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Nicole Kidman – Die Fee mit der Uhr

Leben

Nicole Kidman – Die Fee mit der Uhr

  • Text: Philipp TinglerFotos: Karin Heer, Paolo Pellegrin/Omega

annabelle-Autor Philipp Tingler flog um die halbe Welt für ein paar Minuten mit Nicole Kidman. Heraus kam dabei ein Ständchen mit ihrem Ehemann Keith Urban mit anschliessendem Applaus vom Hollywood-Star selbst.

Nicole Kidman! Um einen solch fabulösen Giga-Mega-Hollywood-Star zu treffen, ist annabelle-Autor Philipp Tingler um die halbe Welt geflogen. Was er dabei erlebte, war –selbstredend – filmreif.

Es ist Donnerstag. Donnerstagabend. Ich bin in Hongkong. Im Ballsaal des Four Seasons Hotel. Auf der Bühne. Und singe. Im Publikum die Hautevolée der Metropole am Pearl River, die Tausende von Hongkong-Dollar pro Person bezahlt hat, um heute Abend hier zu sein. Allerdings nicht, um mich singen zu hören. Schon eher, um Keith Urban singen zu hören, den vielfach ausgezeichneten neuseeländisch-australischen Country-Rock-Pop-Crossover-Sänger-Songwriter, der nicht nur in den USA ein Superstar ist und der neben mir auf der Bühne steht.

Wir singen zusammen. Wenn auch nicht so ganz. Das Stück ist «Top of the World», jene legendäre Nummer von den Carpenters. Und im Gegensatz zu mir kennt Keith Urban den Text. Im Gegensatz zu mir wusste Keith Urban auch im Voraus, dass er hier auf der Bühne stehen und singen würde. Direkt nachdem er mich eben aus der Mitte des Ballsaals aufs Podium rief, hat er mir zugeflüstert, es sei kein Problem, der Text stünde da auf einem Blatt Papier auf dem Fussboden. Aber dort stehen nur die jeweiligen Strophenanfänge. Über den Rest helfe ich mir mit mehr oder weniger melodiösem Summen hinweg. Ich klinge ein bisschen wie Elvis. Allerdings wie Elvis zu seinen dunkelsten Las-Vegas-Zeiten. Zum Glück herrscht bei diesem intimen, quasi-privaten Wohltätigkeitskonzert ein absolutes Verbot von Aufnahmen jeder Art, sodass ich meinen Auftritt nicht später bei Youtube wiederfinden werde. Der Saal scheint übrigens mit der Show mehr als zufrieden, und ziemlich happy wirkt auch Keith Urbans Ehefrau, die bezaubernde Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Nicole Kidman, die direkt vor mir im Publikum steht und uns anfeuert.

