Dadfluencer Sebastian Tigges: "Ich nehme mir Mütter zum Vorbild!"
Sebastian Tigges gilt als Vorzeigevater einer neuen Generation: präsent, reflektiert, emotional. Hunderttausende folgen ihm, Unternehmen buchen ihn, sein neues Buch verkauft sich gut. Und trotzdem löst der Dadfluencer bei vielen Frauen ein irritiertes Augenrollen aus. Warum?
- Von: Samantha Taylor
- Bild: Manuel Schuller
Sebastian Tigges ist vermutlich der bekannteste Millennial-Vater Deutschlands. Der 41-Jährige lebt mit seinen Kindern (4 und 6) in Berlin. Die Vaterschaft ist sein Kapital. Tigges ist Dadfluencer der ersten Stunde. Über 161'000 Menschen folgen ihm auf Instagram, sein Content erreicht teilweise ein Millionen-Publikum.
Sein Videoformat «Walking Dad», in dem er mit Kinderwagen durch Berlin spaziert und von seinen Herausforderungen als Vater erzählt, startete er vor rund drei Jahren. Es traf einen Nerv. Genauso wie der Podcast «Drei ist eine Party» (Start 2022), später «Family Feelings», in dem Tigges und seine Partnerin Marie Nasemann über das Familienleben sprachen.
Den Podcast gibt es nicht mehr, das Paar trennte sich vor etwas mehr als einem Jahr. Durch Berlin spaziert Sebastian Tigges immer noch. Er spricht über die Trennung, die Herausforderungen des Co-Partenting, Einsamkeit und Selbstzweifel. Daneben unterhält er sich in «Tigges trifft» mit prominenten Gästen über Wendepunkte ihres Lebens, vor kurzem erschien ausserdem sein Buch «Becoming Dad – Was ich gern früher übers Vatersein gewusst hätte».
Er landet nicht nur Werbedeals, Kooperationen und ebendiesen Buchvertrag, sondern ist auch zu einer Art Ikone der neuen Männlichkeit geworden: ein engagierter Vater, gefühlvoll, verletzlich und gleichzeitig erfolgreich. Ein Mann, der nicht nur weiss, was Mental Load ist, sondern ihn auch trägt und sich kümmert.
So zumindest das Bild, das er präsentiert. Aber der Mann mit der markanten Hornbrille und den Loafers löst auch ambivalente Gefühle aus. Nicht nur in konservativen Kreisen oder bei Menschen, die neue Rollenbilder per se ablehnen. Tigges lässt auch manchmal jene mit den Augen rollen, die sich für dieselben Werte einsetzen, die er repräsentiert. Aber warum eigentlich?
annabelle: Ursprünglich wollte ich mit Ihnen über Ihr Buch reden. Aber dann sprach ich mit einigen Frauen in meinem Umfeld über Sie. Der Tenor: «Eigentlich toll, was er macht, aber er nervt auch.» Können Sie das nachvollziehen?
Sebastian Tigges: (lacht) Das kann ich gut nachvollziehen. Wenn ein Vater über Dinge spricht, die Mütter einfach erledigen – ohne grosses Aufheben –, und er dafür noch Beifall bekommt, dann nervt das schon.
In den Diskussionen fiel immer wieder das Wort performativ. Also der Vorwurf, dass Sie Haltung und Engagement vor allem zeigen, um gut dazustehen. Unfair oder gerechtfertigt?
Der Vorwurf des Performativen kommt immer schnell – und nicht zu Unrecht –, wenn sich Männer mit Themen wie Care-Arbeit, Vaterschaft oder Ähnlichem beschäftigen. Vermutlich würde ich meine Inhalte auf den ersten Blick auch so beurteilen. Ich kann die Kritik also nachvollziehen. Ich habe sicher auch mal Videos auf Instagram veröffentlicht, weil ich wusste, dass sie gut ankommen. Davon ist wohl kein Content Creator befreit.
"Ich hatte nie die Absicht, mit meinem Content eine Marktlücke zu bedienen"
Die Frage bleibt: Wollen Sie Likes und Aufmerksamkeit, weil Sie die Anerkennung geniessen oder weil Sie Eltern helfen und zu Veränderungen beitragen möchten?
