Die Täter sind unter uns. Auch in mir? Über richtige und rechte Männer
Unser Autor nimmt uns mit in seine Gedanken, warum er schweigt, wann er sich schämt und wo Frauenfeindlichkeit oft zu Hause ist.
- Von: Marco Maurer
- Bild: Death to Stock
Riesengross steht es vor mir. Das Schweigen. Mein Schweigen. Warum schweige ich? «Weil es nicht mit mir zu tun hat», ist die erste dünne Antwort. Ich bin nicht so.
Ich heisse weder Christian Ulmen, noch Harvey Weinstein, noch Jeffrey Epstein, noch Andrew Tate, noch Dominique Pelicot, noch kenne ich einen Mann, der mit mir befreundet ist, der auch nur eine Kleinigkeit an diesen Männern und ihren bewiesenen oder beschuldigten Taten, ihrer Misogynie, nicht widerwärtig findet.
«Warum schweigt ihr?», fragt mich dennoch gerade jede Ecke des Internets – und diese Frage in den sozialen Netzwerken zielt auf mein zufälliges, nicht selbstgewähltes Dasein als Mann ab. Ist das nun schon eine erste Ausflucht, die ich mir hier zimmere, dass ich mir mein Geschlecht nicht selbst ausgesucht habe? Vermutlich.
"Ulmen ist mir näher als Weinstein, Epstein oder Grab-them-by-the-pussy-Trump"
Kurzer Disclaimer: Ich hätte diesen Text leider schon oft schreiben sollen; ich habe es nicht getan. Es brauchte erst das, was die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes ihrem Ex-Mann Christian Ulmen nun vorwirft, nämlich Fakeprofile von ihr erstellt und fingierte Videos sowie Pornos an Männer, darunter wohl Arbeitskollegen, verschickt zu haben. Christian Ulmens Anwalt spricht von «unwahren Tatsachen» – natürlich tut er das. Pflichtbewusst schreibe ich hier: Es gilt die Unschuldsvermutung.
Warum jetzt? Ulmen ist mir näher als Weinstein, Epstein oder Grab-them-by-the-pussy-Trump, daher machen diese Anschuldigungen mehr mit mir.
«Noch ein Bier?», könnte einer wie er mich fragen, während ich gerade meine Fussballschuhe neben dem Platz ausziehe.
«Klar!», antworte ich.
Ich bin wirklich kein Fan des Autors Benjamin Stuckrad-Barre. Auch weil mir sein Auftreten zu laut, selbstüberzeugt und, nun ja, männlich ist. Dennoch: Stuckrad-Barre hat zuletzt etwas gesagt, das ich für richtig halte. Nämlich, dass wir Männer uns, nachdem wir von den mutmasslichen Taten von Ulmen nun wissen, einen Satz bezüglich unserer Geschlechtskollegen abgewöhnen müssten. Der Satz lautet: «Das kann ich mir nicht vorstellen.»
"Ich rede mir ein, für jeden einzelnen dieser Männer meine Hand ins Feuer legen zu können"
Stuckrad-Barre nennt Ulmen einen engen Freund. Ich habe auch ein paar sehr tiefe Freundschaften zu Männern, die über das hinausgehen dürften, was Ulmen und Stuckrad-Barre waren. Sagte Letzterer doch, dass er ihn mitunter jahrelang weder gesprochen noch gesehen habe. Ich kann mir den Hass auf Frauen bei meinen Freunden wirklich nicht vorstellen. Rede mir ein, für jeden einzelnen dieser Männer meine Hand ins Feuer legen zu können. Es sind liebevolle Freunde und oft auch Väter, Ehemänner oder Partner. Aber der Fall Christian Ulmen lehrt uns eben schon ein wenig: Sei dir nicht so sicher, mein Freund.
Und dann gibt es noch drei weitere Ebenen.
1.
1.
Was ist mit all den anderen Männern, mit denen wir sprechen, die wir aber kaum kennen – die Männer in den Autowerkstätten, im Büro, im Tram, auf den Tennisplätzen neben uns? Manchmal sogar unsere ewig verschlossenen Väter?
2.
2.
Die zweite ist der gesellschaftliche Raum, in dem wir uns bewegen: die Hürden, Missstände, das Patriarchat. Wer baute und baut das? Stimmt die Gesetzeslage?
3.
3.
