Schönheitsoperationen

Meine Versöhnung mit der Menopause

Text: Kathy Lette, Illustration: Adam Hancher

Meine Versöhnung mit der Menopause
Meine Versöhnung mit der Menopause
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Zum Teufel! Die Menopause ist nichts für Pussycats

Gezeichnete Gefühle

Den in London lebenden und international tätigen Illustrator Adam Hancher trennt eine gewisse biologische Distanz vom Thema Menopause. Wie er die für die Illustration auf Seite 48 überwunden hat? «Geholfen hat mir, dass es sich nicht um einen wissenschaftlichen Text gehandelt hat. Dadurch, dass der Text so persönlich gehalten und mit Gefühlen und Szenischem gespickt war, bekam ich eine ganze Menge Anregungen für die bildliche Umsetzung.»

www.adamhancher.co.uk

Die australische Bestsellerautorin Kathy Lette über ihren Krampf – und ihre Versöhnung – mit der Menopause.

Die Menopause ist immer ein medizinisches Rätsel gewesen. Doch einer neuen Studie zufolge sind Männer die Ursache. Offenbar ist der Verlust der Fruchtbarkeit bei Frauen mittleren Alters evolutionär darauf zurückzuführen, dass Typen lieber mit jüngeren Frauen schlafen. Professor Rama Singh von der McMaster University in Kanada vertritt folgende Theorie: Die Menopause ist nichts anderes als die evolutionäre Anerkennung der Tatsache, dass ältere Frauen keine Kinder mehr haben können müssen, da Männer sich ohnehin nicht mehr mit ihnen paaren wollen. Mit anderen Worten: Dass Männer seit Generationen und Abergenerationen jüngere Frauen vorziehen – wissenschaftlich ausgedrückt: preferential mating –, ist schuld daran, dass unsere Eierstöcke ihr Haltbarkeitsdatum überschreiten.

He, vielen Dank auch, Jungs! Vielen Dank für die Schlafstörungen, die Stimmungsumschwünge, das zunehmende Risiko für Herzkrankheiten und Osteoporose. Vielen Dank, dass ich mich wieder wie ein hormongeschüttelter Teenager fühlen darf, wenn auch einer mit Falten statt Pickeln. Erschwert wird die Sache dadurch, dass ich die ganze Pein auch noch schweigend erdulden soll. Denn die Menopause ist immer ein anrüchiges Geheimnis gewesen. Ich kann mich erinnern, wie meine Mama und ihre Freundinnen wie Strickjacken tragende Hexen in Küchen kauerten, was von «Abänderung» raunten und dabei immer wieder nervös über ihre Schultern blickten, als könnte im nächsten Augenblick Lord Voldemort mit seinen finsteren Scharen über sie hereinbrechen. Die Menopause schien etwas ähnlich Übles zu sein wie Denguefieber oder Diphtherie.

Sie können sich also vorstellen, wie beunruhigt ich war, als ich vor ungefähr einem Jahr mein eigenes Wetter zu produzieren begann. Mit 53 fing ich plötzlich an, so heftig zu schwitzen, als würde ich von der Polizei verhört. Nun ist eine Wallung ja etwas durchaus Praktisches, wenn es draussen gerade kalt ist. Dann ist das, als hätte man seine eigene Zentralheizung dabei. Weniger praktisch ist eine Wallung zu Stosszeiten in der S-Bahn. Den ganzen Winter hindurch riss ich dauernd die Fenster auf, was bei den übrigen Familienmitgliedern zu Frostbeulen führte, ja, sie mussten sogar regelmässig wegen Unterkühlung ins Krankenhaus. Eines ist jedenfalls klar geworden: Gott ist ein Kerl. Menstruationsbeschwerden, Schwangerschaft, Geburt, Mastitis – und wenn du denkst, jetzt ist endlich mal Ruhe, dann wächst dir ein Bart. Ja, schlimmer noch als die Wallungen sind die Waldungen im Bereich deines Kinns – die reinsten Nationalpärke.

Als ich vor dem Essen den Teller jeweils mit meiner Stirn zu wärmen und mit meiner Gesichtsbehaarung Makrameearbeiten zu machen begann, wusste ich, dass drastische Massnahmen erforderlich würden. Bloss was für welche? Synthetische Steroide? Hormonpflaster? Frauenwurzeltee? Ein Toy Boy? Oder sollte ich einfach in arktische Regionen umziehen? Ich fragte herum.

Manche meiner Freundinnen schwören auf Naturheilmittel. Aber nachdem ich einen Monat lang entsprechende Pillen eingeworfen hatte, kam ich zu folgendem Schluss: Spenden Sie das Geld, das Sie für deutsche/holländische/appenzellische «Naturheilmittel» ausgeben würden, einer wohltätigen Organisation Ihrer Wahl, und tragen Sie so zum Wohl der Menschheit bei, denn Kräuter zu schlucken, um dem hormonellen Aufruhr entgegenzuwirken, ist ungefähr so wirkungsvoll, als versuchten Sie, Dschingis Khan mit einem Blatt Papier die Kehle durchzuschneiden.

Eine beliebte Lösung ist die Hormonersatztherapie. Ich kaufte mir also entsprechende Pflaster und klatschte mir eines auf die Hinterbacke. Bei der Lektüre des Beipackzettels irritierte mich etwas, dass der Wirkstoff aus Stutenurin gewonnen wird. Würde ich bald mit dem Vorderhuf zu zählen beginnen und im Wind meine Mähne schütteln? Hätte ich für Fragen hinfort nur noch ein Wiehern übrig? Würde ich, die ich stolz darauf bin, viele Freundinnen zu haben, plötzlich stutenbissig?

