Schweizer Macherinnen

Königin der Nacht

Text: Tara Hill; Foto: Christopher Kuhn

Schweizer Macherin Isabelle von Walterskirchen
  • Aufgewachsen in der wilden Moskauer Underground-Kultur: Isabelle «ds Isi» von Walterskirchen.

So macht man sein Hobby zum Beruf: Isabelle von Walterskirchen ist Clubkultur-Chefin der Roten Fabrik in Zürich – und eine der originellsten Figuren der nationalen Partyszene.

Marie-Isabelle Erika von Walterskirchen, welch klingende Wucht! Und doch kennen sie nur wenige unter diesem Namen, der die blaue Blutlinie österreichisch-ungarischer Abstammung verrät. Von Walterskirchen ist nämlich nur unter ihrem Kosenamen bekannt: ds Isi, so nennt man die schöne Bernerin.

Ob ds Isi nun mit einem Tablett blaugrüner Shots durch den Zürcher Underground-Club Cabaret geschwebt kommt oder am DJ-Pult alte Funk-Platten und avantgardistische Drones-Klänge für das angesagte australische Label Lullabies for Insomniacs mixt – sie ist immer unvergleichlich, immer unverkennbar, immer hundert Prozent ds Isi.

Ein Psychiater attestierte ihr einmal einen «hyperautonomen Charakter». Damit hatte er es ganz gut getroffen. Ihre Lust am Grenzgängerischen ist uferlos. So lässt die Partyguerillera immer wieder ihr Höschen aufblitzen. Natürlich nicht plump exhibitionistisch, sondern als Teil eines Kunstprojekts, einer Selfie- Manie-Parodie namens #placesivisit: «Mein WC-Tagebuch auf Instagram». Manche fänden das pervers. «Aber selbst mein sehr skeptisches Mami ist langsam überzeugt, dass das Projekt Gesellschaftskritik bedeutet. Vielleicht sogar Kunst.»

Im April hat Isabelle von Walterskirchen eine Traumstelle angetreten: Sie koordiniert die Clubkultur in der Roten Fabrik in Zürich. Von Walterskirchen hatte den Job selbst konzipiert. Denn wer wäre an dieser Schaltstelle der alternativen Partyszene besser aufgehoben als eine Freistil-Frau wie sie? «Ich mag Parties, klar. Gern auch mit Stil», sagt sie. «Aber das alles macht für mich nur Sinn, wenn sich die Clubkultur an ihre idealistischen Wurzeln erinnert. Wenn sie für eine pluralistische, eine offene Gemeinschaft einsteht. Wenn im Kollektiv Werte entwickelt werden.» Wichtig ist ihr die neue Stelle vor allem, weil sie hier an einer idealen Form des Nachtlebens bauen will. Einer Clubkultur, die nicht exklusiv, sondern niederschwellig ist. Die im Kollektiv entsteht und Experimente eingeht.

Als Tochter einer Schweizer Diplomatenfamilie entdeckte Isi schon früh ihren Sinn für versteckten Freiraum. Die Eltern wurden hinter den Eisernen Vorhang berufen, Klein-Isi kam mit in den aufregenden Moloch Moskau. Hier erlebte sie nicht nur den Zusammenbruch der herrschenden Ordnung, sondern auch die aufstrebende Gegenkultur der Perestroika.

Isi, ein kleiner Tomboy, wild und unangepasst, entdeckte in den bewegten Zeiten nichts als: Potenzial. Schöpferische Freiheit, wilde Untergrundgänge, die zu geheimen Meetings und Parties der Konterrevolutionäre führten. «Es gab Abstellgleise mit Falltüren, durch die wir in geheime Tunnels hineinkletterten und irgendwo in einer Wohnung mit tanzenden Menschen und verrückter Moskauer Pop Art wieder herauskamen», erinnert sie sich.