Wir Männer müssen uns alle selbst fragen: Sind wir uns mit uns selbst sicher? Wir müssen erst einmal hier bei uns, bei unserem Mannsein, anfangen; das wird hart später.
Ein ehemaliger Kollege von mir schrieb für das Zeit Magazin einen unsicher-tastenden Artikel über das Mannsein nach dem Fall Ulmen. Der Artikel endet mit folgender Frage: «Die Scham muss die Seiten wechseln: Was machen wir Männer aus diesem Satz?»
"Muss ich mich als emanzipierter Mann wirklich schämen für all die Pelicots, Epsteins und Co.?"
Er zitiert damit den für viele entscheidenden Satz aus Gisele Pelicots Buch, der mir in den letzten Wochen oft über den Weg lief – in Unterhaltungen, auf Instagram, auf Demoschildern. Ich schwieg immer. Auch weil ich mich fragte: Muss ich mich als emanzipierter Mann, für den ich mich halte, wirklich schämen für all die Pelicots, Epsteins und Co.? Ich möchte damit wirklich nichts zu tun haben. Aber die Frage lässt mich nicht los: Was machen wir nun, Männer?
Vielleicht erst einmal das Mannsein definieren. Problem: Es gibt nicht den einen Mann. So wie es nicht die eine Frau gibt. Es gibt Männer, die singen wie Conor Oberst zarte Zeilen, erscheinen empfindsam und rücksichtsvoll wie ein Pedro Pascal. Es gibt aber auch Donald Trump und seine Kriegsminister, deren oft breitbeinige Relativierer sich mitunter auch in den Büroküchen aufhalten, in denen ich mir Kaffee hole. Auch ich würge dann insgeheim, sage aber pflichtbewusst «Hallo», treffe ich sie. Ein Gefühl, das Frauen, vermute ich, viel besser kennen als ich.
Ferner zeigt das Beispiel Ulmen: Um misogyn zu sein, muss man nicht unbedingt ein rechtes Extrem sein; der Kompass kann, so scheint es, bei allen Männern verloren gegangen oder nie vorhanden gewesen sein.
Was wir aber wissen, egal welche Art Mann es ist, es ist fast immer einer in der unmittelbaren Nähe der Frau. Gerade kam die Kriminalstatistik des Jahres 2025 in der Schweiz heraus. Es ist eine Zahlenfibel des Schreckens: Die Opfer von Tötungsdelikten im häuslichen Kontext sind zu 74 Prozent weiblich. Das bedeutet, ihre Partner, Ehemänner oder Familienmitglieder ermordeten sie.
Vergangenes Jahr lief ich an einem Strand in Ligurien spazieren; auf einmal stockte mir der Atem. Ein in Plastik eingeschnürter, regloser Körper lag am Strand, angespült, unten schauten High-Heels heraus. Ich war entsetzt, in Panik, erstarrt – und wollte dennoch hineilen. Alles passierte in einem Moment. Dieser löste sich nach rund zehn schrecklich langen Sekunden auf, weil eine zuvor von einem Strandcafé verdeckte Fotografin ins Bild trat, die der plötzlich sich wieder regenden Frau aus dem Sack half. Die zwei Frauen stellten, für eine Kampagne, etwas nach, das in Italien noch häufiger vorkommt als in der Schweiz: Femizide.
Ein paar Wochen später erinnere ich mich wieder an diese Szene. In Italien wurde ein Fall einer Facebook-Gruppe publik, deren Name «Mia Moglie» («Meine Frau») lautete. Dort teilten Ehemänner und Freunde Fotos und Videos ihrer meist unwissenden Partnerinnen und fragten andere Männer: «Was würdet ihr tun mit ihr?»
Who wants to fuck my girlfriend? hiess eine von Christian Ulmen entworfene Serie.
Die Frauen tun das schon lange, aber vor allem wir Männer haben die Pflicht, Fälle wie den aus Italien mit denen von Pelicot zu verknüpfen, aber auch eben mit dem, was Ulmen vorgeworfen wird. Bei Ulmen heisst es, dass er angeblich mit Fake-Accounts unter Collien Fernandes Namen hunderte Männer mit wohl gefälschten Fotos und Videos von ihr angeschrieben hat und rund 30 davon auf die Chats eingestiegen sein sollen. Ein Fernandes-Fake-Video mit dem Namen «Abwichschallenge», über das im Spiegel berichtet wird und bei dem unklar ist, wer es erstellt und hochgeladen hat, hat bisher 270.000 Aufrufe. Und, ist das nicht schon alles schlimm genug, die «Mia Moglie»-Gruppe hatte 32.000 Mitglieder. «32’000 Einzelfälle», wie die WOZ festhielt.
