Wie ist es eigentlich

Wenn man Geister sieht

Aufgezeichnet von Frank Heer; Foto: JR Korpa / Unsplash

Wenn man Geister sieht

Bereits als junges Mädchen konnte sie Geister sehen, heute arbeitet Dolly Röschli (43) als Medium im Zürcher Oberland. 

Das Wort Geister mag ich nicht. Da denkt man an Schauermärchen und weisse Leintücher. Lieber sage ich Geistwesen: Verstorbene, die sich bei den Lebenden bemerkbar machen. Als junge Frau bekam ich jeweils schreckliche Angst, wenn in meinem Schlafzimmer plötzlich fremde Gestalten auftauchten. Oder wenn ich merkte, dass ich im Zug Menschen grüsste, die für andere Passagiere unsichtbar waren. Mit den Jahren habe ich gelernt, meine Medialität nicht als Last zu empfinden, sondern als Gabe. Ich weiss, dass es keinen Grund gibt, sich vor den Toten zu fürchten, egal, wie ihr irdisches Leben ausgesehen hat. Sie wollen uns nichts Böses und haben auch nicht die Fähigkeit, uns Böses anzutun, wie man das aus Horrorfilmen kennt.

Wenn ich ein Geistwesen sehe, so ist das vergleichbar mit der Projektion eines Films. Gestalt und Gesichtszüge sind manchmal deutlich zu erkennen, manchmal weniger. Oft sehe ich die Erscheinung nur vor meinem geistigen Auge. Das kostet mich weniger Energie und ist ähnlich wie die Erinnerung an eine befreundete Person – mit dem Unterschied, dass mir die Person nicht bekannt ist. Meistens vermitteln mir Geistwesen Botschaften an die Hinterbliebenen, die mich in meiner Praxis aufsuchen, weil der Tod des Angehörigen ungelöste Fragen hinterlassen hat.

Tote wissen durchaus, dass sie nicht mehr leben, sich in einem anderen Zustand des Seins befinden, sei es in der astralen Welt oder bereits im Licht. Sie können uns (keine Angst!) nicht sehen, wenn wir unter der Dusche stehen, und haben keine Stimmbänder, um zu sprechen. Wenn ich mit Verstorbenen kommuniziere, höre ich sie durch meine eigene innere Stimme.

Ich werde oft gefragt, ob ich mit berühmten Toten in Kontakt treten könne. Leider nein, sonst würde ich sofort ein Duett mit Elvis singen. Nicht ich trete mit Geistwesen in Kontakt, sondern sie mit mir. Meistens über die Menschen, die zu mir kommen, um etwas über die verstorbene Person zu erfahren. Da müsste also Elvis’ Tochter bei mir in der Sprechstunde aufkreuzen, damit ich mit dem King sprechen könnte – wenn er denn wollte.

Ich war fünf Jahre alt, als ich zum ersten Mal Besuch von meinem Urgrossvater bekam, der lange vor meiner Geburt starb. Er tauchte einfach in meinem Kinderzimmer im Emmental auf. Ich wusste nicht, wer der Mann war, der mich immer wieder besuchte, hatte aber keine Angst vor ihm. Warum auch? Er schien zur Familie zu gehören und spielte mit mir. Was mich irritierte, war, dass meine Mutter den Mann nicht sehen konnte, auch wenn er direkt neben ihr stand. Je mehr ich ihr von ihm erzählte, umso klarer wurde ihr: Das muss Grossätti Jakob sein!

Mit den Jahren besuchten mich auch andere Geistwesen, vermutlich ebenfalls Verwandte. Sie tauchten aus dem Nichts auf, egal, wo ich war: im Zug, im Restaurant, im Badezimmer. Am schlimmsten war es, wenn sie mir in der Nacht erschienen und ich die Umrisse ihrer Gestalt vor mir aufblitzen sah. Ich begann, sehr viel Sport zu treiben, um meine Fähigkeiten zu verdrängen, und ich übte täglich zwei Stunden Klavier. Doch noch immer sah ich Wesen, die ich nicht sehen wollte.

Dass ich heute entspannt darüber sprechen kann, verdanke ich wichtigen Begegnungen mit Menschen, die Ähnliches erlebten wie ich. Sie zeigten mir, wie man die Gabe in eine Aufgabe wandelt: den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen. Die vielleicht wertvollste Erkenntnis erlangte ich 1994 an einem Seminar am Findlay College, dem berühmten Ausbildungszentrum für Medialität in England: die Kunst des Abschaltens. Dort lernte ich, meine Antennen einzufahren, wenn ich mit der geistigen Welt nicht verbunden sein möchte. Auch meine Praxis verlasse ich immer offline. Wenn ich zuhause bin, müssen die Geistwesen warten.

Dolly Röschli (43) beschreibt in ihrem Buch «Hallo, Jenseits» (Wörterseh 2018, 206 Seiten, ca. 32 Franken), wie sie die Geister, die sie nicht rief, zu ihrem Lebensinhalt machte

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