Frau Kidman ist einer der bekanntesten Filmstars der Welt, und ihre Anwesenheit im Ballroom des «Four Seasons» ist wohl ebenfalls ein Grund für viele, wenn nicht vielleicht sogar die meisten Mitglieder der Hautevolée gewesen, die 10 000 Hongkong-Dollar pro Gedeck zu berappen. Das nennt man fachsprachlich Table Sponsorship und es dient einem guten Zweck, in diesem Fall der Unterstützung von Unifem, dem Frauenhilfswerk der Vereinten Nationen, für das Frau Kidman als ehrenamtliche Botschafterin amtet. Weiterhin amtet Frau Kidman (mutmasslich allerdings nicht ehrenamtlich) als Botschafterin der traditionsreichen Schweizer Uhrenmarke Omega, und dieser Abend bietet Gelegenheit, beide Funktionen zu verbinden, denn in Kürze wird, quasi direkt von Frau Kidmans Handgelenk, eine weissgoldene, brillantenbesetzte Omega-Constellation-Damenarmbanduhr zu Gunsten von Unifem versteigert werden, die erste einer limitierten Auflage von 38 Exemplaren mit violettfarbenem Armband und Zifferblatt, aufgelegt anlässlich der soeben erfolgten Eröffnung des neuesten Omega Flagship Store im Hongkonger Stadtteil Central, an der Queen’s Road Nummer 38. Besagter Versteigerung ging eine internationale Pressekonferenz mit Frau Kidman im «Four Seasons» voraus, bei welcher der Star aus «The Hours» und «Australia» auf mich deutete, der ich zufällig in der ersten Reihe sass, und ankündigte: «And Philipp here is going to sing a small number tonight.»
«Philipp kommt aus der Schweiz», fährt Frau Kidman fort, «und ich weiss nicht genau, ob er ein leidenschaftlicher Sänger ist oder … oh, er sagt, er werde jetzt gehen … ach was, das meint er bestimmt nicht so. Wir werden sicher Spass haben!» Beschliesst Frau Kidman. Und fügt hinzu: «Anything for Charity!» Genau: Anything for Charity. Und man kann Frau Kidman sowieso nichts abschlagen, denn sie ist bezaubernd. Ihre Wirkung ist betörend, lähmend, leicht überwältigend, wie der erste Schluck von einem guten Dry Martini. Als ich ihrer heute zum ersten Mal ansichtig wurde, ein paar Stunden vor der Pressekonferenz bei Eröffnung der Omega-Boutique, und ihretwegen auf der Queen’s Road der Verkehr stillstand – im Kontrast zur Hysterie, die im Publikum losbrach –, da ward ich betört. Noch mehr, als sie mir den Arm um die Schultern legte. Frau Kidman wirkt freundlich und touchy, ein australisches Chick eben, sie hat etwas so Bodenständiges, dass man sie sich ohne weiteres in Flipflops und mit einer Dose Coopers beim Barbecue vorstellen kann – andererseits scheint sie jenseits jeder Realität zu existieren, verfügt über diese ätherische, beinah weltflüchtige Qualität, dieses unwirklich Entrückte. Starqualität. Selbstverständlich hatte ich, als mir Frau Kidman am Nachmittag den Arm um die Schultern legte, noch nicht den Schimmer einer Ahnung, dass ich ein paar Stunden später mit ihrem Ehemann auf der Bühne stehen würde. Getreu dem zeitlosen Wort des Dichters John Steinbeck: «Eine Reise ist der Ehe vergleichbar. Sobald man glaubt, sie kontrollieren zu können, liegt man gründlich daneben.»

Am Anfang stand eine Einladung von Omega zur Eröffnung des Shops und zum anschliessenden Wohltätigkeitsgaladinner mit Frau Kidman, bereichert durch musikalische Darbietungen ihres Ehemanns. Ausserdem, versprach die Einladung, ausserdem würde man die Chance zum Zwiegespräch mit Frau Kidman haben, acht bis zehn Minuten, und wer würde nicht um die halbe Welt fliegen für acht bis zehn Minuten mit Nicole Kidman? Es wird ihr erster Besuch in Hongkong sein, in einer Verbindung von Kommerz und Karitas, die vielleicht typisch ist für das moderne Konzept von Celebrity. Es ist übrigens auch mein erster Besuch in Hongkong, jener eigenartigen, pseudochinesischen Sonderzone mit Sonderstatus und immer noch florierendem Finanzzentrum, vom chinesischen Mutterland durch eine ziemlich scharfe Grenze getrennt. Frau Kidman schneit in diese Stadt wie eine Fee, wie Tinker Bell aus «Peter Pan», einen Hauch funkelnden Sternenstaub in ihrer Bahn zurücklassend, eine Fee mit Uhr allerdings, und die Uhr ist von Omega. Trotzdem er Nightscheint sie zu spät zur Eröffnung der neuen Boutique. (Stephen Urquhart, Präsident von Omega, der Frau Kidman zur Eröffnung begleitet, wird mir später erzählen, dass die Limousine aus irgendeinem Grund auf sich warten liess, sodass Frau Kidman schliesslich anregte, doch einfach ein Taxi vom «Four Seasons» zu nehmen. So weit kam es natürlich nicht.)

