Kathrin Fischer über den Achtsamkeits-Hype: «Nur Zitronenwasser trinken reicht nicht»
Achtsamkeit gilt als Antwort auf Stress, Überforderung und Krisen. Doch was, wenn sie selbst Teil des Problems ist? Die deutsche Journalistin und Podcasterin Kathrin Fischer argumentiert in ihrem Buch "Achtsam geht die Welt zugrunde", dass die ständige Arbeit am Selbst gesellschaftlichen Wandel verhindert.
- Von: Kristina Reiss
- Bild: Death to Stock
annabelle: Frau Fischer, was haben Sie gegen Achtsamkeit?
Kathrin Fischer: Alles fing mit einem Wutanfall an. Mir ging es aus privaten und beruflichen Gründen nicht gut. Eine Freundin hatte mir deshalb eine «Fünf-Minuten-Meditation» geschickt, die ich morgens um 7 Uhr beim ersten Griff zum Handy öffnete. Daraufhin erklang eine sonore Männerstimme, die mir sagte, alles werde gut, wenn ich mir regelmässig mehr Selbstliebe schenke. Da bin ich regelrecht explodiert.
"Corona, die Klimakrise und Trump – alles Dinge, die mit mehr Selbstliebe nicht einfach verschwinden"
Weshalb?
Ich war gerade mit meinem späteren Mann zusammengezogen, wir stritten uns ständig darüber, wie die Tassen anzuordnen seien, mein pubertierender Sohn hatte das Partyleben für sich entdeckt und ich war unzufrieden im Job. Hinzu kamen Corona, die Klimakrise und Trump – alles Dinge, die mit mehr Selbstliebe nicht einfach verschwinden. Der Zorn hat mich dann aber mit Energie versorgt: Ich wollte genauer wissen, wie das mit der Achtsamkeit ist, und habe mich eingelesen.
"Achtsamkeitstechniken ändern rein gar nichts an strukturellen Problemen. So etwas kann nicht individuell gelöst werden"
Ist Achtsamkeit nicht vielleicht einfach ein notwendiges Gegengewicht – in unserer schnelllebigen Zeit mit all ihren Polykrisen?
Das ist es, auf jeden Fall. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Ich habe nichts dagegen, wenn ich mein stressiges Leben durch Qi Gong oder Yoga verbessern kann. Das finde ich sogar sehr gut, ich mache selbst seit vielen Jahren Qi Gong. Schwierig wird es jedoch, wenn diese Haltung eine gute Renten- oder Wohnungspolitik ersetzen soll. Nach dem Motto: Alle Probleme entstehen in deinem subjektiven Innenraum und können auch nur dort gelöst werden. Habe ich aber Schlafprobleme, weil die Miete steigt, helfen Achtsamkeitstechniken nur kurzfristig – denn sie ändern rein gar nichts an strukturellen Problemen. So etwas kann nicht individuell gelöst werden.
"All you need is inside you? Nein, ist es nicht!"
Sie kritisieren also, dass aus einer begrenzten Tätigkeit auf der Matte ein ganzes Weltbild wurde?
Ja, ich bezeichne das als eine Ideologie der Achtsamkeit. Damit meine ich die Haltung, dass alle Probleme im Inneren entstehen und dort auch gelöst werden müssen. Krankenkassen in Deutschland bezahlen zum Beispiel immer weniger Zahnersatz, aber dafür Achtsamkeits-Apps. In einem Yogastudio sah ich mal einen Flyer, auf dem stand: «All you need is inside you.» Nein, ist es nicht! Wer ins Yogastudio kommt, benutzt Infrastruktur – Strassen, Fahrräder, öffentliche Verkehrsmittel. Im Studio selbst arbeiten Lehrer, die zertifiziert sind und eine Ausbildung gemacht haben. «All you need is inside you» ist für mich deshalb eine Anmassung. Vor lauter Innenschau vergessen wir die politische Gestaltung und die Verantwortung, die wir für uns selbst übernehmen müssen. Das sieht man auch sehr gut an Müttern.
Wie meinen Sie das?
Jede Frau, die ihr erstes Kind bekommt, wird auch in der Schweiz in die 1950er-Jahre zurückkatapultiert. Selbst wenn sie noch so viel meditiert oder Zitronenwasser trinkt – all dies ändert nichts daran, dass Väter lediglich Anspruch auf zwei Wochen Vaterschaftsurlaub haben, dass Unternehmen sich immer noch mit Führung im Tandem schwertun, dass Frauen mit der Geburt des ersten Kindes einen grossen Teil ihres Einkommens verlieren. Wütend machen mich sogenannte Mama-Coachings, die versuchen, das Nervenkostüm dieser Frauen zu stabilisieren und dabei die tatsächlichen Einflussfaktoren völlig ausblenden. Am Ende suchen die Frauen die Ursache bei sich selbst («Was stimmt nicht mit mir? Habe ich nicht genug meditiert? Die anderen scheinen es ja auch zu schaffen?») – dabei sind es nicht die individuellen Voraussetzungen, sondern die gesellschaftlichen Strukturen, die versagen.