All das bedeutet nichts anderes als: Die Täter sind unter uns. Es könnten Männer sein, die wir als Ehemann oder auf dem Tennisplatz lieben oder schätzen, die Lehrer unserer Kinder, unsere Nachbarn und Kollegen. Es könnte einer der Christian-Ulmen-Lookalikes auf dem Fussballplatz sein.
"Come on, Kollegen. Es wird langsam ungemütlich für uns. Was bedeutet es, Teil der Gruppe zu sein, aus der die Täter stets kommen?"
Ich höre in den vergangenen Tagen, aufgrund solcher bereits geschriebenen Passagen, oft die Wörter «Generalverdacht», «Sippenhaft» und, natürlich, #notallmen, «nicht alle Männer seien doch so». Doch, come on Kollegen, ungemütlich wird es langsam trotzdem für uns; es muss ja nicht heissen: Bin ich ein Täter? Sondern: Was bedeutet es, Teil der Gruppe zu sein, aus der die Täter stets kommen?
Ich bin christlich erzogen und glaube – auch wenn mir das derzeit wirklich schwer gemacht wird – an das Gute im Menschen; und damit auch irgendwie im Mann. Aber ich hege starkes Misstrauen gegenüber Menschen, die öffentlich Männer wie Donald Trump und Elon Musk und deren misogyne politische Einstellungen vertreten, die mitunter zum Hass auf Minderheiten und Frauen aufrufen, Fakten verdrehen oder sie aus Opportunismus zumindest akzeptieren. Oder die über Frauen wie Alice Weidel, die eine nachweislich nicht nur frauen- sondern auch menschenverachtende Politik verantwortet, sagen, das sei doch alles nicht so schlimm.
Nicht alle Frauenhasser sind Rechtsextremisten, aber dass die Manosphere, Incels, White Supremacists und Alt-Right-Bewegungen Frauen nicht auf Augenhöhe mit Männern sehen, dürfte allen klar sein. Dass solche Männer aber immer mehr Einfluss in sozialen Netzwerken haben, die von mächtigen Männern wie Musk und Zuckerberg gebaut und weitgehend unreguliert gelassen werden, erfüllt mich nicht mit Zuversicht. Auch weil es Studien gibt, die belegen, genau dadurch wird feindseliges Verhalten gegenüber Frauen gefördert.
Vor einem Jahr postete jener Musk ein Bild auf «X», das sagte: «Bist du nicht fähig, Gewalt anzuwenden, bist du nicht friedlich, sondern harmlos.» Damals war er Berater von Trump, einem Mann, der sich nicht von einem Kriegstreiber wie Putin lossagen kann.
All das zeigt: Vermeintlich starke Männer feiern weltweit ihr Comeback, beschwören ein ultrakonservatives Rollenbild – und dieses entdecke ich auch zu meinem Entsetzen in Sätzen Schweizer Politiker, in Schweizer Medien, die der Mitte zugehörig sein wollen, oder in einem Talkshow-Auftritt einer SVP-Politikerin, die in einer mehrheitlich männerdominierten Regierungspartie agiert und sagt: «Ich würde mir wünschen, dass unsere Regierung mehr wie Donald Trump wäre» – mehr Ellbogen einsetze. Wünscht sie sich und andere Vertreter der Partei damit, wie es der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit neulich sagte, auch das was gerade passiert, eine Rückkehr zur soldatischen Männlichkeit? Oder ein Comeback dessen, was sich Mark Zuckerberg für die Unternehmenskultur wünscht, «mehr Maskulinität.» How fucking dare you, Mark?
«Warum seid ihr nicht wütend?», diese Frage lese ich gerade oft von Frauen. Eine Kollegin schrieb Ende Februar für die ZEIT in ihrem Artikel „Bist du so einer? Hasst du Frauen?“ einen Satz: «Ich trage nicht nur Fragen in mir, sondern eine Wut, die nicht mehr weggeht.» Und sie fordert, dass nicht nur die Scham, sondern auch die Wut die Seiten wechseln müsse.
