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Eine Begegnung mit dem Schweizer Starfotografen Markus Klinko

Text: Lars Jensen; Fotos: Roderick Aichinger; Portfolio: Markus + Indrani

Eine Begegnung mit dem Schweizer Starfotografen Markus Klinko
Eine Begegnung mit dem Schweizer Starfotografen Markus Klinko
Eine Begegnung mit dem Schweizer Starfotografen Markus Klinko
Eine Begegnung mit dem Schweizer Starfotografen Markus Klinko
Eine Begegnung mit dem Schweizer Starfotografen Markus Klinko
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Klinkos erstes Magazincover: Hollywoodstar Diane Kruger, als sie noch Diane Heidkrüger hiess

Seine Porträts gelten als Ikonen der Pop-Kultur, er gehört zu den bestbezahlten Fotografen überhaupt. Dabei war der Schweizer Markus Klinko einst Konzertharfenist.

Das Gramercy Park Hotel in New York an einem frühen Nachmittag im November. Markus Klinko (51), mit der hageren Figur und den eingefallenen Wangen eines Langstreckenläufers, der viel Gemüse isst, gibt sich den Umständen entsprechend gelaunt. Eine Augenentzündung macht ihm zu schaffen.

«Lassen Sie uns über was anderes reden als meine Wehwehchen», sagt er. «Zum Beispiel über unser neues Buch.» Ein Exemplar des Bildbands trägt er bei sich. «Markus + Indrani: Icons.» 224 Seiten Hochglanz-Celebrity-Porträts, die der Schweizer Markus Klinko und seine indische Partnerin Indrani Pal-Chaudhuri seit 1994 produzierten.


Eines von Klinkos Lieblingsbildern ist das schlichteste Foto im Band. Ein Selbstporträt der beiden in Schwarz-Weiss, das vor 18 Jahren entstand, als sie sich in Paris trafen. Indrani kam für ein Testshooting vorbei, weil ihre Agentur Bilder von ihrer neuen Frisur brauchte. Klinko sagt: «Zwischen uns floss eine kosmische Energie. Seit dem ersten Treffen ist sie bei mir geblieben.» Heute allerdings kann sie nicht dabei sein – Termin bei einem Kunden.

Der Michael Jackson des Harfenspiels

Klinkos Karriere als Soloharfenist war im Frühjahr 1994 abrupt zu Ende gegangen, weil eines Morgens der rechte Daumen nicht mehr mitspielen wollte. Ein Schock für ihn und für die Welt der klassischen Musik.

Kein anderer Harfenist seiner Generation besass einen Plattenvertrag bei einem grossen Label, jedes namhafte Orchester wollte Klinko für einen Auftritt gewinnen. Seine letzte Aufnahme mit dem Pariser Opéra-Bastille-Orchester für EMI Classics hatte den Grand Prix du Disque gewonnen.

Wochen später verbreitete sich die Nachricht, dass Klinkos Daumen streikte. Am ersten Tag dachte er, es handle sich um eine Ermüdung. Am dritten Tag konnte er den Daumen immer noch nicht kontrollieren. Er begab sich auf eine Odyssee, die ihn zu den besten Neurologen und Handspezialisten führte und die bis heute ohne Diagnose blieb.

«Neurologisch und physiologisch ist alles in Ordnung mit mir. Wenn ich fotografiere, kann ich den Daumen wunderbar benutzen. Sobald ich mich an eine Harfe setze, macht der Finger, was er will.»

Ein Schock für die Welt der klassischen Musik

Von einem Tag auf den anderen war aus dem Michael Jackson des Harfenspiels ein Fall für die Invalidenversicherung geworden, und niemand konnte ihm erklären, warum. Wäre er in Depressionen verfallen, hätte er den Frust mit Drogen und Alkohol kompensiert und den Rest des Lebens schlechte Laune verbreitet – man hätte es nachvollziehen können. «Ach nein», sagt Markus Klinko. «Dafür bin ich nicht der Typ.»

Und insgeheim war er wohl auch erleichtert, der Knochenmühle der klassischen Musik entkommen zu sein. «Seit meiner Kindheit übte ich täglich acht bis zehn Stunden – manchmal bis meine Finger bluteten. Da geht es nicht um kreative Arbeit: Du musst ständig dieselben Handgriffe wiederholen.» Hinzu kam der Tourneestress: Konzerte, Konzerte, Konzerte. Und immer musste jede Note sitzen.

Der Beginn eines neuen Lebens

Klinko deutete diesen mysteriösen Streik, in den sein Körper getreten war, als Zeichen. Er war erst 34 Jahre alt, doch die Natur zwang ihn, ein gesünderes, freudvolleres Leben zu führen. Wie könnte das aussehen?

In seiner Musikerkarriere war er oft für Magazine wie GQ oder «Harper’s Bazaar» fotografiert worden, und stets hatte er die Fotografen beneidet, wenn er sie bei der Arbeit beobachtete. «Die mussten nicht jeden Tag zehn Stunden üben. Ich dachte immer: So wie die Fotografen möchte ich auch leben.» Also verkaufte er seine Harfen und investierte 100 000 Dollar in eine Fotoausrüstung, eine Schaufenster-puppe und ein kleines Studio in Paris.

