Wie ist es eigentlich

Wenn das Putzpersonal Kunst entsorgt

Aufgezeichnet von Stephanie Hess 

Wenn das Putzpersonal Kunst entsorgt

Die Künstlerin Carol May (42) ist eine Perfektionistin. Ihr Werk «Unhappy Meal» war so täuschend echt, dass es im Mülleimer landete. 

Eine rote Kartonbox mit einem gelben Lätsch – das ist mein Werk «Unhappy Meal». Sie verkehrt das Happy Meal, das Kindermenü von McDonald’s, ins Gegenteil. Ein ironisches Statement auf die Konsumgesellschaft, das aber nicht zwingend auf den ersten Blick erkennbar ist, weil die Box dem Original so stark ähnelt. Dieses Spiel mit der Täuschung, mit der Irreführung ist Teil meiner Kunst. Kann sein, dass es mir in diesem speziellen Fall etwas zu gut gelungen ist.

Die Idee verfolgte mich schon länger. Für die Herstellung habe ich dann viel recherchiert, mit dem Material experimentierte ich für etwa eineinhalb Monate. Als Vorlage ersteigerte ich alte Happy-Meal-Schachteln im Internet – ja tatsächlich, das gibt es! Als ehemalige Theaterplastikerin am Opernhaus Zürich bin ich ziemlich perfektionistisch; wenn man täuschen will, darf kein Detail irritieren. Ich lehnte meine Box letztendlich dem Original aus den 1970er-Jahren an, pröbelte mit verschiedenen Kartons, liess ein Schnittmuster auslasern und die Box bedrucken.

Diesen Frühling stellte ich das «Unhappy Meal» dann erstmals aus, an der Harbour Art Fair, der Kunstmesse in Hongkong. Ich war selber nicht anwesend, sondern meine Kollegen des internationalen Künstlerkollektivs A-space, dem ich angehöre. Ich hatte das Schachteli flach gefaltet nach China geschickt, zusammen mit einer detaillierten Anleitung, wie es zusammengeklebt werden muss. Das hat gut geklappt, der Künstler, der unseren Stand betreute, schickte mir ein Bild davon, wie es da rot leuchtend inmitten der anderen Werke stand.

Am Freitag startete die Messe. Solche Anlässe sind ziemlich aufregend, schliesslich bieten sie einer noch nicht renommierten Künstlerin wie mir die Möglichkeit, Werke zu verkaufen und mit Sammlern in Kontakt zu kommen. Ich fragte also am Samstag mal nach, wie es so läuft. Da schilderte mir mein zerknirschter Kollege, was er eben entdeckt hatte: Das «Unhappy Meal» war verschwunden. Vom Putzpersonal entsorgt. Sie dachten, es sei eine echte Happy-Meal-Box, die jemand nach dem Verzehr des Inhalts stehen gelassen hatte.

Heute muss ich lachen, wenn ich darüber rede. Doch anfangs war ich ziemlich durch den Wind. Nicht, weil es an meinem künstlerischen Selbstverständnis gekratzt hätte, dass mein Werk als Abfall betrachtet wurde. Auch nicht, weil ich eines Unikats beraubt worden wäre – ich habe eine Edition von dreissig Stück des «Unhappy Meal» zuhause. Nein, mein Problem war eher, dass ich Geld in Herstellung, Transport und Messestand investiert hatte, und eines der Werke, das mir einen Teil davon wieder hätte einbringen sollen, nun futsch war.

Inzwischen ehrt es mich auch, dass ich mit einem vom Reinigungspersonal entsorgten Werk unter grossen Namen eingereiht werde. Meine Geschichte wurde unter diesem Aspekt auf Kunst-Onlineplattformen auf der ganzen Welt erzählt.

Da ist beispielsweise der Deutsche Joseph Beuys, einer der wichtigsten Künstler des letzten Jahrhunderts, dessen Werke gleich mehrmals aus Versehen entsorgt worden sind. Seine mit Heftpflaster und Mullbinden versehene Badewanne wurde einst an einem geselligen Abend eines SPD-Ortsvereins gereinigt und der Inhalt zum Gläserspülen verwendet. Jahre später putzte ein Hauswart sein Werk «Fettecke» weg. Auch eine Installation des britischen Künstlers Damien Hirst aus überquellenden Aschenbechern und leeren Flaschen wurde von einer übereifrigen Reinigungskraft zusammengewischt und entsorgt.

Mein Kollege hat das «Unhappy Meal» in Hongkong am Ende wieder zurückbekommen, herausgefischt aus einem Abfallsack. Ausgestellt hat er es, mit seinen Beulen und eingedrückten Ecken, nicht mehr. Ich schicke es dennoch wieder an andere Messen und werde es auch in Zürich ausstellen. Dieses «Unhappy Meal» wurde zu einem Werk, das mir besonders am Herzen liegt, zeigt es mir doch, wie gut die künstlerische Täuschung funktioniert.

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