Ich bin sehr wütend! Natürlich weil Frauen Gewalt angetan wird, und zwar einfach nur weil sie Frauen sind. Ich bin aber auch wütend, weil wir den Zusammenhang zwischen diesem maskulin-konservativen Backlash, den unsere Kinder auf Kanälen wie TikTok miterleben, und dem grassierenden Frauenhass oft übersehen. Wir finden keine Regulierung dieser Netzwerke, wir haben Parteien in unseren Systemen, die «Free Speech» fordern – ein Musk-Narrativ. Und die Erniedrigungen von Frauen auf «X», «Instagram» und Co. sind leider auch dadurch Alltag.
Dennoch möchte ich sagen, dass – schauen wir in die Epstein-Files – auch Namen wie Noam Chomsky auftauchen, einer der bekanntesten linken Vordenker unserer Zeit. Ulmen sehe ich politisch eher an der Seite von deutschen Grünen-Politikerin Ricarda Lang als von Friedrich Merz. Letzterer sagte kürzlich im Bundestag, dass es sowohl im analogen als auch im digitalen eine explodierende Gewalt gebe. Er sagte auch, es gehöre zur Vollständigkeit des Bildes dazu, dass ein beachtlicher Teil davon auf die Gruppen der Zuwanderer zurückgehe. Im Zuge der Debatte rund um Ulmen ist es falsch das zu tun. Alles jetzt miteinander zu verknüpfen; besonders in dieser verkürzten Darstellung. Solche politisch motivierten Sätze verschieben die Diskussion weg von uns.
"Wenn Täter sich schon nicht schämen, haben sie sich zu verantworten müssen"
Denn Epstein, Pelicot, die meisten der 32.000 Italiener sind nichts anderes als weisse Männer aus dem Westen, fucking white guys.
Damit sind wir mitten im politischen Zeitgeist. Aber es gibt etwas, das weniger Stimmungen ausgesetzt ist: Verfassungen, Demokratien, Gesetze. In allen Ländern wurden diese vor allem von Männern gebaut. Wir leben in diesen Bauten, in unseren Räumen, Unternehmen, Familien, Partnerschaften. Wir sind zwar schon weit fortschrittlicher als früher, dennoch gilt es, Gesetze weiter zu überprüfen, aufzufrischen und darin männlich geprägte Formulierungen zu hinterfragen. Sei es beim Recht auf Abtreibung oder bei Porno-Deepfakes – hier müssen Gesetze zügig erarbeitet und umgesetzt werden, um Frauen vor sexualisierter Gewalt im Netz, auf den Strassen, in ihren Betten zu schützen. Die Justiz muss hart einschreiten können. Wenn Täter sich schon nicht schämen, haben sie sich zu verantworten müssen.
Und beim Wort Täter kommen wir zu uns Männern selbst. Ich bin weder Täter noch Opfer, aber stehe den Opfern stets näher. Fahri Yardim, Ulmens Freund, schrieb ein paar Tage nach der Spiegel-Recherche: «Opfern zu glauben ist für mich eine grundlegende normative Haltung.»
Ich kenne persönlich zu viele Frauen allen Alters, die missbraucht oder vergewaltigt wurden – als Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, von ihren Partnern, von Verwandten und Fremden; alle übrigens von weissen Männern, von Schweizern oder Deutschen ohne Migrationshintergrund. Ich kenne die unterschiedlichsten Gründe, warum diese Männer davonkamen: die jeweilige Zeit, die jeweilige Justiz, unsere mangelnde Unterstützung und daraus resultierender fehlender Mut und besagte Scham der Frauen. Daher finde ich Fahri Yardims Satz – auch wenn ich seine juristischen Schwächen erkenne – richtig.
Und nun also zu mir.
Im bereits angesprochenen Interview sagte der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit: «Zur männlichen Selbstverpflichtung gehört es in meinen Augen, die in den eigenen Körper eingegangenen Gewaltformen zu bemerken und sich davon zu entfernen, sie abzubauen.»
Wie das geht, über das schrieb vergangenes Jahr ein Kollege für die «Republik» in seinem Essay «Wo es wehtut» in einer für mich beeindruckenden Art. Er beschreibt dort, wie Männlichkeit von rechten Ideologien bereits beim Aufwachsen geprägt werden kann. Ich selbst kenne die Macht pubertärer Hormone: Stefans und Christians, die damals versuchten, mich nach weit rechts mitzunehmen, in Richtung Böhse Onkelz und zur deutschen Nazipartei dieser Zeit, der NPD. Ich habe standgehalten – warum, weiss ich nicht, am ehesten denke ich die Herzensliebe meiner Grossmutter, einer Frau also, hat mir geholfen – aber psychischen Schaden hinzugefügt bekommen, weil aus unpolitischen Freunden Schläger wurden, die mich ausgrenzten, «Schwuchtel» nannten, auch mal zuhauten.
