Das neue Heft ist da: Barbara Loop über Uneindeutigkeit
Ab heute liegt die neue Ausgabe der annabelle am Kiosk. Lest hier das Editorial von Chefredaktorin Barbara Loop.
- Von: Barbara Loop
- Cover: Celine Paradis; Collage: annabelle
Ist Mode Kunst? Anna Wintour findet: Ja. «Fashion is Art» lautete das Motto der diesjährigen Met Gala, die sie jedes Jahr ausrichtet. Anderer Meinung soll Karl Lagerfeld gewesen sein. Ich hätte den beiden zu gern beim Streitgespräch zugehört.
Kunst zwingt zum Reden. Darüber, was Kunst sei. Darüber, was berührt, provoziert oder banal erscheint. Sie macht Sichtweisen erfahrbar und widersetzt sich der schnellen Vereinnahmung. Darin liegt ihr Wert: Sie ist nicht eindeutig.
Deshalb widmen wir mit dem neuen Heft fünf Künstlerinnen aus der Schweiz je ein eigenes Cover: weil wir die Vielzahl an Stimmen feiern wollen. Jiajia Zhang, Gritli Faulhaber, Ariane Vonmoos, Shamiran Istifan und Maya Hottarek wurden von uns für diese Ausgabe in Mode gekleidet, die ihr Werk reflektiert.
Sich gegen Eindeutigkeit zu verwehren, das ist auch das Thema von Roxane Gay. Im Bestseller «Bad Feminist» schrieb die US-amerikanische Autorin darüber, wie es ist, Hip-Hop mit frauenverachtenden Texten zu lieben und gleichzeitig Feministin zu sein. Sie gab damit vielen Frauen das Gefühl, mit ihrer Widersprüchlichkeit nicht allein zu sein. Im Interview im neuen Heft sagt sie aber auch: Es gibt Positionen, die nicht verhandelbar sind. Gerade deshalb müsse man lernen, Nuancen auszuhalten.
"Es scheint immer weniger Platz für das Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle"
Wie schwierig das sein kann, zeigt die Reportage «Weg vom Schuss» von Karin Wenger, die letzten Oktober in annabelle erschien und nun mit dem renommierten Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Der Text ist schwer auszuhalten. Weil er deutlich macht, dass sich Krieg nie eindeutig in Gut und Böse, in Schwarz und Weiss einteilen lässt, sondern immer schmutzig grau ist. Die Fotografien stammen von Luca Zanetti. Ich gratuliere von Herzen und bin stolz, dass annabelle einmal mehr bewiesen hat: Kritischer Journalismus und Lifestyle dürfen nebeneinander bestehen.
Für diese Ausgabe haben die beiden in Kolumbien recherchiert, wo ehemalige Farc-Kämpfer:innen jetzt Tourist:innen durch den Dschungel führen. Erneut entstand eine Reportage, die Komplexität nicht glättet, sondern packend und genau erzählt. Wir leben in einer Zeit, in der alles klar und schnell lesbar sein soll – Meinungen, Menschen, Haltungen.
Dazwischen scheint immer weniger Platz zu bleiben. Für Zweifel. Für Entwicklung. Für das Nebeneinander widersprüchlicher Gefühle. Dabei sind Widersprüche und Uneindeutigkeit keine Schwächen, sondern die Bedingung dafür, dass wir miteinander im Gespräch bleiben.