Das klang mir alles zu pflasterhaft. Doch da gab es als Alternative ja die Möglichkeit, täglich Östrogengel zu applizieren. Reibt man das Gel in die Oberschenkel, wird das Hormon rasch ins Blut aufgenommen und umgeht so die Leber. Doch aufgepasst: Eine meiner Freundinnen stellte verwundert fest, dass ihr mackerhafter Mann plötzlich Frauenfilme mochte, wegen Welpenbildern in Tränen ausbrach und ein Interesse für Vorhänge, Teppiche und Kissen entwickelte. Sanftes Nachbohren ergab, dass ihr sehr schmusefreudiger Mann ihre Schenkel zu früh nach dem Einschmieren geküsst und dadurch das Östrogen absorbiert hatte. Seither hat sie auf Hormonpflaster umgesattelt, er trägt nun wieder sein Fussballerleibchen und grunzt den Fernseher an.

In einem Punkt sind sich alle Experten einig: Wallungen können durch Stress ausgelöst werden, ebenso durch Alkohol, Schokolade, Kaffee und süsse Leckereien. Aber ist ein Leben ohne all dies noch lebenswert? Eine Woche lang blieb ich enthaltsam, doch der Gedanke, ohne Espressi, Gin Tonics und Patisserie auskommen zu müssen, stresste mich dann dermassen, dass ich deswegen eine Wallung bekam.

Aber wissen Sie, was das Verrückteste bei der ganzen Menopausensache ist? Die positiven Nebenwirkungen. Denken Sie nur an den einzigen Test, bei dem man nicht schummeln kann: den Schwangerschaftstest. Was für eine Erleichterung, dass ich nie mehr in die Apotheke rasen muss, um die Pille danach oder die Utensilien für einen Schwangerschaftstest zu kaufen. Dass ich befreit bin vom hektischen Wühlen am fusseligen Grund der Handtasche nach einem Notfalltampon, dass ich mich nie mehr rückwärts aus einem Zimmer stehlen muss aus Angst, da könnte sich ein verräterischer Fleck gebildet haben.

Das Beste an der Menopause ist aber, dass sie Frauen erlaubt, sich schlecht zu benehmen. Nachdem ich jahrzehntelang wegen Akne oder gebrochener Herzen am Boden zerstörte Teenager wiederaufgebaut oder den wegen Beulen am Auto oder der Heizungsrechnung ausrastenden Ehemann von der Decke gekratzt habe, muss jetzt zur Abwechslung meine Familie mich mit Samthandschuhen anfassen. Sobald die Menopause kommt, hat frau das Recht, sich wie Attila die Hennenkönigin zu gebärden. Wenn von Duumf-duumf-Bässen erbebende Offroader an mir vorbeirasen, fluche ich jetzt wie ein Bierkutscher und schüttle die Faust. Treffe ich auf berühmte Romanautoren, frage ich sie nach ihren Ghostwritern. Ich habe auch nicht mehr das geringste Schuldgefühl, wenn ich mal mit Freundinnen das Weite suche. Wieso soll ich mich mit fliegender Hitze begnügen, wenn ich in heisse Länder fliegen kann? Egoistisch, rechthaberisch und bärbeissig verhalte ich mich seit der Menopause. Mit anderen Worten: wie ein Mann. Ganz im Sinne des Ratschlags: «Die Veränderung wird dir guttun.»

Und falls Sie noch mehr Ermutigung brauchen, denken Sie mal an die beeindruckendsten Frauen, die zurzeit auf der Weltbühne agieren: Hilary Clinton, Angela Merkel, Christine Lagarde, Madonna, Judi Dench, Oprah Winfrey … Haben die alle die Menopause schon hinter sich? Aber hallo. Ich habe das Gefühl, gleich beginne die coolste Phase meines Lebens – wenn erst mal diese Hitzewallungen vorbei sind.

Und Jungs, mal herhören, Professor Singh schreibt auch Folgendes: Sollten Frauen in Zukunft jüngere Männer zum Zweck der Fortpflanzung bevorzugen, dann werden die Männer sich zu denjenigen entwickeln, die ab fünfzig unfruchtbar werden. Ja, dass im Wort «Menopause» das englische Wort für «Männer», «men», steckt, ist Anzeichen einer höheren Gerechtigkeit.

— Kathy Lette (56) ist gebürtige Australierin, Bestsellerautorin, Kolumnistin und Drehbuchautorin von Sitcoms. Ihr neuster Roman heisst «Courting Trouble». Heute lebt Kathy Lette in London, sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. www.kathylette.com
— Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bodmer

Mach mal Menopause

Beim Thema Menopause bekamen alle angefragten Autorinnen Schweissausbrüche – ausser Kathy Lette, australische Bestsellerautorin und seit einigen Jahren menopausal. Statt mit verschämtem Schweigen begegnet sie den Tücken der Wechseljahre mit Selbstironie (Seite 48). Genauso entspannt spricht die dänische Sexologin Ann-Marlene Henning über die «zweite Pubertät» der Frau – und weist dabei auf ein noch grösseres Tabu hin: die Andropause, die Menopause der Männer.

Exklusiv zu lesen auf annabelle.ch/menopause

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