In den Fernsehern meiner geschiedenen Eltern brannten zu der Zeit die Flüchtlingsheime in Rostock-Lichtenhagen, in Solingen und Mölln. Christian, Stefan, Andreas, Harald – die mit mir ein, zwei Jahre vorher noch wie die Kids von «Stranger Things» mit ihren BMX zum Soundtrack von «Queen» durch die Wälder flitzten – fanden plötzlich Springerstiefel und Hakenkreuze cool. Kann man sich eigentlich nicht vorstellen.
Kann man aber doch, weil genau das gerade irgendwo gerade da draussen wieder passiert, nur sind es nicht Stefan und die Onkelz, sondern Donald, Andrew, Elon, ihre europäischen rechtsnationalen Politikerfreunde und die Identitäre Bewegung oder auch Junge Tat, die auf unsere Jungs mit ihren Ideologien, Tiktok-Videos und vermeintlichcoolen Codes lauern – die Böhsen Onkelz unserer Zeit.
"Ich empfinde jüngere Frauen oft als attraktiver als Gleichaltrige, das bereitet mir kein gutes Gefühl"
Die Pubertät und die Wucht ihrer Gefahren liegen zum Glück längst hinter mir. Doch das Abbauen genau dieser über die Jahre eintropfenden männlichen Gewaltformen bleibt ein laufend Aufmerksamkeit erfordernder Prozess. Dazu gehört auch, die Rassismen und Machismen bestimmter Familienmitglieder abzuschütteln. Ich bin also noch immer dabei, Spuren, die ich in mir trage, festzustellen, zu hinterfragen, versuchen loszuwerden. Das gelingt mir mal mehr, mal weniger gut.
Ein paar Beispiele:
- Ich empfinde jüngere Frauen oft als attraktiver als Gleichaltrige, das bereitet mir kein gutes Gefühl. Ich hinterfrage das auch. Aber es ist wie festgeschrieben auf meiner Platine. Zudem gibt es den Wunsch, mit einer jüngeren Frau gemeinsam alt zu werden – ausschliesslich aus dem Gefühl heraus, es verpasst zu haben, ein junger Vater zu sein. Traurig, aber wahr.
- Ich schaue – ausser gute Freundinnen sind darunter – nicht gern Frauenfussball. Ich würde es gerne unterstützen, habe es oft versucht, interessiert mich aber nicht. Daher schweige ich zu diesem Thema immer.
"Bei den Automechanikern bei denen ich zu Gast bin, hängen da nicht oft Pin-Up-Girls? Konfrontiere ich sie? Nein, ich möchte ja Kunde bleiben"
- Bei den Automechanikern, bei denen ich zu Gast bin, hängen da nicht oft Pin-up-Girls? Kalender? Konfrontiere ich sie? Nein, ich möchte ja Kunde bleiben. Das müsste sich ändern. Mich treibt die Frage um, wie wir das ansprechen können, ohne diese manchmal fast schon freundschaftlichen «Beziehungen» zu gefährden? Oder sollten wir das nur in unserem allerengsten Kreis ansprechen, fallen uns solche Dinge auf? Ist das aber nicht zu: mutlos?
- Ich kann auch mal ein Mann sein, der lauter wird; reagiere etwa auf Ungerechtigkeiten zu empfindlich. Ob mir eine Frau oder ein Mann gegenübersitzt, ist dann egal. Eine Eigenschaft, die eher Männern zugeschrieben wird. Keine, auf die ich stolz bin. Ich – mit der Einsicht beginnt es – arbeite daran.
- Der Kampf gegen Benachteiligungen aufgrund der Klasse ist mir wichtig. Habe ich vielleicht auch manchmal geschwiegen, weil ich aus einem Arbeiter:innenhaushalt stamme? Wer regt sich darüber auf? War kurz in Mode, jetzt wieder kaum jemand.