Inspiriert von diesen Erlebnissen lancierte sie in der Schweiz ihre erste eigene Partyreihe Deconstruction Club. Da war sie 23. Die Flyer wurden in Handarbeit per Siebdruck gefertigt, die Partygäste von Schauspielern durch die Nacht geleitet. Das Konzept verriet eine Nähe zu postmodernen Theoretikern wie Derrida, aber auch eine Leidenschaft für das Spielerische, das Versuchslabor.

Parallel dazu studierte von Walterskirchen Jus. Oft war sie allerdings nicht in Vorlesungen anzutreffen. Genauer gesagt so selten, dass ihr Professor sie an der Masterprüfung fragte: «Ach so, und wer sind Sie eigentlich? Ich habe Sie ja noch gar nie gesehen!»

Später hat von Walterskirchen einen Master in Kulturmanagement angehängt, inzwischen ist sie die Anwältin des Schweizer Nachtlebens geworden. Zehn Jahre lang leitete sie Petzi, den Dachverband der unabhängigen, nicht gewinnorientierten Schweizer Musikclubs und Festivals. Den Seiltanz zwischen Kulturpolitik, Kunstwelt und Nachtleben meistert sie dank ihres riesigen Herzens auf dem rechten Fleck, eines bodenlosen Koffers an guten Ideen und des bezaubernden Flairs einer verrückten Teeparty-Gastgeberin.

So wild und unangepasst Klein-Isi war, so entspannt und selbstbewusst ist Isabelle heute, mit vierzig Jahren. An ihrer Seite steht seit bald zwanzig Jahren ihr Lebenspartner, der Musikjournalist Bjørn Schaeffner. Das Leben geniessen – das sei ihr wichtig, betont sie beim Interview in ihrer stilvollen Wohnung in Zürich-Friesenberg, unweit des Goldbrunnenplatzes, zwischen Kunstbänden und Psychedelicplatten, jahrhundertealten Tarotkarten und Jugendstilfresken, wo sie sich statt aufs Sofa auf ein Kuhfell am Boden legt, um den Interviewtermin in eine Mini-Yoga-Stunde zu verwandeln. Denn nachdem man sie vor einigen Jahren wegen drohender Krebsgefahr zur Entfernung der Gebärmutter drängen wollte, hat sich von Walterskirchen ganz der gesunden Balance zwischen Verausgabung und Entspannung verschrieben. «Ich war mir sicher, dass es ohne Medikamente geht, ohne Operation. Mit der richtigen Lebensweise, mit der richtigen Einstellung.» Sie sollte recht behalten.

«Mit vierzig bin ich endlich dort angekommen, wo ich hin will», sagt die neue Clubkultur-Chefin der Roten Fabrik. 93 Prozent ihrer Arbeit fänden nicht im Licht der Strobos statt. So hatte sie in den letzten Jahren auch eine lange Liste von Ehrenämtern: Sie war die Präsidentin des Zürcher Nachtstadtrats, externe Gastprogramm-Kuratorin von «Les Belles de Nuit», dem grössten Schweizer Festival für Frauen in der elektronischen Musik, Co-Präsidentin von Live DMA, der EU-Initiative für Livemusik in Brüssel.

Ob Türsteher oder Tönler, Garderobiere oder Grafikerin, Headliner oder Underground-Heldin von morgen: Isi kennt sie alle, jenseits von Rang und Namen, CV und Status, und fällt am Ende eines geglückten Abends noch immer jedem gleichermassen herzlich um den Hals. Ihr Enthusiasmus: schier unerschöpflich; die Authentizität: über alle Zweifel erhaben, und dazu dieses riesige Reservoir an Restenergie, das sich in Spitzenzeiten zu astreiner Euphorie verstärkt – diese Verve macht sie im unterkühlten, abgeklärten Zürcher Nachtleben einfach unersetzlich.

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Wir feiern Schweizer Macherinnen! Zum 80. Geburtstag von annabelle 2018 stellten wir in der Jubiläumsausgabe achtzig herausragende Frauen vor. Nun geht die Serie weiter, denn es gibt noch so viele Schweizerinnen, die uns inspirieren und begeistern.

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