Kommentar zur 10-Millionen-Initiative: «Scheiss SVP reicht nicht!»
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative ab. Nein zur Initiative, das ist ganz klar. Schwieriger ist die Frage, warum die Linke das Thema Zuwanderung so konsequent meidet. Ein Kommentar.
- Von: Rebekka Bräm
- Bild: Unsplash
Eines vorab: Natürlich werde ich Nein stimmen. Alles andere wäre asozial und extrem kurzsichtig. Die Beziehung zur EU aufs Spiel setzen und Asylsuchende noch schlechter behandeln als bisher? Nein, wirklich nicht.
Und doch wundere ich mich aktuell etwas über meine (linke) Bubble. Vieles, was ich lese, klingt für mich nach: Wir sind gar nicht zu viele, wir haben kein Problem, Dichtestress who!? Und das sehe ich leider anders.
Natürlich suche ich die Schuldigen woanders als die SVP – bei ebenjener selbst nämlich, und bei ihren Buddies aus der FDP. Der Kapitalismus läuft auf Hochtouren in unserem kleinen Land und wird vom ewigen Steuerwettbewerb um internationale Konzerne immer weiter aufgepeitscht. Und solange wir wirtschaftlich pausenlos weiterwachsen müssen und dem Grosskapital jeden Wunsch von den Augen ablesen, brauchen wir halt immer mehr Arbeitskräfte.
Wir bauen fleissig Luxuswohnungen, die monatelang leerstehen, weil es der stetig wachsende Wohlstand unseres Landes seltsamerweise nicht bis zu uns Mietenden schafft, sodass langsam aber sicher auch die Ärzt:innen und Anwält:innen aus meinem Umfeld in die Agglomeration verdrängt werden.
"Die Asylsuchenden bemerke ich kaum. Die Gentrifizierung schon"
Die Asylsuchenden, die Lieblingssündenböcke der Rechten, bemerke ich in meinem Alltag kaum. Was ich allerdings sehr wohl bemerke, ist die fortschreitende Gentrifizierung. Dass ich meinen Chai Latte in hippen Zürcher Cafés nicht mehr auf Schweizerdeutsch bestellen kann, oder dass Yogastunden und Fragerunden völlig selbstverständlich auf Englisch durchgeführt werden. Den Lebensneustartern, die aus Not zu uns kommen, ist damit nicht gedient. Den gut ausgebildeten, finanziell privilegierten allerdings schon. Jenen Kosmopolit:innen, die auch in Lissabon oder auf Bali leben könnten.
Wir Normalos wiederum finden keine Wohnungen mehr, trauen uns nicht, unsere Jobs zu kündigen, und an einem Sommertag einen Badtüechli-Platz am Zürichsee zu ergattern ist noch aussichtsloser, als den masslos überteuerten Weihnachtsmarktglühwein im Sitzen zu trinken.
Ich finde also schon, dass wir ein Problem haben. Das kann man doch auch als SP-Mitglied problemlos einräumen – tun ja manche auch, zum Beispiel Querschlägerin der Herzen Jacqueline Badran.
"Offenbar hat man sich darauf geeinigt, das Thema Zuwanderung den Rechten zu überlassen und fasst es nun lieber erst gar nicht mehr an"
Abgesehen von wenigen Ausnahmen aber gilt: Über «zu viele Menschen» sprechen wir in linken Umfeldern nicht. Es scheint sich dabei fast schon um so etwas wie Taktik zu handeln, um die Überzeugung, dass man dieses Thema nicht gewinnen und sich höchstens die Finger verbrennen kann. Offenbar hat man sich darauf geeinigt, die Zuwanderung den Rechten zu überlassen und fasst sie nun lieber erst gar nicht mehr an. Weil die linken Argumente halt komplizierter wären als ein simples «Die Ausländer sind schuld an allem».
Aber die Realität ist nun einmal kompliziert und ein paar schwarze Schafe auf Plakaten werden ihr nicht gerecht. Es ist kurzsichtig, einfach den Taschenrechner rauszuholen und die Grenzen dichtzumachen.
Weil uns das in Zeiten extremer Unsicherheit fürchterlich alleine dastehen lässt. Und weil wir die Arbeitskräfte halt trotzdem brauchen, mal ganz abgesehen davon, dass nicht einmal die Initiator:innen selbst so genau wissen, wie eine Umsetzung konkret aussehen könnte.
"Unsere Alten pflegen oder selbst auf der Baustelle arbeiten – das wollen wir ja dann auch wieder nicht"
Schliesslich muss irgendjemand unserer zunehmend überalterten Gesellschaft die Rente finanzieren. Wir brauchen also durchaus Leute, auch wenn es nervt. Und da es uns die SVP mit ihrer frauen- und familienfeindlichen Politik schwermacht, uns zu vermehren, muss die Lücke halt anders gefüllt werden. Denn unsere Alten pflegen oder selbst auf der Baustelle arbeiten – das wollen wir ja dann auch wieder nicht.
Zugleich bugsieren wir uns selbst in den Abgrund, wenn wir dieses ungesunde Wachstum nicht irgendwie eindämmen. Es wäre deshalb grundlegend wichtig, dass sich die Linken ebenfalls mit konkreten Vorschlägen beteiligen, statt immer nur «Scheiss SVP» zu rufen.
Wir sollten keine Debatten gewinnen wollen, wir sollten Probleme lösen. Aber solange wir uns nur von SVP-Initiative zu SVP-Initiative hangeln, kommen wir nicht vom Fleck. Das Best-Case-Szenario bleibt der Status quo, und der ist gar nicht mal so gut.