Ich verstehe Ihre Wut. Lustigerweise hat es mir erst heute Morgen mal wieder so ein Zitat in den Feed gespült: «Unser Alltag ist ihre Kindheit». Ein Spruch, der mich schon immer sauer macht und bei dem ich froh bin, dass meine Kinder bereits im Teenageralter sind und ich nicht das Gefühl haben muss, ihnen jeden Tag eine besondere Aktion bieten zu müssen.
Genau solche Sachen meine ich. Am Ende haben Mütter wieder ein schlechtes Gewissen. Aber dass der Alltag für Frauen so gestaltet wird, dass sie die Kindheit ihrer Kinder gut begleiten können – das steht nicht im Fokus.
"Wenn Achtsamkeit vorgibt, die Welt retten zu können, überschreitet sie ihre Grenzen"
Geht diese von Ihnen diagnostizierte Ideologie der Achtsamkeit nicht auch eng einher mit toxischer Positivität? Also dem Zwang, in jeder Lebenslage optimistisch zu sein und negative Emotionen wie Trauer, Wut oder Angst zu unterdrücken. Was sich in Floskeln wie «Alles geschieht aus einem Grund» ausdrückt oder: «Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus».
Ja, ich würde sagen, die Ideologie der Achtsamkeit und toxische Positivität sind Geschwister. Beides kam in den 1990er-Jahren auf – sozusagen im Schlepptau der Positiven Psychologie, die der amerikanische Psychologe Martin Seligman begründete. Diese fokussiert sich auf Stärken und Wohlbefinden. Gleichzeitig überbetont sie die individuelle Verantwortung. Daraus entstand zunehmend das Narrativ: «Es liegt nur an dir, ob du happy bist.» Gesellschaftliche Probleme geraten dabei leicht aus dem Blick oder werden zu persönlichen Herausforderungen umgedeutet, die sich mit der richtigen Einstellung lösen lassen.
Wie kommen wir da wieder raus?
Ein erster wichtiger Schritt wäre, die Ideologie der Achtsamkeit zu erkennen. Wenn Mütter also verstehen, dass es nicht ihre Schuld ist, dass sie so erschöpft sind, sondern es an den Strukturen liegt, ist schon viel gewonnen. Dies zu erkennen ist aber wahnsinnig schwer, das merke ich an mir selbst.
Wie meinen Sie das?
Selbst ich, die ich mich seit vier Jahren intensiv mit diesem Thema beschäftige, bin immer wieder überrascht, dass ich völlig unrealistische Vorstellungen davon habe, wie gelassen ich durchs Leben gehen müsste. Starte ich den Computer und ein Artikel mit dem Titel «Fünf Handlungen, an denen Sie gelassene Menschen erkennen» poppt auf, klicke ich das immer noch an. Gestern habe ich mit einer Freundin telefoniert, die sich vor sieben Wochen von ihrem langjährigen Partner getrennt hat. Sie erzählte: «Ich bin immer noch so gelähmt – dabei müsste ich doch endlich mal ins Handeln kommen, oder?» Nein, müsste sie nicht! Was sind das für Vorstellungen? Stirbt der Partner, darf man zwei Wochen traurig sein, danach hält die Gesellschaft einen für depressiv. Wir müssen weniger von uns erwarten, wie gelassen, resilient und positiv wir immer sein sollen. Dies zu durchschauen ist jedoch wirklich schwer.
Es gilt also, Achtsamkeit auf der Ebene des Privaten zu lassen und zu erkennen, wo sie als Ideologie eingesetzt wird?
Genau. Achtsamkeit ist eine private Praxis. Im Privaten hat sie ihren Platz. Doch wenn sie vorgibt, die Welt retten zu können, überschreitet sie ihre Grenzen und hält uns vom politischen Handeln ab, davon, Verantwortung zu übernehmen. Das dürfen wir nicht länger hinnehmen. Zu viel steht auf dem Spiel.
Kathrin Fischers Buch «Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert» ist jetzt im Handel erhältlich
Kathrin Fischers Podcast: Erschöpfung statt Gelassenheit – Warum Achtsamkeit die falsche Antwort auf ziemlich jede Frage ist