Per Crashkurs brachte er sich das Handwerk bei und bat ein paar Freunde in einer Agentur, ihm ein Model vorbeizuschicken. «Die Tür ging auf, und Indrani stand vor mir, und ich dachte, das muss die schönste Frau aller Zeiten sein.» Obwohl die Liebesbeziehung nach sechs Jahren endete, dauert das Arbeitsverhältnis bis heute an.

Die Realität ist nicht das Ziel

Dass Markus Klinko und Indrani Pal-Chaudhuri ihren Bildband «Icons» nennen, mag anmassend klingen, fasst aber die Arbeitsweise des Duos perfekt zusammen. Andere prägende Fotografen dieser Zeit wie Juergen Teller oder Terry Richardson demystifizieren Prominente mit einer Schnappschussästhetik, die jeden Mitesser sichtbar macht.

Klinko und Pal-Chaudhuri liefern die Antithese: Mit gewaltigem technischem Aufwand zeigen sie Schauspieler und Musiker als Wesen, die allem Weltlichen entrückt zu sein scheinen. «Unser Ziel ist es, die Stars noch glamouröser aussehen zu lassen», sagt Klinko. «Wenn wir fotografieren, wollen wir Karrieren auf ein höheres Niveau befördern. Wir versuchen nicht, die Realität abzubilden, wir stellen eine Fantasie her. Wenn ich unseren Stil benennen müsste, würde ich sagen: Hyperglamour.»

Beyoncé in Diamanten und Jeans

Kaum vorstellbar, dass ein Bewohner dieser Erde nicht irgendwann mal einem Foto der beiden begegnet ist. Zum Beispiel Beyoncé: Das Duo fotografierte die Sängerin für das Cover von «Dangerously in Love».

Beyoncé war bekannt als Teeniestar der Girlgroup Destiny’s Child und wollte endlich als eigenständige Künstlerin ernst genommen werden. Ihre Mutter hatte einen Haufen Kleider mitgebracht, die aber zu sehr nach Highschool-Schönheit auf dem roten Teppich aussahen.

Beyoncé war verzweifelt, weil sie spürte, dass dies nicht die Ästhetik war, die ihre Karriere beschleunigen würde. Also mischte sich Pal-Chaudhuri ein: Beyoncé, sagte sie, was hältst du von Jeans und einem Diadem auf nacktem Oberkörper?
Beyoncé: Gute Idee, aber ich habe keine Jeans dabei.
Klinko: Dann nimm doch meine.
Beyoncé: Okay.
Die Jeans schickte Beyoncé einige Monate später frisch gewaschen, gefaltet und sorgfältig in Papier gewickelt an Klinko zurück.

Wie gross der Anteil dieses Fotos an Beyoncés Durchbruch zum Weltstar war, kann man nicht bemessen, aber zweifellos wurde es eine Ikone der Popkultur. Beyoncé zeigte sich dankbar, indem sie die Arbeit der Fotografen bei jeder Gelegenheit lobte. So kamen Markus Klinko und Pal-Chaudhuri zu Folgejobs mit Mary J. Blige, Kanye West, den Black Eyed Peas, Jennifer Lopez, Britney Spears, Mariah Carey, Christina Aguilera, Outkast, Janet Jackson.

Die Rollen sind klar

Am Arbeitsplatz sind die Rollen klar aufgeteilt. Sie ist die Denkerin – er der Bauchmensch, der in Bruchteilen von Sekunden entscheidet; sie plant den Terminkalender, verhandelt die Konditionen, sucht Locations, entwirft Kompositionen, bearbeitet die Bilder am Computer – er kümmert sich um die Technik und das Licht und drückt auf den Auslöser; sie hat den Anspruch, die intellektuelle Seite eines Menschen sichtbar zu machen – er möchte am liebsten «alle Frauen nackt fotografieren», wie er sagt.

Pal-Chaudhuri und Klinko verstehen sich als gleichberechtigte Partner. Es kann schon mal vorkommen, dass sie mit viel Aufwand ein Shooting plant und er dann spontan was vollkommen anderes macht. «Manchmal geht es ja nur so», sagt er. «Aber umgekehrt überzeugt sie mich auch oft.»

Wie bei den Aufnahmen von Daphne Guinness auf einer Pariser Strasse im Regen. Er hasst Regen, aber Indrani hatte das beste Argument: Die Situation war romantisch. «Unsere goldene Regel lautet, der eine muss dem anderen jede Entscheidung erklären. So zwingen wir einander, nachzudenken und uns für Ideen zu öffnen.»

Der Schweizer und die indische Adlige

Klinko, geboren in Winterthur als Sohn eines Ungarn und einer Französin, mit 14 nach Paris gezogen, ausgebildet am Nationalkonservatorium, ist tief verwurzelt in der Tradition westlicher Kultur.

Pal-Chaudhuri dagegen kam in Kalkutta zur Welt und entstammt einem Clan, der über einen grossen Teil Bengalens herrschte und im Lauf der Jahrhunderte mehrere Paläste errichtete. Der, in dem Indrani aufwuchs, hat 300 Räume. In vielen hausten längst wilde Tiere, die Bäume brachen durch die Dächer.