- Daher: Vielleicht war ich ab und an wütend, weil ich stumm zusehen musste, wie in den vergangenen Jahren immer wieder Frauen an mir vorbeizogen – einfach, weil sie aufgrund der Versäumnisse in der Unternehmenspolitik der Jahrzehnte zuvor nun eingestellt wurden. Ich hielt mich dagegen – fragile-Männlichkeit-Shitstorm incoming, wirklich – für kompetenter. Ich hatte das Gefühl, dass fachliche Kriterien und Erfolge nicht mehr zählten und musste gleichzeitig schauen, ob ich mir meine berufliche Existenz noch leisten konnte. Halte ich das für ungerecht? Ja. Aber ich weiss mittlerweile: Es liegt nicht an den Frauen, sondern an der von Männern gezimmerten Architektur, in der wir uns alle bewegen.
Ich kann das alles schreiben, weil ich glaube, dass ich gut therapiert bin, und weiss, wer ich bin, wer ich nicht bin. Für all diese Dinge – und es gibt noch mehr,– schäme ich mich. Dennoch glaube ich, ein ganz okayer Mann und Partner zu sein.
Ich weiss nicht erst seit #MeToo über sexualisierte und strukturelle Gewalt gegen Frauen Bescheid. Komme ich nachts spät heim und bemerke eine Frau vor mir, wechsle ich schon seit zehn, fünfzehn Jahren die Strassenseite, damit sie sich nicht unwohl fühlt. Ich habe Frauen durch Vergewaltigungsprozesse begleitet, oder zu einer Abtreibungsklinik gebracht, weil sie das Kind – im Gegensatz zu mir – nicht wollte. Ich war da für sie, obwohl ihr Entschluss damals nicht in meinem Sinne war.
In der Logik eines Andrew Tate wäre so ein Erlebnis wahrscheinlich die schrecklichste Entmannung auf Erden, aus der Hass auf Frauen entsteht. Ich finde weiterhin, Schwangerschaftsabbrüche sind keine Straftaten (ich bin Deutscher, das deutsche Recht sieht das seit 1871 (!) anders). Viel eher ist für mich Unrecht, wenn Schweizer Väter nach der Geburt des Kindes gerade mal zehn Tage Vaterschaftsurlaub bekommen, weil dieses Land oft so ein arg liberal-konservativ-rechtes Brett vor dem Kopf hat. Willst du mich und all die werdenden Familien, eigentlich verarschen, Schweiz?
Ausserdem macht mich im Nachbarland wütend, dass meine zumeist alleinerziehende Mutter ein Leben lang hart als Friseurin gearbeitet, zwei Kinder erzogen, sich aufopfernd um meine mittlerweile verstorbene Grossmutter gekümmert hat, und heute eine Rente bekommt, mit der sie in Deutschland wie insgesamt rund sieben Millionen andere Frauen per gesetzlicher Definition armutsgefährdet ist. Dass Care-Arbeit nie gezählt hat – und auch heute nicht zählt.
Für all diese Positionen möchte ich keinen Applaus. Sie sollten die Regel sein.
"Wir müssen versuchen, Fehler von unseren Platinen zu löschen, uns zu ändern – persönlich, jeder für sich, so gut wir können"
Normalerweise versuche ich, Essays wie diesen hier mit einer gewissen Stringenz anzulegen; doch hier braucht es – trotz guter wissenschaftlicher Arbeiten, die das Zusammenspiel von rechten Einstellungen und Misogynie nahelegen – noch einmal eine Art repetitiven Loop: Dass all das nicht nur die Lauten, die Rechten betrifft, sondern auch Männer, die so sein können wie ich, die sich als reflektiert oder progressiv verstehen, möchte ich hier noch einmal ganz deutlich sagen: Die Selbstverortung eines Menschen wie mir ist kein verlässlicher Schutz vor nichts.
Daher: Männer, was müssen wir tun? Einerseits so gut es geht, an der Seite unserer Frauen in unserem Leben zu stehen. Andererseits versuchen, Fehler von unseren Platinen zu löschen, uns zu ändern – persönlich, jeder für sich, so gut wir können. Aber auch die Männer in unseren Umfeldern dazu animieren. Denn sind wir ehrlich: Wir kennen alle unsere Dämonen und Grauzonen am besten.
Und an die Väter unter uns, lasst uns unsere Kinder, insbesondere unsere Söhne, nicht vergessen. Sprecht mit ihnen über Beziehungen, über eure Liebe, Wünsche und Ängste, lasst die Arbeit öfter ruhen und geht mit dem Kind hinaus, lasst aus ihm ein achtsames Wesen erwachsen.