In den ersten Jahren habe ich einfach darüber gesprochen, was mir als Vater im Alltag so begegnet und mich beschäftigt. Dass ich das über Instagram nach aussen tragen und andere Menschen erreichen konnte, hat mich glücklich gemacht. Es war schön, dass Leute mir zuhören und ihnen mein Content gefällt. Hätte niemand meine Inhalte geschaut, hätte ich wohl nicht in dieser Form oder Intensität weitergemacht. Das gebe ich zu. Ich hatte aber nie die Absicht, mit meinem Content eine Marktlücke zu bedienen.
Und doch ist Ihr Leben ein Geschäftsmodell. Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen, dabei?
Es war nie meine Intention, ein Geschäft zu machen. Ich wollte teilen, was mich beschäftigt und dann hat sich daraus etwas entwickelt. Als Content Creator ist es zudem schwierig, zwischen Privat und Geschäft zu trennen. Ich habe in den letzten Jahren aber einiges gelernt. Inzwischen überlege ich mir sehr genau, was ich teile und was nicht.
Trifft Sie diese Art von Kritik eigentlich?
Nicht mehr so wie früher. Ich verstehe sie, reflektiere und nehme sie ernst. Gleichzeitig will ich mich nicht aufhalten lassen. Ich finde es wichtig, dass mehr Männer und Väter über diese Themen sprechen.
Als Frau ist es schwer auszuhalten, wie viel Applaus Männer wie Sie für Dinge bekommen, die für die meisten von uns selbstverständlich sind. Und dass sie damit sogar Geld verdienen. Es fühlt sich ungerecht an.
Ja klar, fair ist es auf gar keinen Fall. Aber ich finde nachvollziehbar, dass es so ist. Vor allem wenn wir nicht von Applaus, sondern von Aufmerksamkeit sprechen.
"Für 'Gewohntes' gibt es eben keine Aufmerksamkeit"
Wie meinen Sie das?
Mein Content hat viel Aufmerksamkeit bekommen, weil er neu war. Es gab fast keine Männer, die öffentlich über ihre Vaterschaft und die Herausforderungen sprachen. Dass ein gesellschaftlich erwünschtes Verhalten – dass Väter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und in der Familie mehr Verantwortung übernehmen – Beachtung findet und applaudiert wird, ist ja auch wünschenswert. Das hilft, damit sich Dinge verändern. Natürlich müssten auch Mütter diesen Applaus bekommen. Der bleibt aber aus, weil die Gesellschaft Frauen diese Arbeit und Eigenschaften zuschreibt. Für «Gewohntes» gibt es eben keine Aufmerksamkeit.
Bekommen Sie den Applaus und die Aufmerksamkeit von Ihrer Zielgruppe?
Die Frage ist: Wer ist meine Zielgruppe?
Väter, hätte ich gesagt.
Das kann man so sehen, da ich Vater-Content mache. Für mich ist meine Zielgruppe eher Eltern insgesamt.
"Es sind hauptsächlich Frauen und Mütter, die meinen Content verfolgen"
Das heisst, Sie erreichen eher die Mütter?
Es sind tatsächlich hauptsächlich Frauen und Mütter, die auf Instagram meinen Content verfolgen. Die Zahl der Väter wächst aber. Mir ist es nicht so wichtig, wen von beiden Eltern ich erreiche. Wichtig ist mir, dass mein Content hilft, Gespräche zwischen Eltern anzustossen.
Gibt es für Sie andere Väter, an denen Sie sich orientieren?
In gewissen Bereichen orientiere ich mich an meinem Vater, ansonsten habe ich aber keine Vater-Vorbilder. Ich finde, man muss sich als Mann nicht unbedingt einen anderen Mann zum Vorbild nehmen.
Sondern?
Eine Mutter. Wenn es darum geht, wie viel Zeit man mit Kindern verbringt, wie intensiv die Bindung ist oder wie viel Energie man in eine Familie steckt, kann man sich auch als Vater sehr wohl an Frauen orientieren. Am Ende ist es simpel: Es geht darum, Nähe zu leben und Verantwortung zu übernehmen, egal ob als Vater oder Mutter.
Das klingt schlüssig, blendet aber die Tatsache aus, dass wir eingebettet sind in Strukturen, die für Frauen und Männer unterschiedlich wirken.
Das stimmt. Darum müssen wir versuchen, diese Strukturen zu überwinden. Sie halten uns wie ein Korsett gefangen in gewissen Rollen. Viele wollen dieses Korsett nicht tragen, das zeigen Umfragen. Väter möchten beispielsweise mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, schaffen es aber nicht, weil es strukturelle Zwänge gibt. Manche können diese überwinden, für viele ist es kaum möglich, auch aus finanziellen Gründen. Die Politik macht es Vätern nicht leicht, eine aktive Vaterschaft zu leben.
