Wie ist es eigentlich

Wenn man Opfer von Cybermobbing wird

Text: Lara Marty; Bild: Netflix

Cybermobbing
  • Szene aus der Netflixserie «13 Reasons Why», die von Cybermobbing, sexueller Gewalt und fehlender Unterstützung von Schule und Freunden handelt. 

Vor Cybermobbing kannst du nicht davonrennen. Es verfolgt dich 24 Stunden pro Tag, 365 Tage im Jahr. Verlässt du die Schule, begleitet es dich auf deinem Smartphone in der Hosentasche oder erwartet dich zuhause mit einer Hassnachricht auf dem PC. Cybermobbing lacht dich in aller Öffentlichkeit aus, lässt jeden zusehen, wie du mit niederträchtigen Kommentaren gedemütigt wirst, erlaubt dir keinen Rückzugsort. Ich musste das zehn Jahre lang aushalten. Als ich in der ersten Klasse war, führte meine Schule ein Theaterstück auf, in dem ich die Hauptrolle spielen durfte. Ein beliebtes Mädchen war deswegen sehr eifersüchtig auf mich und schloss mich demonstrativ mit ihren Freundinnen aus. Von da an wurde ich nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen, wurde auf dem Pausenplatz geschubst und bestohlen. Auch der Wechsel ans Gymnasium machte meine Situation nicht besser, denn ein grosser Teil meiner alten Klasse kam mit und somit auch das Mobbing. Als dann im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren viele von uns Smartphones und Social Media Accounts hatten, kam zu den Gemeinheiten auf dem Schulhof noch das Mobbing im Internet dazu – das Cybermobbing.

Ein Junge aus meiner Klasse gründete auf Facebook die «Anti-Anna»-Gruppe, in der Gerüchte über mich verbreitet wurden und wo man darüber lästerte, was ich doch für eine Schlampe sei. Eine Klassenkameradin lud mich sogar dazu ein, meiner eigenen Hass-Gruppe beizutreten. Im Schutz der Anonymität des Internets konnten sie ungefiltert gegen mich hetzen. Sie versteckten sich hinter Fakeprofilen oder verstellten am Telefon ihre Stimme. Wurde ich auf dem Pausenplatz attackiert, konnte ich immerhin ihre Gesichter sehen und wusste, vor wem ich mich in Acht nehmen musste. Onlinedrohungen konnte ich hingegen kaum einordnen. So wusste ich nie recht, aus welcher Richtung die Drohungen und Beleidigungen auf mich zielten. War es meine Sitznachbarin oder vielleicht der Nachbarsjunge? Ich wurde misstrauisch und scheu. In der Schule getraute ich mich nicht mehr, mich zu melden, war häufig krank.

Wenn ich heute über meine Schulzeit spreche, werde ich oft gefragt, weshalb ich früher gemobbt wurde. Ganz ehrlich: Ich weiss es nicht. Hätte ich den Grund dafür gekannt, hätte ich alles versucht, um dies an mir zu ändern. Meine Mama war in dieser Zeit meine wichtigste Stütze. Sie versuchte, sich mit den Müttern meiner Mobberinnen anzufreunden, und meldete die Vorfälle immer wieder den Eltern und Lehrpersonen. Doch die machten es sich leicht: «Lassen wir das doch die Kinder untereinander regeln», sagten sie. Nur einmal unternahm die Schule einen Versuch, das Mobbing zu stoppen. An einem Anti-Mobbing-Präventionstag wurde den Schülern und Schülerinnen anhand meines Beispiels erläutert, dass ihr Verhalten fies sei und sie mich nicht ausschliessen sollten. Damit wurde ich aber noch tiefer in die Opferrolle gedrückt, und das Mobbing schlimmer als je zuvor.

Am Ende der zehnten Klasse hielt ich es nicht mehr aus und wechselte die Schule. In der neuen Klasse wurde ich gut aufgenommen. Die Jungs fanden mich toll, die Mädchen wollten mit mir befreundet sein. Dass ich vorher gemobbt worden war, erzählte ich nicht, zu sehr schämte ich mich dafür. Vor Kurzem begegnete ich per Zufall meiner ehemals schlimmsten Mobberin. Sie war sehr mager, litt offensichtlich unter Essstörungen. Da begriff ich, dass die meisten Menschen mobben, weil sie selber grosse Probleme haben. Heute bin ich froh, dass ich diese Zeit durchgestanden habe. Das Cybermobbing hat mich zwar vorübergehend geknickt, aber nicht gebrochen. Nun bin ich stark, ich mache klare Ansagen, und wenn sich jemand unwohl fühlt, stelle ich mich schützend vor ihn hin – und das sollten wir alle tun. Dem Hass im Internet ist man schutzlos ausgeliefert, und das verunsichert sehr, gerade als Jugendliche. Es macht traurig und führt im schlimmsten Fall zum Suizid. Lehrer, Erwachsene und unbeteiligte Mitschüler dürfen Cybermobbing nicht ignorieren.

Anastasia Barner (21) ist Botschafterin der Exclamo-App, auf der sich Jugendliche über Cybermobbing austauschen können. Vor ein paar Monaten gründete sie die Plattform Fementor, auf der sich Frauen gegenseitig vernetzen und unterstützen.

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