In dem bereits angesprochenen Republik-Essay wird eine Langzeitstudie der amerikanischen Entwicklungspsychologin Nicobe Way erwähnt, die feststellte: Vor der Pubertät verfügen Jungen im Schnitt über eine ähnliche emotionale Intelligenz und gefühlsbetonte Freundschaften wie gleichaltrige Mädchen. Doch später verkehrt sich das ins Gegenteil. Way schlussfolgert, Männer sind als Menschen genauso mit bemerkenswerter Beziehungsintelligenz geboren, «doch dann kommt die Kultur und schaltet sie ab.»
Wir, Männer, sind und prägen diese Kultur, im Alltag, der Politik, in der Unternehmenskultur, in den Beziehungen zu unseren Kindern und Frauen, überall. Und nun? Was können wir alle tun? Männer und Frauen?
In Deutschland, in Österreich wie in der Schweiz gibt es Parteien, die Frauenrechte und progressive Politik schwächen. Ein Beispiel: Zwischen St Gallen, Zürich und Genf wählt bald jeder dritte SVP – die Vorbildpartei der AfD. Wir müssen das Gespräch suchen mit unseren SVP-Vätern, -Onkeln, -Grossvätern, -Tanten, und sogar den Trump-Verstehern in unserem Unternehmen und im weiteren Bekanntenkreis. Um Verständnis werben, dass so ein Kreuz bei jeder Wahl ein Schlag ins Gesicht ihrer geliebten Töchter, ihrer Enkelinnen und Nichten bedeutet, Frauenrechte untergräbt.
Ein kleines praktisches Beispiel warum dieser Augenmerk auf rechte Politik so wichtig ist: Als im Jahr 2025 im Schweizer Parlament darüber diskutiert wurde, ob neue Strafbestände gegen Deepfakes ins Schweizer Recht aufgenommen werden sollen, schrieb SVP-Bundesrat Albert Rösti in seiner Antwort, das erscheine «nicht sinnvoll».
Solche für mich nicht sinnvollen und wütend (!) machenden Sätze werden rund um eine Gegenwart ausgesprochen, in der von immer mehr Frauen sexualisierte Deepfakes und Revenge Porns ins Netz hochgeladen werden und die grossen amerikanischen Tech-Plattformen ihre KI-Produkte immer stärker sexualisieren (Open AI plant weiterhin seinen erotischen Chat-GTP-Bot) und in der ernsthaft darüber gesprochen wird, wie künstliche Intelligenz Frauen wieder gesellschaftliche Macht nehmen könnte (Palantir-Chef Alex Karp sagte das kürzlich).
"Die Schrecken unserer Zeit lassen sich nur gemeinsam bewältigen"
Die EU hat wegen genau solcher Entwicklungen den «Digital Service Act» auf den Weg gebracht – also den Versuch, Plattformen endlich dazu zu verpflichten, gegen rechtswidrige Inhalte vorzugehen, Täter zu ermitteln und sie zu bestrafen. Doch die stets liberale Schweiz tut sich mit Regulierungen wie dieser schwer, weswegen eine ähnliche Regelung hier jüngst durchgefallen ist. Musk und seine Tech-Bros richten hier, passen wir nicht auf, langsam einen maskulinen Wohlfühlort ein.
Wir kennen solche Dynamiken aus der Familienpolitik, in der rechte Politik eine progressive Familienpolitik seit Jahrzehnten blockiert und damit Frauen schadet.
Gerade wir Männer müssen also nicht nur in unserem inneren Kleinen etwas tun, handeln, sondern auch im äusseren Grossen nicht bei den Parteien ein Kreuz setzen, die diese Strukturen unterstützen. Auch das sind wir den Frauen schuldig.
Sie haben gerade in den vergangenen Jahren nämlich schon genug geleistet. Dennoch glaube ich, wir Männer können das nicht ohne sie schaffen. Wollt ihr, Frauen, uns daher gerade jetzt die Hand reichen? Wie könnte das aussehen? Gemeinsam offen über diese Dinge reden? Gemeinsame Lösungen versuchen zu suchen? Denn bleiben wir Männer und Frauen wie bisher stumm und getrennt, fürchte ich, bringt es leider zu wenig, an anderer Stelle allein laut zu sein. Die Schrecken unserer Zeit lassen sich nur gemeinsam bewältigen, zusammen, im Vertrauen, als Verbündete, Seite an Seite.