"Familien zerreiben sich an der Diskrepanz zwischen ihrem Wunsch einer gleichberechtigten Elternschaft und der Wirklichkeit, deren Strukturen das kaum zulassen"
Inwiefern?
Gesellschaftlicher Wandel funktioniert aus meiner Sicht so: Die Gesellschaft strebt ein Ziel an und entwickelt sich in diese Richtung. Die Politik zieht möglichst zeitnah nach und unterstützt diesen Wandel mit Gesetzen und Rahmenbedingungen. Bei familienpolitischen Themen passiert das nicht, da sind wir politisch Jahrzehnte zurück. Weil die Themen keine Priorität haben. So zerreiben sich heute Familien an der Diskrepanz zwischen ihrem Wunsch einer gleichberechtigten Elternschaft und der Wirklichkeit, deren Strukturen das kaum zulassen.
Hat Ihnen die ständige Reflexion übers Vatersein gutgetan?
Teils, teils. Ich finde es wichtig, gerade für Väter, ein ordentliches Mass mehr zu reflektieren. Aber man kann es auch übertreiben. Das habe ich teilweise getan. Mein Content speist sich aus Erziehung und Elternschaft, das verleitet dazu, Dinge dauernd theoretisch durchzudenken. Klassisches Overthinking. Inzwischen weiss ich, man muss auch manches loslassen und zulassen. Das sagt sich leicht, ist es aber nicht.
Sie haben vor kurzem in der «Süddeutschen Zeitung» gesagt, Sie seien «auserzählt». Was heisst das?
Ich bin seit sechs Jahren Vater und mache seit mehr als drei Jahren Content dazu. Ich spüre, dass es Zeit ist für einen Shift. Mein Leben verändert sich. Meine Kinder werden älter. Ich möchte einerseits nicht mehr so öffentlich über sie sprechen, weil ich ihre Privatsphäre schützen will. Andererseits gibt es in meinem Leben auch wieder Platz für andere Themen.
Weil die Intensität des Elternseins nachlässt?
Ja, genau. Ich habe mich intensiv mit diesen Themen befasst, weil auch mein Leben davon so eingenommen war. Aber jetzt findet eine Veränderung statt. Ein banales Beispiel: Ich habe wieder Zeit, Bücher oder Zeitungen zu lesen. Mich beschäftigen andere Inhalte. Es wäre gekünstelt, würde ich weiterhin auf die Strasse gehen und über Vaterschaftsthemen sprechen. Darum wird sich mein Content verändern. In welche Richtung es geht, weiss ich noch nicht.
Vater werden Sie bleiben, öffentlich oder nicht. Was für ein Vater wollen Sie sein?
Ein authentischer. Ich will meinen Kindern zeigen, dass ich ein echter Mensch mit allen möglichen Gefühlen bin. Ein Vater, der nicht versucht perfekt zu sein, und der nicht irgendeine Rolle spielt. Das gelingt mir immer besser. Was mir Angst macht, ist die Pubertät. Die Vorstellung, dass sich meine Kinder von mir abwenden, finde ich schlimm. Obwohl ich weiss, es gehört dazu. Wenn ich es schaffe, dass meine Kinder, wenn sie 20 sind, gerne ihren Vater anrufen oder besuchen, würde mich das wirklich richtig glücklich machen.
«Becoming Dad – Was ich gerne früher übers Vatersein gewusst hätte» ist Ende April im Piper Verlag erschienen. Fragt man Sebastian Tigges, warum er auch noch ein Buch zum Thema geschrieben hat, antwortet er: «Weil ich so etwas eben nicht gelesen habe, bevor ich Vater wurde.» Er weiss, das klingt nach Werbespruch, versichert aber: «So war es tatsächlich. Ich wollte ein persönliches Buch schreiben, das zeigt, wo ich auf die Schnauze gefallen bin, das helfen kann, Dinge anders zu machen und das vor allem dazu beiträgt, über die eigene Rolle als Eltern nachzudenken und Gespräche zu führen.» Die Antwort sitzt und ist ganz Tigges. Aber irgendwie glaubt man ihm dennoch.
«Becoming Dad – Was ich gerne früher übers Vatersein gewusst hätte» von Sebastian Tigges ist jetzt im Handel erhältlich