit seinem Gehstock an den Rückspiegel des Vortrittsverweigerers, um sich über dessen Verhalten zu beschweren. Der Autofahrer wendete seinen Wagen, fuhr meinem Mann im Schritttempo bis zu unserer Wohnsiedlung hinterher, um ihn schliesslich im Innenhof zu «stellen». Dazu muss man wissen: Mein Mann ist Mitte sechzig. Seit einer Hirnblutung vor zwanzig Jahren ist er schwer behindert. Er geht am Stock, was für jedermann schon von Weitem erkennbar ist. Beim ersten Stoss des Autofahrers fiel er um wie ein Sack Zement und knallte mit seinem Hinterkopf auf einen Stein. Zwei Zeugen hatten alles beobachtet und die Polizei gerufen. Glücklicherweise gab es bald Entwarnung: kein Schädelbruch, keine neuen Hirnblutungen, nicht einmal eine Bluttransfusion war notwendig. Mit einer Platzwunde und einer leichten Gehirnerschütterung war mein Mann glimpflich davongekommen.

Noch während wir darauf warteten, dass die Wunde genäht wurde, tauchte ein kräftiger, junger Mann in der Notaufnahme auf, der einen Schwall von Entschuldigungen ausstiess und meinem Mann eine XXL-Packung Mon Chéri in den Schoss legte. Der Täter! «Scheffi» – wie Chef mit -i, so jedenfalls sprach er seinen Namen aus. Er versicherte mit bekümmertem Blick, dass alles, was passiert war, allein seine Schuld sei und er dafür geradestehen wolle. Erstaunlicherweise schien ihm sein Opfer bereits verziehen zu haben, die beiden plauderten, als hätten sie sich soeben am Bartresen kennengelernt. Doch so billig sollte mir dieser Kerl nicht davonkommen! Glaub bloss nicht, dass du hier der Chef bist, Scheffi, dachte ich. Du primitiver Schläger, du Testosteronproblem auf zwei Beinen, du wirst für deine Tat büssen!

Scheffi rief nun täglich an und erkundigte sich nach dem Befinden meines Mannes. Ich knirschte mit den Zähnen und reichte den Hörer weiter, woraufhin sich die beiden Männer angeregt unterhielten, als seien sie alte Kumpels. Mich irritierte das total. War denn hier keiner sauer ausser mir? Schliesslich bat Scheffi darum, vorbeikommen zu dürfen, um meinem Mann eine neue Jacke zu bringen als Ersatz für die vollgeblutete alte. Dieser Höhlenmensch kommt mir nicht ins Haus, dachte ich erst. Wer weiss, ob er als nächstes nicht mir eine reinhaut? Doch da war auch die vage Hoffnung, dass Scheffis Reue echt sein könnte, dass es mir vielleicht helfen könnte, ihn anzuhören – oder ihn wenigstens anzubrüllen, statt mich in meiner Wut zu verkriechen wie eine missmutige Kröte in ihrem Loch. Ich erkundigte mich bei der Polizei, ob Scheffi ein Gewohnheitstäter sei. «Bislang keine Einträge zu Gewaltdelikten», sagte der zuständige Beamte.

Die Herrenjacke, die er mitbrachte, war ein elegantes Markenmodell in Marineblau. Er hatte sich nicht lumpen lassen. Seine Frau, die sich zutiefst für ihn schäme, habe sie ausgesucht, sagte Scheffi. «Schlägst du sie manchmal auch, wenn dir gerade danach ist?», fragte ich voller Groll. Scheffi schwieg und blickte mich an wie ein waidwundes Reh. Er könne gut verstehen, warum ich so etwas Schlimmes frage, sagte er schliesslich, doch bisher sei er niemals gewalttätig geworden. Er habe ein schreckliches Problem mit seiner Impulskontrolle, was ihn «wäge nüüt» in die Luft gehen lasse «wie Atombombe». Mit vor Entsetzen geweiteten Augen berichtete er, wie er aus seiner Raserei erst wieder erwacht sei, als mein Mann auf dem Boden lag. Tag und Nacht würde ihn dieses Bild seither verfolgen, «Bluet hät gschprudlet, wie wänn du Pet-Fläsche ufmachsch!»

Jetzt hast du jemanden umgebracht, habe er gedacht. Ein Weckruf sei das für ihn gewesen, eine letzte Chance, sich endlich in den Griff zu bekommen, eine Therapie zu machen, ein besserer Mensch zu werden. Er bedankte sich überschwänglich bei meinem Mann dafür, dass der ihn nicht wegen Körperverletzung angezeigt hatte. Ich ertappte mich dabei, dass ich Scheffi eigentlich ganz nett fand und in seinem Bemühen um Wiedergutmachung sogar irgendwie süss. Und dann – ohne dass ich mich dazu hätte überwinden müssen – verzieh ich ihm, so wie das mein Mann schon lang getan hatte. Es war ganz leicht, jedenfalls leichter, als weiterhin diese Wut mit mir herumzuschleppen.
– Claudia Senn (54), Redaktorin

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