Alle warten auf Nicole. Die Omega-Boutique, deren dominierender Farbton als Champagnergold beschrieben wird, soll laut Pressetext voller sanft glänzender Rundungen «kraftvoll und subtil die einzigartige Natur der Zeit kommunizieren: fliessend im steten Wechsel». Und in diesem Fluss entsteht eine gewaltige Welle, als Frau Kidman endlich aufkreuzt. Die Gäste aus Europa sind in die obere Verkaufsebene des Geschäfts dirigiert worden, doch auch hier spürt man die Woge aus Schock und Ehrfurcht, bevor man den Star überhaupt sieht. Irgendwann steigt sie die geschwungene Treppe empor, an der Seite von Herrn Urquhart, mit dem zusammen sie vorher, auf dem violetten Teppich stehend, das violette Einweihungsband durchgeschnitten hat. Sie trägt ein nachtblaues Kleid von Nina Ricci, das ihren makellos modellierten, alabasterblassen, mit einigen goldenen Sommersprossen besprenkelten Leib sehr vorteilhaft umschliesst, zahlreiche Brillanten und hohe Absätze von Pierre Hardy, die sie noch grösser wirken lassen, als sie natürlicherweise schon ist. In der Tat erscheint sie irreal und also bezaubernd.
Frau Kidman wird oft genug als Symbol von Künstlichkeit wahrgenommen, als eine Ikone jener strahlenden, aber leeren und ausdruckslosen, spielzeughaften Schönheit, die manche Beobachter (und vor allem Beobachterinnen) als Ideal unserer Zeit kritisieren. Sie selbst hat dieses Image in ihrer Rolle der Roboterfrau aus «The Stepford Wives» glänzend parodiert – doch es gibt jenseits der Parodie nicht wenige, vermeintlich reale Bilder von ihr, auf denen sie ziemlich aussieht wie ebenjene Roboterfrau Joanna Eberhart aus Stepford, Connecticut. Und selbstverständlich ist ihr Aussehen das Produkt harter Arbeit; niemand sieht einfach so aus wie Nicole Kidman, auch sie selbst nicht, wie man mühelos feststellen kann, wenn man sich Bilder von ihr ansieht, die ein paar Jahre alt sind. Die US-Zeitschrift «Vanity Fair» hat unlängst in einer Hommage an Grace Kelly geschrieben, heutzutage sei man, im Gegensatz zu Kellys Tagen, bei Schönheit nicht a priori respektvoll und leicht eingeschüchtert, sondern erstmal misstrauisch, weil man sie für künstlich, manipuliert, gekauft halte.

Doch ist hier, inmitten von Glas und Gold und fliessender Zeit, nichts Künstliches an Nicole Kidman. Sie verfügt über ganz ausgezeichnete Waden und einen Glamour, der gleichzeitig kühl und fragil wirkt, nicht unähnlich dem von Grace Kelly. Sie hat eine eigentliche Modelfigur, wie früher, als es noch Supermodels gab, und nach ihrem Auftritt in Hongkong wird in diversen Blättern und Blättchen über ihre vermeintlich jählings gestärkte Oberweite spekuliert werden, aber all diese Mutmassungen, all die Tabus und Gerüchte verschwinden in ihrer Gegenwart. Sie ist eine Fee, aber eine, die auf dem Boden steht, sie wirkt rege und interessiert und auch ein bisschen scheu und überwältigt, girlish, und gleichzeitig ist da dieser Abstand, jene unüberbrückbare Distanz, die Teil der Psyche der Berühmtheit ist. Die kirschroten Lippen schwimmen im porzellanenen Teint, die Augen sind zwei lichtblaue Sterne, gross und packend. Starqualität. Etwas, das sich nicht erarbeiten lässt. Und ich möchte nur der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass Frau Kidman ihre Stirn in Falten legen kann.