In der Bevölkerung ist die Familie seit je angesehen für ihre Wohltätigkeit. Ihr Vater war das erste Familienmitglied, das einen Beruf lernte. In England liess er sich zum Buchhalter ausbilden. Dort traf er auch seine Frau Greta, die 1975 ihre einzige Tochter bekam – Indrani. Von Kalkutta zog die Familie nach London und schliesslich nach Toronto. Mit 14 begann Indrani zu modeln, mit 18 gründete sie in ihrem Heimatort eine Schule für obdach- und elternlose Kinder, die sie mit ihren Modelhonoraren finanzierte.

Als Teenager verbrachte sie viele Monate in Ashrams, um herauszufinden, welchen Weg sie im Leben einschlagen sollte – und entschied sich dafür, alles gleichzeitig zu machen. Ihre Schule in Indien betrieb sie weiterhin mit der Hilfe ihres Vaters. In Princeton schrieb sie sich für ein Studium der Anthropologie ein (das sie später magna cum laude abschloss), und für ihre Modelkarriere zog sie nach Paris.

Die Revolution der hyperrealen Ästhetik

Einer von Pal-Chaudhuris und Klinkos ersten gemeinsamen Terminen führte sie im Herbst 1994 zur Bildbearbeitungsfirma Media Cryptage. Die beiden hatten sich in den Kopf gesetzt, mit digitalem Retouching eine hyperreale Ästhetik für ihre Bilder zu kreieren.

Was heute wie eine Selbstverständlichkeit klingt, war damals eine technische Revolution und mit grossem Aufwand verbunden. Abzüge mussten eingescannt und formatiert werden. «Wenn wir das heute einem Praktikanten erzählen, weiss der nicht, wovon wir reden», sagt Markus Klinko.

Zwischen 1995 und 2000 schoss er mit seiner Partnerin vor allem Magazingeschichten und unspektakuläre Werbungen. Isabelle Blow vom «Sunday Times Magazine» in London sowie David Bowie und seine Frau Iman in New York entdeckten fast gleichzeitig die Arbeit von Markus und Indrani. Blow heuerte sie für Modeproduktionen an und gab ihnen ersten Magazincovers. Model Iman liess sich für den Umschlag ihres biografischen Bildbands «I Am Iman» fotografieren.

Klinkos Förderer: David Bowie liess sich für sein Album «Heathen» porträtieren

«Wir konnten es nicht glauben», sagt Klinko. «Sie hätte auch einen Bruce Weber oder David La Chapelle haben können, aber sie wählte uns.» Zwei Jahre später, die beiden waren nach New York übersiedelt, gehörten sie zu den bestverdienenden Fotografen der Welt, fotografierten Eva Mendes, Laetitia Casta oder Dita von Teese für L’Oréal, Pepsi, Nike, Puma.

Immer nutzten sie ihren Ruf für wohltätige Kampagnen. Darauf ist Klinko besonders stolz: Eine Serie für «Keep a Child Alive», die Prominente in Särgen zeigt und zwei goldene Löwen in Cannes gewann. «Wir generierten in einer Woche mehrere Millionen Dollar für aidskranke Kinder in Indien», sagt er.

«Double Exposure»

Als 2008 der US-Fernsehsender Bravo anfragte, ob Markus Klinko und Indrani Pal-Chaudhuri die Stars ihrer eigenen Realityshow werden wollten, machten die beiden einen Fehler. Sie sagten zu. «Wir waren naiv», sagt Klinko. «Wir dachten, die Sendung würde vom kreativen Prozess handeln. Aber die Produzenten schnitten das Material so zusammen, dass nur Krawall, Geschrei und billiges Drama zu sehen war.»

Die Show mit dem Titel «Double Exposure» lief in hundert Ländern, und die Produzenten hatten Klinko die Rolle des egomanen Schurken zugeteilt. In der Show wirkt es, als habe er Lady Gaga am Set angeschrien und hinter Naomi Campbells Rücken Witze über sie gemacht. «Um alle Klischees zu bedienen, wurden Szenen von verschiedenen Shootings zusammengeschnitten, die nichts miteinander zu tun hatten.»

Andererseits: Die Show machte die Fotografen so bekannt, dass bereits 250 000 Vorbestellungen für «Icons» eingegangen sind. Mit dem Buch ziehen Klinko und Pal-Chaudhuri ein Résumé der ersten knapp zwei Jahrzehnte ihrer Karriere.

Nun geht es weiter

Im Januar ziehen die beiden von New York nach Los Angeles, weil sie Filme drehen möchte und er eine Freundin in Kalifornien hat. «Ausserdem sind die Ärzte und das Wetter besser», sagt Klinko. Ob er sich eine dritte Karriere vorstellen könnte, sagen wir als Rennfahrer? Er schüttelt den Kopf. «Ich bleibe bis zum Ende meines Lebens mit ganzem Herzen Fotograf.»

Markus + Indrani: Icons. 224 Seiten, 39.90 Franken bei Books.ch
www.markusklinko-indrani.com
 

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