Natürlich ist der Zeitplan total aus den Fugen geraten, und mein anschliessendes Gesprächspensum mit Nicole Kidman im «Four Seasons» wird auf sechs Minuten verkürzt, und Fotos sind jetzt auch nicht mehr gestattet. Trotzdem haben wir einen glücklichen Einstieg in unsere sechs Minuten, indem ich mich erkundige, ob sie bei den neun vorausgegangenen Interviews neun Mal die gleichen Fragen habe beantworten müssen, was Frau Kidman mit mildem, leicht erschöpftem Lächeln bejaht.

Zum Glück war ich ausserdem schon mal in Nashville, Tennessee, ihrer neuen Heimat mit Keith Urban und ihrer kleinen Tochter, Sunday Rose. Also sprechen wir über Nashville und den dortigen Country-Music-Tempel, das Grand Ole Opry House, und dann kommen wir irgendwie auf den «National Enquirer» und auf Jennifer Aniston, die eine bezaubernde Person sei, sagt Frau Kidman, und einen ernsten Kern habe. Weiterhin sprechen wir darüber, wie es ist, wenn man sein eigenes Konterfei auf einer Briefmarke wiederfindet, und Frau Kidman  scheint ziemlich überrascht und gerührt darüber zu sein, dass ich weiss, dass sie in Australien auf Postwertzeichen abgebildet wurde. Und nachdem die Stimmung also nicht schlecht ist, frage ich gegen Ende der sechs Minuten, ob sie heute Abend singen würde, zur Begleitung ihres Ehemanns. Schliesslich hat Frau Kidman mit grossem Erfolg in «Moulin Rouge» gesungen und auch in «Nine» und mit Robbie Williams das Duett «Somethin’ Stupid». Letzteres war seinerzeit die Weihnachts-Nummer-eins im Vereinigten Königreich.
Nein, sagt Frau Kidman, sie fände ihren Gesang nicht gut genug. Ausserdem sei sie zu scheu, also wohl nicht. Pause. Die lichtblauen Augen. Aber wenn sie ein Lied sänge, fügt Frau Kidman hinzu, dann würde sie das mir widmen. Dies, erwidere ich, fände ich supi sweet. Pause. Oder, fährt Frau Kidman fort, und die lichtblauen Augen leuchten auf wie zwei Scheinwerfer, oder – wie wäre es denn, wenn ich, der ich ihr hier gegenüber sitze, heute Abend sänge. Nicht so super, erwidere ich. Doch, doch, insistiert Frau Kidman, das könnte ich doch mit Keith zusammen machen, der sei gar nicht scheu auf der Bühne, im Gegensatz zu ihr.

Sie kennen den Rest der Geschichte. Sie endet mit der Wohltätigkeitsgala «A Night with the Stars» zugunsten von Unifem und unter der Gastgeberschaft von Omega und mit mir auf der Bühne des Grand Ballroom im «Four Seasons» vor 200 Gästen und Lokalberühmtheiten, die von ihren Sitzen aufgestanden sind und tanzen und jubeln. Ganz vorn jubelt Frau Kidman in Nina Ricci, Keith Urban umarmt mich, und das wars. Nun, nicht ganz. Es folgt noch die Versteigerung jener Omega-Constellation-Uhr aus der limitierten Sonderauflage, jener Uhr mit der Nummer 1, die Frau Kidman nach der Geschäftseröffnung überreicht worden ist. Der Zuschlag erfolgt bei 540 000 Hongkong-Dollar (das sind gut 78 000 Franken). Schliesslich und insgesamt kann Joan Libby-Hawk, die Public-Affairs-Chefin von Unifem, einen gigantischen Scheck in Höhe von über einskommadrei Millionen Hongkong-Dollar entgegennehmen. Und ich für meinen Teil darf wohl sagen, dass auch ich meinen bescheidenen Beitrag dazu geleistet habe. Anything for Charity. Übrigens ernte ich viel Zuspruch für meinen Auftritt. Aber da ist Frau Kidman längst entschwunden, im Privatjet, zurück nach Nashville, zurück zu Sunday Rose. Es bleibt ein Hauch von Feenstaub.

Philipp Tingler ist Schriftsteller und Kolumnist. Im März erschien sein neuer Roman «Doktor Phil» bei Kein & Aber in Zürich.

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